Der Billionen-Dollar-Rausch! Droht der KI-Boom an seiner eigenen Rechnung zu ersticken?

2,6 Billionen Dollar an Verpflichtungen, gigantische Rechenzentren, ein explodierender Strombedarf und immer neue Milliardeninvestitionen. Der Wettlauf um die Künstliche Intelligenz kennt offenbar nur noch eine Richtung: größer! schneller! teurer! Doch unter der glänzenden Oberfläche des KI-Wunders wächst ein Schuldenberg. Vielleicht ist es an der Zeit, eine ziemlich ungemütliche Frage zu stellen: Was passiert eigentlich, wenn die Rechnung fällig wird?

Noch vor wenigen Jahren klang Künstliche Intelligenz nach Zukunftsmusik. Heute soll sie praktisch alles verändern, unsere Arbeit, unsere Autos, die Medizin, die Verwaltung, die Industrie, unsere Computer und natürlich unser tägliches Leben. Kein Vorstandschef eines großen Technologiekonzerns kann es sich offenbar noch leisten, nicht Milliarden in KI zu investieren.

Es ist ein Wettlauf entstanden, bei dem niemand mehr bremsen will, denn wer bremst, könnte verlieren. Microsoft, Amazon, Google, Meta und andere Techgiganten errichten Rechenzentren in einem Tempo, das noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre. Dafür braucht es Grundstücke, Chips, Server, Glasfaserleitungen, Kühlsysteme und vor allem eines, nämlich ungeheure Mengen Strom. Das alles kostet Geld, sehr viel Geld! Und langsam stellt sich heraus, dass dieses Geld keineswegs nur aus den scheinbar unerschöpflichen Schatzkammern des Silicon Valley kommt.

Der Eisberg unter der Wasseroberfläche

Eine aktuelle Untersuchung von Allianz Research liefert Zahlen, bei denen man zumindest einmal genauer hinschauen sollte. Die langfristige Verschuldung der acht untersuchten großen US-Technologiekonzerne ist innerhalb eines Jahres um 86 Prozent gestiegen.

Doch das ist nur der sichtbare Teil. Viel interessanter sind jene Verpflichtungen, die bislang nur teilweise in den klassischen Schuldenzahlen auftauchen, nämlich langfristige Verträge für Rechenzentren, Energieversorgung, Leasing und andere Infrastruktur.

Diese außerbilanziellen Verpflichtungen stiegen laut Allianz innerhalb eines Jahres von rund 573 Milliarden Dollar auf sagenhafte 2,6 Billionen Dollar. 2.600 Milliarden Dollar,eine Zahl, die man ruhig zweimal lesen darf! Werden diese Verpflichtungen berücksichtigt, erhöht sich die tatsächliche Schuldenbelastung der untersuchten Unternehmen nach Berechnungen von Allianz im Durchschnitt um fast 150 Prozent. Rechnerisch könnte sich dadurch ihre Kreditqualität um ein bis zwei Ratingstufen verschlechtern. Noch besteht kein Grund, den Untergang des Silicon Valley auszurufen. Die großen Technologiekonzerne verdienen enorme Summen und verfügen teilweise über gewaltige Liquiditätsreserven. Aber genau darin liegt die eigentliche Gefahr, denn solange die Gewinne sprudeln und die Börsenkurse steigen, wirkt beinahe jede Investition finanzierbar.

Die Milliarden werden ausgegeben, die Gewinne hingegen müssen erst noch kommen

Der entscheidende Unterschied zwischen einer Investition und einer erfolgreichen Investition wird in der gegenwärtigen Euphorie erstaunlich selten erwähnt, ja es scheint, als ob er komplett aussen vor gelassen wird!

Rechenzentren, KI-Chips, Strom und die Finanzierung kosten heute Geld, sehr viel Geld! Ob die damit erzeugten KI-Angebote irgendwann genügend zusätzliche Gewinne erwirtschaften, wissen wir dagegen erst morgen. Und genau hier wird es interessant, denn die großen Konzerne müssen nicht nur beweisen, dass KI technisch funktioniert. Das dürfte längst außer Frage stehen. Sie müssen beweisen, dass sich die gigantischen Investitionen auch wirtschaftlich rechnen. Millionen Menschen nutzen KI bereits. Unternehmen integrieren sie in ihre Prozesse. Programme werden schneller, leistungsfähiger und beeindruckender, aber Nutzung ist noch lange kein Gewinn!

