Trump kann die Fed unter Druck setzen, den Markt jedoch nicht!

Jahrzehntelang konnten Staaten Schulden auftürmen, weil Geld fast nichts kostete. Doch jetzt meldet sich eine Macht zurück, die weder Präsidenten noch Parlamente kontrollieren können: der Gläubiger und seine Stimme heißt Zins.

In Asheville inszenieren die USA ihre wirtschaftliche Stärke. Gleichzeitig sendet der amerikanische Anleihemarkt ein ganz anderes Signal. Die Zinsen steigen, die Schulden wachsen und Donald Trump erhöht den Druck auf die Notenbank. Was nach einem amerikanischen Problem klingt, könnte zu einer der entscheidenden wirtschaftlichen Fragen der kommenden Jahre werden, auch für Europa.

Das Treffen der G20-Finanzminister im amerikanischen Asheville bot reichlich Stoff für Schlagzeilen. Russland saß erstmals seit Beginn des Ukrainekriegs wieder auf Ministerebene mit am Tisch, Journalisten renommierter amerikanischer Medien erhielten keine Akkreditierung, und die Trump-Regierung räumte Vertretern der amerikanischen Privatwirtschaft ungewöhnlich viel Platz ein.

Man kann über all das trefflich streiten. Doch möglicherweise lenkt genau dieses politische Spektakel von einem Problem ab, das langfristig viel bedeutender werden könnte. Es geht um Schulden. Um Zinsen. Und vor allem um Vertrauen.

Eine Rechnung, die jeder versteht

Staatsschulden in Billionenhöhe sind für die meisten Menschen kaum noch vorstellbar. Deshalb machen wir es einfacher. Wer sich eine Million Euro leiht und dafür ein Prozent Zinsen bezahlen muss, zahlt jährlich 10.000 Euro Zinsen. Bei fünf Prozent sind es 50.000 Euro. Die Schuld ist dieselbe geblieben. Nur ihr Preis hat sich verfünffacht.

Bei einem Staat mit Schulden in Billionenhöhe wird aus diesem Unterschied sehr schnell eine Summe, die ganze Ministeriumshaushalte verschlingen kann. Genau deshalb waren die Jahre extrem niedriger Zinsen für die Politik so verführerisch. Staaten konnten sich immer weiter verschulden, ohne dass die Rechnung sofort wehtat. Neue Schulden finanzierten neue Ausgaben, alte Schulden wurden durch neue ersetzt, und solange das Geld nahezu kostenlos zur Verfügung stand, erschien selbst ein gewaltiger Schuldenberg beherrschbar. Doch diese Zeit ist definitiv vorbei.

Plötzlich bekommt eine Frage wieder Bedeutung, die wir fast vergessen hatten: Was kostet es eigentlich, wenn ein Staat sich Geld leiht?

Warum Trump niedrigere Zinsen will

Donald Trumps Forderung nach niedrigeren Zinsen ist zunächst einmal leicht nachvollziehbar. Niedrigere Zinsen erleichtern Investitionen, verbilligen Kredite und können die Wirtschaft ankurbeln. Sie würden gleichzeitig einem amerikanischen Staat helfen, dessen Schuldenberg gewaltige Dimensionen erreicht hat. Doch über den amerikanischen Leitzins entscheidet nicht der Präsident. Dafür gibt es die Federal Reserve, kurz Fed – die amerikanische Notenbank.

Ihre Unabhängigkeit hat einen guten Grund. Würde eine Regierung selbst bestimmen können, wie billig Geld sein soll, wäre die Versuchung gewaltig, vor Wahlen oder zur Finanzierung hoher Staatsausgaben für möglichst niedrige Zinsen zu sorgen. Die Rechnung könnte später in Form höherer Inflation präsentiert werden. Genau deshalb soll die Fed ihre Entscheidungen nach der wirtschaftlichen Lage treffen und nicht danach, was dem jeweiligen Präsidenten gerade politisch gelegen kommt. Und genau an diesem Punkt wird die gegenwärtige Entwicklung brisant. Trump fordert seit Langem niedrigere Zinsen und erhöht den Druck auf die Notenbank. Gleichzeitig versucht seine Regierung, Einfluss auf deren personelle Zusammensetzung zu nehmen. Der Konflikt um Fed-Gouverneurin Lisa Cook hat inzwischen sogar den Supreme Court beschäftigt. Damit geht es längst um mehr, als die Frage, ob der amerikanische Leitzins einen halben Prozentpunkt höher oder niedriger liegen sollte. Es geht nämlich um die Glaubwürdigkeit einer der wichtigsten Institutionen des internationalen Finanzsystems.

