China und der Lange Weg zur Weltherrschaft?!

Von Sun Yat-sen über Mao und Deng bis Xi Jinping! Wie China aus einem Jahrhundert der Demütigung seine Lehren zog und heute mit Industrie, Rohstoffen, Infrastruktur, Abhängigkeiten und strategischer Geduld die globale Machtordnung verändert.

Es gibt Kriege, deren eigentlicher Gewinner gar nicht auf dem Schlachtfeld steht!
Der Krieg in der Ukraine könnte eines Tages als ein solcher in die Geschichtsbücher eingehen. Russland verliert Menschen, Material und wirtschaftliche Substanz in ungeahntem Masse. Europa mobilisiert gewaltige Summen für Verteidigung, Aufrüstung und die Unterstützung der Ukraine. Die Vereinigten Staaten müssen ihre strategische Aufmerksamkeit zwischen Europa, dem Nahen Osten und dem Indopazifik verteilen. Und China? China wartet ganz einfach!

Es kauft russische Rohstoffe. Es liefert Waren und industrielle Komponenten. Es baut Häfen, Eisenbahnen, Pipelines und Handelswege. Es hat sich Schlüsselpositionen in allen wichtigen industriellen Lieferketten gesichert. Und während andere Mächte ihre Kräfte in Kriegen und Konflikten binden, verfolgt Peking ein Ziel, das weit über die Ukraine hinausreicht, nämlich dass es nie wieder von anderen Großmächten abhängig sein will. Inzwischen lautet die entscheidende jedoch komplett anders, nämlich: inzwischen, wie viele andere Staaten eines Tages von China abhängig sein werden?

Um zu verstehen, warum diese Frage keineswegs abwegig ist, müssen wir weit zurückgehen. Sehr weit! Nicht zu Xi Jinping, nicht zu Deng Xiaoping und nicht einmal zu Mao. Wir müssen zurück in eine Zeit, in der China nicht die aufsteigende Weltmacht war, sondern das geschundene Opfer fremder Weltmächte.

Das Jahrhundert, das China niemals vergisst!

Im 19. Jahrhundert war das einst mächtige Reich der Mitte militärisch und technologisch gegenüber den europäischen Industriemächten komplett ins Hintertreffen geraten. Die Folgen waren verheerend. Opiumkriege, erzwungene Handelsöffnungen, ausländische Konzessionen, Gebietsverluste und die japanische Expansion! Fremde Mächte bestimmten zunehmend die Bedingungen, unter denen China Handel treiben durfte und seine eigenen Häfen kontrollieren konnte. China war zwar riesig, aber bedenklich schwach und Schwäche wurde bestraft. Nicht nur Großbritannien, Frankreich und Japan profitierten davon, sondern auch Russland. Mit den Verträgen von Aigun 1858 und Peking 1860 musste das geschwächte Qing-Reich große Gebiete am Amur und Ussuri an das Russische Reich abtreten. Auch das Gebiet des heutigen Wladiwostok gelangte unter russische Herrschaft. Diese Epoche lebt im politischen Gedächtnis Chinas bis heute als Teil des „Jahrhunderts der Demütigung“. Das ist keine historische Folklore, Es ist vielmehr eine der Grundlagen des modernen chinesischen Selbstverständnisses.

China hat daraus seine Lektion mehr als gelernt. Es weiss, wer schwach ist, bekommt die Bedingungen diktiert. Und China will nie wieder schwach sein.

Sun Yat-sen, der geistige Vater zweier verfeindeter Chinas

Als 1911 das Kaiserreich zusammenbrach, war von chinesischer Weltmacht noch keine Rede. Sun Yat-sen träumte von einer modernen chinesischen Republik, von nationaler Einheit und davon, die Fremdbestimmung seines Landes zu beenden. Seine „Drei Prinzipien des Volkes“ – Nationalismus, Volksherrschaft und Volkswohlfahrt – sollten China einen Weg aus Zerfall, Rückständigkeit und Abhängigkeit weisen. Und hier liegt ein bemerkenswertes Detail der chinesischen Geschichte, das viel zu leicht übersehen wird:

Sowohl Chiang Kai-shek als auch Mao Zedong gingen letztlich aus jener revolutionären Bewegung hervor, deren überragende Symbolfigur Sun Yat-sen war.

