Von Südamerika bis ins ewige Eis: Washington entdeckt die Monroe-Doktrin neu und steckt seine strategische Einflusssphäre ab. Doch China, Russland und selbst Amerikas engste Nachbarn haben längst eigene Pläne.
Kuba, Venezuela, Südamerika, Kanada, Grönland, Island und schließlich die Arktis! Was wie eine Ansammlung unterschiedlicher Konflikte aussieht, ergibt auf der Landkarte ein erstaunlich geschlossenes Bild. Die Vereinigten Staaten entdecken ihre unmittelbare Nachbarschaft neu und mit ihr eine mehr als 200 Jahre alte Idee, nämlich die Monroe-Doktrin. Doch die Welt von 2026 ist nicht mehr die Welt von 1823. Vor allem China hat die Spielregeln verändert.
Als der amerikanische Präsident James Monroe im Dezember 1823 seine später nach ihm benannte Doktrin verkündete, war die Botschaft zunächst an die europäischen Kolonialmächte gerichtet, dass weitere Eingriffe Europas in der westlichen Hemisphäre durch die Vereinigten Staaten nicht hingenommen würden. „Amerika den Amerikanern“ wurde zur vereinfachten Formel. Was zunächst auch als Schutz der jungen lateinamerikanischen Staaten vor einer erneuten europäischen Kolonisierung verstanden werden konnte, entwickelte sich im Laufe der Geschichte immer stärker zu einem amerikanischen Führungsanspruch. Washington betrachtete Mittelamerika, die Karibik und große Teile Südamerikas zunehmend als seine natürliche Einflusssphäre, seinen Hinterhof! Mehr als zweihundert Jahre später erlebt diese Vorstellung eine erstaunliche Renaissance. Nur heißen die Konkurrenten heute nicht mehr Spanien, Frankreich oder Großbritannien, sondern vor allem China und Russland.
Rubio und Amerikas Rückkehr nach Südamerika
Wie schwierig und problematisch die neue amerikanische Strategie werden könnte, zeigte die jüngste Reise von Außenminister Marco Rubio nach Kolumbien, Ecuador und Peru. Eigentlich waren die Voraussetzungen hervorragend. In mehreren Staaten regieren konservative Präsidenten, die eine engere sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit Washington ausdrücklich wünschen. Gemeinsame Bekämpfung der Drogenkartelle, Geheimdienstinformationen, militärische Ausbildung und Unterstützung gegen organisierte Kriminalität sind willkommen. Doch Washington will mehr, viel mehr!
Es möchte gleichzeitig den chinesischen Einfluss in Lateinamerika begrenzen und genau dort ziehen selbst ausgesprochen USA-freundliche Regierungen plötzlich eine Grenze. Peru beispielsweise ist wirtschaftlich längst eng mit China verflochten. Chinesische Unternehmen sind im Bergbau, in der Energieversorgung und insbesondere beim riesigen Hafen Chancay engagiert. Washington sieht diese Entwicklung mit wachsendem Misstrauen. Rubio warnt vor intransparenten Verträgen, Verschuldung, wirtschaftlicher Abhängigkeit und letztlich vor einem Verlust nationaler Souveränität durch chinesischen Einfluss.
Doch ausgerechnet hier liegt eine gewisse Ironie, denn Peru antwortet sinngemäß, dess es über seine Beziehungen zu China immer noch selbst entscheidet. Auch Kolumbien sucht die sicherheitspolitische Nähe zu Washington, möchte aber wirtschaftlich nicht mit Peking brechen. Damit stößt Amerika auf eine Realität, die sich grundlegend von der Welt des 20. Jahrhunderts unterscheidet. Die Staaten Lateinamerikas können heute wählen und China sitzt mit am Tisch, sehr zum Ärger der USA.
China kommt nicht unbedingt mit Soldaten
Das ist genau der entscheidende Unterschied. Peking muss keinen Flugzeugträger vor Peru stationieren, um Einfluss zu gewinnen. China baut Häfen, finanziert Infrastruktur, kauft Rohstoffe, beteiligt sich an Bergwerken und Energieprojekten und bietet riesige Absatzmärkte. Der Hafen von Chancay ist dafür geradezu ein Symbol. China gewinnt Einfluss mit Kränen, Containerschiffen, Krediten und langfristigen Verträgen.
