Warum Geschichte selten an einem einzelnen Ereignis scheitert
„Die Geschichte macht uns nicht klug für ein anderes Mal, sondern weise für immer.“
Jakob Burckhardt
Die Weisheit besteht nicht darin, die Zukunft vorherzusagen, sondern darin, die Muster zu erkennen, die sich in der Geschichte immer wieder zeigen. Gerade in einer Zeit permanenter Schlagzeilen fällt auf, wie sehr wir dazu neigen, Ereignisse isoliert zu betrachten. Heute fällt eine Börse und morgen wird eine Raffinerie beschädigt. Übermorgen berichten Medien über Schwierigkeiten bei der Dieselversorgung und am nächsten Tag geht es um Kapitalabflüsse oder steigende Staatsausgaben.
Jede Meldung für sich genommen erscheint erklärbar, doch was, wenn sie in Wirklichkeit Teil derselben Geschichte sind?
Die Illusion der Einzelereignisse
Große Krisen beginnen selten mit einem einzigen dramatischen Ereignis. Sie entstehen meist dort, wo mehrere Entwicklungen gleichzeitig beginnen, sich gegenseitig zu verstärken.
- Vertrauen schwindet.
- Investitionen gehen zurück.
- Finanzierung wird schwieriger.
- Lieferketten geraten unter Druck.
- Produktionskosten steigen.
Jede Entwicklung für sich genommen scheint beherrschbar. Doch irgendwann greifen die Zahnräder eines komplexen Systems nicht mehr reibungslos ineinander. Systemforscher sprechen in diesem Zusammenhang von einer Polykrise, einer Situation, in der mehrere Krisen nicht nebeneinander existieren, sondern sich gegenseitig verstärken.
Vielleicht erleben wir derzeit genau einen solchen Prozess.
Russland als aktuelles Fallbeispiel
Ein Blick nach Russland verdeutlicht diese Zusammenhänge.
Die Moskauer Börse hat in den vergangenen Wochen deutlich an Wert verloren. Man spricht in der Größenordnung von 30% und mehr. Gleichzeitig gibt es Berichte über Kapitalabflüsse wohlhabender Russen und Diskussionen darüber, in welchem Umfang inländisches Kapital künftig stärker zur Finanzierung der eigenen Wirtschaft herangezogen werden könnte.
Für sich genommen wäre keine dieser Entwicklungen außergewöhnlich.
Doch parallel geraten weitere Bereiche unter Druck.
In mehreren Regionen berichten Landwirte über erhebliche Schwierigkeiten bei der Dieselversorgung. Die Regierung hat Kraftstofflieferungen für Landwirtschaft und Lebensmitteltransporte inzwischen zur Priorität erklärt und einen Krisenstab eingerichtet. Gleichzeitig erschweren Schäden an Raffinerien und logistische Probleme die Versorgung mit raffinierten Kraftstoffen.
Bemerkenswert ist dabei eine Erkenntnis, die häufig übersehen wird:
Russland verfügt über enorme Ölreserven, doch Rohöl fährt keinen Mähdrescher. Nicht das Vorhandensein von Rohstoffen entscheidet über die Funktionsfähigkeit einer Volkswirtschaft, sondern die Fähigkeit, daraus im richtigen Moment genau die Produkte bereitzustellen, die benötigt werden. Öl muss raffiniert werden und Diesel muss transportiert werden. Und er muss genau dann verfügbar sein, wenn Landwirtschaft, Transportwesen und Industrie gleichzeitig darauf angewiesen sind.
Der eigentliche Engpass sind funktionierende Kreisläufe
Die Landwirtschaft verdeutlicht dieses Prinzip besonders anschaulich. Die Ernte bringt Einnahmen und mit diesen Einnahmen werden Diesel, Dünger und Saatgut für die nächste Saison finanziert. Dadurch wird die nächste Aussaat erst möglich. Solange dieser Kreislauf funktioniert, nimmt ihn kaum jemand wahr. Gerät er jedoch ins Stocken, entstehen Rückkopplungen.
Wenn Landwirte ihre Ernte nur verzögert verkaufen können, fehlt Liquidität und wenn Liquidität fehlt, werden Investitionen verschoben. Steigen gleichzeitig Dieselpreise und Finanzierungskosten und damit wächst der Druck weiter.
Aus einer logistischen Schwierigkeit wird nach und nach ein wirtschaftliches Problem und aus einem wirtschaftlichen Problem kann schließlich ein strukturelles Problem werden, nicht zwangsläufig aber möglicherweise.
Zeit wird zum entscheidenden Faktor
Besonders interessant ist dabei ein Aspekt, über den kaum gesprochen wird. Landwirtschaft folgt biologischen Zeitfenstern. Eine Ernte lässt sich nicht beliebig verschieben und ein Mähdrescher kann verlorene Wochen später oft nur noch teilweise aufholen. Ebenso wenig lässt sich die Aussaat beliebig nachholen. Somit bleibt versäumte Zeit häufig verloren. Deshalb ist nicht allein die Menge des verfügbaren Diesels entscheidend, sondern ob er im richtigen Moment am richtigen Ort verfügbar ist.
Hier zeigt sich der Unterschied zwischen Ressourcen und Versorgung. Ein Land kann reich an Rohstoffen sein und dennoch unter Versorgungsengpässen leiden. Ein Land kann große Getreidemengen produzieren und trotzdem Schwierigkeiten haben, sie rechtzeitig zu transportieren oder wirtschaftlich zu vermarkten.
Resilienz statt Prognosen
All dies bedeutet keineswegs, dass Russland zwangsläufig vor einer Versorgungskrise oder gar einer Hungersnot steht. Dafür gibt es zur Zeit keine belastbaren Belege. Gerade deshalb geht es in diesem Beitrag nicht um eine Vorhersage. Es geht um eine grundsätzliche Frage:
Wie widerstandsfähig ist ein komplexes System, wenn mehrere seiner Kreisläufe gleichzeitig unter Druck geraten?
Diese Frage betrifft nicht nur Russland, sondern sie betrifft jede moderne Volkswirtschaft. Auch Europa und auch Deutschland! Denn moderne Gesellschaften leben nicht allein von ihren Ressourcen. Sie leben primär von funktionierenden Beziehungen zwischen Energie, Logistik, Landwirtschaft, Finanzsystem und Vertrauen.
Die eigentliche Lehre
Es wäre empfehlenswert, wenn wir unsere Nachrichten künftig etwas differenzierter lesen würden. Nicht allein nur die Frage „Was ist passiert?“ ist wichtig, sondern vielmehr „Welche Zusammenhänge werden sichtbar?“.
Denn Geschichte entscheidet sich selten dort, wo es am lautesten wird. Sie entscheidet sich oft dort, wo die ersten Verbindungen eines Systems unbemerkt schwächer werden. Komplexe Gesellschaften gleichen einem fein abgestimmten Uhrwerk. Nicht jedes knirschende Zahnrad führt sofort zum Stillstand. Doch wenn mehrere Zahnräder gleichzeitig beginnen zu haken, verändert sich der Rhythmus des ganzen Systems. Die eigentliche Herausforderung unserer Zeit besteht deshalb nicht darin, den nächsten großen Zusammenbruch vorherzusagen, sondern die leisen Veränderungen wahrzunehmen, solange das Uhrwerk noch läuft.
Hinweis: Dieser Beitrag versteht sich nicht als Prognose. Er untersucht anhand aktueller Entwicklungen die Frage, wie widerstandsfähig komplexe Wirtschaftssysteme unter gleichzeitigen Belastungen sind und welche Rolle funktionierende Kreisläufe für ihre Stabilität spielen.
