Eine der berühmtesten Universitäten der Welt wird zum Sanierungsfall. Institute verschwinden, Professuren werden gestrichen, wissenschaftliche Traditionen geopfert. Und ausgerechnet am sogenannten Exzellenzstandort Berlin scheint niemand mehr zu wissen, was Exzellenz eigentlich bedeutet.
Einst ein Vorbild für die ganze Welt
Als Wilhelm von Humboldt im Jahr 1810 die Berliner Universität ins Leben rief, war Preußen wirtschaftlich und politisch angeschlagen. Die Niederlage gegen Napoleon hatte das Land erschüttert, die Staatsfinanzen waren angespannt. Trotzdem entschied man sich damals, in Wissenschaft und Bildung zu investieren. Man verstand damals offenbar etwas, das heute zunehmend in Vergessenheit gerät, nämlich dass der Wohlstand einer Nation nicht allein durch ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit entsteht, sondern auch dass Wissen, Bildung und die geistige Unabhängigkeit ihrer Menschen Grundvoraussetzungen für eben diese wirtschaftliche Leistungsfähigkeit darstellen.
Die Berliner Universität wurde zum Vorbild für Hochschulen in aller Welt. Ihre Idee, Forschung und Lehre miteinander zu verbinden, revolutionierte die akademische Landschaft. Hier wirkten Persönlichkeiten wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Robert Koch, Max Planck, Albert Einstein und Rudolf Virchow. Die Universität wurde zum Symbol deutscher Wissenschaft, ihre Forschung genoss Weltruf. Mehr als zwei Jahrhunderte später stellt sich eine bedrückende Frage, was von diesem Anspruch geblieben ist?
Der Niedergang wird verwaltet
Heute muss die Humboldt-Universität allein im akademischen Bereich strukturell 8,2 Millionen Euro jährlich einsparen. Was nach einer überschaubaren Summe klingt, hat dramatische Konsequenzen. Das traditionsreiche Institut für Archäologie soll in seiner bisherigen Form verschwinden. Die letzte Professur für Architektur- und Stadtgeschichte an der Humboldt-Universität steht vor der Streichung. Auch die evangelisch-theologische Fakultät muss erhebliche Einschnitte hinnehmen. Besonders bemerkenswert ist das Schicksal der Archäologie. Berlin besitzt mit seiner Museumsinsel eine der bedeutendsten archäologischen Sammlungslandschaften der Welt. Forschung, Lehre und Museen sind hier historisch miteinander verbunden. Die Archäologie und Kulturgeschichte Nordostafrikas verfügt über eine besondere wissenschaftliche Bedeutung. Ihre Forschung zur sudanesischen Geschichte und die Verbindung zu den Sammlungen aus Musawwarat es-Sufra sind international von Interesse. Und ausgerechnet diese gewachsenen Strukturen sollen nun einer Haushaltskonsolidierung geopfert werden? Die Universitätsleitung spricht von Neuaufstellung und Umstrukturierung. Doch eine Garantie, dass die bisherigen Fachgebiete in ihrer wissenschaftlichen Substanz erhalten bleiben, gibt es nicht. Oder brutal auf einen Nenner gebracht, heisst das nichts anderes als, dass alles was über Generationen aufgebaut wurde, innerhalb weniger Haushaltsjahre vernichtet werden soll! Was für ein Armutszeugnis für Deutschland, dem ehemaligen weltweiten Zentrum der Wissenschaft, der Dichter und Denker!
Wenn Wissenschaft nur noch nach Zahlen beurteilt wird
Besonders bedenklich ist die Begründung für manche Kürzungen. Entscheidend sind offenbar zunehmend die Zahl der Studierenden, die Studienabschlüsse und die eingeworbenen Drittmittel. Natürlich muss auch eine Universität wirtschaftlich arbeiten. Niemand kann ernsthaft verlangen, dass jede Professur unabhängig von ihrer wissenschaftlichen Leistung und ihrem tatsächlichen Bedarf auf ewig bestehen bleibt. Wenn jedoch der Wert wissenschaftlicher Forschung zunehmend daran gemessen wird, wie viel zusätzliches Geld ein Professor beschafft, droht die Universität ihren eigentlichen Auftrag aus den Augen zu verlieren, nämlich Wissen zu schaffen, zu hinterfragen und für kommende Generationen zu bewahren. Aber lässt sich der Wert eines Fachgebietes wirklich allein anhand seiner Auslastung bestimmen?
