Die Sirenen heulen längst. Doch während andere Nationen bereits handeln, diskutieren wir noch darüber, ob überhaupt ein Feuer ausgebrochen ist. Vielleicht ist genau das unsere größte Gefahr.
Volkswagen ist nicht die Krise. Volkswagen ist die Warnung.
Die heutige Schlagzeile, die in allen Medien zu lesen ist, lässt aufhorchen. Volkswagen plant den Abbau von bis zu 100.000 Arbeitsplätzen. Werke stehen vor der Schließung. Für viele ist das nur eine weitere schlechte Nachricht aus der deutschen Industrie. Doch wer darin lediglich die Krise eines einzelnen Unternehmens erkennt, verkennt die Dimension dessen, was sich gerade vor unseren Augen vollzieht. Volkswagen ist nicht das Problem, Volkswagen ist das Symptom. Wir erleben den Beginn einer technologischen Revolution, deren Wucht selbst jene überrascht, die sich seit Jahren mit künstlicher Intelligenz, Robotik und Automatisierung beschäftigen. Was jahrzehntelang schrittweise verlief, beschleunigt sich plötzlich in einem Tempo, das unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft und unseren Arbeitsmarkt grundlegend verändern wird.
Die Frage lautet längst nicht mehr, ob diese Revolution kommt, sie ist bereits da. Während wir noch über einzelne Industriearbeitsplätze diskutieren, entstehen weltweit vollkommen neue Wertschöpfungsketten. Künstliche Intelligenz übernimmt Wissensarbeit. Roboter ersetzen Routinetätigkeiten. Produktionsprozesse organisieren sich zunehmend selbst. Verwaltung, Logistik, Entwicklung, Kundenservice und selbst kreative Berufe verändern sich in rasantem Tempo. Das ist weder gut noch schlecht, es ist Realität, die sich nicht aufhalten lässt. Und genau deshalb ist Nichtstun keine Option.
Deutschland darf sich den Luxus des Stillstand nicht mehr leisten.
Deutschland besitzt nach wie vor enormes Potenzial. Hervorragende Ingenieure, brillante Wissenschaftler, innovative Unternehmer und einen starken industriellen Kern. Doch all das genügt nicht mehr, wenn wir unsere Energie in endlosen ideologischen Grabenkämpfen, parteipolitischen Reflexen und immer neuen bürokratischen Verfahren verlieren. Die Zeit der kleinen Korrekturen ist endgültig vorbei. Reförmchen reichen nicht mehr, kosmetische Veränderungen reichen nicht mehr, Absichtserklärungen reichen nicht mehr!
Wenn Europas größter Industriekonzern in dieser Größenordnung Arbeitsplätze abbaut, dann müssen überall im Land die Sirenen schrillen und das nicht nur in Wolfsburg. Ob im Bundestag, in den Staatskanzleien, in den Ministerien, in den Gewerkschaften und in den Unternehmenszentralen, der Weckruf muss bei allen ankommen. Und ebenso in den Universitäten, Berufsschulen und Forschungseinrichtungen, denn diese Entwicklung betrifft uns alle.
Manche sehen jedoch bereits einen Hoffnungsschimmer. Es gibt Berichte, wonach chinesische Automobilhersteller Interesse an frei werdenden Produktionsstandorten in Deutschland haben könnten, um dort Fahrzeuge für den europäischen Markt zu fertigen. Selbst wenn sich solche Pläne verwirklichen sollten, wäre dies kein Garant für den Erhalt der heutigen Arbeitsplätze. Wer glaubt, dass lediglich der Name am Werkstor ausgetauscht werden müsse und anschließend zehntausende Beschäftigte wie bisher weiterarbeiten könnten, glaubt an den Storch, der die Kinder bringt, oder an den Osterhasen und unterschätzt die technologische Revolution, die sich gerade vollzieht. Die modernen Fabriken der Zukunft entstehen nicht mehr nach den Maßstäben des vergangenen Jahrhunderts. Sie werden konsequent auf Automatisierung ausgelegt. Roboter übernehmen immer mehr Fertigungsschritte und autonome Transportsysteme versorgen die Produktionslinien. Künstliche Intelligenz plant, überwacht und optimiert Prozesse in Echtzeit. Wo früher hunderte Menschen arbeiteten, genügen künftig oft deutlich weniger hochqualifizierte Fachkräfte. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wem die Fabriken morgen gehören, sondern wie schaffen wir den Übergang in eine Wirtschaft, in der Wertschöpfung zunehmend durch Technologie entsteht und menschliche Arbeit sich grundlegend verändert? Wer diese Frage nicht beantwortet, diskutiert über den Eigentümer eines Gebäudes, während sich die gesamte industrielle Architektur bereits neu erfindet.