Washington steht deshalb vor einem Riesendilemma. Es kann seinen Nachbarn erklären, warum sie China misstrauen sollten, aber wenn Peking anschließend den Hafen finanziert, die Mine erschließt und die Rohstoffe kauft, während Washington hauptsächlich geopolitische Loyalität verlangt, wird die Entscheidung für viele Staaten ziemlich pragmatisch.
Die moderne Monroe-Doktrin kann deshalb nicht mehr einfach lauten China raus aus Amerika, sondern Washington muss seinen Partnern ein attraktiveres Angebot machen.
Kuba, die alte, blutende Wunde vor Floridas Küste
Nirgendwo ist das amerikanische Sicherheitsdenken deutlicher zu verstehen, als bei Kuba. Die Insel liegt kaum mehr als 150 Kilometer von Florida entfernt. Die Kubakrise von 1962 gehört bis heute zu den gefährlichsten Augenblicken des Kalten Krieges. Sowjetische Atomraketen unmittelbar vor der amerikanischen Küste waren für Washington völlig inakzeptabel. Die Welt stand am Rand eines Atomkrieges. Dieser historische Hintergrund ist wichtig, wenn man die heutige amerikanische Politik verstehen möchte. Washington wird kaum bereit sein, eine bedeutende chinesische oder russische militärische Präsenz auf Kuba hinzunehmen. Man muss deshalb das kommunistische Regime in Havanna keineswegs verteidigen, um eine grundsätzliche Frage zu stellen, wie weit das Recht einer Großmacht reicht, um ihre unmittelbare Nachbarschaft sicherheitspolitisch zu kontrollieren? Und vor allem, ob dieses Recht nur für Amerika gilt oder es konsequenterweise auch Russland und China zugestehen müsste? Genau hier beginnt das Problem.
Grenada 1983, als Ronald Reagan die Monroe-Doktrin praktisch anwandte
Wer glaubt, die heutige amerikanische Nervosität gegenüber chinesischen Häfen, Flughäfen und Infrastrukturprojekten in Lateinamerika sei etwas völlig Neues, sollte sich an eine kleine Karibikinsel erinnern: Grenada.
Anfang der achtziger Jahre regierte dort Maurice Bishop mit engen Beziehungen zu Kuba und zur Sowjetunion. Bei Point Salines, unweit von St. George’s, entstand ein neuer internationaler Flughafen mit einer für die kleine Insel bemerkenswert langen Startbahn. Kuba stellte einen erheblichen Teil der Arbeitskräfte und Ausrüstung; Washington sah hinter dem Projekt sowjetisch-kubanische strategische Interessen. Ronald Reagan machte den Flughafen 1983 sogar zum Thema einer Fernsehansprache an die amerikanische Nation. Er zeigte Luftaufnahmen der Baustelle und fragte sich angesichts einer Startbahn von rund 10.000 Fuß sinngemäß, wieso Grenada, das nicht einmal eine Luftwaffe besitzt, diesen Flughafen überhaupt baut? Für wen wird dieser Flughafen also gebaut?
Für Washington war die Antwort klar. Eine solche Anlage könnte nicht nur dem Tourismus dienen, sondern auch um kubanischen und sowjetischen Militärflugzeugen eine strategische Basis in der Karibik verschaffen. Die Reagan-Regierung betrachtete dieses Projekt deshalb als Teil der sowjetisch-kubanischen Machtprojektion in der westlichen Hemisphäre.
Grenadas Regierung widersprach vehement. Premierminister Bishop erklärte, der Flughafen werde für den Tourismus und die wirtschaftliche Entwicklung der Insel benötigt und stehe sowjetischen oder kubanischen Militärflugzeugen nicht zur Verfügung. Dann eskalierte die Lage. Nach einem innergrenadischen Machtkampf wurde Bishop im Oktober 1983 gestürzt und ermordet. Am 25. Oktober landeten amerikanische Truppen gemeinsam mit Soldaten mehrerer karibischer Staaten auf Grenada. Washington begründete die Intervention unter anderem mit der Gefährdung amerikanischer Staatsbürger, insbesondere der dort studierenden amerikanischen Medizinstudenten und mit der instabilen politischen Lage. Doch der Flughafen war längst zum Symbol des Konflikts geworden. Amerikanische Fallschirmjäger nahmen ausgerechnet die noch nicht fertiggestellte Startbahn von Point Salines ein. Kubanische Arbeiter leisteten dort bewaffneten Widerstand. Und dann folgte eine bemerkenswerte Pointe: Die Vereinigten Staaten ließen den, von Reagan zuvor als strategische Gefahr angeprangerten Flughafen anschließend selbst fertigbauen.
