Vieldiskutiert, häufig geschmäht und trotzdem vorhanden: der Patriotismus. Während manche Länder ihn ganz selbstverständlich pflegen, scheint Deutschland bis heute ein schwieriges Verhältnis zur eigenen nationalen Identität zu haben. Doch kann eine Gesellschaft auf Dauer integrieren, wenn sie selbst nicht mehr recht weiß, was das gemeinsame „Wir“ eigentlich ausmacht?
Wer durch amerikanische Städte reist, muss nicht lange nach ihr suchen, die Stars and Stripes wehen vor Privathäusern, Geschäften und öffentlichen Gebäuden. Die Franzosen zelebrieren ihre Nation am 14. Juli mit einer Selbstverständlichkeit, die in Deutschland beinahe befremdlich wirken kann. Und in der Schweiz gehören Landesflagge, Nationalfeiertag und Bekenntnis zur Eidgenossenschaft zum Alltag.
Patriotismus ist dort zunächst einmal nichts Anrüchiges. Aber ist er deshalb automatisch etwas Gutes? Und wo endet die Verbundenheit mit dem eigenen Land und beginnt jener Nationalismus, der andere ausgrenzt oder die eigene Nation überhöht?Gerade die Schweiz bietet sich an, dieser Frage nachzugehen.
Ein Land, das eigentlich kaum zusammenpassen dürfte
Die Schweiz ist ein bemerkenswertes Gebilde. Vier Landessprachen, unterschiedliche Konfessionen, urbane Zentren und abgelegene Bergregionen, starke Kantone und ausgeprägte regionale Identitäten bilden seit Jahrhunderten einen gemeinsamen Staat. Deutschsprachige Züricher, französischsprachige Genfer, Tessiner und Rätoromanen unterscheiden sich kulturell zum Teil erheblich voneinander. Trotzdem verstehen sie sich als Schweizer.
Was hält eine solche Gemeinschaft zusammen? Sicherlich nicht allein die Sprache. Auch eine gemeinsame ethnische Herkunft kann es kaum sein. Vielmehr entwickelte sich über Generationen eine politische und kulturelle Identität, nämlich das Bewusstsein, trotz aller Unterschiede Teil einer gemeinsamen Eidgenossenschaft zu sein. Dieses Wir-Gefühl wurde durch Geschichte und Legenden verstärkt.
Der Rütlischwur gehört ebenso dazu wie Wilhelm Tell. Der Rütli-Rapport General Henri Guisans von 1940 wurde zu einem Symbol des schweizerischen Widerstandswillens während des Zweiten Weltkriegs. Selbst sportliche Ereignisse konnten nationale Bedeutung gewinnen. Der Schweizer Sieg gegen die deutsche Fußballmannschaft bei der Weltmeisterschaft 1938 wurde im damaligen politischen Umfeld weit über den Sport hinaus wahrgenommen.
Manches davon wurde später verklärt, manches zum Mythos erhoben. Doch gerade Mythen sind für nationale Identitäten nicht bedeutungslos. Sie erzählen einer Gesellschaft, wer sie zu sein glaubt. Bis heute funktioniert dieser Mechanismus.
Wenn die Schweizer „Nati“ bei einem großen Fußballturnier erfolgreich ist, die Eishockeynationalmannschaft um Medaillen spielt oder Schweizer Skifahrer die Abfahrt gewinnen, sind plötzlich Sprach- und Kantonsgrenzen zweitrangig.
Noch deutlicher wird dies bei Traditionen wie dem Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest oder dem Eidgenössischen Feldschießen. Hier wird Gemeinschaft nicht theoretisch erklärt, hier wird sie gelebt.
Man muss all das nicht mögen. Aber man sollte seine gesellschaftliche Wirkung nicht unterschätzen.
Patriotismus ist nicht Nationalismus
An dieser Stelle ist eine Unterscheidung notwendig, die in politischen Debatten häufig verloren geht. Patriotismus bedeutet zunächst: Das ist mein Land. Ich fühle mich ihm verbunden und möchte Verantwortung dafür übernehmen.
