Nicht TikTok zerstört die Demokratie, sondern Misstrauen tut es!

Wer den Erfolg der AfD vor allem mit TikTok, Facebook und ihren Algorithmen erklärt, macht es sich zu einfach. Die realere aber unangenehmere Frage müsste vielmehr lauten, warum Millionen Bürger den etablierten Parteien und Medien nicht mehr zuhören!

Philipp Jessen zeichnet in seinem Gastkommentar im Handelsblatt vom 2.9.2026 ein gewaltiges Bild! Soziale Medien seien eine „Demokratievernichtungsmaschine“, Mark Zuckerberg eine Art digitaler Oppenheimer und Facebook, TikTok & Co. gefährlicher für freie Gesellschaften, als die Atombombe. Das ist zweifellos ein eindrucksvolles Bild. Nur, ist es auch ein zutreffendes?

Dass soziale Netzwerke erhebliche Gefahren bergen, lässt sich kaum bestreiten. Falschmeldungen verbreiten sich dort rasend schnell. Emotionen funktionieren besser als Differenzierung, Empörung besser als Abwägung. Algorithmen belohnen Aufmerksamkeit und damit häufig gerade jene Inhalte, die provozieren, vereinfachen oder Angst erzeugen. Staaten und politische Organisationen haben längst verstanden, dass sich soziale Netzwerke zur Beeinflussung öffentlicher Meinung einsetzen lassen. Darüber muss geredet werden, aber wir sollten Ursache und Verstärker nicht miteinander verwechseln.

Jessen führt den gegenwärtigen Erfolg der AfD wesentlich auf deren Überlegenheit in den sozialen Medien zurück. In Sachsen-Anhalt steht sie wenige Tage vor der Landtagswahl bei rund 42 Prozent oder darüber. Daraus fabriziert er eine Geschichte mit dem Inhalt, die AfD beherrscht TikTok, die etablierten Parteien beherrschen TikTok nicht und deshalb gewinnt die AfD!

So einfach darf man es sich nun wirklich nicht machen, denn bevor wir fragen, weshalb ein AfD-Video auf TikTok hunderttausendfach angesehen wird, müssten wir eine ganz andere Frage beantworten, nämlich

Warum wollen hunderttausende Menschen dieses Video überhaupt sehen?

Ein Algorithmus kann Unzufriedenheit verstärken. Er kann sie bündeln, emotionalisieren und radikalisieren. Aber er erfindet nicht ohne Weiteres die Erfahrung eines Bürgers, der seit Jahren das Gefühl hat, dass seine Lebenswirklichkeit in der Politik nicht mehr vorkommt. TikTok hat keine Energiepolitik beschlossen. Facebook hat keine Migrationsgesetze verabschiedet. Instagram hat keine Schulen verwaltet, keine Bahn saniert, keine Bürokratie aufgebaut und keine kommunalen Haushalte beschlossen. WhatsApp bestimmt weder Steuern noch Sozialpolitik noch die europäische Regulierung. Dafür ist ausschliesslich Politik verantwortlich und damit die aktuell regierenden Parteien!

Doch genau hier wird die These von der Demokratievernichtungsmaschine bequem. Denn wenn soziale Medien schuld daran sind, dass die Bürger zunehmend Parteien an den politischen Rändern wählen, müssen die etablierten Parteien ihre eigene Politik nicht mehr grundsätzlich hinterfragen. Denn, dann liegt es nicht am Angebot, sondern am Marketing.

Marketingfachleute sollten für die CDU einfach bessere TikTok-Videos drehen, die SPD braucht ein paar Influencer mehr und die Grünen müssten ihre Botschaften nur emotionaler erzählen und schon wäre die Demokratie gerettet? Das erscheint mir geradezu grotesk.

Was waren eigentlich die alten „Filter“?

Besonders bemerkenswert ist Jessens Formulierung, über soziale Netzwerke könnten politische Erzählungen „direkt und ohne Filter“ die Menschen erreichen. Das stimmt, jedoch muss dann die Anschussfrage erlaubt sein, wer oder was bisher die Filter waren, nämlich Zeitungsredaktionen. Fernsehsender. Rundfunkanstalten. Nachrichtenagenturen. Journalisten. Kommentatoren.

Über Jahrzehnte entschieden vergleichsweise wenige Institutionen darüber, welche politischen Aussagen Millionen Menschen erreichten, welche Themen groß wurden und welche kaum vorkamen. Das war keineswegs grundsätzlich schlecht. Journalistische Prüfung, Einordnung und Recherche sind für eine Demokratie unverzichtbar. Aber dieses System hatte eben auch enorme Macht. Diese Macht ist durch das Internet teilweise verloren gegangen.

Heute kann ein Bürger einem Minister widersprechen und theoretisch Millionen Menschen erreichen. Ein Wissenschaftler kann seine Argumente veröffentlichen, ohne auf eine Redaktion angewiesen zu sein. Ein Politiker kann unmittelbar mit seinen Anhängern kommunizieren. Ein Augenzeuge kann ein Video verbreiten, bevor eine Nachrichtenredaktion überhaupt am Ort des Geschehens angekommen ist. Das ist riskant, aber es ist zugleich eine ungeheure Demokratisierung von Öffentlichkeit. Wer deshalb die fehlenden „Filter“ beklagt, sollte sehr genau erklären, welche Filter er zurückhaben möchte und wer darüber entscheiden soll, welche Informationen hindurchdürfen.

