Schwanengesang der Supermächte

Die großen Mächte dieser Welt verfügen über mehr Waffen, mehr Technologie und mehr wirtschaftliche Möglichkeiten, als jemals zuvor. Und dennoch scheint ihre Fähigkeit zu schwinden, politische Ziele mit Macht dauerhaft durchzusetzen. Vielleicht erleben wir nicht den Aufstieg neuer Supermächte, sondern das langsame Ende des Zeitalters der Supermächte überhaupt.

Noch während des Zweiten Weltkriegs schien die Weltordnung vergleichsweise übersichtlich. Das Britische Empire umspannte den Globus, Frankreich verfügte über ein gewaltiges Kolonialreich, die Sowjetunion beherrschte einen riesigen eurasischen Raum und die Vereinigten Staaten waren bereits die wirtschaftliche Großmacht des Westens. Heute, achtzig Jahre später ist von dieser Ordnung wenig geblieben.

Das Britische Empire existiert nicht mehr. Das französische Kolonialreich ist Geschichte. Die Sowjetunion ist zerfallen. Und selbst die Vereinigten Staaten müssen feststellen, dass militärische Überlegenheit keineswegs automatisch politische Gestaltungsmacht bedeutet. Die entscheidende Frage, die sich jetzt stellt, lautet deshalb:

Erleben wir gerade den Schwanengesang der Supermächte?

Amerika, vom Isolationismus zum Weltpolizisten

Die Vereinigten Staaten hatten ursprünglich keineswegs die Absicht, dauerhaft die Rolle eines Weltpolizisten zu übernehmen. Über lange Zeit prägte eine isolationistische Tradition die amerikanische Außenpolitik, jene Haltung, die in Europa häufig etwas vereinfachend mit dem britischen Begriff der splendid isolation beschrieben wird. George Washington hatte bereits vor dauerhaften außenpolitischen Verstrickungen gewarnt.

Woodrow Wilson wollte nach dem Ersten Weltkrieg eine neue internationale Ordnung schaffen. Sein Völkerbund sollte Konflikte nicht mehr allein durch das Recht des Stärkeren entscheiden lassen. Jedoch, ausgerechnet der amerikanische Senat verweigerte den Beitritt der USA. Erst Franklin D. Roosevelt und endgültig Harry S. Truman vollzogen den historischen Wandel. Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen sich die Vereinigten Staaten nicht wieder hinter den Atlantik zurück. Sie wurden zur führenden Macht einer neuen internationalen Ordnung. Vereinte Nationen, Bretton Woods, NATO, Weltbank und Internationaler Währungsfonds entstanden in einer Welt, deren politische und wirtschaftliche Architektur entscheidend von Washington geprägt wurde.

Es war ein gewaltiges Projekt. Doch aus der damaligen Führungsmacht wurde zunehmend ein Weltpolizist. Und dessen Bilanz fällt ausgesprochen widersprüchlich aus.

Korea, ein Krieg ohne Friedensvertrag

Der Koreakrieg von 1950 bis 1953 zeigt bereits das Grundproblem. Militärisch gelang es den USA und ihren Verbündeten unter UN-Mandat, die Eroberung Südkoreas durch den Norden zurückzuschlagen. Doch die Wiedervereinigung Koreas wurde nicht erreicht. China griff ein, die Front stabilisierte sich ungefähr entlang des 38. Breitengrades und 1953 endete der Krieg lediglich mit einem Waffenstillstand. Bis heute existiert kein Friedensvertrag.

Nord- und Südkorea stehen sich mehr als sieben Jahrzehnte später noch immer gegenüber. Im Norden entstand ein hochgerüsteter, atomar bewaffneter Staat, dessen wirtschaftliche Existenz wesentlich von seinen Beziehungen zu China und zunehmend auch Russland abhängt. Der Krieg verhinderte die gewaltsame Vereinigung unter nordkoreanischer Herrschaft. Eine politische Lösung des Korea-Problems brachte er jedoch nicht.

Doch dieses Muster sollte sich wiederholen.

Vietnam, Somalia, Irak, Afghanistan, Libyen

Vietnam endete 1975 mit dem Fall Saigons. Somalia wurde zum Symbol dafür, wie schnell eine humanitäre und militärische Intervention in einem zerfallenden Staat ihre politischen Grenzen erreicht.

Im Irak wurde Saddam Hussein 2003 innerhalb weniger Wochen gestürzt. Die militärische Operation war erfolgreich, doch der anschließende Staat zerfiel teilweise in Chaos, konfessionelle Gewalt und Terror. Der sogenannte Islamische Staat konnte Jahre später große Teile des Irak und Syriens kontrollieren.

Afghanistan ist vielleicht das drastischste Beispiel. Zwanzig Jahre westliche Präsenz, enorme finanzielle Mittel, Tausende Tote und im August 2021 kehrten die Taliban innerhalb weniger Wochen an die Macht zurück.