Die Erforschung antiker Kulturen wird niemals dieselben Studierendenzahlen erreichen, wie Betriebswirtschaftslehre oder Informatik. Ein Wissenschaftler, der jahrzehntelang historische Quellen erschließt, wird möglicherweise weniger Drittmittel einwerben, als ein Forschungsverbund für künstliche Intelligenz. Ist seine Arbeit deshalb weniger wertvoll? Die Universität droht damit, zu einer Einrichtung zu werden, in der nicht mehr allein die wissenschaftliche Bedeutung eines Fachgebietes über seine Zukunft entscheidet, sondern seine betriebswirtschaftliche Verwertbarkeit. Das ist eine fundamentale Abkehr vom Humboldtschen Bildungsideal.
Selbst die Theologie bleibt nicht verschont
Besonders aufschlussreich ist der Umgang mit der evangelisch-theologischen Fakultät. Nach dem vorliegenden Bericht sollen mehrere Professuren nach ihrem Freiwerden für neun beziehungsweise zehn Jahre nicht wieder besetzt werden. Betroffen sind unter anderem das Alte Testament, das Neue Testament und die Ethik. Dabei bestehen staatskirchenvertragliche Vereinbarungen, die eine bestimmte Ausstattung der theologischen Fakultät absichern sollen. Wenn eine Universität solche Verpflichtungen formal bestehen lässt, die Wiederbesetzung jedoch über beinahe ein Jahrzehnt verhindert, stellt sich die Frage, ob damit nicht der Sinn dieser Vereinbarungen ausgehöhlt wird. Auch hier geht es nicht darum, bestimmte Fachrichtungen grundsätzlich von Einsparungen auszunehmen. Es geht um Verlässlichkeit, Rechtssicherheit und den Respekt vor gewachsenen Institutionen. Eine Professur, die zehn Jahre lang nicht besetzt wird, existiert auf dem Papier weiter. Wissenschaftlich aber kann in dieser Zeit eine ganze Forschungstradition verloren gehen.
Unterschiedliche Maßstäbe für unterschiedliche Theologien?
Besonders erklärungsbedürftig erscheint die unterschiedliche Behandlung der theologischen Fachrichtungen an der Humboldt-Universität. Während die evangelisch-theologische Fakultät Einsparungen vornehmen muss und mehrere ihrer Professuren nach dem Freiwerden für neun beziehungsweise zehn Jahre unbesetzt bleiben sollen, wird gleichzeitig über eine gemeinsame Fakultät für katholische und islamische Theologie nachgedacht. Nach dem Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung könnte diese neue Fakultät sogar von Einsparungen ausgenommen werden. Dabei lag die Auslastung der evangelisch-theologischen Fakultät im akademischen Jahr 2025 bei 35 Prozent, während das Institut für katholische Theologie lediglich 25 Prozent erreichte. Das Berliner Institut für Islamische Theologie bietet seinerseits Bachelor- und Masterstudiengänge sowie Studienangebote für angehende Religionslehrkräfte an. Die Universität investiert also weiterhin in den Aufbau und die Entwicklung theologischer Ausbildung, allerdings mit dem Schwergewicht auf dem Islam. Dass man sich an dieser Stelle an Volker Kauder mit seiner damaligen Bermerkung bezüglich der „Leitkultur“ erinnert, ist absolut nachvolluiehbar.
Doch weshalb sollen ausgerechnet die historisch gewachsenen Strukturen der evangelischen Theologie durch jahrelange Stellensperren geschwächt werden, während andere theologische Einrichtungen möglicherweise von Kürzungen verschont bleiben? Gibt es dafür nachvollziehbare wissenschaftliche, rechtliche oder gesellschaftspolitische Gründe? Und werden tatsächlich überall dieselben Maßstäbe angelegt? Wissenschaftliche Exzellenz und Gleichbehandlung dürfen keinesfalls davon abhängen, welche Religionsgemeinschaft gerade gehypt wird. Eine Universität, die sich auf wissenschaftliche Freiheit und transparente Kriterien beruft, muss solche Unterschiede überzeugend erklären können.
