Roger de Wecks neues Buch stellt eine unbequeme Frage. Die deutsche CDU liefert dazu ein bemerkenswertes Anschauungsbeispiel.
Der bekannte Schweizer Autor und Publizist Roger de Weck beschäftigt sich in seinem neuen Buch – „Glanz und Elend der Konservativen“ – erschienen am 8. 9.2026 im Suhrkamp-Verlag, mit der Frage, welche Rolle die Konservativen für den Fortbestand der Demokratie spielen. Darin vertritt er die These, dass gerade maßvolle Konservative die Demokratie besonders wirksam verteidigen könnten. Voraussetzung sei allerdings, dass sie sich nicht von autoritären Kräften vereinnahmen lassen.
Das ist ein durchaus bedenkenswerter Gedanke! Doch mit Bezug auf Deutschland drängt sich die Frage auf, was passiert, wenn die Konservativen ihr Fundament verlieren, ihre eigene politische Heimat aufgeben und damit jenen Raum freimachen, den sie eigentlich besetzen müssten?
Von der Mitte rechts zur Mitte links?
Die CDU war einmal die große bürgerliche Sammlungspartei Deutschlands. Sie verband konservative, liberale und christlich-soziale Vorstellungen und bot damit Menschen unterschiedlicher Herkunft eine politische Heimat. Unter Angela Merkel veränderte sich dieses Profil fundamental. Die Partei rückte gesellschaftspolitisch nach links, übernahm Positionen ihrer politischen Wettbewerber und verabschiedete sich von manchen Überzeugungen, die über Jahrzehnte zu ihrer DNA gehörten.
Natürlich war nicht jede Veränderung falsch. Eine Partei muss auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren. Doch, wenn Anpassungen zur permanenten politischen Methode wird, stellt sich irgendwann die Frage, was vom eigenen Profil noch übrig bleibt. Für viele frühere Unionswähler ist die CDU längst keine verlässliche Mitte-rechts-Partei mehr. Sie erleben sie als eine Partei, die sich programmatisch konservativ gibt, in der politischen Praxis aber häufig Positionen übernimmt, die zwischen mitte-links und ganz links anzusiedeln sind.
Friedrich Merz trat einst mit dem Versprechen an, die Union wieder stärker konservativ auszurichten. Das Grundsatzprogramm von 2024 sollte diesen Anspruch unterstreichen. Doch ein Programm allein schafft noch kein Vertrauen. Entscheidend ist, ob die Wähler im Regierungshandeln tatsächlich eine andere Politik erkennen können. Das Resultat ist heute deutlich sichtbar!
Strauß wusste, was auf dem Spiel stand
Franz Josef Strauß formulierte einst den berühmten Anspruch, rechts von CDU und CSU dürfe es keine demokratisch legitimierte Partei geben. Dieser Satz wird heute häufig als bloße Abgrenzung gegenüber rechts verstanden. Tatsächlich steckte dahinter eine wesentlich weitergehende politische Überlegung! Die Union müsse den demokratisch-konservativen Raum selbst ausfüllen und dürfe ihre Stammwähler nicht preisgeben!
Strauß warnte ausdrücklich davor, nationalkonservative, nationalliberale und andere bürgerliche Wähler zu vernachlässigen, nur um neue Wählerschichten zu erschließen. Er wusste, dass eine Volkspartei ihre Mehrheitsfähigkeit dann verliert, wenn sie einen wesentlichen Teil ihrer eigenen politischen Basis nicht mehr erreicht.
Heute wirkt diese Warnung geradezu prophetisch. Die AfD hat sich zu einer dauerhaften politischen Kraft entwickelt und erreicht in weiten Teilen Deutschlands Wahlergebnisse, von denen die Union selbst nur noch träumen kann. Man muss die AfD nicht wählen und ihre Positionen nicht teilen, um festzustellen, dass die alte Strauß-Formel politisch gescheitert ist. Rechts von der Union ist längst nicht mehr nur Platz entstanden. Dort hat sich eine Partei etabliert, die erhebliche Teile des früheren bürgerlich-konservativen Wählerpotenzials anspricht.
