Jahrelang galt die Brandmauer gegen die AfD in weiten Teilen von Politik und Medien als nahezu unantastbar. Wer sie infrage stellte, geriet schnell selbst unter Rechtfertigungsdruck. Nun verändert sich der Ton. Ausgerechnet BILD fragt inzwischen, ob die Brandmauer nicht gerade jene Partei schützt, die sie eigentlich kleinhalten sollte. Ist das journalistische Selbstkorrektur, der spüren manche Redaktionen lediglich, dass sich der gesellschaftliche Wind dreht?
Etwas hat sich verändert
Man muss derzeit bei manchen Schlagzeilen zweimal hinschauen. Nicht weil sie besonders radikal wären. Sondern weil sie dort erscheinen, wo man sie vor wenigen Jahren kaum erwartet hätte. BILD-Chefredakteurin Marion Horn fragt inzwischen, warum die Politik noch immer glaube, mit der Brandmauer gegen die AfD ein Problem lösen zu können. Sie fordert stattdessen einen „Befreiungsschlag“ bei Rente, Steuern, Arbeit und Bürokratie.
Das Bemerkenswerte daran ist weniger die Kritik an der AfD-Strategie, als die Verschiebung des Blickwinkels. Plötzlich geht es nicht mehr nur darum, wie man die AfD bekämpft, sondern endlich darum, warum sie überhaupt so stark geworden ist.
Diese Veränderung kam nicht über Nacht. Bereits 2023 fragte Marion Horn nach AfD-Wahlerfolgen, was eigentlich noch passieren müsse, damit die Politik endlich aufwache. Doch noch im Umfeld der Bundestagswahl 2025 zeigte sich ein bemerkenswerter Spagat. Die Brandmauer hatte die AfD offenkundig nicht klein gehalten und trotzdem sollte an ihr festgehalten werden.
Heute ist man zumindest bei BILD einen erheblichen Schritt weiter.
Nicht mehr nur die AfD ist das Problem
In jüngeren Kommentaren tauchen plötzlich ganz andere Begriffe auf wie kaputte Infrastruktur, marode Schulen, zu wenig Investitionen in Forschung und Verteidigung, Schwierigkeiten des Wirtschaftsstandorts, ein immer größerer Sozialstaat, Bürokratie und eine Energiewende, die viele Menschen zunehmend als Belastung empfinden.
Und dann fällt ein bemerkenswerter Satz! Viel zu lange hätten zu viele in der deutschen Wirtschaft geschwiegen und zugesehen, wie das Land in eine ökonomische Schieflage gerate. Dies aus Angst, sich politisch „zu verbrennen“.
Damit verändert sich die Debatte fundamental. Denn, dann lautet die Frage nicht mehr allein, wie gefährlich die AfD sei, sondern was haben die etablierten Parteien falsch gemacht, damit diese Partei so stark werden konnte?
Und unmittelbar danach muss eine weitere Frage folgen:
Welche Rolle spielten die Medien dabei?
Wo waren die Medien?
Deutschlands Infrastruktur ist nicht seit gestern sanierungsbedürftig.
Die Schwierigkeiten vieler Schulen sind nicht 2026 entstanden.
Die demografischen Probleme der Rentenversicherung sind seit Jahrzehnten bekannt.
Unternehmen klagen seit Jahren über Bürokratie, Energiepreise, Fachkräftemangel und langwierige Genehmigungsverfahren.
Auch die gesellschaftlichen Konflikte über Migration entstanden nicht über Nacht.
Wenn heute genau diese Probleme als Erklärung dafür herangezogen werden, warum Menschen den etablierten Parteien den Rücken kehren, darf man deshalb fragen:
Warum wurden diese Themen teilweise erst so spät mit derselben Dringlichkeit behandelt wie die Frage, wie die AfD auszugrenzen sei?
Und hier kommt nun die zentrale Frage die sich die Medien gefallen lassen müssen: Haben Teile des deutschen Journalismus in den vergangenen Jahren zu häufig gefragt: „Wer sagt das?“ und zu selten: „Stimmt das auch?“
Ein Argument verändert seinen Wahrheitsgehalt nicht automatisch mit seinem Absender. Wenn die AfD sagt, Deutschland habe ein Problem mit hohen Energiepreisen, dann muss man die Energiepreise untersuchen. Wenn sie behauptet, Kommunen seien durch Migration überfordert, dann muss man prüfen, ob und wo Kommunen tatsächlich an ihre Grenzen geraten. Wenn sie den Sozialstaat für langfristig nicht finanzierbar hält, dann muss man Einnahmen, Ausgaben und demografische Entwicklung betrachten.