Nationalismus beginnt dort problematisch zu werden, wo daraus etwas anderes entsteht, nämlich Mein Land, mein Volk oder meine Kultur sind anderen überlegen und müssen gegen sie verteidigt werden.
Das eine benötigt das andere keineswegs. Man kann die eigene Heimat lieben, ohne die Heimat eines anderen geringzuschätzen. Man kann stolz auf Errungenschaften des eigenen Landes sein und gleichzeitig dessen Fehler benennen. Und man kann Traditionen bewahren, ohne Menschen anderer Herkunft von ihnen auszuschließen. Gerade die Schweizer Geschichte zeigt allerdings auch, wie schnell Patriotismus in Abgrenzung umschlagen kann.
Als die „Fremden“ kamen
Nach dem Zweiten Weltkrieg befand sich die Schweiz in einer außergewöhnlichen Lage. Während weite Teile Europas zerstört waren, verfügte das Land über eine weitgehend intakte Infrastruktur und eine leistungsfähige Industrie. Die Wirtschaft wuchs und brauchte Arbeitskräfte. Viele kamen aus Italien. Sie bauten Straßen und Häuser, arbeiteten in Fabriken, im Gastgewerbe und auf Baustellen. Später kamen Menschen aus Spanien, Portugal, der Türkei und Jugoslawien hinzu. Flüchtlingsbewegungen brachten unter anderem Ungarn, Tschechoslowaken und Tamilen ins Land.
Doch mit der Zuwanderung wuchs auch die Angst vor „Überfremdung“.
Ihren politischen Höhepunkt erreichte sie 1970 mit der sogenannten Schwarzenbach-Initiative. Die Initiative wollte den Ausländeranteil drastisch begrenzen und hätte bei ihrer Annahme dazu geführt, dass Hunderttausende Menschen die Schweiz hätten verlassen müssen. Sie wurde abgelehnt, allerdings keineswegs überwältigend deutlich. Fast die Hälfte der Abstimmenden stimmte dafür.
Das gehört ebenso zur Geschichte des schweizerischen Patriotismus wie Rütli, Alpen und Schweizerkreuz. Auch heute ist die Frage nicht verschwunden. Die Diskussion um Bevölkerungswachstum, Zuwanderung und eine mögliche „10-Millionen-Schweiz“ zeigt, dass die Sorge um Identität und Überforderung weiterhin existiert. Und dennoch hat sich etwas Entscheidendes verändert. Die italienischen Gastarbeiter, über deren Zahl sich die Schweiz einst heftig stritt, sind längst Teil des Landes geworden. Ihre Kinder und Enkel sind Schweizer. Italienische Küche, Namen und Kultur gehören heute ganz selbstverständlich zur Schweiz. Aus den Fremden von gestern wurden die Schweizer von heute.
Ein bemerkenswerter Widerspruch
Hier beginnt der eigentlich interessante Teil. Die Schweiz besitzt einen sehr hohen Anteil ausländischer Einwohner. Sie kennt selbstverständlich Probleme mit Migration, Asyl und Integration. Auch dort gibt es soziale Brennpunkte, Kriminalität und Konflikte zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Es wäre falsch, daraus eine schweizerische Idylle zu konstruieren.
Trotzdem lohnt die Frage, weshalb viele gesellschaftliche Konflikte dort anders verlaufen als etwa in Deutschland oder Frankreich. Eine mögliche Erklärung könnte ausgerechnet im vielgeschmähten Patriotismus liegen. Denn die Schweiz sagt Neuankömmlingen im Grunde zweierlei:
Du darfst deine Herkunft behalten. Aber wenn du Schweizer werden willst, trittst du einer Gemeinschaft bei, die ziemlich genau weiß, wer sie ist.
