Von der Bürgerrechtsbewegung zur Machtpartei: Was ist aus den Grünen geworden?

Von Petra Kelly und Gert Bastian über Otto Schily und Joschka Fischer bis zu den heutigen Koalitionsdebatten! Die Geschichte der Grünen erzählt von großen Idealen, politischen Widersprüchen und der schwierigen Frage, wie viel Veränderung eine Partei verträgt, ohne ihre Identität zu verlieren.

Was würde Petra Kelly heute wohl sagen?

Man stelle sich hypthetisch mal vor, Petra Kelly würde noch einmal den Deutschen Bundestag betreten. Nicht jenen Bundestag von 1983, in dem die ersten grünen Abgeordneten mit Blumen, Strickpullovern und unkonventionellen Vorstellungen die politische Landschaft umkrempelten, sondern das Parlament des Jahres 2026. Ob und wie würde sie ihre Partei wohl wiedererkennen?

Petra Kelly gehörte zu den prägendsten Figuren einer Bewegung, die mehr wollte, als lediglich eine weitere Partei im Bundestag zu werden. Es ging um Umweltschutz, Frieden, Menschenrechte, Gewaltfreiheit und eine neue politische Kultur. Politik sollte nicht länger ausschließlich von den etablierten Parteien bestimmt werden. Bürger sollten mitreden, Macht sollte kontrolliert und Entscheidungen sollten möglichst transparent getroffen werden. Die Grünen wollten nicht einfach mitregieren. Sie wollten verändern, wie regiert wird. Heute, mehr als vier Jahrzehnte später, stellt sich die Frage, was aus diesem Anspruch geworden ist.

Eine Partei, in der ein General und ein RAF-Verteidiger Platz fanden

Wer die Anfänge der Grünen betrachtet, entdeckt eine politische Vielfalt, die aus heutiger Sicht fast unglaublich erscheint. Da war Petra Kelly, die engagierte Pazifistin und Menschenrechtlerin. An ihrer Seite Gert Bastian, ein ehemaliger Generalmajor der Bundeswehr, der sich gegen das atomare Wettrüsten stellte. Da war Herbert Gruhl, ein früherer CDU-Bundestagsabgeordneter, der den Umweltschutz zu einer zentralen politischen Aufgabe machen wollte und da waren Otto Schily und Hans-Christian Ströbele, zwei Rechtsanwälte, die durch ihre Tätigkeit als Verteidiger von Mitgliedern der Roten Armee Fraktion bekannt geworden waren. Was für eine – heute würde man sagen absolut irre – politische Konstellation! Konservative Naturschützer, ehemalige Militärs, linke Anwälte, Feministinnen, Pazifisten und Bürgerrechtler fanden sich unter einem gemeinsamen politischen Dach zusammen. Nicht, weil sie in allem einer Meinung gewesen wären. Im Gegenteil, ihre Vorstellungen unterschieden sich teilweise fundamental. Doch sie verband die Überzeugung, dass die etablierten politischen Strukturen einer Erneuerung bedurften.

Allerdings wäre es falsch, die Gründungszeit nachträglich zu verklären. Schon damals wurde erbittert gestritten. Die bürgerlich-konservativen Kräfte um Herbert Gruhl verließen die Partei früh. Der Konflikt zwischen den sogenannten Fundis und Realos sollte die Grünen noch jahrelang beschäftigen. Die Spannungen, die wir heute beobachten, sind also keineswegs völlig neu.