Washington stellte Millionen Dollar für seine Vollendung bereit. 1984 wurde der Flughafen für den internationalen zivilen Verkehr eröffnet. Damit ist Grenada geradezu ein historisches Lehrstück amerikanischer Außenpolitik. Das Problem war offensichtlich nicht die Startbahn an sich. Entscheidend war die Frage, wer sie baut und wer könnte sie strategisch nutzen könnte?
Genau deshalb lohnt sich der Blick von Grenada 1983 auf Peru 2026. Damals betrachtete Washington einen von Kuba unterstützten Flughafen in der Karibik als potenziellen strategischen Brückenkopf der Sowjetunion. Heute betrachtet Washington chinesisch kontrollierte oder finanzierte Häfen, Infrastruktur- und Rohstoffprojekte in Lateinamerika mit ähnlichem Misstrauen.
Die Akteure haben gewechselt, doch die geopolitische Logik ist erstaunlich ähnlich. Grenada zeigt deshalb vielleicht deutlicher als jedes andere Beispiel, dass die Monroe-Doktrin nie wirklich verschwunden war.
Chile, als Washington eine demokratische Entscheidung nicht akzeptieren wollte
Noch eindringlicher als Grenada zeigt Chile, wie weit Washington in der Vergangenheit bereit war zu gehen, wenn sich ein Staat der westlichen Hemisphäre politisch in eine Richtung bewegte, die den amerikanischen Interessen widersprach. 1970 wurde der Sozialist Salvador Allende zum Präsidenten Chiles gewählt. Er war kein Diktator, der sich mit Gewalt an die Macht geputscht hatte, sondern gelangte durch eine demokratische Wahl und die anschließende Bestätigung durch den Kongress ins Präsidentenamt. Doch genau diese Entscheidung der Chilenen wollte man in Washington nicht einfach hinnehmen. Heute wissen wir aus freigegebenen amerikanischen Dokumenten, wie massiv die Regierung Richard Nixons und die CIA hinter den Kulissen intervenierten. Bereits nach Allendes Wahlsieg versuchte Washington, seine Amtsübernahme zu verhindern. Unter dem geheimen „Track II“, auch als „Project FUBELT“ bekannt, sollte die CIA Möglichkeiten ausloten, einen Militärputsch herbeizuführen. Ein CIA-Telegramm vom 16. Oktober 1970 formulierte das Ziel in bemerkenswerter Offenheit. Es sei die feste und fortdauernde Politik, Allende durch einen Putsch zu stürzen, <aber die amerikanische Hand müsse dabei verborgen bleiben. Allende trat trotzdem sein Amt an.
Damit endete die amerikanische Einflussnahme keineswegs. Die USA unterstützten oppositionelle Kräfte und Medien, finanzierten verdeckte politische Aktivitäten und versuchten, den Handlungsspielraum der Regierung Allende zu beschneiden. Selbst amerikanische Regierungsakten sprechen rückblickend ganz selbstverständlich von umfangreichen verdeckten Operationen in Chile. Warum das alles? Chile drohte aus Sicht Washingtons zu einem gefährlichen Präzedenzfall zu werden. Ein lateinamerikanisches Land hatte einen Marxisten auf demokratischem Wege an die Spitze des Staates gewählt. Das war mitten im Kalten Krieg mehr als eine chilenische Innenangelegenheit. Washington fürchtete, dass Allendes Beispiel in anderen Staaten Lateinamerikas Schule machen könnte. Am 11. September 1973 putschte schließlich das chilenische Militär unter General Augusto Pinochet. Der Präsidentenpalast La Moneda wurde bombardiert. Salvador Allende starb während des Putsches. Nach dem heutigen historischen und forensischen Erkenntnisstand nahm er sich selbst das Leben. Aus der Demokratie wurde eine Militärdiktatur. Es folgten Verfolgung, Folter, politische Morde und das Verschwinden Tausender Menschen.
