Streiten, ohne zu zerstören

Was Gottlieb Duttweiler uns heute noch zu sagen hat

Vor hundert Jahren schickte Gottlieb Duttweiler fünf Verkaufswagen durch Zürich´s Strassen und legte sich mit einer ganzen Branche an. Heute fließen aus seinem Vermächtnis mehr als 120 Millionen Franken jährlich in die Gesellschaft. Dahinter steckt eine Idee, die in Zeiten vergifteter politischer Debatten erstaunlich aktuell wirkt: Wirtschaft braucht Verantwortung – und Demokratie braucht den Respekt vor dem Andersdenkenden.

Als Gottlieb Duttweiler am 25. August 1925 seine ersten fünf Verkaufswagen durch Zürich fahren ließ, ahnte vermutlich kaum jemand, dass daraus einmal eines der größten Schweizer Unternehmen entstehen würde. Das Prinzip war ebenso einfach, wie revolutionär: wenige Produkte, große Mengen, kleine Margen, kein teurer Zwischenhandel. Zucker, Kaffee, Reis, Teigwaren, Kokosfett und Seife wurden direkt aus den Wagen verkauft. Duttweiler konnte die Waren dadurch erheblich günstiger anbieten als viele etablierte Händler. Das machte ihn bei seinen Kunden beliebt, bei seinen Konkurrenten weniger.

Ein Unternehmer gegen das Establishment

Duttweiler legte sich mit Händlern, Produzenten, Verbänden, Kartellen und schließlich sogar mit der Politik an. 1933 traf ihn das sogenannte Filialverbot. Die Eröffnung neuer Geschäfte wurde massiv erschwert. Erst 1945 fiel diese Beschränkung endgültig. Doch Duttweiler ließ sich nicht aufhalten.

Dabei war er keineswegs ein Gegner des Kapitalismus. Im Gegenteil: Er war ein äußerst erfolgreicher Unternehmer und verstand sehr genau, dass ein Unternehmen Gewinne erwirtschaften muss. Jedoch stellte er eine Frage, die heute fast altmodisch klingt: Wem soll dieser Erfolg eigentlich dienen?

Seine berühmte Maxime, die man im Übrigen sogar in den Hochschulen heute noch hört, lautete: Ich muss Franken verdienen, nicht Prozente!

Nicht die möglichst hohe Gewinnmarge war sein Ziel. Große Umsätze mit kleinen Margen sollten dafür sorgen, dass auch die Kunden vom wirtschaftlichen Erfolg profitierten. Für ihn war Gewinn notwendig, aber nicht der eigentliche Sinn des Unternehmens.

Dann verschenkte er sein Unternehmen

1941 geschah etwas, das aus heutiger Sicht beinahe unglaublich erscheint. Gottlieb und Adele Duttweiler wandelten die Migros in Genossenschaften um. Damit gehörte das Unternehmen nicht länger einigen wenigen Aktionären oder einer Unternehmerfamilie. Seine Kunden wurden zu Genossenschaftern und damit letztlich zu Eigentümern.

Man stelle sich einen heutigen Milliardär vor, der sein erfolgreiches Unternehmen nicht seinen Kindern vererbt und nicht an die Börse bringt, sondern seinen Kunden überträgt. Duttweiler wollte verhindern, dass die Migros irgendwann ausschließlich zu einer Maschine zur Maximierung von Kapitalrenditen würde. Dahinter stand seine Überzeugung:

Eigentum verpflichtet. Und je größer die wirtschaftliche Macht eines Unternehmens wird, desto größer wird auch seine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.

Alkohol und Tabak – ein ungewöhnlicher Verzicht

Diese Haltung zeigte sich auch an anderer Stelle. Seit 1928 verzichtete die Migros praktisch auf den Verkauf von Alkohol. Später verschwanden auch Tabakwaren aus den klassischen Migros-Filialen. Dabei war Duttweiler keineswegs Abstinenzler. Er trank selbst Wein und rauchte Zigarren. Sein Gedanke war ein anderer: Nicht alles, womit sich gutes Geld verdienen lässt, muss deshalb automatisch Bestandteil des eigenen Geschäftsmodells sein. Allerdings sollte man daraus keinen Mythos machen.

Das Alkoholverbot hatte anfangs durchaus auch handfeste wirtschaftliche Ursachen. Brauereien wollten die Migros teilweise nicht beliefern, und die Abgrenzung gegenüber den etablierten Händlern entwickelte sich jedoch gleichzeitig zu seinem Markenzeichen.

Auch Duttweiler selbst war in dieser Frage weniger dogmatisch, als man heute vielleicht vermuten würde. Er ließ bereits 1948 seine Genossenschafter über die Alkoholfrage abstimmen. Erst Jahrzehnte später, 1983, wurde der Alkoholverzicht ausdrücklich in den Statuten der Regionalgenossenschaften verankert. Damit wurde aus einer Tradition eine institutionelle Schranke.

