Marode Schulen, fehlende Lehrer und überfüllte Klassenzimmer treiben Frankreichs Jugend auf die Straße. Doch möglicherweise steckt hinter dieser Protestwelle eine viel tiefere Angst! Was wird aus einer Generation, deren berufliche Zukunft durch künstliche Intelligenz zunehmend ungewiss wird?
Mit mulmigen Gefühlen verfolgen wir derzeit die Bilder aus Frankreich. Hunderttausende Schüler und Studenten demonstrieren, Schulen werden blockiert, es kommt zu gewalttätigen Ausschreitungen und Zusammenstößen mit der Polizei. Was in einzelnen Schulen der Pariser Vororte begann, hat sich explosionsartig zu einer landesweiten Protestbewegung entwickelt. Am 13. Oktober gingen nach Polizeiangaben erneut mehr als 160.000 junge Menschen auf die Straße. Die Veranstalter sprachen sogar von 480.000 Teilnehmern. Die Forderungen erscheinen auf den ersten Blick absout nachvollziehbar! Marode Schulgebäude, fehlende Lehrer, überfüllte Klassen, Unterrichtsausfälle und unzureichende finanzielle Mittel. Wer wollte bestreiten, dass dies berechtigte Anliegen sind? Doch ich frage mich, ob wir damit tatsächlich den Kern dieser Bewegung erfassen. Könnte es sein, dass sich hinter diesen konkreten Forderungen eine viel grundsätzlichere Verunsicherung verbirgt? Eine Angst vor einer Zukunft, für die unsere Gesellschaft keine überzeugenden Antworten mehr bereithält? Und vor allem: Wie lange wird es dauern, bis ähnliche Fragen auch die Jugend in Deutschland auf die Straße treiben?
Erinnerungen an eine rebellische Generation
Ich bin 1951 geboren und habe die bewegten Jahre um 1968 als Jugendlicher hautnah erlebt. Auch damals gingen junge Menschen auf die Straße. Auch damals gab es Proteste, die Globus-Krawalle in der Schweiz, Auseinandersetzungen mit Autoritäten und eine tiefe Unzufriedenheit mit den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Doch die Ausgangslage war eine andere. Wir fühlten uns eingeschnürt, bevormundet und manipuliert. Die Gesellschaft hatte ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie unser Leben auszusehen hatte. Schule, Berufsausbildung, Arbeit, Familie und möglichst wenig Widerspruch. Wer aus diesem vorgezeichneten Lebensweg ausbrechen wollte, musste mit Widerstand rechnen. Wir wollten damals selbst entscheiden, wer wir sein und wie wir leben wollten. Nicht, weil wir keine Zukunft sahen, sondern, weil wir unsere Zukunft selbst gestalten wollten. Wie sehr die damalige Gesellschaft glaubte, über die berufliche Zukunft junger Menschen Bescheid zu wissen, zeigt eine Erinnerung aus meiner eigenen Schulzeit.
Als sich die obligatorische Schulpflicht ihrem Ende näherte, wurden wir mehr oder weniger nachdrücklich zur Berufsberatung geschickt. Dort versuchte man, unter anderem mithilfe psychologischer Tests herauszufinden, für welche Berufe wir geeignet seien. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der berühmte Rorschach-Test mit seinen Tintenflecken. Ob wir darin nun Fische, Berge oder böhmische Dörfer hinter dem Vollmond erkannten, schien für das Ergebnis erstaunlich wenig Bedeutung zu haben. Am Ende lautete die Empfehlung auffallend häufig, nämlich Dachdecker oder Fliesenleger. Unter uns Jugendlichen sorgte das für erhebliche Heiterkeit. Schließlich waren gerade diese Handwerker damals besonders gesucht. Wir hingegen träumten von ganz anderen Berufen. Fotolithograf, Schriftsetzer oder Buchdrucker standen hoch im Kurs. Nur waren die begehrten Lehrstellen längst vergeben. Heute könnte man beinahe meinen, die Berufsberater hätten damals bereits hellseherische Fähigkeiten besessen. Denn viele der seinerzeit begehrten Tätigkeiten verschwanden in den folgenden Jahrzehnten oder wurden durch neue Technologien grundlegend verändert. Natürlich wussten die Berufsberater das nicht. Niemand konnte die bevorstehende digitale Revolution in ihrer ganzen Tragweite vorhersehen.
