Jahrzehntelang konnte die deutsche Automobilindustrie ihre hohen Produktionskosten durch technische Überlegenheit und Markenprestige rechtfertigen. Mit dem Elektroauto ändern sich die Spielregeln grundlegend. Jetzt entscheidet die Produktivität über die Zukunft einer ganzen Industrie.
74 Euro gegen 12 Euro! Eine erschreckende Rechnung
In der Diskussion bei Markus Lanz vom 22.10.2026 über die Zukunft von Volkswagen standen Zahlen im Raum, die das ganze Ausmaß des Problems verdeutlichen. Nach einer veröffentlichten internen VW-Kostenrechnung kostet eine Fertigungsarbeitsstunde im Werk Emden 74 Euro, im chinesischen Tianjin dagegen lediglich 12 Euro. Die ausgewiesenen Fabrikkosten je Fahrzeug betragen 4.850 Euro in Emden und 1.078 Euro in Tianjin. Gleichzeitig produziert Tianjin rechnerisch 51,3 Fahrzeuge pro Mitarbeiter und Jahr, Emden nur 29.
Die Werke produzieren unterschiedliche Fahrzeuge. Die Zahlen sind deshalb kein direkter Vergleich identischer Modelle. Aber sie zeigen, wie gewaltig die strukturellen Kostenunterschiede geworden sind. Wie lange kann eine Industrie mit solchen Kostennachteilen im internationalen Wettbewerb bestehen? Genau das ist hier und heute die Gretchenfrage schlechthin!
Das Erfolgsmodell der Vergangenheit
Jahrzehntelang bestand die Antwort auf die Frage nach dem Erfolgsmodell stets mit überragenden Produkten! Mercedes, BMW, Audi und Porsche verkauften nicht einfach Autos. Sie verkauften deutsche Ingenieurskunst, leistungsfähige Motoren, präzise Getriebe, höchste Qualität und vor allem Prestige! Wer einen deutschen Premiumwagen kaufte, akzeptierte einen erheblichen Preisaufschlag. Dieser ermöglichte hohe Löhne, großzügige Sozialleistungen und vergleichsweise teure Produktionsstandorte. Deutschland musste nicht der günstigste Hersteller sein. Es genügte, zu den begehrtesten zu gehören. Dieses Geschäftsmodell war außerordentlich erfolgreich. Doch seine Voraussetzungen verändern sich gerade dramatisch.
Das Elektroauto kennt keinen deutschen Erfinderbonus
Mit dem Elektroantrieb verlieren wesentliche traditionelle Wettbewerbsvorteile an Bedeutung. Ein Elektromotor ist konstruktiv wesentlich einfacher als ein moderner Verbrennungsmotor. Komplexe Getriebe, aufwendige Abgasreinigung und jahrzehntelang perfektionierte Einspritztechnik werden teilweise überflüssig. Stattdessen bestimmen Batterietechnologie, Software, Elektronik, Ladeleistung und digitale Integration zunehmend den Wert eines Fahrzeugs. Und ausgerechnet hier hat China eine beeindruckende industrielle Stellung aufgebaut. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur entfielen 2025 rund 70 Prozent der weltweiten Elektroautoproduktion auf China. Bei Batteriezellen lag der chinesische Anteil sogar über 80 Prozent. Deutsche Premiumhersteller bauen weiterhin hervorragende Elektroautos. Doch der technische Abstand zur Konkurrenz ist nicht nur geschrumpft. Vielmehr macht es den Anschein, dass Deutschland bereits überholt wurde. Chinesische Hersteller können heute Fahrzeuge anbieten, die in vielen Bereichen technisch mindestens konkurrenzfähig und gleichzeitig deutlich günstiger sind. Der deutsche Markenname allein reicht nicht mehr, um jeden Preisaufschlag zu rechtfertigen.
Wenn der Preisaufschlag verschwindet, muss die Produktivität steigen
Hier liegt der eigentliche Kern des Problems. Solange ein Hersteller für sein Produkt einen deutlich höheren Preis erzielen kann, lassen sich höhere Produktionskosten wirtschaftlich verkraften. Schwindet dieser Preisvorteil, bleibt nur eine grundlegende Verbesserung der Kostenstruktur und das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig niedrigere Löhne. Deutschland muss vielmehr seine industrielle Stärke dort einsetzen, wo sie den größten Nutzen verspricht. Bei Automatisierung, Robotik, künstlicher Intelligenz, intelligenten Produktionssystemen und konsequenter Standardisierung hat Deutschland noch Potentiale, die darauf warten, erschlossen, beziehungsweise abgerufen zu werden. Eine hochautomatisierte Fabrik kann auch in einem Hochlohnland wettbewerbsfähig produzieren, wenn die Produktivität entsprechend hoch ist. Doch dafür müssen Produktionsprozesse grundlegend neu gedacht werden. Weniger Modellkomplexität, gemeinsame Plattformen, kürzere Entwicklungszeiten und ein wesentlich höherer Automatisierungsgrad sind keine Luxusprojekte mehr. Sie werden zur nackten Überlebensfrage!
China wartet nicht auf Deutschland
Ein besonders gefährlicher Irrtum wäre die Annahme, Deutschland müsse lediglich den heutigen chinesischen Produktionsstandard erreichen. Denn auch China automatisiert weiter. Die Internationale Energieagentur stellt fest, dass die Kosten der Batterieproduktion in Europa und den USA ohne staatliche Unterstützung noch bis zu 50 Prozent über denen Chinas liegen. Wesentliche Ursachen sind Unterschiede bei Fertigungseffizienz, Automatisierung sowie Material- und Komponentenkosten. Der Konkurrent von morgen wird also nicht der chinesische Hersteller von heute sein. Deutschland muss eine bewegliche Zielmarke erreichen. Zudem gilt es zu bedenken, dass Robotik und Automatisierung erhebliche Investitionen benötigen. Wer gleichzeitig Milliarden für die Erhaltung nicht mehr wettbewerbsfähiger Strukturen ausgibt, dem fehlen möglicherweise genau diese Mittel für den technologischen Umbau.