Chiang war Suns politischer Gefolgsmann und wurde später sein mächtigster Erbe innerhalb der Kuomintang. Mao war kein persönlicher Schüler Suns im engeren Sinne. Doch, auch die junge Kommunistische Partei bewegte sich zunächst in einem politischen Umfeld, das von Suns nationaler Revolution geprägt war. Kommunisten und Kuomintang arbeiteten zeitweise sogar gemeinsam daran, China zu einigen und ausländischen Einfluss zurückzudrängen. Und das ist wiederum für die weitere Geschichte von entscheidender Bedeutung. Denn bevor Mao und Chiang zu Todfeinden wurden, existierte nur ein gemeinsamer Gegner, nämlich das gedemütigte China und seine Schwäche.

Beide wollten einen starken chinesischen Staat, beide wollten die Zersplitterung des Landes überwinden, beide wollten die ausländische Bevormundung beenden und beide verstanden, dass China nur dann wieder selbst über sein Schicksal bestimmen konnte, wenn es geeint und stark genug war, fremden Mächten entgegenzutreten.

Jedoch waren sie über den Weg dorthin unversöhnlich zerstritten. Chiang setzte auf Nationalismus, einen zentralisierten Staat und die Kuomintang, Mao hingegen setzte auf die kommunistische Revolution und den Klassenkampf. Aus zwei Strömungen derselben chinesischen Erneuerung wurden erbitterte Gegner. Der Bürgerkrieg entschied schließlich, welche von ihnen das chinesische Festland beherrschen sollte. 1949 siegte Mao. Chiang zog sich mit der Republik China nach Taiwan zurück. Damit entstand eine der großen Ironien der Geschichte, nämlich, dass Sun Yat-sens Erbe auf beiden Seiten der Taiwanstraße weiter lebte!

Sun Yat-sen ist der geistige Vater und eigentliche Gründer zweier verfeindeter Chinas! In Peking verehrte ihn die Volksrepublik als Wegbereiter der chinesischen Revolution. In Taiwan verehrte ihn die Republik China als ihren Staatsgründer. Bis heute können sich Peking und Taipeh über kaum eine grundlegende Frage ihrer gemeinsamen Geschichte einigen, aber beide können sich auf einen Mann berufen, nämlich auf Sun Yat-sen.

Und damit beginnt der rote Faden unserer Geschichte noch früher als bei Mao, nämlich

  • Sun wollte China wieder einigen.
  • Chiang wollte China stark machen.
  • Mao machte China wieder zu einem zentral beherrschten Staat.
  • Deng machte China wirtschaftlich mächtig.
  • Xi will daraus endgültig eine globale Führungsmacht machen.

Die Methoden änderten sich fundamental. Die Ideologien änderten sich und die Führer änderten sich, doch eine Vorstellung überlebte sie alle, nämlich dass: China darf niemals wieder so schwach werden, dass andere Mächte über seine Zukunft entscheiden.

Mao Zedong und China steht wieder auf

Mao machte China nicht reich. Im Gegenteil, der Große Sprung nach vorn und die Kulturrevolution gehören zu den katastrophalsten Kapiteln der modernen chinesischen Geschichte. Millionen Menschen bezahlten Maos Experimente mit Hunger, Verfolgung und Tod. Aber Mao erreichte etwas anderes, nämlich dass China wieder eine starke Zentralmacht besass und politisch geeint war. China als chinesischer Staat war wieder handlungsfähig. Aus der Sicht der Kommunistischen Partei lautete die Botschaft: China steht wieder auf!

Doch China blieb arm und damit fehlte eine entscdheidende Koponente. Politische Unabhängigkeit ohne wirtschaftliche und technologische Stärke schützt eine Großmacht nur begrenzt. Doch dann kam der Mann, der China ungleich stärker veränderte als Mao Zedong, nämlich Deng Xiaoping!

Deng Xiaoping, der Mann, der den Westen verstand!

Deng erkannte eine fundamentale Wahrheit, nämlich, dass mit Ideologie keine Halbleiter produziert, keine moderne Fabriken und keine Produktivität geschaffen werden konnte. China benötigte dringend Kapital, Technologie, Know-how sowie Industrie und Absatzmärkte. Also öffnete er das Land.