Auch Libyen sollte nach dem Sturz Muammar al-Gaddafis demokratischer und stabiler werden. Stattdessen zerfiel das Land in rivalisierende Machtzentren, Milizen und ausländische Einflusszonen.

Immer wieder zeigt sich dasselbe Problem:

Es ist möglich, einen Krieg militärisch zu gewinnen und den Frieden politisch trotzdem zu verlieren.

Iran, die Grenze amerikanischer Macht

Der Iran ist ein besonders interessantes Beispiel dafür, wie sehr sich die Grenzen amerikanischer Macht verschoben haben. Seit der Islamischen Revolution von 1979 versuchen die Vereinigten Staaten mit Sanktionen, diplomatischem Druck, militärischer Abschreckung und wechselnden Verhandlungsstrategien, Teherans Einfluss einzudämmen und insbesondere eine iranische Atombombe zu verhindern. Doch der Iran ist kein Irak und kein Libyen. Das Land verfügt über mehr als 90 Millionen Einwohner, eine ausgeprägte nationale Identität, erhebliche industrielle Fähigkeiten, Energieressourcen und eine strategische Lage zwischen Persischem Golf, Kaukasus, Zentralasien und Indischem Ozean. Hinzu kommt die Straße von Hormus, durch die ein erheblicher Teil des weltweiten Ölhandels transportiert wird. Ein großer Krieg gegen Iran wäre deshalb nicht nur eine militärische Operation. Er könnte Schockwellen durch die gesamte Weltwirtschaft schicken.

Genau darin zeigt sich das Dilemma moderner Großmachtpolitik: Je bedeutender ein Gegner ist, desto größer werden die wirtschaftlichen und politischen Kosten seiner militärischen Bezwingung. Militärische Überlegenheit allein reicht nicht mehr.

Russland – Vom Imperium zum Kampf um die Peripherie

Noch dramatischer verlief die Entwicklung der Sowjetunion. 1945 stand die Rote Armee im Herzen Europas. Moskau kontrollierte oder dominierte ein Gebiet von Ostdeutschland bis weit nach Zentralasien. 1991 zerfiel dieses Imperium innerhalb weniger Monate.

Russland erbte zwar das sowjetische Atomwaffenarsenal und den ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat, aber nur einen Teil der wirtschaftlichen und demografischen Basis der früheren Sowjetunion. Seitdem versucht Moskau, zumindest Teile seines ehemaligen Einflussbereichs zu bewahren oder zurückzugewinnen. Die beiden Tschetschenienkriege zeigten, welchen Preis Russland dafür zu zahlen bereit war. Heute wird die Republik von Ramsan Kadyrow mit großer Autonomie und persönlicher Loyalität gegenüber dem Kreml geführt. Ob dieses System seinen politischen Schöpfer überleben wird, ist keineswegs sicher.

Auch Transnistrien, Syrien, Abchasien und Südossetien zeigen das gleiche Grundproblem. Russland kann solche Gebiete militärisch absichern und politischen Einfluss ausüben, doch jeder dieser Konflikte bindet Ressourcen und schafft dauerhafte Verpflichtungen. Syrien war der Versuch, russische Macht wieder weit über den postsowjetischen Raum hinaus zu projizieren.

Und dann schließlich die Ukraine. Was ursprünglich offenbar als schneller militärischer Erfolg gedacht war, der sogenannte 3-Tage-Einmarsch, entwickelte sich zu einem langwierigen Krieg mit enormen menschlichen, wirtschaftlichen und militärischen Kosten. Schon heute, bald 5 Jahre nach dem Einmarsch, hinterlässt er mehr Gefallene als alle anderen kriegerischen Interventionen seit dem 2. Weltkrieg zusammen. Zudem ist dieser Krieg bei weitem noch nicht gewonnen.

Auch Russland erlebt damit eine alte Wahrheit der Großmachtpolitik:

Einflussgebiete lassen sich leichter beanspruchen als dauerhaft beherrschen.

China, die Großmacht, die noch rechnet?

China unterscheidet sich bislang bemerkenswert von den beiden anderen großen Mächten. Seit dem Krieg gegen Vietnam 1979 hat Peking größere militärische Abenteuer weitgehend vermieden. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass China auf Machtpolitik verzichtet.

Im Südchinesischen Meer werden Inseln ausgebaut und militärisch genutzt. Gegenüber den Philippinen kommt es regelmäßig zu gefährlichen Zwischenfällen. Indien und China standen sich an ihrer umstrittenen Himalaya-Grenze wiederholt gewaltsam gegenüber.

Und über allem steht Taiwan. Doch bislang scheint Peking einen entscheidenden Unterschied zu Washington und Moskau verstanden zu haben: Wirtschaftliche Macht kann manchmal wirkungsvoller sein als militärische Macht.

China investierte jahrzehntelang in Infrastruktur, Industrie, Rohstoffversorgung und internationale Handelsbeziehungen. Statt Flugzeugträger zu schicken, wurden Häfen gebaut. Statt Regierungen zu stürzen, wurden Kredite vergeben und statt Länder zu besetzen, wurden Lieferketten geschaffen. Auch das ist Machtpolitik, jedoch mit anderen Mitteln.