Subventionen ersetzen keine Wettbewerbsfähigkeit
Politisch ist die Versuchung groß, bestehende Arbeitsplätze möglichst lange zu erhalten. Staatliche Förderung, Kaufprämien und Schutzmaßnahmen können kurzfristig helfen. Aber sie beseitigen keinen strukturellen Produktivitätsrückstand. Auch Zölle können ausländische Konkurrenz verteuern. Sie machen ein deutsches Auto jedoch nicht automatisch günstiger in der Herstellung, provozieren jedoch beim Partner vermutlich schmerzhafte Gegenzölle. Dies kann und darf nicht im Interesse des ehemaligen Exportweltmeisters liegen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, wie viele Arbeitsplätze sich durch politische Maßnahmen vorübergehend sichern lassen, sondern sie muss lauten, wie viele wettbewerbsfähige Fahrzeuge kann ein deutscher Produktionsstandort künftig mit welchem Einsatz von Arbeit, Kapital und Energie herstellen? Dabei wird es aber auch sehr unangenehme und unbequeme Antworten geben! Höhere Automatisierung bedeutet, dass für die gleiche Produktionsmenge weniger menschliche Arbeitsstunden benötigt werden. Doch die Alternative wäre wesentlich dramatischer! Das hieße dann nicht, weniger Beschäftigte pro Fahrzeug, sondern überhaupt keine Fahrzeugproduktion mehr am Standort Deutschland.
Die Konzerne könnten überleben, die Standorte jedoch nicht
Genau liegt hier die größte Gefahr, die in der öffentlichen Debatte komplett unterschätzt wird. Volkswagen, Mercedes oder BMW könnten auch dann noch erfolgreiche internationale Unternehmen sein, wenn ein wachsender Teil ihrer Fahrzeuge außerhalb Deutschlands entwickelt und produziert würde. Für die deutschen Beschäftigten, Zulieferer, Kommunen und Industrieregionen wäre das allerdings ein völlig anderes Szenario. Der Verlust industrieller Wertschöpfung würde weit über die Automobilwerke hinausreichen. Ebenso würde es Maschinenbau, Werkzeugbau, Chemie, Logistik und zahlreiche mittelständische Zulieferer betreffen. Das heisst im Klartext, die deutschen Automarken stehen nicht zwingend vor dem Aus. Gefährdet ist vielmehr Deutschland als bedeutender Automobilproduktionsstandort.
Die entscheidende Frage
Deutschland hat bewiesen, dass es hochkomplexe Maschinen besser bauen kann, als viele seiner Wettbewerber. Jetzt muss es beweisen, dass es diese Kompetenz auch für die industrielle Produktion der Zukunft einsetzen kann. Die hohen deutschen Löhne sind nicht automatisch das Problem. Problematisch werden sie erst, wenn ihnen keine entsprechend hohe Wertschöpfung und Produktivität gegenüberstehen. Der Premiumbonus hat diese Differenz jahrzehntelang überdeckt. Im Elektrozeitalter ist dieser Bonus nicht mehr gegeben. Die Zukunft der deutschen Automobilindustrie entscheidet sich deshalb nicht allein daran, wie lange noch Verbrennungsmotoren gebaut werden dürfen. Sie entscheidet sich daran, ob wir Fahrzeuge der nächsten Generation in Deutschland zu international wettbewerbsfähigen Kosten produzieren können. Gelingt das nicht, könnten Mercedes, BMW und Volkswagen auch in 30 Jahren noch existieren. Nur eben mit immer weniger Automobilproduktion in Deutschland.
Jetzt ist gemeinsame Verantwortung gefragt
Der notwendige Umbau der deutschen Automobilindustrie darf nun nicht zum Stellungskrieg zwischen Arbeitgebern, Gewerkschaften und Politik werden. Dafür steht zu viel auf dem Spiel. Die Unternehmensführungen müssen den Mut aufbringen, überkommene Strukturen infrage zu stellen, konsequent in Automatisierung und neue Technologien zu investieren und ihre Beschäftigten auf diesem Weg mitzunehmen. Die Gewerkschaften ihrerseits müssen anerkennen, dass Arbeitsplätze langfristig nicht durch das Festhalten an bisherigen Produktionsmethoden gesichert werden können. Ihre Aufgabe wird zunehmend darin bestehen, den Wandel sozialverträglich mitzugestalten, Qualifizierung einzufordern und die Beschäftigten an den Produktivitätsgewinnen zu beteiligen. Und die Politik muss endlich Rahmenbedingungen schaffen, die Investitionen in Deutschland wieder attraktiv machen! Genügend bezahlbare Energie, schnellere Genehmigungen, weniger Bürokratie und verlässliche wirtschaftspolitische Entscheidungen sowie der zügige Ausbau der Ladestationen sind absolut zwingend!
Alle drei Seiten müssen begreifen, dass es nicht darum geht , den Status quo möglichst lange zu verteidigen, sondern gemeinsam die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass auch kommende Generationen in Deutschland noch wettbewerbsfähige Automobile produzieren können.
Das erfordert Kompromisse, vermutlich auch schmerzhafte. Aber vor allem erfordert es die Bereitschaft, Verantwortung über die eigenen kurzfristigen Interessen hinaus zu übernehmen. Denn eines sollte allen Beteiligten klar sein: Was heute an notwendigen Veränderungen verhindert wird, könnte morgen nicht mehr zu retten sein!
