Europa braucht nicht mehr Macht, sondern ein anderes Betriebssystem!

Wenn die Supermächte schwächeln, eröffnet sich Europa eine historische Chance. Doch ist die Europäische Union überhaupt in der Lage, sie zu nutzen?

Der Krieg gegen Iran verändert zur Zeit die geopolitischen Kräfteverhältnisse markant. Die USA stoßen bei dem Versuch, politische Ziele militärisch durchzusetzen, an bisher kaum gekannte Grenzen. China erlebt, wie verletzlich seine Energieversorgung und seine internationalen Handelswege sind. Doch aus Schwierigkeiten zweier Supermächte entsteht nicht automatisch die Stärke einer dritten.

In einem bemerkenswerten Gastkommentar argumentieren der frühere deutsche Außenminister Sigmar Gabriel und der Geopolitikberater Peter Eitel, Europa müsse seine Organisation grundlegend überdenken, um in einer Welt geschwächter Großmächte handlungsfähig zu bleiben. Ihre Überlegungen verdienen Aufmerksamkeit. Vor allem aber führen sie zu der entscheidenden Frage, ob Europa tatsächlich zu schwach oder lediglich falsch organisiert ist?

Was hat Europa mit einem Betriebssystem gemeinsam?

Ein Computer kann über einen leistungsfähigen Prozessor, reichlich Arbeitsspeicher und modernste Programme verfügen. Doch wenn sein Betriebssystem die vorhandenen Ressourcen schlecht verwaltet, bleibt die Leistung weit hinter den Möglichkeiten zurück. Ähnlich verhält es sich mit Europa. Seine Wirtschaft, seine Wissenschaft, seine Unternehmen und seine Menschen bilden die leistungsfähige Hardware. Die europäischen Institutionen, Entscheidungswege und Zuständigkeiten sind gewissermaßen das Betriebssystem. Und genau dort entstehen häufig die Probleme, nicht, weil die vorhandene Leistung fehlt, sondern ihre wirksame Koordination.

Ein wirtschaftlicher Riese mit politischen Fesseln

Die Europäische Union verfügt über einen der größten Binnenmärkte der Welt, hochentwickelte Industrien, bedeutende Forschungseinrichtungen und enormes wirtschaftliches Potenzial. Trotzdem gelingt es ihr häufig nicht, diese Ressourcen in gemeinsame politische Handlungsfähigkeit umzusetzen. 27 Mitgliedstaaten verfolgen unterschiedliche Interessen. Nationale Zuständigkeiten überschneiden sich mit europäischen Kompetenzen. Entscheidungen durchlaufen komplizierte Verfahren, während wirtschaftliche Entwicklungen längst neue Realitäten schaffen. Allerdings verlangt die EU keineswegs überall Einstimmigkeit. In vielen Politikbereichen entscheidet sie bereits mit qualifizierter Mehrheit. Gerade in sensiblen Bereichen, wie der Außenpolitik können nationale Vetorechte jedoch gemeinsame Positionen blockieren. Das Problem ist also nicht allein die Anzahl der Mitgliedstaaten, sondern die Frage, welche Entscheidungen auf welcher Ebene getroffen werden müssen.

Das Holdingmodell – eine Anregung aus der Wirtschaft

Gabriel und Eitel ziehen einen interessanten Vergleich zur Unternehmenswelt. Große internationale Konzerne haben erfahren, dass die zentrale Steuerung sämtlicher Geschäftsbereiche schwerfällig und kostspielig werden kann. Eine mögliche Antwort darauf ist die Holdingstruktur. Dabei übernimmt eine übergeordnete Gesellschaft strategische Aufgaben, während rechtlich eigenständige Tochterunternehmen weitgehend selbstständig wirtschaften. Sie können schneller auf ihre Märkte reagieren, eigene Schwerpunkte setzen und Entscheidungen dort treffen, wo die notwendige Sachkenntnis vorhanden ist. Die Holding sorgt für die gemeinsame Ausrichtung, ohne jeden einzelnen Vorgang selbst zu steuern. Warum sollte Europa nicht stärker nach einem vergleichbaren Prinzip funktionieren? Gemeinsame Regeln für den Binnenmarkt, koordinierte Verteidigung und strategische Infrastruktur könnten auf europäischer Ebene organisiert werden. Andere Aufgaben verblieben dort, wo sie effizienter und bürgernäher erledigt werden können. Natürlich sind demokratische Staaten keine Tochtergesellschaften, und die EU-Kommission ist kein Konzernvorstand. Doch die organisatorische Grundidee verdient Aufmerksamkeit: gemeinsame Stärke durch strategische Koordination und dezentrale Verantwortung. Gerade Europas unterschiedliche wirtschaftliche, kulturelle und politische Traditionen könnten eine Stärke sein, sofern sie nicht ständig in ein einziges Organisationsschema gepresst werden.