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Der rote Pass
Die Schweizer Staatsbürgerschaft gilt traditionell als etwas Wertvolles. Der Weg dorthin ist vergleichsweise anspruchsvoll. Einbürgerung bedeutet nicht lediglich, einige Formulare auszufüllen und nach Ablauf einer bestimmten Frist einen Pass abzuholen. Bund, Kantone und Gemeinden spielen dabei eine Rolle. Sprachkenntnisse, Integration, Kenntnisse über das Land und die Respektierung seiner gesellschaftlichen Ordnung gehören zu den Voraussetzungen. Das Verfahren kann streng wirken. Gelegentlich wirkt es sogar kleinlich. Aber dahinter steht ein bemerkenswerter Gedanke: Staatsbürgerschaft bedeutet Zugehörigkeit.
Der neue Bürger erhält nicht lediglich Rechte. Er wird Teil einer politischen Gemeinschaft. Das ist in der Schweiz besonders ausgeprägt, weil der Bürger durch die direkte Demokratie regelmäßig gefragt wird. Er stimmt über Steuern, Straßen, Renten, Energiepolitik oder Zuwanderung ab. Gemeinde, Kanton und Bund sind keine abstrakten Gebilde irgendwo oberhalb des Bürgers. Der Bürger ist ein Teil davon. Vermutlich erklärt das auch ein Phänomen, das man bei vielen eingebürgerten Schweizern beobachten kann: Menschen mit italienischen, portugiesischen, kroatischen oder anderen Wurzeln können ausgesprochen stolze Schweizer sein. Ihre Herkunft verschwindet dadurch nicht, sie bekommen etwas hinzu.
Integration braucht ein Ziel
Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage, die in der deutschen Integrationsdebatte erstaunlich selten gestellt wird, nämlich worin sich ein Mensch eigentlich integrieren soll ?
Integration kann schließlich nicht nur bedeuten, eine Sprache zu lernen, einer Arbeit nachzugehen und Gesetze einzuhalten. Eine Gesellschaft besteht auch aus gemeinsamen Erinnerungen, Regeln, Gewohnheiten, Symbolen und einem Mindestmaß an Zugehörigkeitsgefühl. Wer Integration fordert, muss deshalb auch sagen können, was am Ende dieses Prozesses stehen soll. Und genau hier wird der Vergleich mit Deutschland interessant.
Deutschlands schwieriges Verhältnis zu sich selbst
Deutschland besitzt aus nachvollziehbaren historischen Gründen ein kompliziertes Verhältnis zum Nationalgefühl. Die Verbrechen des Nationalsozialismus haben den Begriff der Nation dauerhaft belastet. Diese historische Verantwortung darf weder relativiert, noch vergessen werden. Doch aus der notwendigen Erinnerung entstand teilweise etwas anderes, nämlich eine diffuse Unsicherheit gegenüber nahezu jeder positiven Form nationaler Identifikation.
Die deutsche Flagge wird außerhalb von Fußballturnieren erheblich zurückhaltender gezeigt als in vielen Nachbarländern. Begriffe wie Heimat, Vaterland oder Nationalstolz lösen schnell politische Abwehrreflexe aus. Besonders deutlich wurde diese Distanz in Äußerungen des früheren Wirtschaftsministers Robert Habeck, der schon Jahre vor seiner Regierungszeit öffentlich erklärte, mit Vaterlandsliebe wenig anfangen zu können. Man kann diese Haltung teilen, aber man sollte sich fragen, welche Wirkung sie entfaltet. Eine Einwanderungsgesellschaft steht vor einem eigentümlichen Problem, wenn sie von Neuankömmlingen Integration verlangt und gleichzeitig selbst Schwierigkeiten damit hat, positiv zu formulieren, worin diese Integration eigentlich münden soll.
Werde einer von uns, aber wer sind „wir“?
Darin könnte einer der wesentlichen Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz liegen. Die Schweiz verlangt von Zuwanderern nicht, Italiener, Portugiesen, Tamilen oder Kroaten zu vergessen.Sie bietet ihnen aber eine zusätzliche Identität an, nämlich Du kannst Schweizer werden!