Eine Milliarde begeisterter Nutzer sind wirtschaftlich nur dann eine Erfolgsgeschichte, wenn sich mit ihnen langfristig mehr verdienen lässt, als ihre Dienste, Rechenzentren, Chips, Energie und Entwicklung kosten und ob diese Rechnung wirklich aufgeht, ist noch längst nicht erwiesen.

Das gefährlichste Wort der Börse ist ohne Zweifel „alternativlos“

Es entsteht inzwischen der Eindruck, als gäbe es für die Technologiekonzerne gar keine Alternative mehr. Wer heute nicht investiert, könnte morgen technologisch abgehängt sein. Also investieren alle auf Teufel komm raus! Und weil alle investieren, steigen Nachfrage und Preise für Chips, Energie, Fachkräfte und Rechenzentrumskapazitäten. Und weil die Konkurrenz ebenfalls Milliarden ausgibt, muss man selbst noch ein paar Milliarden drauflegen. Das ist die eigentliche Dynamik, die nachdenklich machen sollte! Nicht unbedingt, weil KI überschätzt wird, sondern weil die Angst, den Anschluss zu verlieren, zu einer Investitionsspirale führen kann, bei der irgendwann niemand mehr fragt, ob 100 Milliarden zusätzlich wirklich sinnvoll sind. Die einzige Frage lautet oft nur noch, wieviel der andere investiert?

Wir haben solche Geschichten schon erlebt

Das sollte uns doch bekannt vorkommen. Auch die Eisenbahn hat die Welt verändert. Trotzdem gingen im Eisenbahnboom Unternehmen und Investoren unter. Das Internet hat die Welt verändert und trotzdem platzte im Jahr 2000 die Dotcom-Blase. Glasfasernetze waren keine schlechte Idee, Mobilfunk war auch keine schlechte Idee. Das Internet war ganz sicher keine schlechte Idee. Die Technologie war real, die Erwartungen hingegen waren es teilweise nicht. Genau diese Unterscheidung sollten wir auch bei der Künstlichen Intelligenz treffen. Man kann davon überzeugt sein, dass KI unsere Gesellschaft grundlegend verändern wird, und trotzdem zu dem Ergebnis kommen, dass die gegenwärtigen Bewertungen und Investitionen überzogen sein könnten. Das widerspricht sich überhaupt nicht. Tatsächlich ist KI die größte technologische Revolution seit dem Internet. Aber seit wann schützt eine Revolution vor einer Rechnung?

Die Finanzmärkte werden bereits nervöser

Interessant ist deshalb, dass die Kapitalmärkte offenbar beginnen, genauer hinzusehen. Laut Allianz haben sich die Risikoaufschläge für Anleihen großer Technologieunternehmen innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt. Das bedeutet nicht, dass Microsoft, Amazon oder Google morgen ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen könnten. Davon sind wir weit entfernt. Es bedeutet aber, dass Investoren für das zusätzliche Risiko zunehmend bezahlt werden wollen.

Die Studie warnt tatsächlich vor etwas anderem, nämlich wenn die langfristigen Verpflichtungen sichtbar werden und sie nach und nach in tatsächliche Verbindlichkeiten wandeln, könnte sich die Wahrnehmung der finanziellen Stabilität verändern.

Mit anderen Worten gesagt, heisst das: Was heute noch unter der Wasseroberfläche liegt, kann morgen auf der Rechnung stehen.

Was passiert, wenn der Erste bremst?

Genau hier liegt sogar das größere Risiko. Was geschieht, wenn eines der großen Unternehmen irgendwann erklärt, dass die erwarteten KI-Erträge hinter den Erwartungen zurückbleiben und die Investitionen reduziert werden? Vermutlich würde zunächst der Aktienkurs dieses Unternehmens unter Druck geraten. Doch anschließend würden sich die Anleger unweigelich die Anschlussfrage stellen, nämlich wenn es sich dort nicht rechnet, wie sieht es dann bei den anderen aus?

