Der Kulturkampf, den wir nicht sehen wollen

Ist der Terror das Problem – oder nur die Folge eines Kulturkampfes, den wir nicht wahrhaben wollen?

Nach jedem islamistischen Terroranschlag, wie jetzt am CSD in Berlin, läuft die öffentliche Debatte nahezu nach demselben Muster ab. Wir trauern um die Opfer und verurteilen die Tat. Wir fordern schärfere Gesetze, mehr Überwachung, konsequentere Abschiebungen und einen handlungsfähigen Rechtsstaat. All das ist richtig.

Wer aus religiösem oder ideologischem Fanatismus Menschen ermordet, greift die Grundfesten unseres demokratischen Zusammenlebens an. Ein Rechtsstaat darf darauf weder hilflos noch gleichgültig reagieren. Und doch bleibt bei mir nach jedem dieser Anschläge das Gefühl zurück, dass wir über das eigentliche Problem kaum sprechen. Denn Terror entsteht selten aus dem Nichts. Er ist häufig der sichtbare Ausbruch eines Konflikts, der lange vorher begonnen hat.

Ein Konflikt zwischen Weltbildern

Ohne Zweifel befinden wir uns längst in einem Kulturkampf. Nicht einem Krieg zwischen Nationen, sondern einem Konflikt zwischen unterschiedlichen Vorstellungen davon, wie Menschen leben sollen.

Unsere Gesellschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten tiefgreifend verändert.

Wir diskutieren über Gendern, nichtbinäre Identitäten, Pride-Paraden, Quotenregelungen, Leihmutterschaft, Frauenbilder und „toxische Männlichkeit“. Für viele gehören diese Debatten heute selbstverständlich zu einer liberalen Gesellschaft. Gleichzeitig haben wir über viele Jahre hinweg Menschen aufgenommen, die häufig aus Gesellschaften stammen, in denen Religion, Familie, Geschlechterrollen und Moral völlig anders verstanden werden.

Wer glaubt, dieser Gegensatz müsse zwangsläufig folgenlos bleiben, unterschätzt die Kraft kultureller Prägungen. Islamistische Täter glauben, im Einklang mit ihrer religiösen Auslegung zu handeln. Genau darin liegt die Gefahr. Terror entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern aus einer bestimmten Interpretation religiöser Texte.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Religion gewalttätig werden. Die überwältigende Mehrheit lebt friedlich und lehnt Terror entschieden ab. Zwischen konservativen Wertvorstellungen und islamistischem Extremismus besteht ein entscheidender Unterschied. Aber kulturelle Spannungen verschwinden nicht dadurch, dass man sie ignoriert.

Helmut Schmidt stellte diese Frage schon vor Jahren

Altbundeskanzler Helmut Schmidt sagte einmal:

„Ich bin sehr skeptisch, was die Einwanderung aus islamischen Kulturen angeht.“

Er sprach über Ghettobildung und darüber, dass sich dadurch eigene kulturelle Strukturen verfestigen könnten. Gerhard Schröder widersprach ihm damals. Er war überzeugt, Deutschland werde diese Integrationsaufgabe bewältigen. Heute, viele Jahre später, sollte man zumindest die Frage stellen dürfen, welche dieser beiden Einschätzungen der Realität wohl näher gekommen ist.

Bemerkenswert ist dabei etwas anderes. Helmut Schmidt war Sozialdemokrat, also führendes Mitglied der sozialdemokratischen Partei Deutschlands SPD. Kaum jemand würde ihn dem rechten politischen Lager zurechnen. Und doch würden manche seiner damaligen Aussagen heute vermutlich reflexartig als „rechts“ eingeordnet werden. Dies nicht, weil Helmut Schmidt sich verändert hätte, sondern weil sich der politische Maßstab verschoben hat.

Vielleicht sollten wir wieder damit beginnen, Argumente nach ihrem Inhalt zu beurteilen und nicht danach, von welcher Partei sie heute vertreten werden. Denn eine Aussage wird nicht falsch, weil sie der politische Gegner ausspricht. Und sie wird nicht richtig, nur weil sie von der eigenen Seite kommt.