Nicht nur auf dem Papier, nein, du kannst dazugehören. Deutschland hingegen diskutiert seit Jahrzehnten darüber, was „deutsch“ überhaupt noch bedeutet und ob bereits die Frage danach verdächtig sei. Das führt zu einem bemerkenswerten Widerspruch. Einerseits wird Integration eingefordert. Andererseits wird jene nationale Identität, in die integriert werden soll, häufig nur sehr vorsichtig beschrieben. Doch Integration ohne Ziel ist schwer vorstellbar.
Wie soll ein Mensch Deutscher werden wollen, wenn ihm gleichzeitig vermittelt wird, dass es zumindest verdächtig sein könnte, stolz darauf zu sein, Deutscher zu sein?
Aber auch Patriotismus braucht Grenzen
Die Antwort kann allerdings nicht darin bestehen, nun einfach mehr Nationalgefühl zu fordern, denn die Geschichte zeigt ebenfalls, wohin Nationalismus führen kann. Ein gesundes Gemeinwesen muss deshalb zwei Dinge gleichzeitig schaffen: Es muss selbstbewusst genug sein, seine Kultur, Geschichte und Werte zu vertreten und offen genug, Menschen aufzunehmen, die bereit sind, Teil dieser Gemeinschaft zu werden.
Patriotismus darf nicht von Abstammung abhängig gemacht werden. Der eingebürgerte Schweizer mit italienischen Großeltern ist nicht weniger Schweizer als der Bauer, dessen Familie seit Jahrhunderten im Emmental lebt. Ebenso müsste ein Deutscher mit türkischen, polnischen, syrischen oder vietnamesischen Wurzeln selbstverständlich sagen können: Ich bin Deutscher. Dieses Land ist mein Land.
Und er müsste die deutsche Flagge genauso selbstverständlich aufhängen können wie jemand, dessen Vorfahren seit Generationen hier leben. Das wäre kein Nationalismus, sondern gelungene Integration.
Das gemeinsame „Wir“
Wie es den Anschein macht, wurde die Diskussion über Patriotismus deshalb jahrelang von der falschen Seite geführt. Wir fragen, welche Gefahren von einem starken Nationalgefühl ausgehen können. Diese Frage ist angesichts der europäischen Geschichte notwendig, aber wir fragen erheblich seltener, welche Gefahren von seinem völligen Verschwinden ausgehen.
Was hält eine Gesellschaft zusammen, wenn Herkunft, Religion, Lebensweisen und kulturelle Prägungen immer unterschiedlicher werden? Gesetze allein werden dafür kaum ausreichen. Eine moderne Einwanderungsgesellschaft benötigt etwas, das über Herkunft hinausgeht und trotzdem Zugehörigkeit ermöglicht.
Die Schweiz könnte dafür ein interessantes Beispiel sein. Nicht weil dort alles besser wäre oder es dort keine Integrationsprobleme gäbe und schon gar nicht, weil jeder Schweizer Patriotismus automatisch sympathisch wäre, sondern weil dieses kleine, mehrsprachige und seit langer Zeit von Einwanderung geprägte Land etwas bewahrt hat, das Deutschland zunehmend schwerfällt, nämlich die Vorstellung eines gemeinsamen „Wir“!
Genau darin liegt die Grenze zwischen Patriotismus und Nationalismus.
Der Nationalist sagt: „Dieses Land gehört uns und nicht euch!“
Der Patriot hingegen kann dagegen sagen: „Das ist unser Land. Wenn du dich zu ihm bekennst, Verantwortung dafür übernimmst und seine Freiheit und seine Regeln respektierst, kannst auch du zu diesem „Wir“ gehören.“
Eine offene Gesellschaft braucht deshalb möglicherweise nicht weniger Patriotismus, sondern sie braucht einen Patriotismus, der stark genug ist, andere aufzunehmen, ohne sich selbst aufzugeben.