Exzellenz auf dem Briefkopf, Sparzwang im Hörsaal
Berlin schmückt sich gerne mit seinem Ruf als internationaler Wissenschaftsstandort. Die Berlin University Alliance verbindet Humboldt-Universität, Freie Universität, Technische Universität und Charité in einem Exzellenzverbund. Das klingt nach wissenschaftlicher Weltklasse, internationaler Wettbewerbsfähigkeit und zukunftsweisender Forschung. Gleichzeitig werden Fachgebiete aufgegeben, die gerade durch ihre historische Entwicklung und ihre Verbindung zu den Berliner Museen ein internationales Alleinstellungsmerkmal besitzen. Was bleibt von der viel beschworenen Exzellenz, wenn ausgerechnet jene Strukturen verschwinden, die einen Wissenschaftsstandort unverwechselbar machen? Exzellenz lässt sich nicht verordnen. Sie entsteht über Jahrzehnte, manchmal Jahrhunderte. Sie benötigt hervorragende Wissenschaftler, institutionelle Kontinuität und vor allem Verlässlichkeit. Ein Institut kann man mit einem Beschluss schließen. Seinen internationalen Ruf kann man mit einem neuen Beschluss nicht wiederherstellen.
Wo bleibt die politische Verantwortung?
Besonders irritierend ist die Rolle der Berliner Politik. Die Hochschulen sollen die notwendigen Kürzungen weitgehend selbst organisieren. Akademische Gremien müssen darüber entscheiden, welche Professuren verschwinden und welche Fachgebiete künftig keine eigenständige Existenz mehr haben. Dabei bestimmt das Berliner Hochschulgesetz ausdrücklich, dass die Hochschulstrukturplanung eine gemeinsame Aufgabe des Landes und der Hochschulen ist. Es kann deshalb nicht genügen, den Universitäten weniger Geld zuzuweisen und ihnen anschließend die Verantwortung für die Folgen zu überlassen. Wer die finanziellen Rahmenbedingungen festlegt, trägt auch politische Verantwortung für das Ergebnis. Berlin müsste längst eine übergreifende Strategie entwickeln, welche wissenschaftlichen Kompetenzen die Stadt dauerhaft erhalten will, welche Zusammenarbeit zwischen ihren Universitäten sinnvoll ist und wo tatsächliche Doppelstrukturen bestehen. Stattdessen entsteht der Eindruck, dass jede Hochschule für sich versucht, den finanziellen Schaden möglichst irgendwie zu begrenzen. Eine Wissenschaftsmetropole braucht jedoch mehr, als voneinander unabhängige Sparprogramme. Sie braucht eine Vorstellung davon, welche wissenschaftliche Zukunft sie haben will.
Für alles Geld, nur für das eigene Erbe nicht?
Berlin ist hoch verschuldet. Die öffentlichen Haushalte stehen unter erheblichem Druck. Dass auch Hochschulen ihren Beitrag zur Konsolidierung leisten müssen, ist grundsätzlich nachvollziehbar. Doch Haushaltsführung bedeutet immer auch, Prioritäten zu setzen. Der Staat finanziert eine Vielzahl politischer Vorhaben, Verwaltungsstrukturen, Förderprogramme und neue Projekte. Manche davon sind notwendig, andere zumindest diskussionswürdig. Umso erstaunlicher ist, mit welcher Selbstverständlichkeit man bereit ist, wissenschaftliche Einrichtungen von internationalem Rang zur Disposition zu stellen. Es geht hier nicht um die pauschale Forderung nach immer mehr Staatsausgaben. Es geht um die Frage, ob unsere politischen Entscheidungsträger noch zwischen kurzfristigen Ausgaben und langfristigen Investitionen unterscheiden können. Eine traditionsreiche Professur zu streichen, spart möglicherweise einige Hunderttausend Euro jährlich. Eine wissenschaftliche Schule, die dadurch verschwindet, lässt sich jedoch nicht einfach zurückkaufen. Wer Wissenschaft ausschließlich als Kostenstelle betrachtet, hat ihren volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wert nicht verstanden.
