Ein bayerisches Start-up könnte die Diskussion über Wind, Sonne und Dunkelflauten verändern. Doch die vielleicht spannendere Frage lautet: Schafft Deutschland es diesmal, aus einer deutschen Erfindung auch eine deutsche Industrie zu machen?
Wind und Sonne, die primären Protagonisten für saubere, erneuerbare Energie, haben leider einen entscheidenden Nachteil. Sie kennen keinen Strombedarf! Sie produzieren, wenn die Sonne scheint und der Wind weht und nicht unbedingt dann, wenn Haushalte und Industrie besonders viel Elektrizität benötigen. Kritiker der Energiewende haben dafür einen griffigen Begriff gefunden, nämlich den „Flatterstrom“. Technisch korrekt ist der Begriff nicht. Fachleute sprechen von wetterabhängiger oder volatiler Stromerzeugung. Das Problem dahinter ist trotz unterschiedlicher Benennung real. Was geschieht während einer Dunkelflaute? Und was machen wir umgekehrt mit riesigen Mengen Strom, wenn Wind und Sonne mehr liefern, als gerade gebraucht wird?
Deutschland beantwortet die erste Frage bislang unter anderem mit dem Bau zusätzlicher Kraftwerke. Doch ein kleines Start-up aus Bayern könnte eine ganz andere Antwort auf beide Fragen gleichzeitig gefunden haben. Sein Name ist Reverion.
Ein Kraftwerk mit Rückwärtsgang
Die Idee ist verblüffend einfach zu verstehen. Ein normales Gaskraftwerk kann im Wesentlichen nur eines, nämlich aus Gas Strom erzeugen. Das Kraftwerk von Reverion kann jedoch in beide Richtungen arbeiten. Wird Strom benötigt, erzeugt die Anlage aus Biogas, Erdgas oder Wasserstoff Elektrizität, gibt es dagegen überschüssigen Wind- oder Solarstrom, kann der Prozess umgekehrt werden. Die Anlage produziert dann Wasserstoff oder synthetisches Methan. Aus Strom wird also speicherbares Gas. Und wenn später wieder Strom benötigt wird, geht es zurück in die andere Richtung, Strom → Gas → Speicherung → Strom!
Das ist deshalb interessant, weil sich Gas im Gegensatz zu Elektrizität über längere Zeiträume speichern lässt. Ausgerechnet jener überschüssige Wind- und Solarstrom, der in der politischen Diskussion häufig als Problem erscheint, könnte damit zum Rohstoff für Zeiten werden, in denen Wind und Sonne fehlen. Reverion bezeichnet seine Anlagen deshalb als reversible Kraftwerke. Herzstück sind sogenannte reversible Festoxid-Zellen. Hochtemperatur-Brennstoffzellen, die sowohl Strom erzeugen als auch im umgekehrten Betrieb Wasserstoff beziehungsweise synthetisches Gas herstellen können. Der Wechsel zwischen beiden Betriebsarten soll innerhalb von weniger als einer Minute möglich sein.
74,2 Prozent! Eine Zahl, die aufhorchen lässt
Besonders bemerkenswert ist der Wirkungsgrad. Eine Reverion-Vorserienanlage erreichte im praktischen Betrieb auf einer Biogasanlage in Baden-Württemberg einen elektrischen Wirkungsgrad von 74,2 Prozent. Reverion bezeichnet dies als Weltrekord für thermische Kraftwerke. Langfristiges Entwicklungsziel sind bis zu 80 Prozent. Zum Vergleich: Konventionelle Biogas-Blockheizkraftwerke mit Verbrennungsmotor liegen nach Reverions Angaben bei etwa 40 Prozent elektrischer Effizienz. Das könnte besonders für die vorhandenen Biogasanlagen interessant werden. Statt ihr Gas möglichst kontinuierlich zu verstromen, könnten Betreiber Biogas speichern und bevorzugt dann einsetzen, wenn Wind- und Solarstrom knapp sind. Biogas würde damit vom Dauerläufer zum Lückenfüller für die erneuerbaren Energien. Und genau hier berührt Reverion eine der großen Streitfragen der deutschen Energiewende.