Taiwan, der Krieg, bei dem selbst der Sieger verlieren könnte

Taiwan ist deshalb der entscheidende Test. Die Insel ist nicht nur politisch und militärisch bedeutsam. Sie besitzt insbesondere mit ihrer Halbleiterindustrie eine Schlüsselstellung innerhalb der Weltwirtschaft. Eine militärische Eroberung könnte daher genau das zerstören, was Taiwan für China wirtschaftlich so wertvoll macht. Hinzu kämen Sanktionen, unterbrochene Handelswege, Kapitalflucht und möglicherweise eine direkte oder indirekte militärische Konfrontation mit den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten.

Und noch ein Faktor verändert die Rechnung: Japan.

Das Land, das nach 1945 militärisch bewusst zurückhaltend blieb, baut seine Verteidigungsfähigkeiten deutlich aus. Auch andere Staaten der Region reagieren auf Chinas wachsende Macht. Je stärker China militärisch auftritt, desto mehr trägt es damit paradoxerweise selbst zur Bildung eines Gegengewichts bei. Das ist das klassische Dilemma jeder Großmacht.

Die Kosten des Imperiums

Genau hier liegt jedoch der Kern des Problems. Imperien und Supermächte scheitern selten daran, dass ihnen plötzlich sämtliche Machtmittel fehlen. Sie scheitern häufig daran, dass die Kosten ihrer Macht schneller wachsen als deren Nutzen. Denn Militärbasen müssen finanziert werden, Verbündete erwarten Schutz, Einflussgebiete müssen stabilisiert werden, Handelswege müssen gesichert werden. Satellitenstaaten benötigen wirtschaftliche Unterstützung und militärische Interventionen erzeugen langfristige Verpflichtungen. Und während Milliarden oder Billionen in geopolitische Projekte fließen, konkurrieren dieselben Mittel im eigenen Land mit Infrastruktur, Bildung, Renten, Gesundheitsversorgung und wirtschaftlicher Modernisierung. Irgendwann stellt sich die Bevölkerung eine einfache Frage: Was haben wir eigentlich davon?

Die Welt ist schwieriger zu beherrschen geworden

Hinzu kommt ein weiterer Faktor. Die Welt des 21. Jahrhunderts ist wesentlich schwieriger zu kontrollieren, als die Welt des 19. Jahrhunderts. Ein vergleichsweise kleines Land kann heute über Drohnen, Satellitenkommunikation, Cyberwaffen, Präzisionsraketen und moderne Panzerabwehrsysteme verfügen. Globale Finanzmärkte reagieren innerhalb von Sekunden auf einen Krieg. Lieferketten verbinden Gegner miteinander. Smartphones machen militärische und politische Ereignisse nahezu augenblicklich weltweit sichtbar. Und Atomwaffen setzen der direkten Konfrontation zwischen Großmächten eine Grenze, die es in früheren Jahrhunderten nicht gab.

Die militärisch stärkste Macht kann deshalb einen Gegner vernichten, ohne anschließend zwangsläufig in der Lage zu sein, das politische Ergebnis zu kontrollieren.

Vielleicht endet nicht eine Supermacht, sondern das Prinzip Supermacht

Großbritannien verlor sein Empire, Frankreich verlor sein Kolonialreich, die Sowjetunion zerfiel und Amerika musste lernen, dass selbst die stärkste Armee der Welt keine Garantie für erfolgreiche politische Neuordnungen bietet. Russland erlebt schmerzhaft, wie teuer der Versuch werden kann, verlorene Einflusszonen zurückzugewinnen.

Und China steht möglicherweise erst noch vor seiner entscheidenden Prüfung. Möglicherweise suchen wir deshalb an der falschen Stelle nach der nächsten Supermacht.

Vermutlich wird weder China, noch Indien, noch irgendein anderer Staat die Rolle übernehmen, die einst Großbritannien, die Sowjetunion oder die Vereinigten Staaten spielten.

Denn möglicherweise ist nicht eine bestimmte Supermacht am Ende. Möglicherweise geht das Zeitalter zu Ende, in dem ein einzelner Staat große Teile der Welt nach seinen Vorstellungen ordnen konnte.

Die Zukunft wäre dann keine neue unipolare Weltordnung und auch keine einfache bipolare Ordnung zwischen Washington und Peking, sondern eine multipolare Welt aus großen und mittleren Mächten, regionalen Bündnissen, wirtschaftlichen Abhängigkeiten und ständig wechselnden Interessen.

Für die alten Supermächte mag das wie ein Niedergang erscheinen, für den Rest der Welt könnte es schlicht die Rückkehr zu einem historischen Normalzustand sein.

Der Schwanengesang der Supermächte wäre dann nicht das Ende der Macht, sondern das Ende der Illusion, wonach Macht automatisch Kontrolle bedeutet.