Unser Körper kennt keine Fertigpizza

Ernährung zwischen Evolution und Supermarkt

Wir essen Erdbeeren im Januar, Spargel im Dezember und Mahlzeiten, deren Zutatenliste länger ist als das Rezept, das wir zum Selberkochen bräuchten. Wir nennen das Fortschritt. Aber ist es wirklich Fortschritt, oder haben wir uns einfach nur daran gewöhnt, dass die Lebensmittelindustrie uns das Kochen, Denken und irgendwann vielleicht sogar das Kauen abnimmt?

Unser Supermarkt ist ein Schlaraffenland. Zu jeder Jahreszeit gibt es nahezu alles. Tomaten im Winter, Trauben im Frühjahr, Erdbeeren zu Weihnachten. Ein Griff in die Tiefkühltruhe, ein paar Minuten Mikrowelle und fertig ist das Abendessen. Wir haben unsere Ernährung unglaublich bequem gemacht. Nur unser Körper hat offenbar vergessen, sich im gleichen Tempo weiterzuentwickeln.

Unser Stoffwechsel ist älter als der Supermarkt

Der Mensch, wie wir ihn heute kennen, ist das Ergebnis einer sehr langen Entwicklung. Über den weitaus größten Teil dieser Zeit gab es keine Lebensmittelindustrie, keine Fertiggerichte, keine Lieferdienste und keinen Supermarkt. Gegessen wurde, was vorhanden war. Und vorhanden war vor allem das, was die Natur gerade hervorbrachte.

Beeren gab es, wenn Beeren reif waren. Nüsse und Samen mussten gesammelt werden. Wurzeln, Kräuter, Wildpflanzen, Gemüse und Früchte wechselten mit den Jahreszeiten. Fleisch und Fisch standen je nach Lebensraum und Verfügbarkeit auf dem Speiseplan. Heute hat sich dieses Verhältnis geradezu grotesk umgekehrt.

Unsere Vorfahren mussten Kalorien suchen. Heute müssen wir ihnen ausweichen!

Sie mussten sich bewegen, um Nahrung zu bekommen. Wir fahren mit dem Auto zum Supermarkt, stellen uns auf den Parkplatz möglichst nahe am Eingang und kaufen anschließend Produkte, auf deren Verpackung uns erklärt wird, dass sie Teil einer ausgewogenen Ernährung seien. Manchmal besitzt die Moderne durchaus Humor.

Lebensmittel oder Industrieprodukt?

Menschen verarbeiten Nahrung seit Jahrtausenden. Brotbacken, Käseherstellung, Fermentieren, Trocknen, Räuchern und Einkochen sind uralte Kulturtechniken. Die Verarbeitung ist also keineswegs automatisch etwas Schlechtes.

Aber schauen wir uns einmal manche Zutatenlisten heutiger Produkte an: verschiedene Zuckerarten, modifizierte Stärke, Aromen, Emulgatoren, Stabilisatoren, Farbstoffe, Bindemittel und diverse verarbeitete Fette. Manches Produkt besteht aus einer derartigen Anzahl von Zutaten, dass man sich unwillkürlich fragt:

Will ich das essen oder damit die Küche renovieren?

Natürlich ist nicht jede E-Nummer Gift. Das zu behaupten, wäre Unsinn. Zusatzstoffe werden geprüft, Konservierung verhindert Verderb und moderne Lebensmitteltechnik hat viel zur Lebensmittelsicherheit beigetragen.

Aber darum geht es gar nicht. Die entscheidende Frage lautet jedoch,warum wir überhaupt eine derart aufwendige technische Konstruktion benötigen, um uns zu ernähren?

Eine Möhre braucht keinen Emulgator, ein Apfel keinen Farbstoff, eine Kartoffel keinen Geschmacksverstärker und ein Ei muss mir auf seiner Verpackung nicht erklären, dass es ein Ei ist.

Wir sind wohl satt, aber sind wir auch gut ernährt?

Noch nie war Nahrung in unseren Breiten so sicher und reichlich verfügbar. Das ist eine große Errungenschaft. Gleichzeitig gehören hier Übergewicht und verschiedene Stoffwechselerkrankungen zu den großen Gesundheitsproblemen unserer Zeit. Viele Menschen leiden außerdem unter Allergien oder Unverträglichkeiten.

Deren Ursachen sind komplex. Es wäre unseriös, Fertiggerichte oder einzelne Zusatzstoffe dafür allein verantwortlich zu machen. Aber wir sollten uns auch nicht dümmer stellen, als wir sind, denn eine Ernährung mit einem hohen Anteil hochverarbeiteter Lebensmittel wird von der Wissenschaft zunehmend kritisch betrachtet. Viele dieser Produkte liefern reichlich Energie und sind so zusammengesetzt, dass sie ausgesprochen leicht und angenehm zu essen sind.