Deutschland plant neue Kraftwerke
Auch die Bundesregierung weiß selbstverständlich, dass Windräder und Solaranlagen allein nicht zu jeder Stunde eine sichere Stromversorgung gewährleisten können. Deshalb sollen zusätzliche Anlagen entstehen, die Strom auch dann liefern können, wenn über längere Zeit kaum Wind weht und wenig Sonne scheint. Der im Mai 2026 vom Bundeskabinett beschlossene Gesetzentwurf sieht zunächst Ausschreibungen für 11 Gigawatt neue Leistung vor. Davon sollen 9 Gigawatt über längere Zeiträume Strom liefern können, ausdrücklich auch zur Absicherung von Dunkelflauten. Die Ausschreibungen sind grundsätzlich technologieoffen, das heisst moderne Gaskraftwerke gehören zu den möglichen Lösungen. Die Bundesregierung verfolgt dabei langfristig eine Umstellung auf klimaneutrale Brennstoffe. Für 2027 sind zusätzliche Ausschreibungen vorgesehen, die einen früheren Wechsel von Kraftwerken auf Wasserstoff unterstützen sollen.
Vereinfacht lautet die bisherige Strategie: Wenn Wind und Sonne nicht liefern, brauchen wir Kraftwerke, die einspringen.
Dagegen ist an sich wenig einzuwenden. Ein Industrieland kann nicht darauf hoffen, dass das Wetter gerade passt. Doch Reverion wirft eine zusätzliche Frage auf.
Brauchen wir nur neue Gaskraftwerke oder auch Kraftwerke mit Rückwärtsgang?
Ein klassisches Gaskraftwerk erzeugt Strom, wenn er benötigt wird. Reverion versucht zusätzlich, das Problem am anderen Ende zu lösen. Wenn zu viel Strom vorhanden ist, kann die gleiche Anlage diesen Überschuss in einen speicherbaren Energieträger verwandeln. Das heißt nicht, dass Deutschland nun auf große Kraftwerke verzichten könnte. Die Größenordnungen sind bislang vollkommen unterschiedlich. Reverions Anlagen sind modular und bewegen sich in einer anderen Leistungsklasse als große Gas-und-Dampf-Kraftwerke mit mehreren hundert Megawatt. Sie zur Zeit einfach gegeneinander aufzurechnen wäre unseriös. Aber möglicherweise müssen sie auch gar keine Konkurrenten sein. Reverion könnte dort interessant werden, wo Biogas bereits vorhanden ist, wo Wasserstoff produziert werden soll oder wo große Mengen erneuerbarer Energie anfallen. Aus vielen dezentralen Anlagen könnte ein System entstehen, das Wind und Sonne ergänzt, statt gegen sie zu arbeiten.
Damit verändert sich auch die alte Diskussion über den „Flatterstrom“. Wind und Sonne werden nicht weniger wetterabhängig, aber ihre Schwankungen werden weniger problematisch, wenn wir lernen, Überschüsse wirtschaftlich zu speichern und die gespeicherte Energie bei Bedarf wieder zurückzuholen.
Ist das Speicherproblem damit gelöst?
Nein. Und hier ist eine Einordnung besonders wichtig! Reverion ist ein Start-up-Unternehmen!
Das Unternehmen wurde erst 2022 als Ausgründung der Technischen Universität München gegründet. Wir sprechen also nicht über einen seit Jahrzehnten etablierten Kraftwerksbauer mit Tausenden installierten Anlagen, sondern über ein junges Technologieunternehmen, das gerade den schwierigen Schritt vom Forschungsprojekt über erste Vorserienanlagen hin zur industriellen Produktion vollzieht. Sieben Reverion-Anlagen befinden sich nach Unternehmensangaben derzeit im Feldeinsatz. Das Unternehmen beschäftigt inzwischen rund 220 Mitarbeiter. Das ist für ein junges Unternehmen beachtlich, im Maßstab der internationalen Energiewirtschaft aber noch sehr klein. Deshalb wäre es voreilig, aus den bisherigen Ergebnissen abzuleiten, Reverion habe das Speicherproblem der Energiewende bereits gelöst. Doch genauso voreilig wäre es, die heutige Größe der Anlagen als Maßstab für ihr langfristiges Potenzial zu nehmen.
Wir sehen wahrscheinlich erst die erste Generation
Technologische Entwicklungen bleiben nicht stehen. Wirkungsgrade steigen, Produktionsverfahren werden verbessert, Komponenten halten länger und werden günstiger, sobald größere Stückzahlen hergestellt werden. Gleichzeitig entstehen neue Materialien und Fertigungsverfahren. Genau dieser Prozess dürfte bei reversiblen Brennstoffzellen erst am Anfang stehen.
