Eine bitterböse Glosse über Beton, Baukosten, Bürokratie und den deutschen Ehrgeiz, auch beim Bauen Europas Musterschüler zu sein.
Jan Fleischhauer hat in seiner FOCUS-Kolumne vom 17. Oktober 2026 auf einen geradezu erschütternden Missstand aufmerksam gemacht: Während man sich in Frankreich offenbar mit 20 Zentimetern Betondecke begnügt, bringt es der deutsche Bau auf stolze 38 Zentimeter. 38 zu 20! Fast das Doppelte! Endlich einmal eine europäische Statistik, in der Deutschland ganz vorne liegt. Nicht bei der Digitalisierung, nicht beim Wirtschaftswachstum und schon gar nicht beim bezahlbaren Wohnraum. Nein, beim Beton! Und das hat selbstverständlich seine Gründe.
Deutsche sind schließlich schwerer als Franzosen
Beginnen wir mit der naheliegendsten Erklärung, dem Körpergewicht und dem adipösen Deutschen!
Während der durchschnittliche Franzose bei einem Glas Rotwein, einem Baguette und etwas Camembert über die Leichtigkeit des Seins philosophiert, sitzt sein deutscher Nachbar über einem Schweinebraten mit Knödeln, Sauerkraut und einem halben Liter Bier. Da muss die Decke natürlich etwas aushalten. Dass Millionen Franzosen seit Jahrzehnten auf ihren angeblich unterdimensionierten Betondecken leben, ohne regelmäßig im Erdgeschoss zu landen, ist vermutlich reines Glück, oder aber ein statistischer Fehler. Jedenfalls stellt es keinen Grund dar um die deutschen 38 Zentimeter infrage zu stellen.
Frankreich kennt offenbar keine Erdbeben
Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt dürfte die Erdbebengefahr sein. Bekanntlich liegt Deutschland direkt auf dem geologischen Pulverfass Mitteleuropas. Während die Franzosen unbekümmert auf ihren 20 Zentimetern Beton herumtanzen, müssen wir jederzeit damit rechnen, dass sich der Schwarzwald in Bewegung setzt oder die Eifel beschließt, wieder Vulkan zu spielen. Dass ausgerechnet Teile Frankreichs ebenfalls in Erdbebenzonen liegen, wollen wir hier nicht überbewerten. Deutschland denkt eben voraus! Am besten gleich für die nächsten 500 Jahre. Und wenn sich bis dahin kein Erdbeben ereignet, haben sich die zusätzlichen 18 Zentimeter wenigstens als hervorragende Vorsorgemaßnahme bewährt.
Der französische Nachbar hört alles, der Deutsche lieber nichts
Auch der Schallschutz darf nicht unterschätzt werden. In Frankreich gehört das Leben bekanntlich zum Leben. Man hört gelegentlich Musik, Kinderlachen, ein angeregtes Gespräch oder die leidenschaftliche Auseinandersetzung eines Ehepaares. In Deutschland hingegen ist das Geräusch eines herunterfallenden Teelöffels nach 22 Uhr bereits ein Fall für die Hausverwaltung. Deshalb benötigen wir nicht nur Beton, sondern möglichst viel davon. Schließlich könnte der Nachbar im dritten Stock eines Tages auf die verwegene Idee kommen, einen Stuhl zu verrücken. Und dafür muss Deutschland gewappnet sein.
18 Zentimeter mehr Beton, ein Beitrag zum Klimaschutz?
Besonders reizvoll wird die Angelegenheit, wenn wir den Beton mit der deutschen Klimapolitik zusammenbringen. Die Herstellung von Zement verursacht enorme CO₂-Emissionen. Das ist wissenschaftlich unstrittig. Aber selbstverständlich gilt das nur für gewöhnlichen Beton. Deutscher Beton ist etwas Besonderes. Er wird schließlich unter Einhaltung strengster Vorschriften, sorgfältig dokumentierter Prüfverfahren und vermutlich unter Aufsicht eines zertifizierten Nachhaltigkeitsbeauftragten hergestellt. Da kann man ruhig etwas mehr davon verbauen. Der Franzose spart Material. Der Deutsche erstellt zunächst eine Ökobilanz, anschließend eine Machbarkeitsstudie und schließlich ein Gutachten darüber, warum Materialeinsparungen aus Sicherheitsgründen leider nicht möglich sind. So geht Klimaschutz mit Augenmaß.