410.000 Euro für ein temporäres Schwimmbad, aber kein Geld für wissenschaftliche Traditionen?
Wie widersprüchlich und völlig absurd die Berliner Ausgabenpolitik erscheint, zeigt ein Beispiel aus dem Sommer 2026. Während an der traditionsreichen Humboldt-Universität Professuren gestrichen und ganze Institute infrage gestellt werden, leistete sich Berlin vor der Volksbühne ein temporäres Schwimmbecken für insgesamt 410.000 Euro. Das sogenannte Volksbad stand nur wenige Wochen zur Verfügung. Für besondere Aufmerksamkeit sorgte eine geplante Badeveranstaltung, bei der das Becken für einige Stunden ausschließlich Kindern und Jugendlichen aus der Schwarzen Community vorbehalten sein sollte. Nach massiven Anfeindungen und Drohungen wurde diese Veranstaltung abgesagt. Die Verantwortlichen verteidigten das Projekt als kulturelles Angebot und als Beitrag zur gesellschaftlichen Teilhabe. Doch unabhängig davon, wie man dieses Anliegen bewertet, stellt sich die grundsätzliche Frage nach dem Augenmass! Welche Prioritäten setzt eine Stadt, die einerseits Hunderttausende Euro für ein vorübergehendes Kulturprojekt ausgibt und andererseits wissenschaftliche Einrichtungen mit jahrhundertelanger Tradition zu drastischen Einsparungen zwingt? Natürlich stammen die Gelder aus unterschiedlichen Haushaltsbereichen, und die 410.000 Euro hätten nicht automatisch einer Universität zur Verfügung gestanden. Aber Haushaltspläne sind keine Naturgesetze. Sie sind Ausdruck politischer Entscheidungen.
Wer für ein Schwimmbad von wenigen Wochen 410.000 Euro aufbringen kann, muss erklären können, weshalb die langfristige Bewahrung wissenschaftlicher Kompetenz an anderen Stellen nicht finanzierbar sein soll.
Es geht nicht darum, Kultur gegen Wissenschaft auszuspielen. Es geht darum, ob kurzfristige Projekte und langfristig bedeutende Institutionen bei der Verteilung öffentlicher Mittel angemessen gewichtet werden.
Wilhelm von Humboldt würde seine Universität kaum wiedererkennen
Das eigentlich Tragische an dieser Entwicklung ist der historische Gegensatz. 1810 gründete Preußen in einer Zeit wirtschaftlicher Not eine Universität, weil man erkannte, dass Bildung und Wissenschaft Voraussetzungen für eine bessere Zukunft waren. 2026 steht eine der berühmtesten Universitäten Europas unter einem Spardruck, der Teile eben dieses wissenschaftlichen Erbes gefährdet. Damals investierte ein geschwächter Staat in Wissen, um wieder stärker zu werden. Heute riskiert ein wohlhabendes Land den Verlust wissenschaftlicher Kompetenzen, um seine Haushaltsprobleme kurzfristig zu entschärfen. Dabei ist der Niedergang keineswegs zwangsläufig. Universitäten müssen sich verändern, neue Forschungsgebiete erschließen und überkommene Strukturen hinterfragen. Aber Erneuerung ist etwas anderes als Substanzverlust. Eine moderne Universität braucht künstliche Intelligenz, Datenwissenschaften und zukunftsorientierte Forschung. Sie braucht aber ebenso Geschichte, Philosophie, Archäologie, Sprachen und Theologie. Denn eine Gesellschaft, die nur noch erforscht, wie ihre Zukunft technisch gestaltet werden kann, aber das Wissen über ihre Vergangenheit verliert, wird irgendwann auch Schwierigkeiten haben, ihre Gegenwart zu verstehen.
Die Humboldt-Universität hat Kriege, Diktaturen, politische Umbrüche und die deutsche Teilung überstanden. Es wäre eine bittere Ironie der Geschichte, wenn ausgerechnet die Haushaltsplanung einer demokratischen Hauptstadt dazu beitrüge, ihr wissenschaftliches Profil dauerhaft auszuhöhlen.
Vielleicht sollte man sich in Berlin deshalb noch einmal mit Wilhelm von Humboldt beschäftigen. Nicht nur mit seinem Namen auf den Briefköpfen, sondern mit seinen Ideen. Eine Universität von Weltrang entsteht nicht dadurch, dass man ihr das Etikett „Exzellenz“ verleiht. Sie entsteht dadurch, dass eine Gesellschaft bereit ist, Wissen auch dann zu bewahren, wenn es sich nicht unmittelbar rechnet.
