Europas verhängnisvoller Energiepoker! Erst machte man sich von Putin abhängig, jetzt droht Donald Trump zum neuen Herrn über Europas Energieversorgung zu werden.
18. Oktober 2026
Vom russischen Gashahn zum amerikanischen Gastanker
Es gehört zu den bemerkenswertesten Widersprüchen europäischer Politik, die uns als ultimative Wahrheit vorgesetzt wurde. Jahrelang wurde uns erklärt, die Abhängigkeit von russischem Erdgas sei wirtschaftlich vernünftig. Russland liefere zuverlässig, die Preise seien kalkulierbar, und schließlich fördere Handel auch den Frieden. Spätestens mit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 erwies sich diese Rechnung als gefährlich. Europa glaubte reagieren zu müssen. Die Abhängigkeit von russischen Energielieferungen sollte beendet werden. Aus sicherheitspolitischen Gründen kann dieser Schritt nachvollziehbar betrachtet werden. Doch was geschah anschließend?
Anstatt die Gelegenheit zu nutzen, Europas Energieversorgung grundsätzlich neu aufzustellen, wurde ein Großteil der russischen Gaslieferungen einfach durch ultrateures amerikanisches Flüssigerdgas ersetzt. Oder anders ausgedrückt: Wir haben den Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben, allerdings zu einem unendlich höheren Preis!
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache
Noch 2021 stammten rund 45 Prozent der Gasimporte der Europäischen Union aus Russland. Bis 2025 sank dieser Anteil auf etwa 12 Prozent. Eine beachtliche Veränderung. Gleichzeitig entwickelten sich die Vereinigten Staaten zum wichtigsten Lieferanten von Flüssigerdgas nach Europa. Die Abhängigkeit von Russland wurde also erheblich reduziert. Aber an ihre Stelle trat eine neue Konzentration auf einen anderen großen Lieferanten. Und dieser Lieferant wird von einem Präsidenten regiert, der Handelsbeziehungen ausdrücklich als Instrument politischer Macht versteht und dessen Entscheidungen und Handlungen zunehmend als nicht mehr nachvollziehbar, beziehungsweise sogar als irrational bezeichnet werden müssen.
Von Putin zu Trump! Die Abhängigkeit hat nur ihren Besitzer gewechselt!
Die Neue Zürcher Zeitung bringt das europäische Energiedilemma in ihrer Ausgabe vom 18. Oktober 2026 auf eine bemerkenswert einfache Formel. Zwei Drittel der LNG-Importe kommen inzwischen aus den USA. Statt von Putin, sei Europa nun von Trump abhängig. Wenn diese Zahlen stimmen und daran zweifle ich bei dieser Quelle nicht, offenbart sich darin ein grundlegender Widerspruch europäischer Energiepolitik. Europa wollte sich von einem Staat lösen, der seine Energielieferungen als geopolitisches Machtinstrument einsetzen konnte. Natürlich sind amerikanische LNG-Lieferungen nicht mit russischen Pipelineverträgen gleichzusetzen. Aber die strategische Frage bleibt dieselbe, nämlich, was geschieht, wenn wirtschaftliche Abhängigkeiten plötzlich zu politischen Druckmitteln werden? Europa hat seine Lieferanten gewechselt. Aber hat es damit tatsächlich seine energiepolitische Souveränität zurückgewonnen? Oder erleben wir gerade real live, wie ein Kontinent versucht, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben?