Und was ist aus der vierten Gewalt geworden?

Dabei darf eine Institution nicht aus der Betrachtung verschwinden, nämlich die Medien selbst. Nicht ohne Grund werden sie häufig als „vierte Gewalt“ im Staat bezeichnet. Natürlich sind Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen keine Staatsgewalt im verfassungsrechtlichen Sinne. Aber in einer funktionierenden Demokratie erfüllen sie eine Aufgabe, die kaum überschätzt werden kann, nämlich, sie sollen Regierung und Opposition beobachten, Entscheidungen hinterfragen, Missstände aufdecken, unterschiedliche Positionen zu Wort kommen lassen und den Bürgern jene Informationen liefern, die sie benötigen, um sich selbst ein Urteil zu bilden. Genau deshalb genießen Journalisten besondere Rechte und genau deshalb ist die Pressefreiheit ein so hohes Gut.

Doch mit Rechten geht Verantwortung einher. Wenn Medien zunehmend als politische Akteure wahrgenommen werden, wenn Nachricht und Kommentar für den Leser nicht mehr sauber voneinander zu unterscheiden sind oder wenn bei bestimmten gesellschaftlichen Fragen der Eindruck entsteht, ein großer Teil der veröffentlichten Meinung bewege sich innerhalb eines relativ engen Meinungskorridors, dann entsteht ein Problem, das sich nicht mit TikTok erklären lässt. Dann verliert die vierte Gewalt Vertrauen.

Ein frühes und unüberhörbares Warnsignal dafür war PEGIDA in Dresden. Als dort ab 2014 Tausende Menschen „Lügenpresse“ riefen, war der Begriff selbst aufgrund seiner historischen Belastung und seiner pauschalen Verachtung journalistischer Arbeit völlig inakzeptabel. Doch es wäre ebenso falsch gewesen, das dahinterliegende Misstrauen einfach als Parole einer radikalisierten Menge abzutun. Spätestens damals hätte die vierte Gewalt sich fragen müssen, warum ein wachsender Teil der Bevölkerung den klassischen Medien nicht mehr zutraute, gesellschaftliche Wirklichkeit vollständig, ausgewogen und mit der notwendigen Distanz abzubilden. Wer auf dieses Warnsignal hauptsächlich mit Empörung reagierte, beantwortete die entscheidende Frage nicht:

Woher kam dieses Misstrauen und welchen Anteil hatten die Medien selbst daran?

Und genau an diesem Punkt werden die sozialen Medien interessant. Es ist nicht anzunehmen, dass sie nicht deshalb so erfolgreich sind, weil die Menschen plötzlich ihre Freude an Fake News entdeckt haben. Vielmehr suchen manche Menschen dort auch nach Informationen, Argumenten und Sichtweisen, die sie in den klassischen Medien nicht oder nicht ausreichend wiederfinden. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass sie dort zwangsläufig bessere Informationen erhalten. Im Gegenteil: Zwischen seriöser Analyse und blankem Unsinn liegen auf Social Media manchmal nur zwei Clicks!

Aber auch hier gilt, wer verstehen will, weshalb Menschen die traditionellen Medien verlassen, sollte nicht ausschließlich diejenigen untersuchen, zu denen sie gehen. Er sollte ebenso diejenigen betrachten, von denen sie sich abwenden.

Gerade die vierte Gewalt müsste deshalb ein besonderes Interesse daran haben, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Nicht durch Belehrung! Nicht durch die Einteilung der Bürger in jene, die richtig informiert sind, und jene, die vermeintlich der falschen Erzählung aufgesessen sind, sondern durch das klassische Handwerk des Journalismus! Das bedeutet recherchieren, prüfen, widersprechen, unterschiedliche Positionen darstellen und Regierung wie Opposition mit derselben kritischen Distanz betrachten.

Die Aufgabe der Medien besteht nicht darin, die Demokratie vor den Entscheidungen der Wähler zu schützen, sondern darin, den Wählern die Informationen zu geben, mit denen sie ihre eigenen Entscheidungen treffen können. Das ist ein gewaltiger Unterschied! Und genau hier liegt eine der Ursachen für den Aufstieg der sozialen Medien. Wo die vierte Gewalt Vertrauen verliert, entsteht ein Vakuum. TikTok, Facebook, YouTube und X haben dieses Vakuum nicht geschaffen, sie haben es vielmehr besetzt.

Das eigentliche, zentrale Problem heißt Vertrauen

Wir sollten deshalb über etwas sprechen, das wesentlich unangenehmer ist als TikTok, nämlich den Verlust von Vertrauen. Warum glauben Menschen einem Video irgendeines Unbekannten mehr als einem Politiker? Warum misstrauen sie Journalisten? Warum haben etablierte Parteien in Teilen Ostdeutschlands einen derart dramatischen Rückhalt verloren? Warum erreicht eine Partei wie die AfD Menschen, die CDU, SPD, Grüne oder FDP offenbar nicht mehr erreichen?