Sonderwirtschaftszonen entstanden. Westliche Unternehmen investierten. Fabriken wurden gebaut. China bot Arbeitskräfte in einer Dimension und zu Kosten, mit denen westliche Unternehmen kaum konkurrieren konnten. Der Westen war begeistert und reagierte euphorisch! Die Produktion wurde vermehrt ausgelagert, die Waren wurden billiger und die Unternehmensgewinne stiegen.

Hinter dieser Entwicklung stand eine gewaltige westliche Hoffnung, nämlich, dass wirtschaftliche Öffnung politische Öffnung erzeugen werde. Wohlstand soll eine Mittelschicht schaffen und diese wohlhabende Mittelschicht werde Freiheit verlangen. Der Kapitalismus werde China schließlich irgendwann demokratisieren. Es kam jedoch komplett anders. Der Westen glaubte, China durch Handel zu verändern. China jedoch nutzte den Handel, um sich selbst zu verändern!

Und die Chinesen lernten, sie kopierten, automatisierten, forschten und irgendwann produzierten sie nicht mehr nur für den Westen, sondern sie begannen, mit ihm zu konkurrieren.

Und last but not least, schließlich begann sie, ihn in einzelnen Schlüsselindustrien sogar zu überholen.

Xi Jinping, nun China versteckt seine Stärke nicht mehr

Mit Xi Jinping verändert sich die chinesische Außenwirkung erneut. China spricht nun offen von der „großen Wiederbelebung der chinesischen Nation“. Das ist mehr,als ein wirtschaftliches Programm, das ist vielmehr ein historischer Anspruch. Das China des 19. Jahrhunderts musste hinnehmen, dass andere Mächte seine Regeln bestimmten, das China des 21. Jahrhunderts will selbst seine Regeln setzen. Doch dafür braucht es nicht mehr unbedingt Kolonien, sondern etwas viel moderneres, nämlich Wege!

Die Neue Seidenstraße, ein Imperium ohne Grenzen?

Die neue Seidenstrasse, auch als „Die Belt and Road Initiative“ wird häufig als gigantisches Infrastrukturprogramm beschrieben. Sie beinhaltet Häfen, Eisenbahnen, Pipelines, Kraftwerke, Industrieparks, Telekommunikationsnetze und Kredite. Das ist alles richtig, aber es greift viel zu kurz!

Infrastruktur ist niemals nur Beton und eine Eisenbahn verändert Handelsströme. Ein Hafen verändert Lieferketten und eine Pipeline verbindet Produzent und Abnehmer über Jahrzehnte. Ein Kredit schafft Gläubiger und Schuldner. Ein Telekommunikationsnetz schafft technische Standards und Abhängigkeiten und ein Industriepark schafft wirtschaftliche Verbindungen, die Generationen überdauern können. China ist inzwischen an einer enormen Zahl von Hafen-, Infrastruktur- und Industrieprojekten in Asien, Afrika, Europa und Lateinamerika beteiligt. Dieses politische Prinzip lässt sich in einer einfachen Gleichung zusammenfassen, nämlich

Infrastruktur + Kapital + Rohstoffe + Technologie + Logistik = Einfluss.

Und das Entscheidende daran ist, dass kein Land dafür erobert werden muss. Es hat somit den Kolonialismus des 19. Jahrhunderts überwunden, dies etwa im Gegensatz zu seinem Nachbarn Russland, bei dem diese Denkweise nach wie vor vorherrscht, wie die Interventionen in der Ukraine, in Moldawien und Georgien beweisen

Die Fabrik ist wichtiger als die Mine

Besonders deutlich wird diese Strategie bei Rohstoffen. Der Westen diskutiert über Lithium, Seltene Erden, Graphit und andere kritische Rohstoffe häufig unter dem primären Aspekt, wo diese Vorkommen liegen, beziehungweise, wer über sie verfügt.