Dabei muss jedoch historisch sauber unterschieden werden: Es ist nicht belegt, dass die CIA den konkreten Militärputsch vom 11. September 1973 selbst organisiert oder Allendes Tod herbeigeführt hat. Washington wusste jedoch von Putschvorbereitungen, hatte zuvor jahrelang gegen Allende gearbeitet und bereits 1970 selbst versucht, einen Militärputsch gegen ihn zu fördern. Gerade diese Unterscheidung macht das Beispiel Chile so bedeutsam. Es zeigt in aller Brutalität auf, wie weit der Anspruch auf eine amerikanische Einflusssphäre reichen konnte. Selbst eine demokratische Wahl wurde problematisch, wenn ihr Ergebnis den strategischen Interessen Washingtons widersprach. Und damit führt eine direkte Linie zur heutigen Diskussion. Damals fürchteten die Vereinigten Staaten den politischen und wirtschaftlichen Einfluss der Sowjetunion und Kubas in Südamerika. Heute fürchten sie den wachsenden Einfluss Chinas und Russlands. Die Namen haben sich geändert. Die Grundfrage ist jedoch die gleiche geblieben. Wie souverän ist ein kleinerer Staat tatsächlich, wenn seine demokratisch gewählte Regierung, seine Handelspartner oder seine strategischen Entscheidungen den Interessen einer Großmacht widersprechen?
Wer heute über die Rückkehr der Monroe-Doktrin spricht, sollte deshalb Chile nicht vergessen. Kaum ein anderes Land Lateinamerikas erinnert eindringlicher daran, wohin die Vorstellung führen kann, dass die Großmacht im Norden letztlich darüber entscheidet, welche politische Entwicklung in ihrem „Hinterhof“ akzeptabel ist.
Venezuela, wo aus Einfluss reine Machtpolitik wird
Noch deutlicher zeigt sich die neue amerikanische Politik in Venezuela. Das Land besitzt gewaltige Ölreserven und war über Jahre eng mit China und Russland verbunden. Washington betrachtet Venezuela deshalb längst nicht nur unter den Gesichtspunkten Demokratie, Drogenhandel und Menschenrechte. Es geht praktisch nur um Energie, Rohstoffe und Geopolitik. Wer Venezuela kontrolliert oder zumindest entscheidenden Einfluss auf Caracas besitzt, verändert das strategische Kräfteverhältnis in der Karibik und im Norden Südamerikas.
Damit bekommt die Monroe-Doktrin ihre moderne Übersetzung: Keine strategischen Brückenköpfe gegnerischer Großmächte in Amerikas unmittelbarer Nachbarschaft!
Aus amerikanischer Perspektive ist das durchaus nachvollziehbar, aber man sollte es dann auch beim Namen nennen, nämlich, dass es sich hier um klassische Großmachtspoliitik handelt.
Dabei darf allerdings nicht ausgeblendet werden, mit welchen Mitteln Washington diesen Machtanspruch inzwischen durchsetzt. Die militärische Operation auf venezolanischem Staatsgebiet und die gewaltsame Festnahme und Verbringung Nicolás Maduros und seiner Frau Cilia Flores in die Vereinigten Staaten werden von zahlreichen Völkerrechtlern als Verstoß gegen das Gewaltverbot der UN-Charta und gegen die Souveränität Venezuelas bewertet. Ähnlich schwer wiegen die amerikanischen Angriffe auf mutmaßliche Drogenschmuggler-Boote, bei denen Menschen getötet wurden, ohne dass ihnen zuvor vor einem Gericht eine Straftat nachgewiesen worden war. Das UN-Menschenrechtsbüro warnte ausdrücklich vor außergerichtlichen Tötungen. Gerade hier entsteht ein gefährlicher Widerspruch. Wer gegenüber China und Russland die Einhaltung internationaler Regeln einfordert, muss sich an denselben Regeln auch selbst messen lassen. Sonst wird aus einer regelbasierten internationalen Ordnung am Ende nichts anderes, als das alte Recht des Stärkeren.
