Die Rückkehr der Dotcom-Euphorie?

SpaceX, OpenAI und die Frage, ob wir gerade die nächste Spekulationsblase erleben

SpaceX, OpenAI und andere Zukunftsunternehmen erreichen Bewertungen in astronomischen Höhen. Anleger träumen von Marskolonien, künstlicher Intelligenz und einer neuen technologischen Revolution. Doch erinnern die Billionenbewertungen mehr an die Zukunft – oder an die letzten Monate vor dem Platzen der Dotcom-Blase?

Wenn Visionen plötzlich mehr wert sind als Gewinne

Mit dem Börsengang von SpaceX erlebt die Finanzwelt einen historischen Moment. Das Unternehmen von Elon Musk wird mit rund 1,8 Billionen US-Dollar bewertet und gehört damit auf Anhieb zu den wertvollsten Unternehmen der Welt. Die Nachfrage nach den Aktien ist enorm. Viele Anleger sehen in SpaceX nicht nur ein Unternehmen, sondern den Wegbereiter einer neuen Ära der Menschheit. Doch genau an diesem Punkt beginnt die Geschichte interessant zu werden. Denn ähnliche Argumente waren bereits vor 25 Jahren zu hören. Damals genügte das Wort „Internet“, um Investoren in Begeisterung zu versetzen. Gewinne spielten kaum eine Rolle. Umsätze waren zweitrangig. Entscheidend war die Vision einer revolutionären Zukunft. Heute nun heißen die Zauberworte:

  • Künstliche Intelligenz
  • Weltraumwirtschaft
  • Marskolonisierung
  • Orbital-Rechenzentren
  • Menschheit als multiplanetare Spezies

Die Geschichte wiederholt sich zwar nicht, aber sie reimt sich.

Eine Bewertung jenseits klassischer Maßstäbe

Natürlich ist SpaceX kein Luftschloss. Das Unternehmen verfügt über reale Technologien, reale Infrastruktur und reale Kunden. Starlink versorgt Millionen Menschen weltweit mit Internetzugang. Raketenstarts für Regierungen und Unternehmen gehören längst zum Tagesgeschäft. Ohne Zweifel hat SpaceX die Raumfahrtindustrie revolutioniert. Trotzdem wirft die Bewertung Fragen auf. Selbst bei optimistischen Annahmen bewegt sich die Börsenbewertung inzwischen in Dimensionen, die sich mit klassischen Bewertungsmodellen kaum noch erklären lassen. Ein erheblicher Teil des Unternehmenswertes basiert nicht auf heutigen Erträgen, sondern auf Erwartungen an eine Zukunft, die noch gar nicht existiert. Und genau hier beginnt das Risiko!

Der Mars zahlt keine Dividende

Gemäß Elon Musks großer Vision soll der Mensch zu einer multiplanetaren Spezies werden. So faszinierend diese Idee auch sein mag, sie muss sich an der ökonomischen Realität messen lassen. Denn aus Sicht der Investoren stellen sich ganz zentrale Frage:

Wann entstehen daraus tatsächlich Gewinne und wie sind die zu quantifizieren?

Marskolonien erzeugen kurzfristig und mittelfristig keine Cashflows und Weltraum-Rechenzentren existieren bisher überwiegend als Konzept. Der Aufbau einer Infrastruktur außerhalb der Erde wird gewaltige Investitionen verschlingen, lange bevor daraus nachhaltige Erträge entstehen können. Viele Anleger investieren daher weniger in bestehende Geschäftsmodelle, als in Hoffnungen auf eine ferne Zukunft. Das muss nicht falsch sein. Doch es ist die Spekulation par excellence!

Der nächste Billionen-Börsengang wartet bereits

SpaceX könnte erst der Anfang sein. Mit OpenAI steht bereits das nächste Unternehmen in den Startlöchern, dessen Bewertung in Regionen vordringt, die noch vor wenigen Jahren unvorstellbar erschienen. Auch andere KI-Unternehmen sammeln Milliardenbeträge ein und werden von Investoren mit Bewertungen bedacht, die häufig weit schneller steigen, als ihre tatsächlichen Gewinne. Die Argumentation, dass die Technologie die Welt verändern wird, mag zwar durchaus stimmen. Auch die Eisenbahn, das Internet und das Smartphone haben die Welt verändert. Nicht jede Aktie dieser Revolutionen wurde deshalb automatisch zu einer guten Investition. Im Gegenteil: Die Dot-Com-Euphorie, beziehungsweise das Platzen dieser Blase hat uns schmerzhaft vor Augen geführt, dass auch die modernsten Technologien und der größtmögliche Hype es nicht schaffen, die ökonomischen Gesetze außer Kraft zu setzen.