Viel früher bereits konzentrierte sich China auf die Fragestellung, wer sie verarbeitet, beziehungsweise verarbeiten kann. Bei den wichtigen Seltenen Erden kontrolliert China einen überwältigenden Anteil der weltweiten Raffinerie- und Verarbeitungskapazitäten. Ähnliche Abhängigkeiten bestehen bei Batterien, Solartechnik und deren Vorprodukten. Das ist strategisch entscheidend, denn eine Mine allein produziert noch keinen Elektromotor. Ein Rohstoff muss gefördert, getrennt, gereinigt, verarbeitet und schließlich in ein industriell verwendbares Produkt verwandelt werden und wer diesen Flaschenhals kontrolliert, besitzt auch die Macht. China hat damit im Laufe der Jahre etwas aufgebaut, das mit klassischen Flugzeugträgern wenig zu tun hat und dennoch enorme geopolitische Wirkung entfalten kann, nämlich Abhängigkeit.

Und nirgendwo lässt sich dieses Prinzip gegenwärtig eindrucksvoller beobachten als bei Russland.

Russland, der Freund, der verkaufen muss

Auf den Fernsehbildern erscheinen Xi Jinping und Wladimir Putin als Partner auf Augenhöhe. Sie lächeln, sie umarmen sich. Sie sprechen von strategischer Partnerschaft und einer multipolaren Weltordnung. Doch Freundschaft ist, wie die Geschichte in aller Deutlichkeit zeigt, in der Geopolitik ein sehr gefährlicher Begriff. Entscheidend ist nicht, wer wen umarmt, sondern wer nein sagen kann!

Russland verlor infolge des Ukrainekrieges einen erheblichen Teil seines früheren europäischen Energiemarktes. Das Gas und die Förderfeder weiterhin vorhanden und trotzdem benötigen Gazprom und somit der russische Staat Einnahmen, um die exorbitanten Kriegskosten stemmen zu können. Also muss ein neuer Kunde her, da bekanntlich der größte Kunde, Europa, abgesprungen ist. Und dieser Kunde liegt direkt vor der Haustür im Fernen Osten, nämlich China!

Eine Pipeline erzählt die ganze Geschichte

Kaum etwas illustriert das neue Kräfteverhältnis besser, als die zweite große Sibirien-Pipeline, lange als Power of Siberia 2 bekannt. Sie soll gewaltige Mengen russischen Erdgases nach China transportieren. Russland braucht dieses Projekt dringend. Und China? China verhandelt über Preise, Abnahmemengen, Bedingungen und über die Finanzierung. Warum sollte China hier großzügig sein? Es besitzt genügend Alternativen, während Russland darbt! Die einfachste Machtrechnung der Welt entsteht, wenn der Verkäufer den Käufer dringender braucht, als umgekehrt! Und genau das erleben wir heute live.

Russland besitzt das Gas, China besitzt Zeit und Zeit kann in einer Verhandlung wertvoller sein, als Gas. Das erlebt nun Russland sehr schmerzhaft!

Jenseits des Urals beginnt ein anderes Russland

Jetzt ist es angebracht, dass wir einen Blick auf die Landkarte riskieren. Russlands politische, finanzielle und gesellschaftliche Zentren liegen im Westen, in Moskau und St. Petersburg als Zentren des europäischen Teils des Landes. Östlich des Urals dagegen beginnt ein gigantischer Raum, die eigentliche Schatzkammer des Riesenreiches. Öl, Gas, Gold, Diamanten, Holz, Kohle und Mineralien. Sibirien und der russische Ferne Osten gehören zu den größten Rohstoffkammern der Erde. Doch große Teile dieses Gebietes sind extrem dünn besiedelt mit teilweise weniger als einem Einwohner je km². Unmittelbar südlich davon befinden sich die dicht besiedelten chinesischen Provinzen Heilongjiang und Jilin mit zusammen zig Millionen Menschen. Die Entfernungen zum Moskauer Machtzentrum sind gewaltig. Infrastruktur und wirtschaftliche Entwicklung unterscheiden sich erheblich zwischen den Regionen. Der Osten liefert einen bedeutenden Teil des natürlichen Reichtums, aber Moskau entscheidet! Man muss die Menschen dort nicht rechtlich zu Bürgern zweiter oder dritter Klasse erklären, um die strukturelle Schieflage zu erkennen.