Doch Amerikas strategischer Raum endet nicht im Süden
Wer die gegenwärtige amerikanische Außenpolitik ausschließlich auf Lateinamerika konzentriert, übersieht allerdings möglicherweise den viel größeren Zusammenhang. Man muss nämlich die Weltkarte nach Norden weiterdrehen. Dann erscheinen plötzlic Namen wie, Kanada, Grönland, Island und die Arktis! Und auf einmal ergibt sich ein völlig anderes Bild. Denn, während Washington im Süden versucht, chinesischen und russischen Einfluss zurückzudrängen, entsteht im Norden einer der wichtigsten geopolitischen Räume des 21. Jahrhunderts.
Die Arktis, vom ewigen Eis zum geopolitischen Schachbrett
Jahrzehntelang war die Arktis für große Teile der Welt ein nahezu unzugänglicher Raum. Das verändert sich dramatisch!
Mit dem Rückgang des Meereises könnten Schifffahrtsrouten an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig rücken gewaltige Rohstoffvorkommen, kritische Mineralien, Öl und Gas stärker in den Mittelpunkt. Zudem ist militärisch die Region ohnehin von enormer Bedeutung. Russland besitzt die mit Abstand längste arktische Küstenlinie und verfügt dort über eine umfangreiche Infrastruktur. China wiederum bezeichnet sich als „Near-Arctic State“ und versucht seit Jahren, wirtschaftlich und wissenschaftlich in der Region Fuß zu fassen. Für Washington entsteht damit eine strategische Herausforderung unmittelbar vor der eigenen Haustür. Alaska allein reicht nicht aus, um diesen Raum zu betrachten. Man muss den gesamten Bogen sehen, nämlich Alaska – Kanada – Grönland – Island – Nordatlantik. Wer diesen Raum kontrolliert, besitzt einen gewaltigen strategischen Vorteil zwischen Nordamerika, Europa und Russland. Und plötzlich versteht man auch das amerikanische Interesse an Grönland wesentlich besser.
Grönland, Trumps Idee ist größer als Trump
Donald Trumps Interesse an Grönland wurde anfangs häufig belächelt. Doch das war jedoch zu kurz gedacht. Über die Art und Weise, wie Trump seine Vorstellungen äußert, kann man sich streiten. Über die strategische Bedeutung Grönlands jedoch kaum. Die Insel liegt zwischen Nordamerika und Europa, besitzt enorme Bedeutung für die militärische Frühwarnung und die Kontrolle des Nordatlantiks und verfügt über interessante Rohstoffvorkommen. Hinzu kommt die Arktis. Grönland ist damit kein riesiger bedeutungsloser Eisblock, es ist vielmehr ein geopolitischer Schlüssel. Deshalb dürfte das amerikanische Interesse auch nicht verschwinden, wenn irgendwann ein anderer Präsident im Weißen Haus sitzt, denn Präsidenten wechseln, aber Geografie bleibt.
Etwas völlig anderes ist allerdings die Frage, ob strategisches Interesse einen Anspruch auf politische Kontrolle begründet. Die Antwort muss eindeutig nein sein, denn über die Zukunft Grönlands entscheiden nicht Washington, Moskau oder Peking.
Und plötzlich Island
Noch erstaunlicher ist, dass inzwischen selbst Island in diese Diskussion geraten ist. Auf den ersten Blick erscheint das absurd. Doch wiederum lohnt sich ein Blick auf die Karte. Island liegt an einer strategisch außerordentlich wichtigen Stelle im Nordatlantik. Zusammen mit Grönland und Großbritannien bildet es den Raum der sogenannten GIUK-Lücke, einen seit dem Kalten Krieg militärisch entscheidenden Zugang zwischen Nordmeer und Atlantik. Russische U-Boote, amerikanische Seestreitkräfte, Nachschubwege zwischen Nordamerika und Europa. Im Ernstfall besitzt dieser Raum enorme Bedeutung. Damit verbindet sich Grönland unmittelbar mit Island und Island wiederum mit der Verteidigung Europas. Aus einzelnen Punkten wird eine Kette.