Reverion selbst arbeitet bereits daran, Wirkungsgrad, Lebensdauer, Produktionskosten und Serienfertigung weiterzuentwickeln. Der heute erreichte elektrische Wirkungsgrad von 74,2 Prozent ist deshalb weniger als Endpunkt zu verstehen denn als Zwischenstand einer noch jungen Technologie. Das macht Vergleiche mit etablierten Großkraftwerken schwierig. Ein heutiges Gaskraftwerk ist das Ergebnis jahrzehntelanger industrieller Optimierung. Reverions Technologie steht dagegen erst am Beginn dieses Prozesses.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur; was eine Reverion-Anlage heute kann, sondern ebenso; was aus dieser Technologie entstehen könnte, wenn in den kommenden zehn oder zwanzig Jahren ähnlich intensiv daran gearbeitet wird, wie zuvor an Gasturbinen, Photovoltaik oder Batterien?
Darauf gibt es heute keine seriöse Antwort. Gerade deshalb ist die Entwicklung so interessant. Die kommenden Jahre müssen zeigen, wie teuer die Anlagen in wirklicher Großserie werden, wie lange die Brennstoffzellen unter wechselnden Betriebsbedingungen halten, wie hoch Wartungs- und Ersatzkosten ausfallen und; ob sich die bisherigen Wirkungsgrade auch über viele Betriebsjahre erreichen lassen. Aber eines sollte man bei der Bewertung keinesfalls vergessen, dass wir heute eine junge Technologie mit Kraftwerkstechniken vergleichen , die seit Jahrzehnten optimiert wurden. Das Rennen hat für Reverion gerade erst begonnen.
Und genau deshalb bekommt die Frage, wo diese weitere Entwicklung stattfindet, eine besondere Bedeutung. Sollte aus dem heutigen Start-up tatsächlich einmal ein bedeutender Kraftwerkshersteller werden, entscheidet sich vermutlich in den nächsten Jahren, ob Forschung, Weiterentwicklung und industrielle Produktion ihren Schwerpunkt in Deutschland behalten oder, ob andere Länder die nächste Entwicklungsstufe schneller industrialisieren. Und damit beginnt die vielleicht noch spannendere Geschichte.
Bleibt diese Technologie in Deutschland?
Reverion entstand aus der Technischen Universität München. Die Idee geht auf Forschungsarbeiten ab 2015 zurück, 2022 wurde das Unternehmen als Spin-off gegründet. Heute sitzt es im bayerischen Eresing. Der nächste Schritt ist die industrielle Produktion. Die Europäische Union unterstützt den Ausbau über ihren Innovationsfonds mit 19,5 Millionen Euro. Reverion erweitert seine Produktion und sucht zusätzliche Flächen für den Hochlauf der Serienfertigung.
Das klingt zunächst nach einer klassischen deutschen Erfolgsgeschichte:
- Forschung an einer deutschen Universität.
- Ein deutsches Start-up.
- Eine technologische Innovation.
- Arbeitsplätze in Deutschland.
- Produktion in Deutschland.
Doch genau an diesem Punkt sollte man hellhörig werden. Denn, Deutschland kennt auch den anderen Verlauf solcher Geschichten.
Von der Erfindung zur Industrie! Schafft Deutschland diesmal den Sprung?
Deutschland gehörte einmal zu den Pionieren der Photovoltaik. Deutsche Unternehmen entwickelten Technologien, bauten Fabriken und schufen einen neuen Industriezweig. Heute befindet sich ein großer Teil der weltweiten Solarproduktion in China. Bei Batteriezellen musste Europa ebenfalls erleben, wie schwer es ist, gegenüber asiatischen Produzenten eine eigene industrielle Massenfertigung aufzubauen. Die Lehre daraus ist schmerzhaft und unangenehm, nämlich eine gute Erfindung garantiert noch lange keine erfolgreiche Industrie. Und auch bei Reverion ist die Wertschöpfung bereits international.
Das Herzstück kommt aus Südkorea
Im August 2026 schloss Reverion mit dem südkoreanischen Unternehmen Doosan Fuel Cell einen großen Liefervertrag. Doosan liefert die SOFC-Stacks, eine Kernkomponente der Reverion-Anlagen. Der Vertrag hat ein Volumen von rund 108,7 Milliarden südkoreanischen Won, also ca. 76 Mio. Dollar. Die Lieferungen sollen bis in die zweite Hälfte des Jahres 2027 laufen. Das ist kein Argument gegen Reverion. Im Gegenteil, globale Lieferketten sind in moderner Industrieproduktion vollkommen normal. Doch es zeigt, wie schnell aus einer deutschen Erfindung eine internationale Wertschöpfungskette wird. Die Anlage wird in Bayern entwickelt, ein entscheidendes Bauteil wird in Südkorea produziert und auch das Kapital ist längst international.