Für Moskau besitzt der Osten gewaltige strategische Bedeutung. Doch häufig vor allem wegen dessen, was unter seiner Erde liegt. Und nun kommt die entscheidende Frage: Wohin orientiert sich eine riesige Rohstoffregion langfristig, wenn ihr wichtigster zukünftiger Kunde nicht mehr Tausende Kilometer westlich, sondern unmittelbar südlich der Grenze sitzt? Und genau dort liegt das dichtbesiedelte China!

Wladiwostok und das Gedächtnis, das nicht vergisst!

Hier bekommt die Geschichte eine bemerkenswerte Ironie. Im 19. Jahrhundert war Russland stark und China war schwach. Russland konnte hart Bedingungen diktieren, China wurde massiv gedemütigt musste große Gebiete abtreten. Heute gehört Wladiwostok selbstverständlich zu Russland. Es gibt keinen belastbaren Beweis für einen chinesischen Plan, den russischen Fernen Osten militärisch zurückzuerobern.

Doch möglicherweise ist genau das die falsche Frage. Warum sollte China Gebiete militärisch erobern, wenn es deren wirtschaftliche Orientierung beeinflussen kann? Warum annektieren, wenn man es kaufen kann? Warum besetzen, wenn langfristige Lieferverträge genügen? Warum einen Nachbarn militärisch unterwerfen, wenn dieser Nachbar zunehmend darauf angewiesen ist, seine Rohstoffe an einen selbst zu verkaufen?

Chinas moderne Macht besteht nicht mehr darin, eine Fahne über einem Gebiet zu hissen, es genügt, wenn Züge, Pipelines, Rohstoffe und Handelsströme immer stärker in die eigene Richtung führen.

Wird der russische Ferne Osten Chinas Hinterhof?

Damit kommen wir zu einer der provokantesten Thesen. Lateinamerika galt über lange Zeit als strategischer Hinterhof der Vereinigten Staaten. Nicht weil Brasilien, Argentinien oder Mexiko amerikanische Bundesstaaten gewesen wären, sondern weil Washington die unmittelbare Umgebung der Vereinigten Staaten als besonderen wirtschaftlichen und geopolitischen Einflussraum betrachtete.

Könnte der russische Ferne Osten langfristig eine ähnliche Funktion für China bekommen? Nicht als chinesisches Staatsgebiet, sondern als Rohstoffquelle, Energiereserve und wirtschaftlichen Einflussbereich. Ein Hinterhof muss nicht annektiert werden, um ein Hinterhof zu sein.

Und damit kommen wir zum Krieg in der Ukraine.

Die Blutmühle Ukraine

Der Krieg in der Ukraine ist zunächst eine menschliche Katastrophe. Aber die Geopolitik stellt zusätzlich eine andere, nüchterne und brutale Frage: Wer wird nach diesem Krieg stärker sein und wer schwächer?

Russland verbraucht Menschen, Waffen, Munition, Kapital und industrielle Kapazitäten in gigantischen Ausmaßen. Seine Wirtschaft wird zunehmend durch militärische Anforderungen geprägt. Europa wiederum gibt gewaltige Summen für die Ukraine und seine eigene Verteidigung aus. Deutschland, Frankreich, Polen und andere Staaten müssen gleichzeitig ihre jahrzehntelang vernachlässigten militärischen Fähigkeiten wieder aufbauen. Sie investieren Hunderte von Milliaren in diese Aufrüstung.

Und Amerika? Die Vereinigten Staaten glauben, sie müssen Russland in Europa abschrecken, Verbündete unterstützen, im Nahen Osten präsent bleiben und gleichzeitig im Pazifik China entgegentreten.

Und China? China kämpft nicht, es beobachtet, handelt und wartet.

Der lachende Dritte?

Hier muss nun zwischen Tatsachen und geopolitischer Hypothese unterscheiden werden,. Es gibt keinen Beweis dafür, dass Xi Jinping entschieden hätte, diesen Krieg möglichst sonlange laufen, bis Russland und der Westen erschöpft sind. Eine solche Behauptung wäre unseriös, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt. Jedoch gibt es zahreiche Indizien, die genau auf eine solche Taktik hindeuten könnten.