Adele – das Gewissen der Migros

Duttweiler wusste offenbar sehr genau, dass Ideale häufig nur so lange Bestand haben, wie der Mensch, der sie durchsetzt. Deshalb versuchten Gottlieb und Adele Duttweiler, ihre Grundsätze institutionell abzusichern. 1950 formulierten sie gemeinsam ihre berühmten 15 Thesen.

Eine davon ist geradezu bemerkenswert. Nach Gottlieb Duttweilers Tod sollte Adele bei wichtigen Entscheidungen konsultiert werden, weil sie seinen Willen und Geist besonders gut kannte. Und genau das wurde so durchgeführt. Nach Duttweilers Tod 1962 wurde Adele über Jahrzehnte hinweg von der Migros-Führung zu wichtigen Fragen beigezogen. Bis zu ihrem Tod 1990 galt sie als das „Gewissen der Migros“.

Auch danach blieb die Idee bestehen. Die Gottlieb-und-Adele-Duttweiler-Stiftung wacht bis heute über wesentliche Grundsätze des Unternehmens. Selbst die Vergütung des Spitzenmanagements unterliegt besonderen Regeln. Bestimmte erfolgsabhängige Bonus- und Gewinnbeteiligungsmodelle sollen gerade verhindert werden. Duttweiler hatte offenbar etwas verstanden, das in vielen Unternehmen vergessen wird:

Menschen wechseln. Interessen ändern sich. Deshalb müssen Werte in Strukturen übersetzt werden, wenn sie Bestand haben sollen.

Der große Test kam 2022

Wie aktuell dieser Konflikt geblieben ist, zeigte sich vor wenigen Jahren. Die Migros-Führung wollte den Weg für den Verkauf von Alkohol öffnen. Die Argumente waren durchaus nachvollziehbar. Wer Wein oder Bier kaufen wollte, musste ohnehin zur Konkurrenz und erledigte dort möglicherweise gleich seinen gesamten Einkauf. Wirtschaftlich betrachtet war das Alkoholverbot also ein Wettbewerbsnachteil. 2021 machten die Delegierten den Weg für eine Abstimmung frei. Dann wurden die Eigentümer gefragt, nämlich die Genossenschafter. Rund 632.000 Menschen beteiligten sich 2022 an der Abstimmung. Das Ergebnis war mehr als bemerkenswert:

Alle zehn Regionalgenossenschaften lehnten die Aufhebung des Alkoholverbots ab.

Rund drei Viertel der Abstimmenden sagten Nein. 61 Jahre nach Gottlieb Duttweilers Tod und 32 Jahre nach dem Tod Adele Duttweilers funktionierte die von ihnen geschaffene Konstruktion noch immer. Die Unternehmensführung wollte verändern, die Eigentümer sagten Nein.

Allerdings gehört auch zur Wahrheit: Über Tochterunternehmen wie Denner und Migrolino verdient der Migros-Konzern längst auch am Verkauf von Alkohol und Tabak. Auch Ideale müssen offenbar mit der Wirklichkeit kämpfen.

Ein Prozent für die Gesellschaft

Die vielleicht nachhaltigste Idee Duttweilers entstand jedoch auf einem anderen Gebiet. Bereits 1941 dachte er darüber nach, einen festen Teil des Umsatzes für gesellschaftliche und kulturelle Aufgaben einzusetzen. 1957 wurde daraus das Migros-Kulturprozent. Und hier steckt ein entscheidender Unterschied zu gewöhnlichem Sponsoring. Das Motto lautete nicht: Wenn wir am Jahresende viel verdient haben, geben wir etwas davon zurück. Nein, die Verpflichtung orientierte sich am Umsatz, nicht einfach am Gewinn.

Gesellschaftliches Engagement sollte damit nicht vom guten Willen eines Vorstandsvorsitzenden und auch nicht von einem besonders erfolgreichen Geschäftsjahr abhängen. Es wurde Teil des Unternehmenszwecks. Duttweilers Vorstellung brachte er selbst auf eine bemerkenswerte Formel:

„Wir müssen wachsender eigener materieller Macht stets noch grössere soziale und kulturelle Leistungen zur Seite stellen.“

Was für ein Satz! Und wie aktuell er heute klingt!

121,7 Millionen Franken in einem einzigen Jahr

2025 stellte das Migros-Kulturprozent 121,7 Millionen Schweizer Franken für gesellschaftliche Aufgaben bereit. 46,4 Prozent flossen in Bildung, 28,7 Prozent in Kultur, weitere Mittel in gesellschaftliche Projekte, Freizeit und wirtschaftliche Themen. Rechnet man den Migros-Pionierfonds und weitere Engagements hinzu, investierte die Migros 2025 insgesamt rund 138 Millionen Franken in gesellschaftliche Aufgaben.

Seit Einführung des Kulturprozents sind auf diese Weise mehrere Milliarden Franken in die Gesellschaft zurückgeflossen. Die Idee aus den fünfziger Jahren lebt also noch immer, doch die gesellschaftlichen Herausforderungen haben sich verändert. Und damit verändert sich auch die Frage, was gesellschaftliche Verantwortung heute eigentlich bedeutet.