Unser Körper trifft damit auf eine Situation, die evolutionär betrachtet ziemlich neu ist, nämlich über Nahrung im Überfluss, rund um die Uhr und ohne nennenswerten Aufwand zu verfügen.

Der Organismus, der über lange Zeiträume darauf ausgerichtet war, mit wechselndem Nahrungsangebot zurechtzukommen und verfügbare Energie effizient zu nutzen, lebt plötzlich zwischen Kühlschrank, Snackautomat, Tankstellenshop und Lieferdienst. Das kann man Fortschritt nennen, aber man muss sich auch fragen, ob unser Körper darüber genauso begeistert ist,  wie die Lebensmittelindustrie.

Die Lebensmittelindustrie verkauft nicht nur Nahrung

Hier sollten wir uns nichts vormachen: Ein Lebensmittelkonzern produziert seine Produkte nicht in erster Linie, damit wir möglichst gesund 100 Jahre alt werden. Er möchte sie verkaufen. Das ist legitim, denn Unternehmen müssen Geld verdienen. Daraus folgt jedoch auch, dass wir die Verantwortung für unsere Ernährung nicht an die Verpackungsindustrie delegieren sollten.

Ein Produkt soll schmecken, gut aussehen, lange haltbar sein, problemlos transportiert werden können und uns im Idealfall so gut gefallen, dass wir es wieder kaufen. Die Natur kennt diese Marketingabteilung nicht.

Der Apfelbaum interessiert sich herzlich wenig dafür, ob sein Apfel im Supermarktregal perfekt aussieht. Die Möhre wächst auch krumm, die Kartoffel besitzt Flecken und eine Tomate muss nicht wochenlang aussehen, als wäre sie gerade vom Feld gekommen. Wir dagegen haben uns daran gewöhnt, Natur nur noch dann schön zu finden, wenn sie industriellen Normen entspricht.

Der krumme Apfel ist nicht das Problem. Vielmehr ist unsere Erwartung inzwischen krumm geworden.

Saison? Was war das noch einmal?

Früher bestimmten die Jahreszeiten selbstverständlich mit, was auf den Tisch kam. Heute bestimmt es der Supermarkt. Wir können im Dezember Erdbeeren kaufen. Wir können auch Obst und Gemüse um die halbe Welt transportieren, damit wir zu jeder Jahreszeit möglichst wenig davon bemerken, dass es überhaupt noch Jahreszeiten gibt. Die spannendere Frage ist jedoch, warum wir das eigentlich müssen?

Gerade jetzt im September ist unser Tisch reich gedeckt: Äpfel, Birnen, Pflaumen, Brombeeren, Kürbis, Zucchini, Bohnen, Möhren, Rote Bete, Kohl und Salate. Wir müssen dafür keine exotischen Ernährungsratgeber lesen. Die Natur hat den Speiseplan bereits geschrieben und sie verändert ihn alle paar Monate kostenlos!

Regional ist keine rückständige Idee

Regionalität wird gelegentlich behandelt, als sei sie eine romantische Vorstellung für Menschen, die samstags mit einem Weidenkorb über den Wochenmarkt laufen. Ich sehe das anders.

Wer Lebensmittel aus seiner Umgebung kauft, bekommt wieder eine Vorstellung davon, wo Essen eigentlich herkommt. Die Kartoffel wächst nicht im Netzbeutel, Milch entsteht nicht im Tetrapak und Äpfel wachsen erstaunlicherweise auch dann, wenn kein Aufkleber auf ihnen klebt. Regional einzukaufen bedeutet nicht, dass nie wieder eine Orange oder Banane auf den Tisch darf. Wir müssen aus Ernährung keine Glaubensgemeinschaft machen. Aber warum sollten wir Lebensmittel Tausende Kilometer transportieren, wenn zur gleichen Zeit hervorragende Produkte vor unserer Haustür wachsen?

Das vergessene Lebensmittel wächst am Wegesrand

Und dann gibt es noch etwas, das regionaler und saisonaler kaum sein könnte, nämlich unsere Wildpflanzen.

Wir haben erstaunlich viel Wissen darüber verloren, was auf unseren Wiesen, an Waldrändern und teilweise direkt im eigenen Garten wächst. Brennnessel, Löwenzahn, Giersch, Vogelmiere, Knoblauchsrauke oder Gänseblümchen! Vieles, was wir heute achtlos als „Unkraut“ bezeichnen, wurde früher ganz selbstverständlich als Nahrungsmittel, Würzkraut oder traditionell als Hausmittel genutzt.

Heute mähen wir manches davon ab oder reißen es aus und fahren anschließend in den Supermarkt, um abgepackten Salat oder ein weitgereistes „Superfood“ zu kaufen.