Bündnis 90: Als aus Bürgerrechtlern Parteipolitiker wurden

Eine weitere Wurzel der heutigen Grünen wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig übersehen: die Bürgerrechtsbewegung der ehemaligen DDR. Während in Westdeutschland gegen Atomkraftwerke, Nachrüstung und gesellschaftliche Konventionen demonstriert wurde, kämpften Menschen jenseits der innerdeutschen Grenze für etwas, das im Westen längst selbstverständlich erschien, nämlich Meinungsfreiheit, freie Wahlen, Rechtsstaatlichkeit und das Recht, dem eigenen Staat offen widersprechen zu dürfen. Wer in der DDR oppositionell tätig war, riskierte weit mehr als eine verlorene Wahl oder eine schlechte Presse. Bespitzelung durch die Staatssicherheit, berufliche Benachteiligung, Verhöre und politische Haft waren reale Gefahren. Aus dieser Erfahrung heraus entstanden Bürgerbewegungen wie das „Neue Forum“, „Demokratie Jetzt“ und die Initiative „Frieden und Menschenrechte“. Sie trugen zur Friedlichen Revolution von 1989 bei und schlossen sich 1990 zum Wahlbündnis Bündnis 90 zusammen. Menschen wie Bärbel Bohley, Wolfgang Ullmann, Werner Schulz und Ulrike Poppe standen für unterschiedliche politische Vorstellungen, aber sie verband der Einsatz für demokratische Grundrechte. 1993 vereinigte sich Bündnis 90 mit den westdeutschen Grünen.

Damit trafen zwei politische Traditionen aufeinander, die zwar viele gemeinsame Ziele hatten, aber aus sehr unterschiedlichen historischen Erfahrungen hervorgegangen waren. Auf der einen Seite die westdeutsche Protestbewegung, die sich gegen die Strukturen einer parlamentarischen Demokratie auflehnte, um diese zu verändern. Auf der anderen Seite Menschen, die unter einer sozialistischen Diktatur gelebt und für die Errichtung einer freiheitlichen Demokratie gekämpft hatten. Diese Unterschiede waren mehr als eine historische Fussnote. Denn, wer selbst erlebt hat, wie eine Staatspartei die öffentliche Meinung kontrolliert, Oppositionelle einschüchtert und politische Macht monopolisiert, entwickelt möglicherweise einen anderen Blick auf staatliche Autorität und ideologische Gewissheiten. Gerade deshalb verdient die ostdeutsche Bürgerrechtstradition innerhalb der Geschichte von Bündnis 90/Die Grünen besondere Aufmerksamkeit. Was ist aus ihrem Verständnis von Meinungsfreiheit, politischem Pluralismus und dem Widerstand gegen staatliche Bevormundung geworden? Und welchen Einfluss hat diese Tradition heute noch auf die Entscheidungen der Partei?

Es sind Fragen, die sich nicht allein mit dem Hinweis auf veränderte Zeiten beantworten lassen, denn die Freiheit, für die viele Bürgerrechtler 1989 eintraten, war kein zeitgebundenes politisches Programm. Sie war der vielmehr der Anspruch auf grundlegende demokratische Rechte.

Otto Schily: Vom RAF-Verteidiger zum Innenminister

Kaum eine politische Biografie illustriert den Wandel jener Generation eindrucksvoller als die von Otto Schily. Der Rechtsanwalt, der einst Angeklagte aus dem Umfeld der RAF verteidigte, gehörte zu den prominenten Gründungsmitgliedern der Grünen. 1983 zog er für die neue Partei in den Bundestag ein. 1989 wechselte er zur SPD. Neun Jahre später wurde er unter Bundeskanzler Gerhard Schröder Bundesinnenminister. Aus dem Verteidiger von Angeklagten, denen schwerste Straftaten vorgeworfen wurden, war der oberste politische Verantwortliche für die innere Sicherheit der Bundesrepublik geworden. Die Ironie dieser Karriere ist kaum zu übersehen.

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 gehörte Schily zu den entschiedensten Befürwortern verschärfter Sicherheitsgesetze. Seine frühere politische Umgebung betrachtete manche seiner Entscheidungen mit erheblicher Skepsis. Eine solche Laufbahn wirft jedoch eine interessante Frage auf, nämlich, wie offen unsere politische Kultur heute noch für Menschen ist , deren Biografie nicht in ein eindeutiges ideologisches Schema passt?