55 Prozent Aufpreis für deutsche Gründlichkeit
Nun könnte man meinen, die zusätzlichen Zentimeter seien einfach eine Frage des persönlichen Geschmacks. Der Franzose liebt es eben luftig, der Deutsche massiv. Doch die Sache hat einen kleinen Schönheitsfehler. Sie kostet Geld und zwar richtig viel. Eine europäische Vergleichsuntersuchung des Immobiliendienstleisters CBRE aus dem Jahr 2023 nennt für Deutschland Bauwerkskosten von rund 3.420 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche. In Frankreich waren es rund 2.200 Euro. Das sind gut 55 Prozent mehr. Für ein Mehrfamilienhaus mit 1.000 Quadratmetern Wohnfläche ergibt sich daraus eine Differenz von sage und schreibe 1,22 Millionen Euro. Eine Million zweihundertzwanzigtausend Euro!
Selbstverständlich lässt sich diese Differenz nicht allein auf die Dicke der Betondecken zurückzuführen. Schließlich haben wir noch Wärmeschutz, Schallschutz, Brandschutz, technische Standards und eine bemerkenswerte Leidenschaft für Dokumentationspflichten zu berücksichtigen. Da kommen schnell ein paar Euros zusammen. Besonders bemerkenswert jedoch ist, dass die Arbeitskosten im Baugewerbe in Deutschland und Frankreich ungefähr auf demselben Niveau liegen. Am Lohn des Maurers allein kann es also kaum liegen.
Der Franzose baut einfach ein Haus. Der Deutsche hingegen baut ein Haus, einen Aktenordner und für alle Fälle noch eine juristische Verteidigungslinie. Und wenn das Wohnen anschließend unbezahlbar wird, liegt das Problem natürlich nicht bei den Baukosten, sondern beim fehlenden bezahlbaren Wohnraum. Wofür man dann wiederum ein Förderprogramm benötigt.
Und dann kommt die DIN-Norm
Man stelle sich vor, ein deutscher Architekt würde seinem Bauherrn vorschlagen, eine Betondecke etwas schlanker auszuführen. Technisch möglich? Vielleicht. Statisch nachweisbar? Durchaus! Aber entspricht sie auch sämtlichen anerkannten Regeln der Technik, den vereinbarten Komfortstandards, den Erwartungen des Schallschutzgutachters und den Vorstellungen einer möglicherweise irgendwann angerufenen Zivilkammer? Hier nun beginnt die eigentliche deutsche Baukunst. Nicht das Gebäude muss zuerst errichtet werden, sondern seine rechtliche Absicherung. Ein Architekt, der weniger Beton verbaut, spart womöglich Geld und Ressourcen. Aber was, wenn in 15 Jahren ein Bewohner behauptet, er habe den Nachbarn niesen gehört? Da ist es doch beruhigender, vorsorglich ein paar zusätzliche Betonmischer anrollen zu lassen. Man weiß ja nie.