Auch wir sollten unsere Geschichte nicht vergessen

Mich stört außerdem die moralische Selbstgewissheit, mit der heute häufig über ganze Religionen gesprochen wird. Ja, islamistische Terroristen berufen sich auf ihre religiöse Überzeugung. Ja, der politische Islam stellt viele westliche Gesellschaften vor große Herausforderungen. Aber wer daraus den Schluss zieht, eine ganze Religion moralisch verurteilen zu können, sollte einen Blick in die eigene Geschichte werfen.

Auch Europa hat Religion benutzt, um Macht auszuüben. Die Kreuzzüge, die Inquisition und die gewaltsame Christianisierung großer Teile Mittel- und Südamerikas nach 1492. Die Konquistadoren brachten den christlichen Glauben nicht selten mit dem Schwert. Das entsprach kaum der Botschaft Jesu von Feindesliebe und Barmherzigkeit.

Eine Hypothese lässt mich dabei nicht los.

Das Christentum existierte fast anderthalb Jahrtausende, bevor Europa begann, die Neue Welt und später große Teile Afrikas zu kolonisieren und die Missionierung mit politischer und militärischer Macht zu verbinden. Heute, rund anderthalb Jahrtausende nach Mohammed, erleben wir erneut eine Epoche tiefgreifender globaler Wanderungsbewegungen und kultureller Verschiebungen. Ist das lediglich ein historischer Zufall?

Oder entwickeln große Weltreligionen und Zivilisationen in bestimmten Phasen ihrer Geschichte einen stärkeren Drang, ihren Einfluss weit über ihre ursprünglichen Räume hinaus auszudehnen? Ich weiß es nicht. Aber ich halte die Frage für legitim.

Geschichte lehrt uns deshalb vor allem eines: Religion kann von Menschen missbraucht werden.
Das gilt für verschiedene Religionen und Ideologien. Deshalb sollte Kritik sich auf konkrete Handlungen, extremistische Auslegungen und politische Bewegungen richten, nicht auf ganze Bevölkerungsgruppen.

Der Kulturkampf ist längst Realität

Vielleicht besteht unser größter Fehler darin, dass wir versuchen, jede Diskussion sofort moralisch einzuordnen. Wer vor Integrationsproblemen warnt, gilt schnell als fremdenfeindlich und wer für Offenheit wirbt, wird ebenso schnell als naiv bezeichnet. Beides führt nicht weiter.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr, wie wir eine Gesellschaft schaffen, in der Menschen mit unterschiedlichen kulturellen und religiösen Prägungen friedlich zusammenleben können. Dies jedoch auf der Grundlage des Grundgesetzes, der gleichen Rechte für alle und der klaren Ablehnung jeder Form politischer oder religiöser Gewalt?

Fazit

Nicht jede Kritik an der Genderbewegung ist Homophobie und nicht jede Verteidigung westlicher Werte ist automatisch moralisch überlegen. Vielleicht müssen wir endlich lernen, Widersprüche auszuhalten.

Denn eine Gesellschaft kann nicht gleichzeitig verlangen, dass jeder jede Lebensweise begeistert feiert, und sich wundern, wenn Menschen mit völlig anderen kulturellen oder religiösen Prägungen diese Werte ablehnen. Der entscheidende Maßstab muss dabei sein, dass die Ablehnung einer Lebensweise von Gewalt strikt getrennt werden muss. In einem Rechtsstaat dürfen Überzeugungen unterschiedlich sein, Gewalt und Terror jedoch dürfen niemals akzeptiert werden!

Diese Frage verschwindet nicht, wenn wir sie ignorieren. Sie verschwindet auch nicht durch moralische Etiketten.

Viel mehr besteht die eigentliche Herausforderung unserer Zeit darin, den Kulturkampf, den wir längst erleben, endlich als das zu erkennen, was er ist: kein Kampf zwischen Ethnien oder Religionen, sondern ein Ringen um Werte, Freiheit und die Regeln unseres Zusammenlebens.

Denn nur, wer einen Konflikt erkennt, hat überhaupt die Chance, ihn friedlich zu lösen.