Von der Lochkarte zur künstlichen Intelligenz
Ich entschied mich schließlich für eine kaufmännische Ausbildung. Dabei lernte ich unter anderem Stenografie. Eine Fähigkeit, die im Lehrplan damals durchaus sinnvoll erschien, die ich jedoch nie anwenden musste, und die heute bestenfalls musealen Charakter besitzt. Glücklicherweise führte mich mein weiterer Weg in die aufkommende Informationstechnologie. Ich habe noch mit Lochkarten gearbeitet, später jahrelang Anwendungsprogramme in COBOL und anderen Programmiersprachen geschrieben. Dann kamen neue Rechnerarchitekturen, Netzwerke, Ethernet, elektronische Post, das World Wide Web, Mobiltelefone und schließlich cloudbasierte Serversysteme. Wie oft hat sich mein Beruf in diesen Jahrzehnten verändert? Ich könnte es kaum zählen. Immer wieder mussten wir Neues lernen, bisherige Gewissheiten über Bord werfen und uns auf Technologien einstellen, die wenige Jahre zuvor noch kaum vorstellbar gewesen waren. Und jedes Mal entstanden neue Möglichkeiten.
Selbstverständlich gab es auch Verlierer dieser Entwicklung. Arbeitsplätze verschwanden, ganze Branchen wurden umgekrempelt. Die eigentliche Programmierarbeit wurde teilweise schon lange vor dem Aufkommen künstlicher Intelligenz in Länder wie Indien ausgelagert. Doch wer bereit und in der Lage war, sich weiterzuentwickeln, konnte in vielen Bereichen neue berufliche Perspektiven finden. Heute erleben wir erneut eine technologische Revolution. Allerdings wird sie sich diesmal wesentlich tiefer in unsere Gesellschaft eingreifen als alles, was wir bisher erlebt haben.
Was soll ein Berufsberater heute noch empfehlen?
Stellen wir uns einen fünfzehnjährigen Schüler vor, der heute vor der Entscheidung steht, welchen Beruf er erlernen soll. Was soll ihm sein Berufsberater empfehlen? Eine kaufmännische Ausbildung? Softwareentwicklung? Buchhaltung? Grafikdesign? Übersetzung? Verwaltung? Rechtsberatung? In all diesen Bereichen übernimmt künstliche Intelligenz bereits heute Aufgaben, für die bisher qualifizierte Menschen benötigt wurden. Ich denke dabei an meine eigene Vergangenheit als Programmierer. Für Programme, an denen wir früher tagelang oder wochenlang gearbeitet haben, kann KI heute in erstaunlich kurzer Zeit brauchbare Entwürfe liefern. Natürlich müssen komplexe Anwendungen weiterhin geprüft, integriert, abgesichert und gewartet werden. Aber die eigentliche Programmierarbeit verändert sich bereits grundlegend. Und wir stehen erst am Anfang dieser technologischen Revolution.
Selbstverständlich wird nicht jeder Beruf verschwinden. Ein hervorragender Koch beispielsweise braucht weit mehr als ein Rezept. Geschmack, Geruch, Erfahrung, handwerkliches Können und menschliche Kreativität lassen sich nicht ohne Weiteres durch einen Algorithmus oder einen Roboter ersetzen. Auch Pflege, Handwerk, Erziehung und viele andere Tätigkeiten werden weiterhin Menschen benötigen. Aber wie viele Arbeitsplätze werden es künftig noch sein? Und werden die neu entstehenden Tätigkeiten ausreichen, um den Wegfall bisheriger Beschäftigungsmöglichkeiten auszugleichen? Niemand kann diese Fragen heute zuverlässig beantworten. Genau das ist das Dilemma der Berufsberatung. Sie soll jungen Menschen Orientierung geben, obwohl sich die berufliche Landschaft schneller verändert, als Ausbildungssysteme darauf reagieren können. Eine Untersuchung der Banque de France vom 8. Oktober 2026 liefert dazu einen bemerkenswerten Hinweis. Seit Ende 2022 gingen die unbefristeten Neueinstellungen junger Menschen in besonders stark von generativer KI betroffenen Berufen überdurchschnittlich zurück. Die ersten Veränderungen könnten sich also gerade dort zeigen, wo junge Menschen ihre berufliche Laufbahn beginnen wollen.
1968 wollten wir ausbrechen. Heute fehlt möglicherweise die Richtung.