Die Lösung steht teilweise längst in den Verträgen

Besonders bemerkenswert ist, dass die EU bereits über Instrumente verfügt, um flexibler zu handeln. Artikel 20 des EU-Vertrags erlaubt eine sogenannte verstärkte Zusammenarbeit. Mindestens neun Mitgliedstaaten können unter bestimmten Voraussetzungen bei einem gemeinsamen Vorhaben vorangehen, wenn eine Lösung aller Mitgliedstaaten nicht innerhalb angemessener Zeit erreichbar ist. Dieses Instrument ist zwar an rechtliche Bedingungen gebunden und keineswegs für jede Aufgabe geeignet, aber die grundsätzliche Möglichkeit besteht! Am 6. Oktober 2026 kündigte die Europäische Kommission sogar an, festgefahrene Vorhaben daraufhin zu prüfen, ob sie durch verstärkte Zusammenarbeit vorangebracht werden könnten. Warum also erscheint die organisatorische Beweglichkeit Europas noch immer wie eine revolutionäre Idee, wenn wesentliche Voraussetzungen längst geschaffen wurden?

Föderalismus statt Zentralismus?

Ein Blick auf die Schweiz zeigt, dass gemeinsame Handlungsfähigkeit und weitreichende regionale Eigenständigkeit kein Widerspruch sein müssen. 26 Kantone verfügen über erhebliche Kompetenzen. Gleichzeitig existieren gemeinsame Institutionen, ein einheitlicher Wirtschaftsraum und verbindliche bundesstaatliche Regeln. Natürlich lässt sich ein Bundesstaat nicht unmittelbar mit der Europäischen Union vergleichen. Die Schweiz besitzt eine gemeinsame Verfassung und andere politische Entscheidungsstrukturen. Doch das zugrunde liegende Prinzip ist interessant: Was gemeinsam geregelt werden muss, wird gemeinsam geregelt. Was vor Ort besser entschieden werden kann, bleibt dort. Dieses Subsidiaritätsprinzip ist auch in den europäischen Verträgen verankert. Die entscheidende Frage lautet jedoch, wie konsequent es tatsächlich umgesetzt wird.

Europas Chance beginnt im Inneren

Europa muss nicht darauf warten, dass Washington oder Peking an Einfluss verlieren. Es könnte bereits heute seine wirtschaftlichen Hindernisse abbauen, grenzüberschreitende Investitionen erleichtern, Genehmigungsverfahren beschleunigen und strategische Projekte konsequenter koordinieren. Gleichzeitig braucht es bei Verteidigung, Energieversorgung und kritischer Infrastruktur eine Zusammenarbeit, die nicht bei politischen Absichtserklärungen stehen bleibt. Mehr Eigenständigkeit bedeutet dabei nicht zwangsläufig mehr Zentralisierung. Ebenso wenig garantiert eine lockere Zusammenarbeit bessere Ergebnisse. Entscheidend sind klare Zuständigkeiten, demokratische Kontrolle und überprüfbare Verantwortung. Auch unterschiedliche Integrationsstufen könnten neue Perspektiven eröffnen, nicht nur innerhalb der EU, sondern ebenso für europäische Partner außerhalb ihrer Grenzen.

Die eigentliche historische Chance

Die Schwächung anderer Mächte ist noch kein europäischer Erfolg. Sie kann sogar neue Unsicherheiten schaffen, denen Europa bislang unzureichend gewachsen ist. Der entscheidende Maßstab sollte deshalb nicht sein, wie viel Macht Brüssel erhält, sondern wie wirksam Europa seine gemeinsamen Interessen vertreten kann. Dafür braucht die Europäische Union keine neuen Institutionen, sondern zunächst eine grundlegende Überprüfung ihrer bestehenden Strukturen. Europa fehlt es nicht an Größe, Wissen oder wirtschaftlicher Kraft. Es fehlt ihm zu häufig an der Fähigkeit, daraus entschlossenes Handeln zu machen.

Oder anders gesagt: Ein Computer wird nicht schneller, indem man immer neue Programme installiert, während sein Betriebssystem die vorhandene Leistung blockiert. Europa sollte deshalb nicht nur über seine Rolle als geopolitische Macht diskutieren. Es sollte endlich sein Betriebssystem modernisieren.


Angeregt durch den Gastkommentar „Wenn die USA und China schwächeln“ von Peter Eitel und Sigmar Gabriel, Project Syndicate, 2026.