Was wir zweimal täglich in den Mund nehmen, jedoch kaum hinterfragen

Wir lesen Zutatenlisten, kaufen Bio-Gemüse, diskutieren über Pestizide, Konservierungsstoffe, Mikroplastik und künstliche Aromen. Manche Menschen achten inzwischen akribisch darauf, was auf ihren Teller kommt. Und dann stehen wir morgens im Badezimmer, drücken einen Streifen Zahncreme auf die Bürste und stecken ihn uns in den Mund. Das jeden Tag, meist zweimal und jahrzehntelang! Kaum jemand dreht vorher die Tube um. Dabei lohnt sich gerade hier ein zweiter Blick.

Unser Mund ist keine versiegelte Eingangshalle

Die Mundhöhle ist mit Schleimhaut ausgekleidet. Sie schützt uns, ist aber keine undurchlässige Kunststofffolie. Besonders eindrucksvoll sieht man das unter der Zunge. Hebt sie einmal vor dem Spiegel an! Die Schleimhaut dort ist dünn und unmittelbar darunter erkennt man die Blutgefäße. Dieser Bereich wird medizinisch als sublingual bezeichnet, das heißt unter der Zunge.

Bestimmte Stoffe können sich im Speichel lösen, die Schleimhaut passieren und in die darunterliegenden Blutgefäße gelangen. Sie erreichen damit den Kreislauf, ohne zunächst Magen und Darm durchlaufen zu müssen. Auch die sogenannte erste Leberpassage wird bei dieser Art der Aufnahme zunächst umgangen.

Die Medizin nutzt genau diesen Weg. Das klassische Beispiel ist Nitroglycerin bei Angina pectoris. Der Wirkstoff wird unter die Zunge gegeben, weil er dort schnell aufgenommen werden kann. Das funktioniert allerdings längst nicht mit jedem Stoff. Ob und wie viel über die Mundschleimhaut aufgenommen wird, hängt unter anderem von Molekülgröße, Fett- und Wasserlöslichkeit, Konzentration, pH-Wert und Kontaktzeit ab. Die Behauptung „Alles aus der Zahncreme geht direkt ins Blut“ wäre deshalb falsch.

Aber die gegenteilige Vorstellung, „ich spucke die Zahncreme aus, also gelangt nichts davon in meinen Körper“, ist ebenfalls zu einfach.

Zwei Minuten sind nicht nichts

Eine Zahncreme befindet sich beim Putzen eine ganze Weile im Mund. Sie kommt mit Zahnfleisch, Zunge, Wangen- und Mundschleimhaut in Kontakt. Ein Teil wird anschließend ausgespuckt, ein Teil kann verschluckt werden. Jedoch rechnen wir hier nicht in Minuten, sondern in Jahren.

Zweimal am Tag sind rund 730 Anwendungen im Jahr. In zehn Jahren sind es mehr als 7.000. In fünfzig Jahren mehr als 36.000 Anwendungen. Plötzlich sieht die Frage etwas anders aus. Es geht dabei nicht darum, aus einer einzelnen Anwendung eine Vergiftung zu konstruieren. Es geht um etwas viel Einfacheres, nämlich um die Frage was ich regelmäßig und über Jahrzehnte mit meiner Mundschleimhaut in Kontakt bringen möchte?

Und dann kommt Fluorid

Kaum ein Bestandteil unserer täglichen Zahnpflege wird so kontrovers diskutiert. Fluorid ist biologisch aktiv. Und genau deshalb lohnt es sich, nicht nur darüber zu sprechen, was ein Stoff bewirken soll, sondern ebenso über Dosis, Aufnahmeweg und Gesamtbelastung.

Denn eine dauerhaft zu hohe Fluoridaufnahme kann unerwünschte Wirkungen haben. Bekannt ist beispielsweise die Zahnfluorose während der Zahnentwicklung, weil bei wesentlich höheren chronischen Belastungen eine Skelettfluorose entstehen kann.

In den vergangenen Jahren ist außerdem die Frage stärker in den Mittelpunkt gerückt, ob eine hohe Fluoridexposition während Schwangerschaft und Kindheit Auswirkungen auf die neurologische Entwicklung haben könnte. Dabei muss man allerdings genau unterscheiden. Ergebnisse aus Bevölkerungsgruppen mit hoher Fluoridbelastung lassen sich nicht einfach auf jede Form und jede Dosis der Fluoridexposition übertragen. Jedoch darf, beziehungsweise muss Fragen stellen.

Speziell bei einem Stoff, mit dem Menschen schon sehr früh in ihrem Leben in Berührung kommen, müssen Fragen erlaubt sein.

Fluorid kommt nicht nur aus der Zahncreme

Bei dieser Diskussion wäre es zu kurz gedacht, ausschließlich auf die Zahncremetube zu schauen. Entscheidend ist schließlich nicht nur eine einzelne Quelle, sondern die Frage, wie viel Fluorid ein Mensch insgesamt aufnimmt.

In Deutschland wird beispielsweise fluoridiertes Speisesalz angeboten. Nicht jedes Salz enthält Fluorid. Wer jedoch auf der Packung „Jodsalz mit Fluorid“ liest, hat damit eine zusätzliche Fluoridquelle auf dem Tisch.