Jedoch gilt umgekehr auch die gleiche Regel: Eine Behauptung wird nicht wahr, nur weil die AfD sie ausspricht.
Dies ist ein banaler Satz, der selbstverständlich klingt. Für eine funktionierende politische Öffentlichkeit ist es jedoch elementar.
Die Brandmauer hat ihr Ziel nicht erreicht
Man kann die AfD aus guten Gründen ablehnen. Man kann einzelne ihrer Politiker und Positionen für extremistisch halten. Man kann ihre Vorstellungen zur Europäischen Union, zu Russland, Migration oder Wirtschaftspolitik scharf kritisieren.
Nur eines lässt sich angesichts ihrer Entwicklung immer schwerer bestreiten: Sie ist als absolut demokratieunwürdig zu bezeichnen und hat als Strategie zur Schwächung der AfD hat die Brandmauer nicht funktioniert.
Die Partei ist nicht verschwunden. Sie ist stärker geworden. Das allein beweist selbstverständlich nicht, dass die Brandmauer die Ursache ihres Aufstiegs ist. Wirtschaftliche Unsicherheit, Migration, Vertrauensverlust gegenüber Institutionen, Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien und zahlreiche weitere Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle. Aber eine Strategie muss daran gemessen werden, ob sie ihr Ziel erreicht.
Wenn das Ziel darin bestand, die AfD politisch klein zu halten, muss man nach Jahren feststellen: Dieses Ziel wurde nicht erreicht!
Inzwischen wird diese Erkenntnis auch in Medien formuliert, in denen eine solche Position früher erheblich ungewöhnlicher gewesen wäre.
Aber „die Mainstream-Medien“ gibt es nicht
An dieser Stelle muss differnziert werden. Es wäre zu schön, daraus eine Geschichte zu machen, nach der „die Medien“ geschlossen ihren Kurs wechseln.
Das wäre komplett falsch, denn die deutsche Medienlandschaft ist keineswegs als einheitlichen Block zu betrachten.
WELT hinterfragt die Brandmauer schon länger. BILD verschärft ihre Kritik inzwischen deutlich. FOCUS bietet Kritikern der bisherigen Strategie Raum, veröffentlicht aber ebenso Gegenpositionen. Andere Medien verteidigen die politische Abgrenzung zur AfD weiterhin deutlich stärker. Eigentlich ist genau das erfreulich, Denn so sollte eine pluralistische Medienlandschaft aussehen.
Das Problem entsteht nicht dadurch, dass unterschiedliche Meinungen existieren, sondern entsteht dort, wo Argumente gar nicht mehr geprüft werden, weil bereits ihr Absender genügt, sie aus der Debatte auszuschließen.
Von Saulus zu Paulus?
Möglicherweise erleben wir tatsächlich einen Lernprozess. Das wäre wohl zu hoffen, ist jedoch vermutlich nur eine wohlwollende Interpretation. Journalisten beobachten eine politische Strategie, stellen fest, dass sie nicht funktioniert, und korrigieren ihre Einschätzung. Daran wäre grundsätzlich nichts Verwerfliches. Im Gegenteil: Journalismus, der seine Einschätzung angesichts einer veränderten Wirklichkeit nicht korrigieren kann, wäre weitaus problematischer. Aber zu journalistischer Selbstkorrektur gehört noch etwas viel zentrales, nämlich Selbstkritik.
Wenn man heute feststellt, dass Unternehmer aus Angst vor politischer Etikettierung geschwiegen haben, muss man fragen, wie dieses Klima entstehen konnte, und wer es verstärkt hat. Wenn man heute feststellt, dass die Brandmauer der AfD möglicherweise sogar genutzt hat, muss man fragen, warum diese Möglichkeit so lange unterschätzt wurde.