Die Brandmauer ersetzt kein Profil
Die Antwort der Union besteht bislang vor allem in der Abgrenzung. Diese mag aus ihrer Sicht notwendig sein, um eine Zusammenarbeit mit der AfD auszuschließen. Sie beantwortet aber nicht die Frage, weshalb so viele Menschen die Union überhaupt verlassen haben. Wer Wähler zurückgewinnen will, muss ihnen eine überzeugende politische Alternative anbieten. Er muss erklären, wie er Migration steuern, die Wirtschaft stärken, Energie bezahlbar halten, Bürokratie abbauen und die staatliche Handlungsfähigkeit wiederherstellen will. Vor allem muss er zeigen, dass seine Versprechen nach der Wahl nicht im nächsten Koalitionsvertrag verschwinden.
Die Demokratie lebt vom Wettbewerb unterschiedlicher politischer Vorstellungen. Wenn sich die großen Parteien immer ähnlicher werden und wesentliche Fragen nur noch innerhalb eines engen Meinungskorridors diskutiert werden, wächst zwangsläufig die Attraktivität jener Kräfte, die sich außerhalb dieses Korridors positionieren. Das ist keine Rechtfertigung für extremistische Positionen, sondern vielmehr eine politische Tatsache, mit der sich die etablierten Parteien zwingend auseinandersetzen müssen.
Patriotismus ist kein Extremismus
Zu einem glaubwürdigen konservativen Profil gehört auch, dass man sich nicht für jede traditionelle Überzeugung rechtfertigen muss. Patriotismus ist nicht gleichbedeutend mit völkischem Denken. Wer sein Land liebt, seine Geschichte kennt und sich mit seiner Kultur verbunden fühlt, stellt damit weder die Menschenwürde anderer noch die Demokratie infrage. Ebenso wenig sind schwarz-rot-goldene Fahnen rechtsextreme Symbole. Sie stehen für die deutsche Demokratie und ihre freiheitliche Tradition. Auch die Ablehnung von verpflichtendem Gendern oder die kritische Auseinandersetzung mit Konzepten wie FLINTA und LGBTQ+ macht einen Menschen nicht automatisch zum Extremisten.
Konservative dürfen andere Vorstellungen von Sprache, Familie und gesellschaftlichem Zusammenleben vertreten, solange sie die gleichen Rechte und die Würde aller Menschen achten. Eine demokratische Gesellschaft muss solche Unterschiede aushalten können. Wer jede Abweichung vom jeweils vorherrschenden gesellschaftspolitischen Leitbild moralisch verdächtig macht, verengt den politischen Raum und überlässt ihn am Ende tatsächlich jenen, die ihn für ihre eigenen Zwecke nutzen wollen.
Konservativ sein heißt, etwas bewahren zu wollen
De Wecks Buch erinnert auch daran, dass Konservatismus mehr sein muss, als die Verteidigung des Bestehenden. Er kann Stabilität mit notwendiger Erneuerung verbinden. Genau darin könnte auch die Chance für ein Revival der CDU liegen. Sie müsste wieder glaubhaft deutlich machen, wofür sie steht, nämlich für Eigenverantwortung und soziale Marktwirtschaft, für einen funktionierenden Rechtsstaat, für Sicherheit, für gesellschaftlichen Zusammenhalt und für einen Staat, der seine Aufgaben erfüllt, ohne seine Bürger ständig bevormunden zu wollen.
Eine solche Politik wäre weder reaktionär, noch automatisch rechtsradikal. Sie wäre schlicht eine echte demokratisch-konservative Alternative. Und gerade diese Alternative scheint vielen Menschen heute zu fehlen, wie die Wahl in Sachsen-Anhalt mit aller Deutlichkeit gezeigt hat. Darin liegt die eigentliche Lehre aus de Wecks Überlegungen. Die Konservativen können die Demokratie nicht retten, indem sie sich selbst politisch überflüssig machen. Sie müssen wieder eine eigenständige Kraft werden, die den Bürgern etwas anderes anbietet, als die bloße Fortsetzung des bisherigen Weiterso-Kurses.
Franz Josef Strauß wusste, dass eine Volkspartei den demokratischen Raum rechts der Mitte nicht einfach anderen überlassen darf. Die CDU hat diese Erkenntnis über lange Zeit aus den Augen verloren. Ob sie ihn zurückgewinnen kann, wird sich nicht an ihren Abgrenzungsbeschlüssen entscheiden, sondern daran, ob sie wieder glaubwürdig echte konservative Politik macht.