Auch Trinkwasser kann natürlicherweise Fluorid enthalten. Wichtig ist dabei eine Unterscheidung. In Deutschland findet keine flächendeckende künstliche Fluoridierung des Trinkwassers statt. Die natürlichen Fluoridgehalte können jedoch je nach Region und Wasserquelle unterschiedlich sein. Hinzu kommen Lebensmittel und Getränke sowie, abhängig von den persönlichen Gewohnheiten, weitere fluoridhaltige Produkte.

Und damit verändert sich für mich die Fragestellung. Es geht nicht mehr allein darum, wie viel Fluorid in einer Zahncreme steckt. Es geht um die Summe der Fluoride aus verschiedenen Quellen.

Denn, wenn Fluorid tatsächlich in den Körper aufgenommen wurde, spielt für die Gesamtmenge letztlich keine Rolle, ob es ursprünglich aus Trinkwasser, Nahrung, fluoridiertem Salz, einer Tablette oder verschluckter Zahncreme stammt. Genau deshalb interessiert mich die Gesamtbelastung.

Wenn ein Stoff über verschiedene Wege in meinen Körper gelangen kann, möchte ich zumindest wissen, welche dieser Wege ich selbst beeinflussen kann.

Und dann darf für mich auch die Frage erlaubt sein: Wenn ich Fluorid ohnehin über Nahrung und möglicherweise über mein Trinkwasser aufnehme, möchte ich es dann zusätzlich jeden Morgen und jeden Abend mit meiner Zahncreme in den Mund geben?

Wir bekamen Fluorid schon als Babys

Viele meiner Generation und noch mehr unsere Kinder kennen die Fluoretten. Bereits Babys bekamen Fluorid, häufig zusammen mit Vitamin D. Als Mutter stellte man diese Empfehlung damals kaum infrage. Man wollte schließlich das Beste für sein Kind. Also gab man die Tablette. Heute schaue ich auf solche Dinge differenzierter. Nicht, weil ich rückwirkend Angst verbreiten möchte. Und auch nicht, weil jede damalige Empfehlung deshalb falsch gewesen sein muss, sondern weil ich gelernt habe, dass man fragen muss, ob ein Säugling diesen Stoff tatsächlich braucht ? Wie viel davon nimmt er insgesamt auf? Und was wissen wir heute, was wir damals vielleicht noch nicht wussten?

Medizinisches Wissen entwickelt sich weiter. Empfehlungen verändern sich. Was gestern selbstverständlich erschien, kann heute differenzierter betrachtet werden. Das ist kein Grund für Misstrauen gegenüber Wissenschaft, aber es ist ein Grund, aufmerksam zu bleiben.

„Aber die Menge ist doch winzig“

Dieses Argument begegnet uns bei vielen Alltagsprodukten und manchmal stimmt es vollkommen.

Die Dosis spielt in der Toxikologie eine entscheidende Rolle. Ein Stoff ist nicht allein deshalb gefährlich, weil sein Name chemisch klingt. Und etwas ist nicht automatisch ungefährlich, nur weil es aus der Natur stammt. Auch Wasser kann in extremer Menge gefährlich werden ebednso wie Kochsalz.

Deshalb halte ich wenig von Angst vor Zutatenlisten, aber ich halte aber genauso wenig von blindem Vertrauen. Wenn ich einen Stoff täglich verwende, darf ich fragen, weshalb er enthalten ist. Ich darf fragen, welche Menge davon mit meinem Körper in Berührung kommt. Ich darf nach Alternativen suchen und ich darf für mich entscheiden, dass ich einen bestimmten Stoff nicht verwenden möchte.

Weniger kann eine Entscheidung sein

Ich habe diese Entscheidung für meine Zahnpflege getroffen. Ich putze meine Zähne mit einer einfachen Mischung aus AlpsPure Gel und Bio-Kokosöl im Verhältnis 1:1 und etwas feinem Salz.

Das ist meine persönliche Zahnpflege und keine medizinische Empfehlung an andere. Ich erwähne sie trotzdem, weil sie meine grundsätzliche Haltung beschreibt, nämlich dass ich wissen möchte , was ich täglich verwende!

Aber auch hier gilt, dass „natürlich“ ist für mich kein Freibrief ist. Auch natürliche Substanzen können ungeeignet sein. Entscheidend ist nicht das schöne Etikett, sondern was ein Stoff tatsächlich bewirkt.

Fluorid ist jedoch gar nicht die wichtigste Frage

Vielmehr liegt die viel größere Frage in unserer Selbstverständlichkeit. Morgens Tube auf, Bürste darunter, putzen, ausspucken, fertig. Wir hinterfragen unser Brot, unser Trinkwasser, unsere Kosmetik, Waschmittel, Sonnencreme und mittlerweile sogar die Beschichtung unserer Bratpfanne und warum nicht unsere Zahncreme?

Nehmt eure Tube heute Abend einmal in die Hand und dreht sie um und lest die Inhaltsstoffe. Sucht nach etwas, was ihr noch nicht kennt. Fragt euch jedoch bei jedem Stoff nicht sofort: „Ist das giftig?“ Das wäre nämlich zu einfach. Fragt vielmehr, warum ist dieser Stoff darin? Was macht er? Wie viel davon kommt regelmäßig mit meinem Körper in Kontakt? Brauche ich ihn? Und möchte ich ihn zweimal täglich in meinem Mund haben?

Danach kann jeder seine eigene Entscheidung treffen. Ich habe meine getroffen, denn für mich beginnt Gesundheit nicht erst beim Arzt. Sie beginnt vielmehr bei den kleinen Dingen, die wir jeden einzelnen Tag tun!