Der Präsident bestimmt nicht den Preis

Hier kommt ein Unterschied ins Spiel, der entscheidend ist und trotzdem erstaunlich selten verständlich erklärt wird, nämlich dass es nicht nur „den einen Zins“ gibt!

Die Fed kann vor allem die kurzfristigen Zinsen beeinflussen. Wenn der amerikanische Staat sich aber für zehn oder dreißig Jahre Geld leiht, entscheidet letztlich der Markt darüber, welche Rendite Anleger dafür verlangen. Das sind Banken und Versicherungen, Pensionsfonds und Vermögensverwalter, amerikanische, wie ausländische Investoren und denen kann auch ein amerikanischer Präsident keine Befehle erteilen. Wenn ein Anleger überzeugt ist, dass er sein Geld nach dreißig Jahren zuverlässig und mit stabiler Kaufkraft zurückbekommt, gibt er sich mit einer niedrigeren Verzinsung zufrieden. Hat er jedoch Zweifel, verlangt er mehr. Das nennt man den Risikoaufschlag. Und damit könnte ausgerechnet der politische Druck auf die Fed zum Bumerang werden.

Stellen sich Anleger nämlich irgendwann die Frage, ob die amerikanische Zentralbank noch ausschließlich Inflation und Wirtschaft im Blick hat oder zunehmend politische Wünsche erfüllen muss, verlangen sie möglicherweise höhere Renditen für langfristige amerikanische Staatsanleihen.

Dadurch entsteht dann eine paradoxe Situation: Die Politik drängt auf niedrigere Zinsen und der Markt antwortet mit höheren.

Wenn der Gläubiger wieder eine Stimme bekommt

Genau das macht die gegenwärtige Entwicklung so interessant. Die Renditen langlaufender amerikanischer Staatsanleihen sind zuletzt deutlich gestiegen. Mitte August erreichten 30-jährige US-Staatsanleihen zeitweise Renditen wie seit 2007 nicht mehr. Das amerikanische Finanzministerium reagierte und verdoppelte überraschend seine Rückkäufe langlaufender Staatsanleihen. Kurzzeitig beruhigte das den Markt. Doch schon wenig später stiegen die Renditen wieder. Das ist noch keine Finanzkrise. Und man sollte aus einigen unruhigen Wochen keinen bevorstehenden Zusammenbruch konstruieren. Aber es ist ein Warnsignal. Denn hier meldet sich eine Macht zurück, die in den Jahren des billigen Geldes beinahe in Vergessenheit geraten war. nämlich der Gläubiger.

Ein Staat kann beschließen, mehr Geld auszugeben. Ein Parlament kann neue Schulden genehmigen. Eine Regierung kann erklären, diese Schulden seien notwendig und für zukünftiges Wachstum unverzichtbar, aber irgendjemand muss dem Staat dieses Geld am Ende leihen und dieser Jemand bestimmt mit, was es kostet.

Ein ungewöhnliches Signal aus Washington

Wie nervös die Lage inzwischen ist, zeigte Ende Juli ein weiterer Vorgang. Die USA griffen gemeinsam mit Japan am Devisenmarkt ein, um den stark geschwächten Yen zu stützen. Bemerkenswert war dabei die Methode. Die New Yorker Fed verkaufte nämlich im Auftrag des US-Finanzministeriums Euro und kaufte dafür Yen. Die USA verkauften dabei wohlgemerkt ihre eigenen Euroreserven. Darüber konnten sie selbstverständlich verfügen, das war ihr gutes Recht.