Der erste grosse Bruch! Vom Pazifismus zum Kosovo-Krieg

Die vielleicht tiefgreifendste Bewährungsprobe erlebten die Grünen 1999. Unter der rot-grünen Bundesregierung von Gerhard Schröder beteiligte sich Deutschland am NATO-Einsatz gegen Jugoslawien. Joschka Fischer, einst eine zentrale Figur der Protestbewegung, war inzwischen Außenminister. Für eine Partei, deren politische Identität wesentlich durch die Friedensbewegung geprägt worden war, bedeutete dies eine historische Zäsur. Fischer begründete seine Haltung mit der Verantwortung, schwere Menschenrechtsverletzungen zu verhindern. Seine Gegner innerhalb der Partei sahen dagegen die Abkehr von einem grundlegenden pazifistischen Versprechen. Beide Seiten beriefen sich auf moralische Grundsätze und genau an dieser Stelle lag die Tragik dieses Konflikts. Was wiegt schwerer, der Verzicht auf militärische Gewalt oder die Verpflichtung, Menschen vor Gewalt zu schützen, notfalls auch mit militärischen Mitteln? Die Grünen entschieden sich damals mehrheitlich für die Regierungsverantwortung und die Unterstützung des Einsatzes. Der Streit darüber veränderte die Partei nachhaltig.

Von der Anti-Atomkraft-Bewegung zur Regierungsverantwortung

Auch in der Umwelt- und Energiepolitik zeigt sich, wie sehr sich die Grünen verändert haben. Aus der einstigen Protestpartei gegen Atomkraftwerke wurde eine politische Kraft, die selbst Verantwortung für die deutsche Energieversorgung übernahm. Mit der Regierungsverantwortung kamen die neue Frage, wie sich Klimaschutz mit Versorgungssicherheit vereinbaren lässt? Welche wirtschaftlichen Belastungen sind zumutbar? Und was geschieht, wenn ökologische Ziele mit sozialen Interessen kollidieren? Wer regiert, kann sich nicht dauerhaft darauf beschränken, Missstände anzuprangern. Er muss Entscheidungen treffen und deren Folgen verantworten. Diese Entwicklung ist nicht automatisch ein Verlust politischer Glaubwürdigkeit, sondern Ausdruck demokratischer Normalität. Doch je stärker sich eine Partei in die bestehenden Machtstrukturen integriert, desto schwieriger wird es, ihren ursprünglichen Anspruch aufrechtzuerhalten, grundsätzlich anders zu sein.

Minderheitenschutz! Gilt der Grundsatz für alle?

Eine weitere Bewährungsprobe liegt im Verhältnis zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Minderheiten. Die Grünen haben sich seit ihrer Gründung für Frauenrechte, sexuelle Selbstbestimmung und den Schutz vor Diskriminierung eingesetzt. Diese Anliegen gehören bis heute zu ihrem programmatischen Selbstverständnis. Doch gesellschaftliche Konflikte lassen sich nicht immer entlang einfacher politischer Lagergrenzen lösen. Wenn jüdische Bürger bedroht werden, homosexuelle Menschen wegen ihrer Lebensweise angefeindet oder Frauenrechte aus religiösen beziehungsweise weltanschaulichen Gründen infrage gestellt werden, muss sich eine Partei, die Minderheitenschutz zu ihren Grundwerten zählt, daran messen lassen, wie konsequent sie reagiert. Das gilt unabhängig davon, ob die Täter aus einem rechtsextremen, linksextremen, religiös-fundamentalistischen oder einem anderen Milieu stammen. Dabei muss zwischen legitimer Religionskritik und pauschaler Abwertung von Gläubigen ebenso unterschieden werden, wie zwischen berechtigter Kritik an der israelischen Regierung und antisemitischen Angriffen auf jüdische Menschen. Gerade eine Partei, die sich dem Schutz der Menschenrechte verpflichtet fühlt, sollte diese Unterschiede ernst nehmen.

Berlin 2026 – ein neuer Prüfstein!