Aber eine andere Frage jedoch ist absolut legitim, nämlich, wie groß ist Chinas Interesse an einem schnellen Ende eines Krieges wäre, dessen strategische Folgen ihm in vieler Hinsicht nutzen?

Ein vollständiger Zusammenbruch Russlands wäre für China gefährlich, ein politisch instabiler Nachbar mit Tausenden Atomwaffen wäre ein Alptraum, aber ein wirtschaftlich starkes, selbstbewusstes und völlig unabhängiges Russland wäre für Peking ebenfalls weniger bequem.

Dazwischen liegt jetzt ein, für China bemerkenswert günstiger Zustand, denn Russland bleibt stark genug, um den Westen zu beschäftigen , aber wird schwach genug, um China immer dringender zu brauchen. China liefert Russland genügend wirtschaftlichen Sauerstoff, um einen vollständigen Zusammenbruch zu verhindern. Gleichzeitig verschenkt Peking seine wirtschaftliche Macht nicht. Es kauft Rohstoffe, wenn die Konditionen stimmen, es verkauft Waren. Es verhandelt brutal hart über Gaspreise und spielt seine Alternativen aus. Das ist kein Widerspruch, sondern klassische Interessenpolitik.

Vom Partner zum Vasallen?

Russland heute schlicht als chinesischen Vasallenstaat zu bezeichnen, wäre noch übertrieben. Die Betonung liegt auf dem Wort noch!
Russland besitzt Atomwaffen, eine eigene Rüstungsindustrie, gewaltige Rohstoffreserven und eigene geopolitische Interessen.

Doch die wichtigste Frage lautet ohnehin eine andere. Nicht, ob Russland heute ein Vasall Chinas ist, sondern, wohin sich das Machtverhältnis entwickelt?

Vor wenigen Jahrzehnten war die Sowjetunion gegenüber China die überlegene Macht. China benötigte sowjetische Technologie, Waffen und industrielles Wissen. Heute besitzt China die wesentlich größere Wirtschaft und industrielle Basis. Russland besitzt dagegen vor allem etwas, das China benötigt, nämlich Rohstoffe. Damit droht Moskau ausgerechnet das Schicksal, das Großmächte anderen Staaten häufig zugedacht haben, nämlich Rohstofflieferant eines mächtigeren Nachbarn zu werden. Somit entsteht kein chinesischer Vasallenstaat im klassischen Sinne, aber ein Russland, dessen Handlungsspielraum gegenüber China immer kleiner wird.

Europa, der zweite Verlierer?

Auch Europa bezahlt einen enorm hohen Preis, das steht ausser Frage. Es muss seine Verteidigung wieder aufbauen, seine Infrastruktur modernisieren und sich seine Energieversorgung sichern. Dazu muss es seine Defizite und Rückstände im Bereich der Digitalisierung und künstlicher Intelligenz möglichst verringern, beziehungsweise auszugleichen. Erschwerend kommt noch dazu, dass es gewaltige Anstrengungen braucht, um die industrielle Wettbewerbsfähigkeit erhalten.

Gleichzeitig konkurriert es mit einem China, dessen industrielle Macht über Jahrzehnte systematisch aufgebaut wurde. Der Ukrainekrieg ist nicht die Ursache all dieser Probleme. Aber er bindet enorme finanzielle und politische Ressourcen zu einem Zeitpunkt, an dem Europa sie an zahlreichen anderen Stellen dringend benötigt.

China befindet sich dem gegenüber in einer äusserst komfortablen Lage. Es kann seine Prioritäten so setzen, wie es will. Europa hingegen muss gleichzeitig reparieren, verteidigen, investieren und transformieren.

Amerika, die Supermacht mit einem neuen Problem

Die Vereinigten Staaten abzuschreiben, wäre ein schwerer Fehler. Richtig ist, dass Amerika nach Beendigung des kalten Krieges als die einzig noch übrig gebliebene Supermacht bezeichnet werden konnte. Auch wenn sich heute die geopolitischen Realitäten korrigiert haben, darf das amerikanische Potential keineswegs unterschätzt werden.