Ungewöhnlich war etwas anderes, nämlich dass die europäischen Partner über diesen Schritt offenbar nicht, wie bisher üblich, vorab konsultiert worden waren. Für sich allein genommen ist auch das keine Katastrophe. Zusammen mit den Entwicklungen am Anleihemarkt zeigt es jedoch, dass jahrzehntelang eingeübte Mechanismen und Abstimmungen innerhalb des westlichen Finanzsystems nicht mehr ganz so selbstverständlich funktionieren wie früher. Und ausgerechnet vor diesem Hintergrund fand das Treffen der G20-Finanzminister in Asheville statt.

US-Finanzminister Scott Bessent erklärte dort, die Welt sei nach Finanzkrise und Pandemie geradezu mit Schulden überschwemmt. Seine Lösung lautet Wachstum! Die Staaten müssten aus ihrem Schuldenproblem herauswachsen. Das wäre zweifellos die angenehmste Lösung, nur muss dieses Wachstum erst einmal entstehen. Die Zinsen hingegen sind bereits da.

Wer jetzt mit dem Finger auf Amerika zeigt, macht es sich zu einfach

Europa sollte deshalb nicht selbstzufrieden über den Atlantik blicken. Auch hier haben Staaten enorme Schulden aufgebaut. Frankreich kämpft mit seinen Staatsfinanzen, Italien trägt seit Jahrzehnten einen gewaltigen Schuldenberg, und auch Deutschland hat sich von der Vorstellung verabschiedet, größere politische Aufgaben ausschließlich aus laufenden Einnahmen finanzieren zu können. Damit stellt sich diesseits des Atlantiks letztlich dieselbe Frage, nämlich: „Was passiert, wenn sich Staaten daran gewöhnt haben, politische Probleme mit neuen Milliarden zu lösen, das Geld jedoch dafür aber dauerhaft wieder einen spürbaren Preis hat?“

Dann wird der Zins selbst politisch. Denn jeder zusätzliche Euro, Dollar oder Franken, der für den Schuldendienst benötigt wird, fehlt an anderer Stelle. Für Infrastruktur, Renten, Verteidigung, Bildung oder soziale Leistungen, oder die Regierung nimmt neue Schulden auf, um die steigenden Zinsen der alten Schulden bezahlen zu können. Spätestens dann beginnt ein Kreislauf, den kein Finanzminister gerne erleben möchte.

Am Ende geht es – wie so oft – um ein einziges Wort

nämlich Vertrauen.

Das gesamte System der Staatsverschuldung beruht letztlich darauf. Eine Staatsanleihe ist nichts anderes als ein Versprechen: Gib mir heute dein Geld. Ich zahle Dir dafür Zinsen und gebe Dir Dein Geld später zurück. Solange Millionen Anleger auf der ganzen Welt diesem Versprechen vertrauen, funktioniert das System. Beginnen sie daran zu zweifeln, verlangen sie mehr Geld für ihr Risiko.

Und genau deshalb ist die Auseinandersetzung um die Unabhängigkeit der Fed weit mehr, als ein persönlicher Machtkampf zwischen Donald Trump und amerikanischen Notenbankern. Die Frage lautet nicht nur, ob Trump niedrigere Zinsen durchsetzen kann. Die viel wichtigere Frage lautet, wie die Menschen reagieren, die Amerika das Geld leihen.

Denn Regierungen können Haushalte beschließen. Sie können Schuldenbremsen verändern, Sondervermögen schaffen und Zentralbanken unter politischen Druck setzen, aber eines können sie nicht beschließen, nämlich Vertrauen.

Vielleicht erleben wir gerade deshalb das Ende einer politischen Illusion. Die Vorstellung nämlich, dass Schulden nur eine Zahl auf dem Papier seien und ihre Finanzierung dauerhaft billig bleiben werde. Die Gläubiger bekommen jetzt ihre Stimme zurück und diese Stimme heißt Zins.