Und mittendrin Kanada
Vielleicht ist Kanada der interessanteste Teil dieses gesamten Puzzles. Eigentlich könnte man sich kaum zwei enger verbundene Staaten vorstellen. USA und Kanada teilen eine fast 9.000 Kilometer lange Land- und Seegrenze. Beide sind NATO-Mitglieder. Über NORAD verteidigen sie gemeinsam den nordamerikanischen Luftraum. Ihre Volkswirtschaften sind eng miteinander verflochten und trotzdem hat sich zwischen Washington und Ottawa ein bemerkenswerter Konflikt entwickelt. Trumps wiederholte Bemerkungen über Kanada als möglichen „51. Bundesstaat“, seine wirtschaftlichen Drohungen und seine Zollpolitik haben in Kanada eine Frage wiederbelebt, die man unter zwei engen Verbündeten eigentlich für längst beantwortet gehalten hätte, nämlich Wie selbstverständlich Kanadas Souveränität für seinen mächtigen Nachbarn eigentlich sei?
Was in Washington vielleicht teilweise als Provokation oder Verhandlungstaktik verstanden wird, klingt in Ottawa naturgemäß ganz anders. Denn Kanada besitzt etwas, das für die amerikanische Strategie der kommenden Jahrzehnte immer wichtiger werden könnte, nämlich einen riesigen Zugang zur Arktis.
Der beinahe vergessene Streit um die Nordwestpassage
Und hier existiert zwischen beiden Ländern bereits seit langem ein fundamentaler Interessengegensatz. Die Nordwestpassage führt durch den kanadischen arktischen Archipel. Kanada betrachtet die betreffenden Gewässer als Teil seiner inneren Gewässer und beansprucht entsprechende Souveränität. Die Vereinigten Staaten betrachten die Route dagegen grundsätzlich als internationale Meerenge. Solange dort Eis die kommerzielle Schifffahrt massiv behinderte, konnte man diesen Streit vergleichsweise bequem verwalten. Doch was geschieht, wenn die Route wirtschaftlich zunehmend interessant wird?
Dann geht es plötzlich um weit mehr, als eine juristische Fußnote des Seerechts. Es geht um Handel, Rohstoffe, militärische Bewegungsfreiheit Und letztlich um die Frage, wer die Verkehrswege der Arktis letztlich kontrolliert! Damit könnte aus einem alten amerikanisch-kanadischen Disput ein Konflikt von globaler Bedeutung werden.
Die eigentliche Monroe-Doktrin des 21. Jahrhunderts
Nun kann man alle diese Punkte zusammensetzen.
- Im Süden: Kuba, Venezuela, Panama, Kolumbien, Ecuador, Peru und der wachsende chinesische Einfluss in Lateinamerika.
- Im Norden: Kanada, Grönland, Island und die Arktis.
- Im Westen: der Pazifik und dahinter China.
- Im Osten: der Nordatlantik und Europa.
- Und im Zentrum: die Vereinigten Staaten.
Wir erleben hier deshalb gar nicht einfach die Wiederkehr der historischen Monroe-Doktrin. Es entsteht gerade ihre moderne, wesentlich größere Variante, nämlich dass die Vereinigten Staaten verhindern wollen, dass konkurrierende Großmächte in ihrem gesamten strategischen Vorfeld entscheidenden Einfluss gewinnen.
Im 19. Jahrhundert hieß die Botschaft, Europäer raus aus Amerika. Im 21. Jahrhundert könnte sie lauten, China und Russland raus aus der westlichen Hemisphäre und möglichst auch aus dem strategischen Raum rund um Nordamerika.
Doch darf Amerika, was Russland und China nicht dürfen?
Und genau hier kommt die unangenehmste Frage. Washington begründet sein Vorgehen mit nationaler Sicherheit. Das ist zunächst legitim. Keine Großmacht schaut gleichgültig zu, wenn ein potenzieller Gegner unmittelbar vor ihrer Haustür militärischen Einfluss gewinnt, aber wenn man diesen Gedanken zu Ende führt, landet man bei einem gefährlichen Prinzip.
Russland könnte mit derselben Logik behaupten, die Ukraine gehöre zu seinem natürlichen Sicherheitsraum. China könnte dasselbe über Taiwan und das Südchinesische Meer sagen. Und plötzlich wären wir wieder bei einer Welt, in der Großmächte ihre Nachbarn in Einflusszonen einteilen. Genau deshalb muss zwischen Sicherheitsinteressen und Herrschaftsansprüchen unterschieden werden.