Donald Trump und die Energie als Machtinstrument
Donald Trump betrachtet internationale Wirtschaftsbeziehungen nicht ausschließlich als freien Austausch von Waren und Dienstleistungen. Zölle, Marktzugang, Investitionen und Energiegeschäfte sind für ihn primär Verhandlungsinstrumente. Und genau an dieser Stelle liegt das europäische Problem. Wer große Mengen Energie aus einem anderen Land beziehen muss, ist nicht automatisch politisch erpressbar. Aber er wird verwundbarer, wenn sein Lieferant zugleich über erhebliche wirtschaftliche und politische Druckmittel verfügt. Dabei unterscheiden sich die amerikanischen und russischen Lieferstrukturen durchaus. Amerikanisches LNG wird von verschiedenen Unternehmen auf einem internationalen Markt verkauft. Es ist nicht mit einer einzigen russischen Pipeline gleichzusetzen. Dennoch drängt sich die entscheidende Frage mit aller Deutlichkeit auf, nämlich, wie unabhängig Europa außenpolitisch handeln kann , wenn es bei einer seiner wichtigsten Lebensadern zunehmend auf amerikanische Lieferungen angewiesen ist?
Was geschieht, wenn Washington künftig energiepolitische Fragen mit Handelszöllen, Verteidigungsausgaben oder anderen politischen Forderungen verknüpft? Es wäre absolut fahrlässig, diese Möglichkeit auszuschließen. Allein der Handelskonflikt zwischen den beiden – einstmals engsten Verbündten USA und Kanada – müsste auch dem letzten europäischen Leader zu denken geben und alle Alarmglocken schrillen lassen. Allein Tonfall, Umfang und auch die Drohkulisse mit der Eingliederung als 51. Bundesstaat in die USA und dem Verlust der Souveränität Kanadas, zeigen auf, mit welchen Mitteln hier gekämpft wird.
Europas Industrie bezahlt die Rechnung
Für die europäische Industrie ist Energie kein Luxusgut, sondern eine Existenzfrage. Chemieunternehmen, Stahlproduzenten, Glashersteller, Düngemittelfabriken und zahlreiche mittelständische Betriebe benötigen große Mengen bezahlbarer Energie. Flüssigerdgas muss aufwendig verflüssigt, über Ozeane transportiert und am Bestimmungsort wieder in einen gasförmigen Zustand versetzt werden. Das verursacht enorme zusätzliche Kosten gegenüber einer ansonsten vergleichbar billigen Pipelineversorgung. Natürlich hängt der tatsächliche Endpreis von vielen Faktoren ab wie Förderkosten, Weltmarktpreisen, Verträgen, Transportwegen und der jeweiligen Marktlage. Jedoch ist offensichtlich, dass eine Energieversorgung, deren Preisentwicklung stark von internationalen Krisen, globalem Wettbewerb und politischen Entscheidungen außerhalb Europas abhängt, die langfristige industrielle Planung massiv erschwert! Deutschland diskutiert über die Wettbewerbsfähigkeit seiner Industrie, über Standortverlagerungen und Arbeitsplatzverluste. Dabei müsste jedoch die Frage nach einer dauerhaft verlässlichen und bezahlbaren Energieversorgung viel stärker im Mittelpunkt stehen.
Und Russland liefert noch immer
Besonders widersprüchlich wird die europäische Politik beim Blick auf die verbliebenen russischen Gasimporte. Obwohl die EU die vollständige Abkehr von russischen Energielieferungen beschlossen hat, floss auch 2026 weiterhin russisches Gas nach Europa. Nach Angaben der europäischen Energieregulierungsagentur bestanden weiterhin langfristige Lieferverträge. In den ersten Monaten des Jahres stiegen bestimmte russische LNG-Importe gegenüber dem Vorjahreszeitraum sogar wieder an. Das zeigt, wie schwierig es ist, eine über Jahrzehnte gewachsene Energieversorgung innerhalb weniger Jahre umzubauen. Europa befindet sich somit in einer eigentümlichen, aber äusserst unangenehmen Situation. Es will russische Energie endgültig verbannen, kauft aber weiterhin Restmengen und verstärkt gleichzeitig seine Abhängigkeit von amerikanischem Flüssigerdgas. Ein energiepolitischer Befreiungsschlag sieht definitiv anders aus.