Plötzlich könnten aus einem Einzelfall Zweifel an einem ganzen Geschäftsmodell werden. Dann würde sich zeigen, wie viel der heutigen Börsenbewertungen auf bereits erwirtschafteten Gewinnen beruht und wie viel auf der Erwartung zukünftiger Gewinne. Börsen leben von Erwartungen, Schulden jedoch nicht. Sie haben Fälligkeitstermine.

Und Deutschland?

Wir sollten nicht glauben, dass uns das nichts angeht. Deutsche Unternehmen machen sich zunehmend abhängig von amerikanischer Cloud- und KI-Infrastruktur. Gleichzeitig sollen auch hier Milliarden in Digitalisierung, Rechenzentren und KI fließen. Sollten Finanzierungskosten steigen oder amerikanische Anbieter ihre Preise erhöhen müssen, landet ein Teil der Rechnung irgendwann auch bei europäischen Unternehmen und Verbrauchern.

Erschwerend kommt die Energiefrage hinzu. Deutschland diskutiert über Strompreise, Netzausbau und Versorgungssicherheit, während gleichzeitig eine Technologie ausgerollt wird, deren Infrastruktur einen enormen zusätzlichen Energiebedarf erzeugt.
Als zusätzliches Handicap erweist sich der deutsche Klima-Sonderweg, über den man bei all den KI-Visionen kaum hinwegsehen kann. Deutschland hat seine letzten Kernkraftwerke abgeschaltet und setzt beim Ausbau der Stromerzeugung stark auf Wind und Sonne, also auf jenen wetterabhängigen Strom, den Kritiker gern als „Flatterstrom“ bezeichnen. Schon ohne die geplanten gigantischen Rechenzentren beschäftigen uns hohe Strompreise, Netzausbau, Dunkelflauten und die Frage nach jederzeit verfügbarer gesicherter Leistung. Nun wollen wir ausgerechnet in dieses System neue Großverbraucher stellen, die nicht nur dann rechnen können, wenn der Wind weht und die Sonne scheint. Ein KI-Rechenzentrum braucht Strom rund um die Uhr. Wer den KI-Ausbau ernsthaft plant, muss deshalb auch beantworten, welche Kraftwerke, Speicher, Netze oder Importe diese zusätzliche gesicherte Leistung bereitstellen sollen und vor allem, wer dafür bezahlt. Auch diese Rechnung gehört zur KI-Revolution.

Wir erleben zurzeit gerade keinen KI-Boom, sondern einen KI-Goldrausch

Beim Goldrausch wurden bekanntlich nicht alle Goldsucher reich. Sehr gut verdienten häufig diejenigen, die Schaufeln, Werkzeuge und Dienstleistungen verkauften. Heute heißen die Schaufeln GPUs, Rechenzentren, Stromanschlüsse und Cloudkapazitäten. Noch fließt das Geld, noch steigen die Investitionen, noch verkündet beinahe jeder Konzernchef, KI werde das nächste große Wachstumskapitel seines Unternehmens. Möglicherweise stimmt das sogar.

Aber 2,6 Billionen Dollar an langfristigen Verpflichtungen sind kein Computerspiel. Sie verschwinden nicht, wenn sich eine Prognose als zu optimistisch erweist. Irgendjemand muss sie bezahlen. Deshalb sollten wir aufhören, beim Thema KI ausschließlich über immer intelligentere Modelle und immer beeindruckendere Anwendungen zu staunen.

Die spannendste Frage der nächsten Jahre muss sein, wieviel Geld sich mit Künstlicher Intelligenz tatsächlich verdienen lässt?

Denn irgendwann wird aus der Zukunft Gegenwart und aus Investitionen werden Abschreibungen. Aus Verträgen werden Rechnungen und aus Erwartungen müssen Gewinne werden.

Sollten diese Gewinne kommen, könnte der gigantische KI-Ausbau tatsächlich eine der größten Investitionsgeschichten unserer Zeit werden. Sollten sie jedoch ausbleiben, werden wir vielleicht feststellen, dass die Künstliche Intelligenz zwar unglaublich intelligent geworden ist, ihre Finanzierung hingegen aber erstaunlich menschlich geblieben ist: Gier, Angst, Konkurrenz und die Hoffnung, dass morgen jemand bereit ist, noch mehr zu bezahlen als heute.

Die Technik könnte revolutionär sein, der Goldrausch hingegen ist es nicht.