Deutschland, der ewige Musterschüler Europas
Und damit nähern wir uns dem Pudels Kern! Deutschland will nicht einfach nur Mitglied der Europäischen Union sein. Deutschland will stets der Musterschüler sein. Das ist sein gutes Recht. Schließlich ist er ja auch der Meisterzahler! Wenn Brüssel eine Richtlinie erlässt, prüfen andere Länder zunächst, wie man sie möglichst pragmatisch umsetzt. Deutschland hingegen fragt lieber, ob man nicht noch drei Verordnungen, sieben Verwaltungsvorschriften und eine zusätzliche Zertifizierung daraus machen könnte. Natürlich ist das eine Übertreibung, aber eine, die vielen Bauherren verdächtig vertraut vorkommen dürfte. Der französische Bauherr fragt: „Ist das sicher, funktioniert es und kann ich es bezahlen?“ Der deutsche Bauherr hingegen fragt: „Darf ich das überhaupt?“ und erhält stets die Antwort: „Das kommt darauf an.“ Anschließend bekommt er eine Liste mit 47 Unterlagen, die noch fehlen.
Weniger Wohnungen, mehr Vorschriften
Während in Deutschland über Wohnungsmangel, explodierende Baukosten und unbezahlbare Mieten diskutiert wird, könnte man auf eine geradezu revolutionäre Idee kommen. Wie wäre es wohl, wenn wir nicht alles, was technisch möglich ist, auch noch durch zusätzliche Standards verteuern. Ein sicheres, funktionales und bezahlbares Gebäude wäre manchmal besser als ein perfektes, das sich niemand mehr leisten kann. Doch Vorsicht! Wer so argumentiert, könnte schnell unter Verdacht geraten, an der deutschen Bauqualität zu rütteln. Und die ist schließlich unantastbar. Dass eine Wohnung, die wegen ihrer Kosten niemals gebaut wird, weder Schallschutz noch Wärmedämmung benötigt, ist ein Gedanke, der in den einschlägigen Normungsausschüssen bislang offenbar wenig Begeisterung auslösen dürfte.
Und die Pointe?
Natürlich gibt es weder eine allgemeine deutsche Vorschrift, nach der jede Betondecke 38 Zentimeter dick sein muss, noch eine französische, die pauschal 20 Zentimeter festlegt. Auch die von Fleischhauer aufgegriffenen Durchschnittszahlen sind nicht unabhängig gesichert. Ebenso wenig beweisen die unterschiedlichen Bauwerkskosten, dass allein deutsche Vorschriften dafür verantwortlich sind. Bauweisen, Gebäudetypen und Marktbedingungen spielen ebenfalls eine Rolle. Aber darum geht es bei dieser Geschichte letztlich gar nicht. Es geht um banale Mentalitäten, um die Vorstellung, dass mehr Vorschriften automatisch mehr Sicherheit, mehr Qualität und mehr Fortschritt bedeuten. Es geht um ein Land, in dem wir immer neue Möglichkeiten finden, Dinge komplizierter, teurer und langwieriger zu machen und um die erstaunliche Fähigkeit, uns anschließend darüber zu wundern, warum so wenig gebaut wird. Der Franzose wohnt möglicherweise längst in seinem neuen Haus. Der Deutsche hingegen wartet noch auf die Genehmigung.
Dafür hat er eines sicher, nämlich dass seine 38 Zentimeter Beton, die eines Tages endlich gegossen werden, selbstverständlich vorschriftsmäßig sind. Und wenn die EU irgendwann eine europäische Mindestdicke für Betondecken festlegen sollte, darf man gespannt sein. Frankreich wird vermutlich 20 Zentimeter vorschlagen, Deutschland wird 38 verlangen und am Ende einigt man sich auf 25. Dann werden die Franzosen werden 25 bauen und die Deutschen 42. Weil wir es können und weil irgendjemand schließlich der Musterschüler sein muss.
Anlass dieser satirischen Betrachtung ist die FOCUS-Kolumne von Jan Fleischhauer vom 17. Oktober 2026. Die Baukostenzahlen stammen aus einem europäischen Vergleich von CBRE (2023). Die Zahlen zu den Betondecken sind ein satirischer Ausgangspunkt und kein nachgewiesener allgemeingültiger Normenvergleich. Die dargestellten nationalen Eigenheiten sind bewusst überspitzt.
Zwischen den Zeiten – Kritisch denken. Zusammenhänge erkennen. Lösungen finden.