Wenn die Euphorie die Analyse ersetzt

Besonders bemerkenswert ist eine Entwicklung, die in den letzten Jahren immer stärker geworden ist:
In den letzten Jahren hat eine Entwicklung stattgefunden, die sich laufend verstärkt hat. Immer mehr Kleinanleger werden aktiv in solche Börsengänge eingebunden. Über moderne Broker-Apps können heute Millionen Menschen innerhalb weniger Minuten Anteile an Unternehmen erwerben, deren Geschäftsmodelle selbst erfahrene Analysten nur schwer bewerten können. Grundsätzlich ist das als absolut positiv zu bewerten. Der Vermögensaufbau sollte nicht nur institutionellen Investoren vorbehalten sein. Problematisch wird es jedoch dann, wenn Begeisterung die Analyse ersetzt. Wie viele Anleger können tatsächlich beurteilen, ob eine Bewertung von 1,8 Billionen Dollar für SpaceX wirklich gerechtfertigt ist? Wie viele können Geschäftsberichte analysieren, Risiken bewerten oder langfristige Ertragsmodelle nachvollziehen? Viele Entscheidungen werden heute nicht aufgrund von Fundamentaldaten getroffen, sondern aus Angst, die nächste große Chance zu verpassen. Die Börse hat dafür einen eigenen Begriff: FOMO – Fear of Missing Out.

Gerade Elon Musk besitzt die außergewöhnliche Fähigkeit, Menschen für seine Visionen zu begeistern. Das ist vermutlich seine größte unternehmerischen Stärke. Doch eine faszinierende Vision ist nicht automatisch eine gute Investition. Wenn Hoffnungen wichtiger werden als Bilanzen, beginnt eine gefährliche Phase für jeden Markt.

Die Lehre aus der Dotcom-Blase

Die Dotcom-Blase platzte nicht deshalb, weil das Internet gescheitert wäre. Im Gegenteil! Das Internet veränderte die Welt stärker, als sich die meisten Menschen damals vorstellen konnten. Der Fehler lag nicht in der Technologie, sondern in den Bewertungen. Im Klartext hieß das, dass die Anleger bereits im Jahr 2000 die Gewinne der nächsten zwanzig Jahre bezahlten. Viele Unternehmen gingen später tatsächlich erfolgreich ihren Weg. Doch die Aktienkurse mussten zunächst dramatisch fallen, um wieder in ein vernünftiges Verhältnis zur Realität zu gelangen. Genau diese Gefahr besteht immer dann, wenn Erwartungen schneller wachsen als Erträge.

Fazit

Möglicherweise steht SpaceX tatsächlich am Beginn eines neuen industriellen Zeitalters und Menschen werden eines Tages auf dem Mars leben. Das kann sein, muss aber nicht! Mit großer Sicherheit wird künstliche Intelligenz die Produktivität der Menschheit vervielfachen. All das ist möglich und zumindest teilweise sogar wahrscheinlich. Die entscheidende Frage lautet jedoch nicht, ob diese Visionen eintreten. Die kardinale Frage jedoch lautet:

Wie viel davon ist heute bereits im Kurs eingepreist?

Denn an der Börse genügt es nicht, recht zu haben. Man muss auch den richtigen Preis bezahlen. Und genau daran erinnern große Spekulationsblasen die Menschheit immer wieder. Wenn Taxifahrer, Friseure und Rentner plötzlich über Raumfahrtbewertungen diskutieren, sollte man vielleicht weniger zum Himmel schauen – und etwas genauer auf die Bilanz. Die Zukunft kann großartig sein. Trotzdem kann eine Aktie zu teuer sein, manchmal sogar sehr teuer!