Jetzt muss alles auf den Prüfstand.
Auch wenn es dramatisch klingt oder ob wir es wollen oder nicht, jetzt geht es um das wirtschaftliche Überleben. Da haben Denkverbote und ideologische Scheuklappen definitiv keinen Platz. Rücksichtnahme auf parteipolitische Eitelkeiten, Tabus, persönliche Verletzungen udgl. müssen in dieser dramatischen Lage definitiv ausgeblendet werden. Es gilt, die bestmöglichen Kräfte zu bündeln. Unsere Bildungslandschaft, unsere Energiepolitik, unsere Steuer- und Abgabenstruktur und unsere Verwaltung bedürfen einer grundsätzlichen Neuausrichtung. Unsere Genehmigungsverfahren, unsere Forschungsförderung und unsere Sozial- und Wirtschaftssysteme, alles, muss überarbeitet werden. Nicht weil alles falsch ist, sondern weil sich die Welt schneller verändert als unsere Strukturen. Wer heute glaubt, einzelne Stellschrauben nachzujustieren, wird morgen feststellen, dass sich die Maschine bereits grundlegend verändert hat.
Wir brauchen keine neuen Arbeitsgruppen
Deutschland leidet nicht an einem Mangel an Papieren, nicht an Strategien, nicht an Kommissionen, nicht an Gipfeltreffen und nicht an Absichtserklärungen. Wir leiden daran, dass wir Probleme häufig unendlich lang analysieren, während andere sie bereits lösen. Wir brauchen jetzt die innovativsten Köpfe dieses Landes, Ingenieure, Naturwissenschaftler, Unternehmer, Softwareentwickler, Mittelständler, Praktiker, Visionäre und Menschen, die gestalten wollen. Sie sollen keinesfalls danach ausgewählt, welchem Parteibuch sie angehören, sondern danach, was sie können. Deutschland muss dringendst wieder lernen, Exzellenz über Ideologie zu stellen, Leistung über Bürokratie, Innovation über Besitzstandswahrung und Tempo über Verwaltungsroutine.
Die Zeit der Ausreden ist vorbei.
Es geht längst nicht mehr um den Erfolg eines einzelnen Unternehmens. Es geht um die Zukunft des Industriestandortes Deutschland, um Millionen Arbeitsplätze, unseren Wohlstand und um die Chancen der nächsten Generation. Die Welt wartet nicht auf Deutschland. Andere Nationen investieren mit enormem Tempo in künstliche Intelligenz, Robotik, Quantentechnologien, Halbleiter und moderne Bildungssysteme. Währenddessen diskutieren wir oft noch so, als hätten wir Jahrzehnte Zeit, die wir nicht haben. Die Geschichte ist brutal. Die Geschichte kennt Momente, in denen sich Entwicklungen über Jahrzehnte ankündigen und dann innerhalb weniger Jahre alles verändern. Genau einen solchen Moment erleben wir jetzt. Noch besitzen wir die Kraft, daraus gestärkt hervorzugehen, obwohl die Uhr bereits 10 nach 12 anzeigt! Aber nur, wenn wir endlich den Mut finden, Gewissheiten zu hinterfragen, Verantwortung zu übernehmen und entschlossen zu handeln. Nicht irgendwann, nicht nach der nächsten Wahl, nicht nach der nächsten Kommission, sondern jetzt! Denn die Sirenen heulen bereits. Die einzige Frage die zur zeit noch gilt ist, sind wir bereit hinzuhören!