Nach der Berliner Abgeordnetenhauswahl vom September 2026 stehen die Grünen erneut vor einer grundsätzlichen Frage. Die Linkspartei wurde stärkste Kraft. Gemeinsam mit SPD und Grünen werden Möglichkeiten einer neuen Regierungskoalition sondiert. Besonders umstritten ist der Umgang mit Antisemitismus und dem Nahostkonflikt. Die drei Parteien haben sich für ihre Gespräche auf gemeinsame Grundsätze verständigt, darunter die Bekämpfung von Antisemitismus, den Schutz jüdischen Lebens und die Anerkennung des Existenzrechts Israels. Innerhalb der Linkspartei stossen diese Vereinbarungen jedoch auf Widerstand. Kritiker einer solchen Koalition bezweifeln deshalb, ob die notwendigen gemeinsamen Grundlagen tatsächlich bestehen. Befürworter sehen dagegen die Möglichkeit, durch verbindliche Vereinbarungen demokratische Verantwortung zu übernehmen und problematische Positionen zurückzudrängen. Die entscheidende Frage lautet somit nicht einfach, ob Grüne und Linke miteinander regieren dürfen. Selbstverständlich dürfen demokratische Parteien Koalitionen bilden. Die Frage lautet vielmehr, welche Grundsätze sind für eine Zusammenarbeit unverzichtbar, und wie glaubwürdig werden sie im politischen Alltag durchgesetzt? Das wird sich nicht allein an Koalitionspapieren messen lassen, sondern am tatsächlichen politischen Handeln.

Die Grünen und die Versuchung der Macht

Jede erfolgreiche Protestbewegung steht irgendwann vor demselben Dilemma. Solange sie außerhalb der Regierung steht, kann sie grundsätzliche Forderungen erheben. Sobald sie Verantwortung übernimmt, muss sie Kompromisse schliessen. Die Grünen haben diesen Wandel besonders sichtbar durchlaufen. Sie sind von einer ausserparlamentarisch geprägten Bewegung zu einer etablierten Partei geworden, die auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene regiert hat und weiterhin regieren will. Dabei haben sie politische Erfolge erzielt, neue gesellschaftliche Themen in die Parlamente getragen und Veränderungen angestoßen, die ohne sie möglicherweise später gekommen wären. Gleichzeitig haben sie aber frühere Positionen aufgegeben, verändert oder neu interpretiert. Das allein beweist keinen Verrat an den eigenen Idealen. Aber es rechtfertigt die Frage, nach welchen Maßstäben diese Veränderungen beurteilt werden sollen. Denn politische Glaubwürdigkeit entsteht nicht dadurch, dass eine Partei ihre Grundsätze niemals verändert. Sie entsteht dadurch, dass sie nachvollziehbar erklärt, warum sie ihre Haltung verändert, und dass sie ihre grundlegenden Werte auch dann verteidigt, wenn dies politisch unbequem wird.

Was bleibt von Petra Kelly?

Petra Kelly starb 1992 und erlebte weder die erste rot-grüne Bundesregierung, noch die späteren militärischen und gesellschaftspolitischen Grundsatzentscheidungen ihrer Partei. Niemand kann wissen, welche Positionen sie heute vertreten würde. Doch ihr politisches Wirken erinnert an einen Anspruch, der weit über einzelne Sachfragen hinausgeht. Für sie war klar, dass Menschenrechte, Frieden und persönliche Freiheit nicht bloß politische Schlagworte sein sollten, sondern verbindliche Massstäbe des Handelns. Und genau hier liegt darin die eigentliche Herausforderung für die Grünen des Jahres 2026. Nicht darin, die Welt von 1980 wiederherzustellen. Die Gesellschaft hat sich verändert, ebenso die politischen und internationalen Herausforderungen, sondern darin, sich zu fragen, welche Überzeugungen auch nach Jahrzehnten der Regierungsverantwortung unverzichtbar geblieben sind.

Petra Kelly wollte die Politik verändern. Die Frage ist, wie sehr die Politik inzwischen jene Partei verändert hat, die sie einst mit so grossen Hoffnungen mitbegründete!