Haben wir Wasser unterschätzt?

Warum immer mehr Wissenschaftler den wichtigsten Stoff unseres Körpers neu betrachten

„Wasser ist H₂O.“

Diesen Satz haben wir alle in der Schule gelernt. Doch was wäre, wenn diese Antwort zwar chemisch richtig ist, biologisch aber zu kurz greift? Was wäre, wenn Wasser im menschlichen Körper mehr ist, als nur ein Lösungsmittel für Nährstoffe?

Genau mit dieser Frage beschäftigen sich seit Jahren Wissenschaftler unterschiedlichster Fachrichtungen. Manche ihrer Erkenntnisse stoßen auf großes Interesse. Andere werden kontrovers diskutiert. Doch eines ist sicher: Die Forschung über Wasser ist längst nicht abgeschlossen.

Wasser, kennen wir es wirklich?

Der Mensch besteht je nach Alter zu 50 bis 70 Prozent aus Wasser. Trotzdem wissen wir über das Verhalten des Wassers im Inneren lebender Zellen erstaunlich wenig. Lange betrachtete man Wasser vor allem als Transportmittel. Es bringt Sauerstoff und Nährstoffe zu den Zellen und transportiert Stoffwechselprodukte wieder ab. Doch immer mehr Forscher fragen sich:

Hat Wasser selbst eine aktivere Rolle?

Gerald Pollack und die „vierte Phase des Wassers“

Einer der bekanntesten Wissenschaftler auf diesem Gebiet ist der Bioingenieur Gerald H. Pollack von der University of Washington.
Pollack entdeckte, dass Wasser an bestimmten hydrophilen Oberflächen eine geordnete Zone bildet, die er Exclusion Zone (EZ) nennt. Diese Zone stößt gelöste Partikel ab und besitzt andere physikalische Eigenschaften als gewöhnliches Wasser. Pollack bezeichnet sie deshalb als eine mögliche „vierte Phase des Wassers“, neben Eis, flüssigem Wasser und Wasserdampf.

Seine Hypothese lautet, dass ein großer Teil des Wassers in unseren Zellen in einer solchen geordneten Form vorliegen könnte. Diese Idee hat weltweit Interesse geweckt, aber auch Widerspruch.

Zwischen Faszination und Skepsis

Dass sogenannte Exclusion Zones existieren, wurde inzwischen auch von anderen Forschergruppen beobachtet. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Warum entstehen sie?

Pollack erklärt sie durch eine besondere Struktur des Wassers. Andere Wissenschaftler führen die beobachteten Effekte auf Ionengradienten (Unterschied in der Konzentration geladener Teilchen. Er speichert Energie und ermöglicht zahlreiche Zellprozesse). Diffusiophorese (Bewegung von Teilchen aufgrund eines Ionengradienten. Das Konzentrationsgefälle wirkt wie eine unsichtbare Strömung, die Moleküle transportiert) oder andere physikalische Mechanismen zurück. Es kommt deshalb zu dem Schluss: Das Phänomen ist real, seine Ursache jedoch weiterhin Gegenstand intensiver Forschung.

Die Pioniere der Zellwasser-Forschung

Pollack ist nicht der Einzige, der das klassische Bild vom Wasser infrage stellt. Bereits der Biophysiker Gilbert Ling vertrat die Ansicht, dass das Wasser in unseren Zellen nicht wie Wasser in einem Glas vorliegt, sondern eng an Eiweiße gebunden und dadurch geordnet ist. Seine sogenannte Association-Induction-Hypothese war ihrer Zeit weit voraus und beeinflusste spätere Forscher – auch wenn sie nie zum Mainstream wurde.

Auch der koreanische Physiker Mu Shik Jhon beschäftigte sich jahrzehntelang mit der Frage, ob Wasser unterschiedliche strukturelle Zustände annehmen kann und welche Bedeutung dies für biologische Systeme haben könnte.