Amerika verfügt weiterhin über enorme militärische, technologische, finanzielle und wissenschaftliche Ressourcen. Aber die USA besitzen ein Problem, das sich nicht einfach mit einem größeren Verteidigungshaushalt beseitigen lässt. Ihre Aufmerksamkeit ist nicht unbegrenzt. Europa, Russland, Nahost, Indopazifik, Nordkorea, Taiwan, Weltraum, Cyberkrieg, Welthandel. Die Liste fühlt sich beinahe unbegrenzt an.

An immer mehr Orten werden amerikanische Macht und amerikanische Garantien gleichzeitig verlangt. China muss Amerika deshalb möglicherweise überhaupt nicht militärisch besiegen. Es genügt vielmehr, wenn Amerika an immer mehr Orten gleichzeitig gebraucht wird. Aufmerksamkeit ist inzwischen die knappste strategische Ressource der Vereinigten Staaten.

Der Weltpolizist war kein Naturgesetz

Amerikas Rolle als Weltpolizist ist nicht gottgegeben. Die Vereinigten Staaten haben sie selbst gewählt. Nach 1945 schufen sie eine internationale Ordnung, deren Garant und zugleich größter Nutznießer sie wurden. Militärische Bündnisse, weltweite Stützpunkte, Sicherheitsgarantien und die herausragende Stellung des Dollars machten aus wirtschaftlicher Stärke globale Macht. Das funktionierte, solange Washington bereit und in der Lage war, den Preis dieser Ordnung zu bezahlen. Doch aus der Führungsrolle wurde mit der Zeit auch eine enorme Last. Kriege, Interventionen und jahrzehntelange militärische Verpflichtungen verschlangen Ressourcen und banden politische Kräfte. Gleichzeitig gewöhnten sich insbesondere die europäischen Verbündeten daran, einen Teil ihrer Sicherheit von Amerika garantieren zu lassen.

Heute stellt sich deshalb nicht die Frage, wer Amerika seine Rolle als Weltpolizist wegnimmt. Die entscheidendere Frage lautet, ob die Vereinigten Staaten diese selbstgewählte Rolle noch ausfüllen wollen und können. China muss Amerika womöglich gar nicht aus seiner Position verdrängen. Es könnte genügen, abzuwarten, während Washington seine Kräfte überdehnt, Verbündete an seiner Verlässlichkeit zweifeln und sich das Zentrum der wirtschaftlichen Macht langsam nach Asien verschiebt. Genau darin unterscheidet sich Chinas Strategie fundamental von der amerikanischen. Die Vereinigten Staaten bauten ihre Weltmacht auch auf militärischer Präsenz rund um den Globus auf. China versucht bislang viel stärker, Abhängigkeiten durch Handel, Infrastruktur, Rohstoffe, Kredite und langfristige wirtschaftliche Verflechtung zu schaffen. Der eine bewacht die bestehende Ordnung, während der andere nach und nach die Bedingungen verändert, unter denen diese Ordnung funktioniert.

Taiwan, wo das Warten enden könnte

Und dann liegt dort noch Taiwan. Genau hier könnte die chinesische Strategie der Geduld an ihre Grenzen gelangen. Hier zeichnet sich eine Sollbruchstelle ab, deren Gefährlichkeit nicht groß genug betont werden kann.

Für Peking ist Taiwan nicht irgendein ausländischer Staat. Die Volksrepublik betrachtet die Insel als Teil Chinas und die Wiedervereinigung als historische Aufgabe. Gleichzeitig besitzt Taiwan enorme Bedeutung für die globale Halbleiterindustrie und für Washington geht es um amerikanische Glaubwürdigkeit im Pazifik. China erhöht seit Jahren kontinuierlich den Druck.

Flugzeuge, Kriegsschiffe, provozierende Manöver, Blockadesimulationen, Cyberangriffe und wirtschaftlicher Druck sind die sich stets verstärkenden Pressionsversuche seitens China. Doch auch hier stellt sich die Frage, ob China tatsächlich militärisch unterwerfen will oder ob das langfristige Ziel darinbesteht, den Preis taiwanischen Widerstands und amerikanischer Unterstützung so weit zu erhöhen, dass sich die politische Gleichung irgendwann ohne Krieg verändert? Die Antwort auf diese Frage kann niemand beantworten. Gerade deshalb ist Taiwan möglicherweise der gefährlichste Punkt auf dem gesamten geopolitischen Schachbrett.

