Neue Völker, neue Welten

Die lange Geschichte des Imperialismus – Teil 3

Handelskompanien, Kanonenboote und der Griff nach Asien

Handelskompanien, Kanonenboote und der Griff nach Asien. Nicht immer marschierten Armeen zuerst ein.Oft kamen Händler, Verträge und Handelsstützpunkte. Die Soldaten folgten später.

Wenn Handel zur Macht wird

Während Spanien und Portugal große Teile Amerikas unter ihre Kontrolle brachten, verlagerte sich der Schwerpunkt des europäischen Imperialismus im 17. Jahrhundert zunehmend nach Asien. Dort warteten keine unerschlossenen Kontinente, sondern hochentwickelte Reiche mit Millionen von Einwohnern, jahrhundertealten Traditionen und florierenden Handelsnetzwerken. Europa begehrte vor allem eines: Gewürze, Tee, Seide, Porzellan und später Baumwolle. Besonders die begehrten Gewürze der Molukken – Muskat, Nelken und Pfeffer – versprachen enorme Gewinne. Während Spanien vor allem Gold und Silber suchte, waren für die Portugiesen die Gewürzinseln Südostasiens von strategischer Bedeutung. Der Kampf um diese Handelswege sollte die Welt verändern.

Die Sehnsucht nach dem Osten

Lange bevor europäische Kanonenboote vor den Küsten Asiens auftauchten, war der Osten bereits ein Ort der Sehnsucht, des Reichtums und der Legenden. Einer der bekanntesten Reisenden jener Zeit war Marco Polo aus der italienischen Handelsrepublik Venedig. Im 13. Jahrhundert bereiste er über die Seidenstraße weite Teile Asiens und erreichte schließlich den Hof des mongolischen Herrschers Kublai Khan in China. Seine Reiseberichte eröffneten vielen Europäern erstmals einen Blick auf die gewaltigen Reiche des Ostens. Er berichtete von großen Städten, fremden Kulturen, wertvollen Gewürzen, Seide, Porzellan und einem Wohlstand, der die Vorstellungskraft vieler Menschen überstieg. Ob alle seine Schilderungen exakt der Realität entsprachen, wird bis heute diskutiert. Doch ihre Wirkung war unbestreitbar. Sie weckten in Europa die Vorstellung, dass im Osten ungeheure Reichtümer zu finden seien.

Venedig wurde dadurch zu einem der wichtigsten Handelszentren Europas. Über seine Häfen gelangten Gewürze, Stoffe und Luxusgüter aus Asien auf den europäischen Markt. Der Handel mit dem Osten machte die Lagunenstadt zu einer der wohlhabendsten und mächtigsten Städte ihrer Zeit. Als später das Osmanische Reich wichtige Handelswege kontrollierte und die Preise für asiatische Waren stiegen, begannen europäische Seefahrernationen nach neuen Routen zu suchen. Die Portugiesen segelten um Afrika, die Spanier suchten einen westlichen Weg nach Indien und stießen dabei auf Amerika. So führten die Geschichten eines venezianischen Kaufmanns indirekt mit dazu, dass Europa seinen Blick immer weiter nach Osten richtete – und schließlich begann, dort nicht nur Handel zu treiben, sondern politischen und militärischen Einfluss auszuüben.

Die Geburt der Handelsimperien

Grundsätzlich neu war zu dieser Zeit, dass nicht mehr allein Könige und Staaten diese Expansion anführten, sondern private Handelsorganisationen übernahmen hier die Initiative. Die bekanntesten waren hier:

  • die Niederländische Ostindien-Kompanie
  • die Britische Ostindien-Kompanie

Diesen Unternehmen wurden von ihren Regierungen weitreichende Rechte eingeräumt. Sie durften damals

  • Verträge abschließen
  • Steuern erheben
  • Festungen bauen
  • eigene Armeen unterhalten
  • Kriege führen

Aus heutiger Sicht erscheint das kaum mehr vorstellbar. Doch damals entstanden dadurch wirtschaftliche Machtgebilde, die größer und einflussreicher waren als viele Staaten ihrer Zeit.

Indien – das Kronjuwel des britischen Empire

Besonders deutlich zeigte sich dies in Indien. Die Britische Ostindien-Kompanie begann als Handelsunternehmen. Doch Schritt für Schritt übernahm sie immer größere Gebiete. Lokale Herrscher wurden gegeneinander ausgespielt, Bündnisse geschlossen und wieder gebrochen. Erst nach dem großen indischen Aufstand von 1857 übernahm schließlich die britische Krone direkt die Kontrolle. Indien wurde zum wichtigsten Besitz des Britischen Empires. Von dort flossen Rohstoffe, Baumwolle, Tee und enorme Steuereinnahmen nach Großbritannien. Gleichzeitig entstanden Eisenbahnen, Verwaltungsstrukturen und moderne Infrastrukturen, allerdings vor allem im Interesse der Kolonialmacht. Viele Inder empfanden die britische Herrschaft daher weniger als Entwicklungshilfe, sondern als Fremdherrschaft.