Der eigentliche Fehler liegt tiefer
Es wäre allerdings zu einfach, die Schuld allein bei Donald Trump zu suchen. Trump verfolgt amerikanische Interessen. MAGA – Make America great again und America first sind die Leitmotive, die direkt hinter dem Trump-Orbit folgen. Das ist weder überraschend noch grundsätzlich ungewöhnlich. Wer jedoch vertritt nun mit derselben Konsequenz die langfristigen Interessen Europas? Leider lässt sich auf diese Frage bei bestem Willen keine Antwort finden!
Eine vorausschauende europäische Energiepolitik müsste sich nämlich an drei Kriterien orientieren:
- Versorgungssicherheit auch in internationalen Krisen
- Langfristig wettbewerbsfähige Energiepreise
- Möglichst geringe politische Abhängigkeit von einzelnen Lieferländern
Dazu gehört ein Energiemix, der nicht nach ideologischen Vorlieben, sondern nach technischer Machbarkeit, Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit beurteilt wird. Erneuerbare Energien können einen wesentlichen Beitrag zur Verringerung von Importabhängigkeiten leisten. Die Betonung liegt hier jedoch eindeutig auf dem Wort Beitrag! Ebenso müssen Speicher, Netze, regelbare Kraftwerkskapazitäten und neue Technologien berücksichtigt werden. Voraussetzung dafür ist eine grundsätzliche Technologieoffenheit. Es darf nicht sein, dass die Energieversorgung Europas auf dem Altar von ideologiegetriebenen Phantasten geopfert wird! Dies schließt ausdrücklich auch die Debatte über die Kernenergie ein. Sie sollte ohne Denkverbote geführt werden. Allerdings gilt es zu berücksichtigen, dass neue Kernkraftwerke weder über Nacht noch ohne erhebliche Kosten entstehen. Entscheidend ist, dass Europa wieder langfristig plant, statt von einer energiepolitischen Notmaßnahme zur nächsten zu stolpern.
Energiepolitik ist Sicherheitspolitik
Die vergangenen Jahre haben eine unbequeme Wahrheit offengelegt. Wer die Energieversorgung kontrolliert, besitzt wirtschaftlichen und somit auch erheblichen politischen Einfluss. Russland hat diese Verwundbarkeit Europas deutlich gemacht. Die Vereinigten Staaten verfügen inzwischen ebenfalls über eine bedeutende Stellung auf dem europäischen Energiemarkt. Das bedeutet nicht, dass Washington dieselben Absichten verfolgt wie Moskau und es bedeutet auch nicht, dass amerikanische Lieferungen grundsätzlich unsicher wären. Es bedeutet jedoch zwingend, dass Europa seine wirtschaftliche Zukunft nicht vom Wohlwollen irgendeiner ausländischen Regierung abhängig machen sollte. Weder von Putin noch von Trump. Und ebenso wenig von deren Nachfolgern.
Ein anderer Lieferant ist noch keine Unabhängigkeit
Europa hat viel Geld und politische Energie darauf verwendet, seine Abhängigkeit von Russland zu reduzieren. Das war angesichts des Krieges gegen die Ukraine sicherheitspolitisch begründet. Doch die eigentliche Aufgabe reicht weiter. Es genügt nicht, russische Pipelines durch amerikanische LNG-Tanker zu ersetzen und anschließend von angeblich gewonnener Souveränität zu faseln. Wirkliche Souveränität entsteht erst, wenn Europa seine Energieversorgung so organisiert, dass kein einzelner ausländischer Lieferant seine wirtschaftliche Zukunft entscheidend beeinflussen kann. Sonst werden wir eines Tages feststellen, dass wir zwar den russischen Gashahn zugedreht haben, aber nun besorgt nach Washington schauen müssen, ob dort jemand den nächsten aufdreht. Wer seine Abhängigkeit lediglich austauscht, hat seine Freiheit noch lange nicht gewonnen.