Eigentlich ist das ziemlich verrückt.

Junge Brennnesseln lassen sich beispielsweise ähnlich wie Spinat verwenden, Giersch kann Salate, Suppen und Kräutergerichte bereichern, Löwenzahn bringt seine charakteristischen Bitterstoffe mit und Gänseblümchen können einen Salat ergänzen. Wildpflanzen bringen Geschmacksrichtungen auf den Teller, die aus unserer modernen Küche weitgehend verschwunden sind. Aber Wildpflanzen verlangen etwas, das uns keine Fertigpackung abnimmt, nämlich Wissen!

Ich sollte nur essen, was ich zweifelsfrei bestimmen kann. Gesammelt wird nicht am stark befahrenen Straßenrand, nicht auf möglicherweise gespritzten Flächen und nicht an Stellen, die offensichtlich verunreinigt sind. Manche Pflanzen sind giftig, andere besitzen giftige Doppelgänger, und auch eine essbare Pflanze ist nicht automatisch für jeden Menschen und jede Menge geeignet. Es geht also nicht darum, wahllos Grünzeug vom Wegesrand zu pflücken. Es geht darum, altes Wissen wieder neu zu entdecken und zu lernen.

Wer Wildpflanzen kennenlernt, sieht seine Umgebung irgendwann mit anderen Augen. Aus „Unkraut“ wird plötzlich eine Pflanze mit Namen. Eine Wiese ist kein anonymer grüner Teppich mehr, sondern eine kleine Welt aus unterschiedlichen Arten, Gerüchen und Geschmäckern. Und einen unschlagbaren Vorteil haben diese Lebensmittel, nämlich: Regionaler als die Brennessel hinter dem eigenen Gartenzaun geht es nun wirklich nicht!

Selbst kochen ist beinahe schon rebellisch

Damit sind wir bei der vielleicht einfachsten Antwort auf all das, nämlich wieder selbst kochen.

Nicht drei Stunden täglich, nicht kompliziert und schon gar nicht nach irgendwelchen Regeln selbst ernannter Ernährungsgurus. Kartoffeln, Gemüse, Kräuter, Butter oder ein gutes Öl. Ein Salat. Ein Ei. Fisch. Eine Suppe aus dem, was gerade vorhanden ist. Und warum nicht einmal ein paar selbst gesammelte Wildkräuter dazu? Wer selbst kocht, entscheidet selbst, was er isst. Genau deshalb ist Kochen in einer Welt industriell vorgefertigter Nahrung fast schon ein kleiner Akt der Unabhängigkeit. Ich brauche keinen Lebensmittelkonzern, der entscheidet, wie viel Zucker, Salz, Aroma oder Verdickungsmittel mein Abendessen benötigt. Ich entscheide das selbst.

Nicht zurück in die Steinzeit, sondern zurück zum gesunden Menschenverstand

Ich möchte keineswegs zurück in irgendeine romantisch verklärte Vergangenheit. Unsere Vorfahren hatten keine perfekte Ernährung. Sie kannten Hunger, Mangelernährung und verdorbene Lebensmittel. Moderne Landwirtschaft, Kühlung, Hygiene und Lebensmitteltechnik haben enorme Fortschritte gebracht. Aber Fortschritt bedeutet doch nicht, dass wir jeden technischen Fortschritt auch täglich essen müssen.

Wir haben Ernährung inzwischen so kompliziert gemacht, dass wir das Naheliegende übersehen, nämlich kaufen, was gerade wächst. Möglichst aus der Umgebung. Wieder entdecken, was die Natur uns zusätzlich bietet. Lebensmittel wählen, die noch als Lebensmittel erkennbar sind. Wieder häufiger selbst kochen. Und Fertigprodukte zu dem machen, was sie sein sollten, nämlich eine gelegentliche bequeme Lösung und keinesfalls das Fundament unserer Ernährung.

Unser Körper ist keine Maschine, die wir mit irgendeiner beliebigen Mischung aus Kalorien und Zusatzstoffen betanken können. Er ist das Ergebnis einer sehr langen Evolution. Während wir innerhalb weniger Generationen Supermärkte, Tiefkühlpizza, Lieferdienste und hochverarbeitete Lebensmittel zu selbstverständlichen Begleitern unseres Alltags gemacht haben, hat sich unsere Biologie nicht im gleichen Tempo verändert. Deshalb ist es an der Zeit, nicht ständig neue Ernährungstrends zu erfinden, sondern uns an etwas sehr Altes zu erinnern, nämlich dass die Natur keine Zutatenliste. Sie liefert vielmehr Zutaten.

Und wir müssen wieder lernen, etwas daraus zu machen!