Die kanadische Autorin und Forscherin M. J. Pangman wiederum machte diese Arbeiten einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. In ihren Büchern beschreibt sie Wasser als ein dynamisches biologisches Medium und plädiert dafür, die Rolle des Wassers für Gesundheit und Alterungsprozesse neu zu untersuchen. Ihre Arbeiten sind vor allem populärwissenschaftlich und greifen Forschungshypothesen auf, sie stellen jedoch selbst keine experimentellen Nachweise dar.

Ist das Zellwasser im Alter anders?

Mit zunehmendem Alter verändert sich unser Körper. Das Durstgefühl nimmt ab, die Haut verliert Spannkraft, Die Muskulatur schrumpft und die Leistungsfähigkeit der Mitochondrien sinkt.

Ist das alles unabhängig voneinander, oder gibt es einen Zusammenhang? Bis heute gibt es darauf keine endgültige Antwort.

Einige Forscher vermuten, dass sich auch die Eigenschaften des Wassers innerhalb unserer Zellen verändern könnten. Ob dies tatsächlich geschieht und welche Folgen das hätte, ist bislang jedoch nicht geklärt.

Eine persönliche Beobachtung

Auch wir selbst haben eine Erfahrung gemacht, die uns bis heute beschäftigt. Meine Mutter litt an einer fortschreitenden Demenz. Über mehrere Wochen trank sie sehr konsequent speziell aufbereitetes Wasser. In dieser Zeit hatten wir beide, mein Mann  und ich  den Eindruck, dass sie geistig deutlich wacher wirkte. Sie antwortete klarer, formulierte vollständige Sätze und wirkte zeitweise präsenter als zuvor.

Später änderte sich die Pflegesituation. Diese Konsequenz ging verloren, und wir konnten diese Beobachtung nicht mehr nachvollziehen. War das Wasser die Ursache? Wir wissen es nicht.

Vielleicht spielte die bessere Flüssigkeitsversorgung eine Rolle. Vielleicht war es Zufall. Vielleicht gab es andere Einflüsse. Wir können und wollen daraus keinen wissenschaftlichen Beweis ableiten. Aber genau solche Beobachtungen wecken Neugier! Und ja, wissenschaftliche Forschung beginnt häufig mit einer guten Frage.

Wissenschaft lebt vom Zweifel

Die Geschichte der Medizin ist voller Beispiele. Vor wenigen Jahrzehnten glaubte kaum jemand, dass Darmbakterien unsere Psyche beeinflussen könnten. Heute sprechen wir selbstverständlich über das Mikrobiom.

Mitochondrien galten einst lediglich als Kraftwerke der Zelle. Heute wissen wir, dass sie weit mehr Aufgaben übernehmen. Ganz sicher wird auch unser Verständnis des Wassers in den kommenden Jahrzehnten wachsen. Möglicherweise bleiben manche Hypothesen unbegründet oder bestätigen sich andere. Genau dafür gibt es Wissenschaft. Nicht um Fragen zu verbieten, sondern um sie sauber zu prüfen.

Fazit

Wasser ist und bleibt die Grundlage allen Lebens. Ob es im menschlichen Körper Eigenschaften besitzt, die wir heute erst ansatzweise verstehen, wird die Forschung zeigen. Wir sollten weder jede neue Theorie unkritisch glauben noch jede ungewöhnliche Idee vorschnell als Unsinn abtun. Die größten wissenschaftlichen Entdeckungen begannen oft mit einem einfachen Satz:„Kann es sein, dass  wir etwas übersehen?“

Hinweis des Autors:
Dieser Beitrag beschreibt sowohl wissenschaftlich untersuchte Phänomene als auch Hypothesen, über die derzeit geforscht wird. Er erhebt keinen Anspruch darauf, medizinische Wirkungen bestimmter Produkte nachzuweisen oder Therapieempfehlungen zu geben. Ziel ist es, zum Nachdenken anzuregen und Interesse an aktueller Forschung zu wecken.