Europas „faules“ Geld – aber wessen Geld ist es eigentlich?

Zehn Billionen Euro liegen auf Europas Bankkonten, sagt Ursula von der Leyen. Dieses Geld müsse stärker für Europas Unternehmen arbeiten. Was nach einem gewaltigen ungenutzten Schatz klingt, wirft jedoch eine Frage auf, über die erstaunlich wenig gesprochen wird: Wem gehören diese zehn Billionen eigentlich?

Ursula von der Leyen hat ein bemerkenswertes Wort gewählt. Bei ihrer Rede vor dem französischen Arbeitgeberverband MEDEF am 27. August bezeichnete sie die Ersparnisse der Europäer als „paresseuse“. Wörtlich übersetzt: faul! Im wirtschaftlichen Zusammenhang kann man freundlicher von „trägen“ oder „ungenutzten“ Ersparnissen sprechen. Doch an der Botschaft ändert das wenig. „10.000 Milliarden Euro Ersparnisse der Haushalte liegen heute auf Bankeinlagen“, erklärte die Kommissionspräsidentin. Und dann folgte der entscheidende Satz: Europa müsse diese Ersparnisse nun in den Dienst seiner Unternehmen stellen.

Das ist zunächst einmal keine Ankündigung, Sparbücher zu plündern. Niemand in Brüssel hat beschlossen, den Bürgern ihr Tagesgeld wegzunehmen oder Bankguthaben zwangsweise in europäische Aktienfonds umzuwandeln. Aber es lohnt sich, genauer hinzusehen.

Denn hinter diesen Worten steht inzwischen eine konkrete politische Strategie, nämlich die europäische Spar- und Investitionsunion. Ihr Ziel besteht ausdrücklich darin, Ersparnisse stärker mit „produktiven Investitionen“ zu verbinden.

Der gewaltige Schatz

Zehn Billionen Euro: 10.000.000.000.000 Euro.

Eine Zahl, bei der man tatsächlich auf die Idee kommen könnte, Europa sitze auf einem gewaltigen Schatz, der nur gehoben werden müsse. Auch für Deutschland finden sich beeindruckende Durchschnittswerte. Doch genau hier beginnt das Problem, nämlich Durchschnitt ist nicht gleich Wirklichkeit. Wenn zehn Menschen gemeinsam elf Millionen Euro besitzen und einer davon zehn Millionen, dann beträgt das durchschnittliche Vermögen 1,1 Millionen Euro. Neun der zehn Menschen sind deshalb trotzdem keine Millionäre.

Genau diesen Effekt sollte man im Hinterkopf behalten, wenn über das Vermögen der europäischen Haushalte gesprochen wird. Die Vermögensbefragung der Deutschen Bundesbank zeigt das eindrucksvoll. 2023 verfügte ein deutscher Haushalt durchschnittlich über 87.400 Euro Finanzvermögen. Der Median lag dagegen bei lediglich 27.400 Euro. Der Median bedeutet, dass die eine Hälfte der Haushalte mehr besitzt und die andere weniger.

Mit anderen Worten bedeutet das, dass der Durchschnittshaushalt auf dem Papier und der Haushalt in der Mitte der Gesellschaft zwei völlig verschiedene Dinge sind.

27.400 Euro sind kein ungenutzter Schatz

Und nun bekommt die Bezeichnung „faules Geld“ einen ganz anderen Klang. Was sind 27.400 Euro für einen normalen Haushalt?Vielleicht die Rücklage für eine kaputte Heizung oder das Geld für das nächste Auto. Die Reserve für unerwartete Pflegekosten, ein Polster für die Rente oder schlicht das beruhigende Gefühl, einige Monate überstehen zu können, wenn das Leben plötzlich anders verläuft als geplant.

Natürlich kann es wirtschaftlich sinnvoll sein, einen Teil langfristiger Ersparnisse in Aktien, ETFs oder andere Produktivinvestitionen anzulegen. Gerade über Jahrzehnte kann das sogar erheblich bessere Renditen ermöglichen als das klassische Sparbuch. Aber daraus folgt noch lange nicht, dass Geld auf einem Bankkonto volkswirtschaftlich sinnlos ist.

Liquidität ist kein Fehler. Sicherheit ist kein volkswirtschaftliches Versagen. Und eine Notreserve ist nicht „faul“.

Brüssel möchte das Sparverhalten verändern

Genau das ist der eigentlich interessante Teil der europäischen Pläne. Die EU-Kommission will die zehn Billionen nicht beschlagnahmen. Sie möchte vielmehr Rahmenbedingungen schaffen, wodurch die Bürger einen größeren Teil ihres Geldes freiwillig am Kapitalmarkt anlegen. Dazu gehören insbesondere Spar- und Investitionskonten, einfacherer Zugang zu Aktien, Fonds und Anleihen sowie steuerliche Anreize.