Amerika besitzt Sicherheitsinteressen in der Karibik, aber Kuba gehört nicht Amerika. Amerika besitzt Sicherheitsinteressen in der Arktis, aber Kanada gehört nicht Amerika. Grönland ist strategisch wichtig für die Vereinigten Staaten, aber Grönland gehört nicht Washington. Island ist von enormer Bedeutung für die Verteidigung des Nordatlantiks, aber Island ist kein amerikanischer Flugzeugträger. Peru darf Handel mit China treiben, auch wenn Washington das nicht gefällt.
Die kleineren Staaten wollen Partner sein, jedoch keine Vasallen
Genau das dürfte Marco Rubio auf seiner Südamerikareise erfahren haben. Kolumbien, Ecuador und Peru können durchaus konservativ regiert sein und Amerika als bevorzugten Sicherheitspartner betrachten. Daraus folgt jedoch nicht automatisch die Bereitschaft, wirtschaftliche Beziehungen zu China aufzugeben. Diese Länder verfolgen ihre eigenen Interessen.Dasselbe gilt für Kanada, Grönland und Island. Und genau hier liegt die größte Veränderung gegenüber dem 20. Jahrhundert. Die Welt besteht nicht mehr aus zwei sauber getrennten Blöcken. Ein Staat kann amerikanische Waffen kaufen, mit Washington Geheimdienstinformationen austauschen und gleichzeitig einen Hafen von China bauen lassen. Er kann NATO-Mitglied sein und trotzdem amerikanische Forderungen zurückweisen. Er kann Amerika als Verbündeten betrachten, ohne sich Amerika unterzuordnen.
Amerikas eigentliches Problem heißt nicht China
Hier liegt auch die wichtigste Erkenntnis. Amerikas größtes Problem besteht langfristig nicht darin, dass China überall auftaucht. Das eigentliche Problem liegt darin, wenn andere Staaten zu dem Schluss kämen, dass ihnen China wirtschaftlich mehr zu bieten hat, als Amerika. Dann reicht Druck bei weitem nicht aus. Washington kann versuchen, chinesische Investitionen zu verhindern, oder es kann selbst das bessere Angebot machen. Es kann seinen Einfluss durch wirtschaftliche Stärke, Technologie, Handel und verlässliche Partnerschaften sichern, oder durch Drohungen, Zölle und politischen Druck. Das erste Modell schafft Verbündete. Das zweite schafft möglicherweise Gefolgschaft, aber nur solange die Machtverhältnisse stimmen.
Von Kuba bis zum Nordpol
Und damit schließt sich der Kreis. Wer heute auf die Weltkarte blickt, sollte Kuba, Venezuela, Südamerika, Kanada, Grönland, Island und die Arktis nicht mehr ausschließlich als voneinander getrennte Geschichten betrachten. Sie verbindet eine große geopolitische Frage, nämlich, wie weit Amerikas Anspruch reicht, seine unmittelbare Umgebung selbst zu ordnen?
Donald Trump spricht diesen Anspruch wesentlich offener aus, als viele seiner Vorgänger. Aber die Interessen dahinter sind älter, als Trump. Sie reichen zurück bis zu James Monroe. Neu ist der Gegner. China besitzt heute wirtschaftliche Möglichkeiten, von denen die Sowjetunion in Lateinamerika nur träumen konnte. Russland wiederum bleibt militärisch insbesondere in der Arktis ein entscheidender Faktor. Deshalb beginnt möglicherweise gerade ein neuer Kampf um Einflusssphären. Von den Häfen Perus über Kuba und Venezuela bis nach Kanada, Grönland und ins Eis der Arktis. Die Vereinigten Staaten haben jedes Recht, ihre Sicherheit zu verteidigen. Aber ihre Nachbarn haben ebenfalls ein Recht, nämlich, selbst zu entscheiden, mit wem sie handeln, mit wem sie kooperieren und zu welcher Einflusssphäre sie gehören wollen, oder ob sie überhaupt zu einer gehören wollen.
Vielleicht entscheidet sich genau daran, ob die Monroe-Doktrin des 21. Jahrhunderts zu einem Bündnisangebot wird, oder wieder zu jenem alten Prinzip der Großmächte: Meine Nachbarn entscheiden selbst. Solange sie sich richtig entscheiden.