Hier sehe ich den entscheidenden Unterschied zwischen meiner Generation und der heutigen Jugend. Wir rebellierten gegen eine Gesellschaft, die uns vorschreiben wollte, was wir werden sollten. Die Jugendlichen von heute stehen möglicherweise vor einer Gesellschaft, die ihnen nicht einmal mehr sagen kann, was sie überhaupt noch werden können. Natürlich sind die Ursachen der französischen Proteste vielfältig. Die schlechten Lernbedingungen sind real, soziale Ungleichheit spielt eine Rolle, ebenso die Unzufriedenheit mit politischen Entscheidungen. Es wäre falsch, sämtliche Proteste allein auf die Angst vor künstlicher Intelligenz zurückzuführen. Doch ich halte es für durchaus denkbar, dass eine grundsätzliche Zukunftsunsicherheit den Nährboden bildet, auf dem sich diese Unzufriedenheit ausbreitet. Denn, was bedeutet es für einen jungen Menschen, wenn ihm jahrelang erklärt wird, wie wichtig eine gute Ausbildung sei, während gleichzeitig immer deutlicher wird, dass selbst hochqualifizierte Tätigkeiten künftig von Maschinen übernommen werden könnten? Wofür soll er sich anstrengen? Welchen Beruf soll er wählen? Wie soll er sein Leben planen? Und wer garantiert ihm, dass seine erworbenen Fähigkeiten in zehn Jahren noch gefragt sein werden? Deshalb geht es bei diesen Protesten um weit mehr, als nur um Schulgebäude und Klassengrößen. Es geht um die viel grundsätzlichere Frage, ob die Gesellschaft ihrer Jugend überhaupt noch eine verlässliche Perspektive anbieten kann.
Nicht die künstliche Intelligenz ist das Problem
Dabei wäre es grundfalsch, die künstliche Intelligenz zum Feind zu erklären. Ganz im Gegenteil. Sie gehört für mich zu den faszinierendsten Entwicklungen unserer Zeit. Sie erleichtert uns bereits heute unzählige Tätigkeiten, eröffnet neue Möglichkeiten in Wissenschaft, Medizin, Forschung und Technik und könnte uns künftig von einem erheblichen Teil mühsamer, monotoner oder zeitaufwendiger Arbeit befreien. Was für eine gewaltige Chance! Wir könnten mehr Zeit für unsere Familien haben, für Bildung, Kultur, persönliche Interessen, gesellschaftliches Engagement und all jene Dinge, für die im heutigen Berufsleben häufig kaum Raum bleibt. Der technische Fortschritt könnte uns Freiheiten ermöglichen, von denen frühere Generationen nur träumen konnten. Doch genau hier beginnt das eigentliche Problem. Wir entwickeln Technologien für die Welt von morgen, halten aber an gesellschaftlichen Strukturen von gestern fest.
Unser gesamtes Wirtschafts- und Sozialsystem beruht weitgehend auf der Vorstellung, dass Menschen arbeiten, dafür Einkommen erhalten und mit diesem Einkommen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Arbeit schafft Einkommen. Einkommen ermöglicht Konsum. Konsum schafft Nachfrage und damit wiederum Beschäftigung. Was aber geschieht, wenn immer mehr wirtschaftliche Leistungen von künstlicher Intelligenz und automatisierten Systemen erbracht werden?
Einkommen ohne Arbeit? Ein gesellschaftlicher Tabubruch
Stellen wir uns ein Unternehmen vor, das heute 1.000 Mitarbeiter beschäftigt und in zwanzig Jahren dank KI und Automatisierung dieselbe Leistung mit nur noch 100 Beschäftigten erbringen könnte. Die Produktivität wäre enorm gestiegen. Möglicherweise würden die Gewinne wachsen und die Preise sinken. Aber was geschieht mit den übrigen 900 Menschen? Und vor allem: Wer kauft die Produkte, wenn immer weniger Menschen über ausreichendes Erwerbseinkommen verfügen? Natürlich ist dieses Beispiel stark vereinfacht. Neue Branchen können entstehen, Preise können sinken und zusätzliche Nachfrage kann neue Beschäftigung schaffen. Doch es verdeutlicht die gesellschaftliche Herausforderung, vor der wir möglicherweise stehen. Seit Generationen gilt bei uns ein tief verwurzelter Grundsatz: Wer etwas haben will, muss dafür arbeiten!
Einkommen ohne entsprechende Gegenleistung? Noch mehr Bürgergeld-Empfänger? Für viele Menschen ist das beinahe undenkbar. Dabei übersehen wir leicht, dass gesellschaftlich wertvolle Leistungen keineswegs immer bezahlt werden. Wer Kinder erzieht, Angehörige pflegt, sich ehrenamtlich engagiert oder anderen Menschen hilft, leistet einen wichtigen Beitrag zum Zusammenleben. Wir werden uns deshalb möglicherweise mit der fundamentalen Frage auseinandersetzen müssen, ob die wirtschaftliche Existenz eines Menschen auch künftig zwingend an seine Erwerbsarbeit gebunden sein muss?
Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine mögliche Antwort, aber keineswegs die einzige. Denkbar wären auch neue Modelle der Arbeitszeitverkürzung, eine breitere Beteiligung an Produktivitätsgewinnen oder grundlegend veränderte Systeme sozialer Sicherung. All diese Ansätze werfen schwierige Fragen auf. Wer finanziert sie? Wie verhindern wir neue Ungerechtigkeiten? Wie erhalten wir Leistungsbereitschaft, Unternehmertum und Innovation? Darauf gibt es keine einfachen Antworten. Aber die Schwierigkeit, Lösungen zu finden, darf kein Grund sein, die Fragen gar nicht erst zu stellen!
Eine Revolution, auf die wir uns kaum vorbereiten
Ob wir es nun wollen oder nicht, wir stehen vor einem Paradigmenwechsel, dessen Tragweite wir noch gar nicht richtig begriffen haben. Unsere Vorfahren kämpften für bessere Arbeitsbedingungen, kürzere Arbeitszeiten und angemessene Löhne. Die Arbeiterbewegung erstritt Rechte, die uns heute selbstverständlich erscheinen. Nun stellt uns der technische Fortschritt vor eine völlig neue Aufgabe. Nicht mehr ausschließlich die gerechte Verteilung der Arbeit, sondern zunehmend auch die gerechte Verteilung der durch Maschinen und künstliche Intelligenz geschaffenen Wertschöpfung könnte zum zentralen gesellschaftlichen Thema werden. Wem gehören die Systeme, die künftig einen immer größeren Teil unserer wirtschaftlichen Leistung erbringen? Wer profitiert von den Produktivitätsgewinnen? Und wie verhindern wir, dass sich wirtschaftliche Macht und Wohlstand bei immer weniger Menschen konzentrieren? Vor allem aber, wie bereiten wir unsere Kinder auf eine Gesellschaft vor, deren wirtschaftliche und soziale Grundlagen sich möglicherweise grundlegend verändern werden? Mit neuen Lehrplänen allein wird diese Herausforderung kaum zu bewältigen sein. Wir brauchen eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, wie wir künftig leben, arbeiten und unseren Wohlstand organisieren wollen. Nicht irgendwann. Sondern jetzt.
Frankreich könnte erst der Anfang einer größeren Debatte sein
Wenn ich heute die Bilder aus Frankreich sehe, kommen Erinnerungen an meine Jugend zurück. Auch wir waren unzufrieden. Auch wir stellten Autoritäten infrage. Auch wir wollten Veränderungen erzwingen. Aber wir hatten etwas, das der heutigen Jugend möglicherweise zunehmend abhandenkommt, nämlich die Zuversicht, dass wir uns durch eigene Anstrengung eine bessere Zukunft aufbauen könnten. Die technische Entwicklung eröffnete meiner Generation immer wieder neue Wege. Heute könnte dieselbe Dynamik bei vielen jungen Menschen zunächst die Sorge auslösen, dass ihnen die Wege schneller verschlossen werden, als sie sich darauf vorbereiten können. Das muss nicht so kommen. Künstliche Intelligenz kann ebenso neue Möglichkeiten schaffen, wie frühere technische Revolutionen es getan haben. Aber darauf zu vertrauen, dass sich schon irgendwie alles von selbst regeln werde, wäre eine riskante Wette. Die französischen Schüler verlangen bessere Schulen. Diese Forderung verdient eine ernsthafte Antwort. Doch sollten wir ihnen und allen anderen jungen Menschen noch eine viel grundsätzlichere Frage stellen:
Welche Zukunft wünscht Ihr Euch eigentlich, und wie können wir gemeinsam eine Gesellschaft schaffen, in der der technische Fortschritt allen zugutekommt?
1968 kämpften wir darum, uns aus einem gesellschaftlichen Korsett zu befreien. Heute könnte uns die Technologie die Möglichkeit bieten, dieses Korsett endgültig abzulegen. Aber dazu müssen wir bereit sein, unsere Vorstellungen von Arbeit, Leistung, Einkommen und gesellschaftlicher Teilhabe neu zu überdenken. Die eigentliche Gefahr liegt deshalb nicht in der künstlichen Intelligenz. Sie liegt darin, dass wir eine technologische Revolution erleben, ohne rechtzeitig die gesellschaftlichen Konsequenzen daraus zu ziehen. Und das ist genau die Warnung, die wir aus den Straßen Frankreichs mitnehmen sollten.