Die Kommission hat sogar Modellrechnungen vorgelegt. Unter günstigen Annahmen könnten durch die teilweise Umschichtung privater Ersparnisse innerhalb von zehn Jahren mehr als 1,2 Billionen Euro zusätzlich in EU-Vermögenswerte fließen. Das ist keine Kleinigkeit. Hinzu kommen Reformen der privaten und betrieblichen Altersvorsorge und die Idee des sogenannten Auto-Enrolments, das heisst, Arbeitnehmer könnten automatisch in kapitalgedeckte Vorsorgesysteme aufgenommen werden und müssten aktiv widersprechen, wenn sie daran nicht teilnehmen möchten.

Das bleibt formal freiwillig, aber es verändert die Richtung. Nicht mehr der Bürger muss sich bewusst für die Kapitalanlage entscheiden, unter Umständen muss er sich bewusst dagegen entscheiden.

Für Deutschland wird es besonders interessant

Im Länderbericht 2026 wird die EU-Kommission gegenüber Deutschland ungewöhnlich deutlich. Deutschland habe bereits eine hohe Sparquote. Deshalb gehe es, abgesehen von Bevölkerungsgruppen, die bislang zu wenig für ihre Altersvorsorge zurücklegen, nicht in erster Linie darum, noch mehr zu sparen. Wünschenswert sei vielmehr eine Umschichtung der Ersparnisse, um Unternehmen mehr Kapital zur Verfügung zu stellen, ausdrücklich auch Risikokapital!

Damit erhält von der Leyens Rede eine ganz andere Bedeutung. Das „faule“ Geld ist keine beiläufige rhetorische Bemerkung. Es beschreibt eine wirtschaftspolitische Vorstellung, nämlich dass Europa viel spart, aber aus Sicht der Kommission jedoch falsch.

Zu viel Geld liegt auf Bankkonten. Zu wenig fließt über Kapitalmärkte in Unternehmen und genau das soll sich ändern.

Aber wessen Geld soll eigentlich mobilisiert werden?

Hier fehlt mir in der politischen Debatte eine entscheidende Unterscheidung. Es macht einen gewaltigen Unterschied, ob ein vermögender Haushalt von zwei Millionen Euro Finanzvermögen 500.000 Euro auf verschiedenen Konten liegen lässt, oder ob eine Familie ihre 25.000 Euro Rücklage auf einem Tagesgeldkonto hält. Statistisch gesehen sind beide Teil desselben europäischen „Sparschatzes“. Ökonomisch und sozial hingegen sind es vollkommen unterschiedliche Welten.

Wenn Politik darüber nachdenkt, wie sich zehn Billionen Euro „aktivieren“ lassen, muss sie deshalb auch darüber sprechen, wie dieses Vermögen verteilt ist. Die Summe allein sagt fast nichts über den einzelnen Bürger aus.

Der Staat darf Angebote machen, entscheiden jedoch muss der Bürger

Es spricht nichts dagegen, den europäischen Kapitalmarkt attraktiver zu machen. Warum sollte ein deutsches Technologieunternehmen für seine nächste Wachstumsphase zwingend amerikanisches Kapital benötigen und warum sollten europäische Sparer nicht stärker vom Erfolg europäischer Unternehmen profitieren? Warum sollte ein einfaches, kostengünstiges und möglicherweise steuerlich begünstigtes Investmentkonto etwas Schlechtes sein? Im Gegenteil, vieles daran könnte vernünftig sein.

Problematisch wird es erst dann, wenn aus dem Angebot eine politische Erwartung entsteht.

Wenn Sparen auf dem Bankkonto als falsches Verhalten betrachtet wird und wenn steuerliche Regeln immer stärker dazu dienen, Kapital in politisch gewünschte Richtungen zu lenken, oder wenn die Politik irgendwann nicht mehr fragt: „Wie können wir Bürgern bessere Möglichkeiten bieten?“, sondern: „Wie bekommen wir ihr Geld dorthin, wo wir es brauchen?“, wird es mehr als gefährlich!

Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied.

Zehn Billionen gehören nicht „Europa“

Und das ist das der wichtigste Satz in dieser ganzen Diskussion: Diese zehn Billionen Euro gehören nicht der Europäischen Union.

Sie gehören Millionen einzelner Menschen. Hinter den gigantischen Summen stehen sehr unterschiedliche Lebensgeschichten. Der Unternehmer mit Millionenvermögen ebenso wie die Rentnerin mit 20.000 Euro Rücklage und die Familie, die jahrelang für ein Eigenheim spart. Europa darf seinen Bürgern bessere Möglichkeiten anbieten, ihr Vermögen anzulegen. Es darf Kapitalmärkte vereinfachen. Es darf Bürokratie abbauen und Investitionen attraktiver machen und selbstverständlich darf es erklären, warum Investitionen in europäische Unternehmen auch im Interesse der Bürger liegen könnten.

Aber eines sollte dabei niemals verloren gehen, nämlich dass der Bürger nicht dafür spart, um die Investitionslücke Europas zu schließen. Er spart zunächst für sich und seine Familie.

Sein Geld darf arbeiten. Aber er entscheidet, für wen.