China und die Opiumkriege

Noch drastischer zeigte sich die Schattenseite des Imperialismus in China. Die Europäer wollten chinesische Waren kaufen. China hingegen hatte wenig Interesse an europäischen Produkten. Dadurch entstand für das britische Empire entstand ein großes Handelsdefizit. Die Lösung dieses Problems war von heutiger Sicht betrachtet wirklich bemerkenswert. Britische Händler exportierten Opium aus Indien nach China. Als die chinesische Regierung versuchte, den Drogenhandel zu unterbinden, regierte das britische Empire militärisch. In den Opiumkriegen des 19. Jahrhunderts wurde China zur Öffnung seiner Häfen gezwungen. In diesem Zusammenhang fiel auch die Stadt Hongkong an das britische Empire. In der Folge sicherten sich auch weitere europäische Mächte Handelsprivilegien und Einflusszonen. Für viele Chinesen begann damit das, was bis heute als das „Jahrhundert der Erniedrigung“ bezeichnet wird.

Japan – das Land, das den Spieß umdrehte

Auch Japan geriet im 19. Jahrhundert unter den Druck der europäischen Mächte und der Vereinigten Staaten. Über Jahrhunderte hatte sich das Inselreich weitgehend von der Außenwelt abgeschottet. Der Kontakt mit Ausländern war stark eingeschränkt, um den Einfluss fremder Mächte und Religionen zu begrenzen. 1853 erschien jedoch eine amerikanische Flotte unter Commodore Matthew Perry vor der japanischen Küste. Mit modernen Kriegsschiffen zwang sie Japan zur Öffnung seiner Häfen für den internationalen Handel. Viele Japaner erkannten damals, dass ihrem Land das gleiche Schicksal drohen könnte wie China oder anderen asiatischen Staaten. Doch Japan reagierte anders. Mit der sogenannten Meiji-Restauration begann ab 1868 eine umfassende Modernisierung des Landes. Verwaltung, Bildung, Industrie und Militär wurden nach westlichem Vorbild reformiert. Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich Japan von einem feudalen Inselstaat zu einer modernen Industrienation.

Der Erfolg war so groß, dass Japan schon bald selbst zur regionalen Großmacht aufstieg. Im Krieg gegen China 1894/95 und gegen Russland 1904/05 errang Japan überraschende Siege und demonstrierte der Welt, dass erstmals eine asiatische Nation eine europäische Großmacht militärisch besiegen konnte. Doch mit dem Aufstieg wuchs auch der eigene Machtanspruch. Japan begann, selbst Kolonien zu erwerben und seinen Einfluss in Korea, der Mandschurei und anderen Teilen Ostasiens auszubauen. Damit wurde aus einem Land, das einst dem Imperialismus widerstanden hatte, schließlich selbst eine imperialistische Macht. Somit war der Imperialismus war nicht mehr ausschließlich ein europäisches Phänomen. Japan zeigt, dass wirtschaftliche Stärke, technischer Fortschritt und militärische Macht fast überall ähnliche politische Versuchungen hervorrufen können.

Während China die Erfahrung fremder Dominanz machte, hatte sich Japan für einen anderen Weg entschieden. Das Land modernisierte sich in atemberaubender Geschwindigkeit und wurde selbst zu einer Großmacht. Damit zeigte sich, dass Imperialismus nicht an eine bestimmte Kultur oder Nation gebunden war, sondern oft dort entstand, wo wirtschaftliche, technologische und militärische Überlegenheit auf politische Ambitionen traf.

Missionierung und Moral

Wie bereits bei der Eroberung Amerikas, spielte auch in Asien die Religion eine wichtige Rolle. Missionare begleiteten Kaufleute und Kolonialverwaltungen. Viele waren überzeugt, Bildung, Medizin und den christlichen Glauben zu verbreiten. Wie auch bei der amerikanischen Eroberung wurden gleichzeitig lokale Traditionen, Religionen und kulturelle Identitäten zurückgedrängt. Dabei wurde komplett übersehen, dass diese Kulturen in vielen Bereichen den unseren zumindest ebenbürtig waren. Der Imperialismus wurde oft mit dem Anspruch gerechtfertigt, andere Völker zu „zivilisieren“ zu wollen. Welche Überheblichkeit! Sie war jedoch ein prägendes Element der damaligen Zeit.

Die Industrialisierung verändert alles

Im 19. Jahrhundert erhielt der Imperialismus zusätzlichen Schub. Die Industrialisierung erhöhte den Bedarf an:

  • Rohstoffen
  • Absatzmärkten
  • Handelswegen

Dampfmaschinen, Eisenbahnen und moderne Kriegsschiffe ermöglichten es europäischen Staaten, ihren Einfluss immer weiter auszudehnen. Der technologische Vorsprung wurde zum entscheidenden Machtfaktor. Handel und militärische Stärke verschmolzen zunehmend miteinander.

Was bleibt?

Der Imperialismus in Asien war komplexer als die Eroberung Amerikas. Er beruhte häufig weniger auf unmittelbarer Besiedlung als auf wirtschaftlicher Kontrolle, politischem Einfluss und strategischen Handelswegen. Doch die Folgen wirken bis heute nach. Viele Konflikte, Grenzziehungen und Machtstrukturen in Asien lassen sich ohne diesen Abschnitt der Geschichte kaum verstehen. Die eigentliche Hochphase des Imperialismus sollte allerdings erst noch kommen. Im 19. Jahrhundert begann der Wettlauf Europas um einen ganzen Kontinent. Es ging um Afrika!

Ausblick auf Teil 4

Der Wettlauf um Afrika

Wie europäische Mächte innerhalb weniger Jahrzehnte nahezu den gesamten afrikanischen Kontinent unter sich aufteilten, mit Lineal, Verträgen und ohne die Menschen zu fragen, die dort lebten.