Wenn heute Probleme als ernst beschrieben werden, deren Benennung gestern noch schnell als populistisch oder verdächtig galt, darf man fragen, ob Teile der Medien selbst dazu beigetragen haben, den gesellschaftlichen Meinungskorridor zu verengen.
Oder verlassen die Ratten das sinkende Schiff?
Das ist die weniger freundliche Interpretation. Möglicherweise hat sich nicht die Überzeugung verändert, sondern die Einschätzung dessen, wohin sich die öffentliche Stimmung bewegt.
Medien existieren schließlich nicht außerhalb der Gesellschaft. Auch sie kämpfen um Leser, Zuschauer, Abonnenten, Klicks und nicht zuletzt um Vertrauen. Journalisten sehen dieselben Umfragen wie Politiker und sie sehen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Sie sehen die wachsende Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien und eine AfD, die trotz jahrelanger Skandale, heftiger innerparteilicher Auseinandersetzungen, Beobachtung durch Verfassungsschutzbehörden und massiver öffentlicher Kritik nicht verschwunden ist.
Dann könnte die veränderte Tonlage weniger mit einem Saulus-Paulus-Erlebnis zu tun haben, als mit einem feinen Gespür dafür, wann es Zeit wird, eine Position neu zu justieren.
Doch auch diese Erklärung wäre zu einfach, denn sie unterstellt Motive, die sich kaum beweisen lassen. Der weitaus interessantere Befund ist deshalb ein anderer.
Der Meinungskorridor wird breiter
Wir erleben wir gerade etwas, das einer Demokratie guttun könnte. Nicht die Normalisierung einer bestimmten Partei, sondern die dringend notwenige Normalisierung der offenen Auseinandersetzung.
Deutschland braucht keine Medien, die für die AfD kämpfen. Es braucht auch keine Medien, die für CDU, CSU, SPD, Grüne, Linke oder irgendeine andere Partei kämpfen. Es braucht Journalisten, die recherchieren, widersprechen, vergleichen, einordnen und gegebenenfalls auch ihre bisherige Einschätzung korrigieren. Die entscheidende Trennlinie sollte deshalb nicht lauten rechts oder links und auch nicht AfD oder Brandmauer, sondern
- Behauptung oder Tatsache
- Argument oder Parole
- Funktionierende Lösung oder politisches Wunschdenken
Vielleicht liegt darin sogar eine Chance. Die beste Antwort auf Populismus ist nicht das Tabuisieren unbequemer Fragen, es sind vielmehr bessere Antworten. Und die beste Antwort auf eine Partei, deren Positionen man für falsch hält, besteht nicht darin, jedes von ihr angesprochene Problem ebenfalls für falsch zu erklären, sondern darin, das Problem anzuerkennen, die Fakten zu prüfen und eine bessere Lösung vorzulegen.
Die eigentliche Brandmauer
Deutschland braucht deshalb tatsächlich eine andere Brandmauer! Keine Brandmauer um Themen, keine Brandmauer um Fragen und schon gar keine Brandmauer um Millionen Wähler, sondern eine klare Grenze gegen Extremismus, Menschenverachtung und Angriffe auf die freiheitlich-demokratische Ordnung, unabhängig davon, aus welcher politischen Richtung sie kommen.
Innerhalb dieser Grenze aber muss gestritten werden dürfen. Hart, kontrovers und manchmal auch unbequem. Demokratie lebt nicht davon, dass alle dasselbe sagen, sondern davon, dass wir darüber streiten können, was richtig ist, ohne vorher entscheiden zu müssen, wer es sagen darf.
Ob die Veränderungen, die wir derzeit in Teilen der deutschen Medienlandschaft beobachten, einen echten Erkenntnisprozess darstellen – von Saulus zu Paulus – oder ob manche lediglich frühzeitig bemerken, dass das bisherige Schiff Schlagseite bekommt, wird sich erst noch zeigen.
Eines aber lässt sich schon heute sagen: Die Brandmauer hat die politische Auseinandersetzung nicht ersetzt. Sie hat sie nur vertagt. Deutschland kann es sich angesichts seiner wirtschaftlichen, sozialen und demografischen Herausforderungen immer weniger leisten, darüber zu streiten, wer ein Problem benennen darf, statt endlich darüber zu sprechen, wie man es löst.