Weltherrschaft ohne Weltreich?

Und nun kehren wir zum Titel zurück. Der lange Marsch zur Weltherrschaft? Vermutlich führt uns gerade das Wort „Weltherrschaft“ zunächst in die falsche Richtung. Denn damit sind wir gedanklich in den Gefilden des 19. und 20. Jahrhunderts. Wir verbinden damit Bilder aus diesen vergangenen Jahrhunderten wie Imperien, Kolonien, besetzte Länder, Militärbasen und Fahnen auf fremdem Boden. Vor unseren Augen sehen wir immer noch die royalen Zeremonien des „British Empire“ auf dem Boden des indischen Subkontinents. Wir erinnern uns den gewaltlosen Kampf Mahatma Gandhis, usw.

Doch für China funktioniert Herrschaft im 21. Jahrhundert anders. China muss die Häfen nicht vollständig besitzen, es genügt, wenn ein erheblicher Teil seines Handels darüber läuft. China muss die Mine nicht besitzen, es genügt, wenn der Rohstoff in China verarbeitet werden muss. China muss die Gasfelder nicht annektieren, es genügt, wenn der Besitzer dieser Gasfelder China als Kunden benötigt. Und China muss einen Markt nicht militärisch erobern, es genügt, wenn dieser Markt ohne chinesische Produkte kaum noch funktioniert.

China muss Russland nicht besiegen, es genügt, wenn Russland China braucht. China muss Europa nicht unterwerfen, es genügt, wenn Europa strategische Abhängigkeiten nicht schnell genug lösen kann. China muss Amerika nicht vernichten, es genügt, wenn amerikanische Dominanz nicht mehr ausreicht, um überall gleichzeitig die Bedingungen festzulegen.

Das wäre keine Weltherrschaft nach dem Muster Roms oder des britischen Empire, es wäre etwas Moderneres.

Die Weltherrschaft, ein Netz aus Abhängigkeiten.

Die Umkehrung der Demütigung

Damit kehren wir dorthin zurück, wo unsere Geschichte begonnen hat. Vor anderthalb Jahrhunderten standen fremde Kanonenboote vor chinesischen Häfen. Andere Mächte bestimmten die Bedingungen. China wurde gezwungen sine Märkte und Häfen öffnen, es musste Gebiete abtreten und demütigende Verträge akzeptieren.

Heute baut China Häfen in aller Welt. Es finanziert Eisenbahnen und Straßen, es verarbeitet kritische Rohstoffe und besitzt eine der mächtigsten industriellen Basen der Erde. Es baut seine Marine aus, schafft internationale Institutionen und Handelsbeziehungen und beobachtet, wie Russland, Europa und Amerika gewaltige Kräfte in Konflikten binden und sich zerfleischen.

Vermutlich besteht Xi Jinpings historisches Ziel deshalb gar nicht darin, chinesische Fahnen über Washington, Moskau oder europäischen Hauptstädten wehen zu lassen. Das wäre eine ziemlich primitive Vorstellung von Macht. Der viel größere Triumph wäre die endgültige Umkehrung des Jahrhunderts der Demütigung.

Nicht China muss sich einer von anderen geschaffenen Weltordnung anpassen. Die Welt muss sich an eine Ordnung anpassen, deren Bedingungen China zunehmend mitbestimmt.

Und möglicherweise erleben wir diesen Übergang bereits live! Nicht mit einem großen Knall, nicht mit einer chinesischen Invasion Europas und nicht mit einer amerikanischen Kapitulation. Während Russland kämpft und ausblutet, Europa zahlt und Amerika versucht überall gleichzeitig zu sein, wartet China in aller Ruhe und profitiert von der mächstigsten Waffe, nämlich der Zeit!

Der Lange Marsch des 20. Jahrhunderts brachte Mao und die Kommunistische Partei ihrem Sieg in China näher. Der Lange Marsch des 21. Jahrhunderts könnte ein sehr viel größeres Ziel haben. China muss die bestehende Weltordnung dafür nicht in einer einzigen großen Schlacht besiegen. Es muss nur länger marschieren können als diejenigen, die sie geschaffen haben.