Amerikanisches Kapital, japanischer Konzern
2024 sammelte Reverion 62 Millionen US-Dollar an Investorengeldern und öffentlichen Fördermitteln ein. Angeführt wurde die Finanzierungsrunde von Energy Impact Partners aus den USA. Auch der japanische Honda-Konzern beteiligte sich neben europäischen Investoren. Schon damals erklärte Reverion ausdrücklich, sich auf eine weltweite Expansion vorzubereiten. Gleichzeitig lagen nach Unternehmensangaben bereits Vorbestellungen von mehr als 100 Millionen Dollar vor. Das ist für ein junges Unternehmen ein beeindruckendes Signal. Es zeigt aber ebenfalls, dass der Wettlauf um diese Technologie längst nicht mehr nur in Bayern stattfindet.
Und dann ist da China
Hier sollte Deutschland besonders aufmerksam werden. Reversible Festoxid-Zellen sind keine Technologie, an der nur Reverion arbeitet. Eine im September 2026 veröffentlichte wissenschaftliche Auswertung untersuchte 556 Fachpublikationen zu diesem Gebiet aus den Jahren 2006 bis 2025. Das Ergebnis ist bemerkenswert. Aus China stammen 249 Publikationen und aus den USA 75 Publikationen! China führt damit bei der Zahl der untersuchten Veröffentlichungen mit großem Abstand. Die Autoren beschreiben das Gebiet als schnell wachsenden Forschungsbereich für langfristige Energiespeicherung und die Umwandlung zwischen Strom und Gas. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass China Reverion einfach kopieren könnte. Reverion verfügt inzwischen über patentierte Technologie. Und zwischen einem Forschungsergebnis im Labor und einem zuverlässig arbeitenden Kraftwerk liegen Welten. Die Gefahr liegt woanders. China muss Reverion gar nicht kopieren. Chinesische Unternehmen können eigene Systeme entwickeln. Und dann entscheidet möglicherweise nicht mehr allein, wer die ursprüngliche Idee hatte, sondern entscheidend werden Produktionskosten, Lieferketten, Fabrikkapazitäten und Geschwindigkeit sein. Und genau auf diesen Gebieten hat China in anderen Zukunftsindustrien bereits gezeigt, wozu es fähig ist.
Der eigentliche Wettlauf beginnt erst jetzt
Reverion befindet sich deshalb an einem entscheidenden Punkt. Die Technologie funktioniert, erste Anlagen laufen, der Wirkungsgrad ist beeindruckend, das Kapital ist vorhanden und auch die Nachfrage scheint vorhanden zu sein.
Nun beginnt der schwierigste Teil, nämlich aus einer Erfindung muss eine Industrie werden!
Dafür reichen Patente und Förderbescheide alleine nicht. Es braucht Fabriken, Fachkräfte, Zulieferer, Kapital, günstige Produktionsbedingungen und vor allem Geschwindigkeit. Deutschland sollte deshalb nicht nur darüber diskutieren, wie viele neue Gaskraftwerke wir brauchen, wir sollten mindestens ebenso intensiv darüber sprechen, welche neuen Kraftwerkstechnologien wir selbst produzieren wollen. Denn im bayerischen Eresing steht gerade eine Technologie, die einen Teil der Energiewende wirtschaftlicher und flexibler machen könnte. Möglicherweise stellt sich in einigen Jahren heraus, dass ihre Rolle kleiner bleibt als heute erhofft. Das ist bei jungen Technologien immer möglich. Aber wenn Reverion tatsächlich hält, was die bisherigen Ergebnisse versprechen, sollte Deutschland einen Fehler der Vergangenheit möglichst nicht wiederholen, nämlich die Grundlagen entwickeln und anderen die industrielle Massenproduktion überlassen.
Das Ende des „Flatterstroms“?
So weit sind wir noch lange nicht. Auch Reverion kann die Sonne nachts nicht scheinen und den Wind bei Flaute nicht wehen lassen. Doch, das ist genau das die falsche Frage. Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Wind und Sonne schwanken. Das werden sie weiterhin. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, wie gut können wir mit diesen Schwankungen umgehen?
Wenn überschüssiger Strom gespeichert, in Gas verwandelt und bei Bedarf mit hohem Wirkungsgrad wieder zu Strom werden kann, verliert das Argument vom angeblich unbeherrschbaren „Flatterstrom“ zumindest einen Teil seiner Schärfe. Ob Reverion dabei einmal eine bedeutende Rolle spielen wird, muss sich erst zeigen. Doch schon heute wirft das kleine bayerische Unternehmen zwei große Fragen auf, nämlich: Wie sieht das Kraftwerk der Zukunft aus? Und vielleicht noch wichtiger:
Wird es in Deutschland nur erfunden oder auch gebaut?