Wenn der politische Gegner zum Feind wird

Eine dieser Herausforderungen begegnet uns jeden Tag auf Facebook, X, Instagram, Telegram und in den Kommentarspalten der Medien. Unsere politische Debatte verroht in einem Maße, die vor wenigen Jahren noch unvorstellbar schien. Das eigentlich Erschreckende daran ist nicht, dass Menschen unterschiedlicher Meinung sind. Das müssen sie sein und ist zwingend notwendig, denn eine Demokratie lebt vom Widerspruch. Das Problem beginnt dort, wo nicht mehr das Argument des anderen angegriffen wird, sondern der andere selbst als Person.

Der Andersdenkende ist plötzlich nicht mehr jemand, dessen Argumente man widerlegen möchte. Er wird zum Idioten, Nazi, Kommunisten, Faschisten, Verschwurbler, Gutmenschen, Rassisten oder Volksverräter. Das Argument verschwindet, das Etikett jedoch bleibt. Aus dem politischen Gegner wird ein moralisch minderwertiger Mensch.

Genau hier setzt Duttweilers Vermächtnis heute an

Über das gesellschaftliche Engagement der Migros wurden deshalb auch Projekte gefördert, die sich mit Hassrede und der Verrohung der Kommunikation im Internet beschäftigen. Das Projekt „Stop Hate Speech“, getragen von Alliance F und unterstützt durch den Migros-Pionierfonds, beschäftigte sich genau mit dieser Entwicklung. Dabei ging es nicht darum, politische Auseinandersetzungen abzuschaffen. Im Gegenteil, eine Demokratie braucht harte Debatten! Aber sie braucht harte Debatten über die Sache und nicht die Diffmierung der Person.

Das Projekt entwickelte unter anderem technische Möglichkeiten zur Erkennung von Hate Speech und versuchte gleichzeitig, Menschen zu ermutigen, im Internet Zivilcourage zu zeigen. Später entstand gemeinsam mit der ETH Zürich die Public Discourse Foundation, die sich mit der Qualität des öffentlichen Diskurses im digitalen Raum beschäftigt.

Dahinter steht eine ernste demokratische Frage. Was geschieht, wenn Menschen ihre Meinung irgendwann nicht mehr öffentlich äußern, weil sie wissen, dass anschließend nicht ihre Argumente diskutiert werden, sondern sie persönlich beschimpft, diffamiert oder gesellschaftlich ausgegrenzt werden? Dann verlieren wir nicht nur Höflichkeit, sondern dann verliert die Demokratie Stimmen.

Meinungsfreiheit bedeutet auch, Widerspruch auszuhalten

Dabei müssen wir aufpassen. Der Kampf gegen Hass darf niemals zum Vorwand werden, unbequeme Meinungen zu unterdrücken. Auch das wäre gefährlich. Eine freie Gesellschaft muss ertragen können, dass Menschen völlig gegensätzliche Auffassungen vertreten. Links und rechts, konservativ oder progressiv, Gläubig oder atheistisch, marktwirtschaftlich oder sozialistisch, wir dürfen uns gegenseitig widersprechen. Wir dürfen Argumente zerlegen und dürfen sagen: „Was du behauptest, ist falsch.“

Was wir weitgehend verlernt haben, ist etwas anderes, nämlich den Satz danach zu beginnen mit: „… und zwar aus folgendem Grund.“ Stattdessen beginnt der Satz immer häufiger mit: „Du bist …“

Und genau in diesem kleinen Unterschied liegt möglicherweise eines der großen Probleme unserer Zeit.

Kann man einem Unternehmen ein Gewissen vererben?

Das ist die eigentlich faszinierende Frage hinter der Geschichte Gottlieb Duttweilers. Er war kein Heiliger! Er war Unternehmer, Verkäufer, Provokateur und politischer Kämpfer. Er machte Fehler und konnte ausgesprochen unbequem sein. Aber er stellte sich früh eine ungewöhnliche Frage: Wie verhindert man, dass wirtschaftlicher Erfolg irgendwann zum alleinigen Maßstab allen Handelns wird?

Seine Antwort bestand nicht nur aus hehren Worten, nein, er verschenkte sein Unternehmen an seine Kunden. Er schuf eine Genossenschaft und formulierte gemeinsam mit seiner Frau Grundsätze für kommende Generationen.

Er begrenzte bestimmte wirtschaftliche Interessen und schließlich verpflichtete er sein Unternehmen dazu, einen Teil seiner wirtschaftlichen Kraft dauerhaft der Gesellschaft zur Verfügung zu stellen. Hundert Jahre nach den ersten fünf Verkaufswagen rollen diese Wagen längst nicht mehr durch Zürich, aber die Idee dahinter fährt weiter.

Mir scheint, dass wir etwas von Duttweilers Denken heute dringender denn je brauchen: Erfolg ohne Verantwortung macht eine Gesellschaft nicht reicher.

Und für unsere politische Debatte könnte man diesen Gedanken ergänzen: Streiten wir hart! Streiten wir leidenschaftlich! Streiten wir über alles, aber bekämpfen wir das Argument und nicht den Menschen!