Die standardmässige Antwort wird sein, weil diese Menschen manipuliert worden sind. Das ist die bequemste Antwort, denn dann liegt der Fehler bei den Manipulierten.

Man könnte sinnvollerweise aber auch fragen, ob Politik und Medien selbst einen Anteil am Vertrauensverlust haben und wie gross dieser Anteil wohl sein mag! Die richtigen Fragen, die gestellt werden müssten sind:

  • Sind Fehler zu selten eingeräumt wurden?
  • Sind bestimmte gesellschaftliche Debatten zu moralisch geführt wurden?
  • Wurde legitime Kritik zu oft vorschnell in politische Schubladen gesteckt?
  • Haben die Bürger nicht manchmal tatsächlich das Gefühl bekommen, dass über sie gesprochen wird, anstatt mit ihnen?

Diese Fragen sind unbequem, aber eine Demokratie muss auch unangenehme Fragen aushalten.

Auch der Wähler trägt Verantwortung

Das bedeutet keineswegs, dass alles, was auf Facebook, X oder TikTok verbreitet wird, akzeptabel wäre. Lügen bleiben Lügen. Bewusste Desinformation bleibt Desinformation. Ausländische Manipulationsversuche müssen aufgedeckt werden. Morddrohungen, Volksverhetzung oder Aufrufe zur Gewalt werden nicht dadurch zu Meinungsfreiheit, dass sie über ein Smartphone verbreitet werden. Und auch der Bürger darf sich seiner Verantwortung nicht entziehen.

Demokratie verlangt die Bereitschaft, Informationen zu prüfen, unterschiedliche Quellen zu lesen und sich mit Argumenten auseinanderzusetzen, die der eigenen Überzeugung widersprechen. Doch genau aus diesem Grund stört mich das Bild von der digitalen Atombombe. Eine Atombombe kennt keinen mündigen Bürger. Wer sich in ihrem Explosionsradius befindet, hat keine Wahl. Der Nutzer eines sozialen Netzwerkes hat diese sehr wohl. Er kann weiterlesen. Er kann widersprechen. Er kann recherchieren. Er kann eine andere Quelle öffnen. Er kann abschalten. Vor allem aber kann er wählen!

Eine Demokratie muss auch falsche Entscheidungen ihrer Bürger aushalten

Hier liegt für mich der entscheidende Punkt. Wenn am kommenden Sonntag in Sachsen-Anhalt tatsächlich vier oder mehr von zehn Wählern ihre Stimme der AfD geben sollten, kann man dieses Ergebnis erschreckend finden. Man kann die Partei bekämpfen, ihre Positionen analysieren, ihre Widersprüche offenlegen und ihre politischen Vorstellungen kritisieren. Aber man muss diese Wähler ernst nehmen.

Wer dagegen suggeriert, ihr Wahlverhalten sei wesentlich das Resultat einer digitalen Manipulationsmaschine, bewegt sich auf gefährlichem Terrain. Denn damit wird aus dem souveränen Bürger sehr schnell ein manipulierbares Objekt, dessen politische Entscheidung nur deshalb falsch ausgefallen ist, weil jemand anderes seinen Kopf mit den falschen Informationen gefüttert hat. Demokratie bedeutet aber nicht, dass die Bürger so lange souverän sind, wie sie das Erwartete wählen. Demokratie bedeutet, dass ihre Entscheidung auch dann gilt, wenn sie uns nicht gefällt.

Die Atombombe ist die falsche Metapher

Soziale Medien können Demokratien beschädigen. Sie können Hass verbreiten, Lügen vervielfachen und Gesellschaften polarisieren. Dagegen brauchen wir Medienkompetenz, Transparenz über Algorithmen, konsequente Strafverfolgung bei tatsächlichen Straftaten und eine Öffentlichkeit, in der Behauptungen überprüft werden. Aber soziale Medien können auch Macht kontrollieren. Sie können Informationen verbreiten, die früher kein großes Medium aufgegriffen hätte. Sie können Minderheiten eine Stimme geben. Sie können politische Debatten öffnen.

Dieses Werkzeug ist nicht demokratisch oder antidemokratisch. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen. Deshalb fürchte ich nicht in erster Linie die Demokratievernichtungsmaschine in unseren Hosentaschen, sondern mir macht eine Demokratie Angst, deren politische Eliten irgendwann glauben, sie müssten nur die Kommunikationskanäle besser kontrollieren, damit die Bürger wieder „richtig“ wählen.

Wenn Millionen Menschen den etablierten Parteien davonlaufen, sollten diese Parteien deshalb nicht zuerst nach dem Algorithmus von TikTok fragen, sondern sie sollten in den Spiegel schauen. Denn mit an Sicherheit grenzender Warscheinlichkeit ist Social Media nicht die Ursache ihres Problems, sondern sie zeigt es ihnen nur schonungsloser als früher, dass sie eines haben!