Warum diese unscheinbare Grafik vielleicht die alarmierendste Wirtschaftsstatistik des Jahres ist

Deutschland bildet 2024 das Schlusslicht bei den Nettoinvestitionen unter den verglichenen Industrie- und Schwellenländern. Nettoinvestitionen gelten als wichtiger Indikator für künftiges Wachstum und langfristige Wettbewerbsfähigkeit. Quelle: McKinsey Global Institute / NZZ.
Es gibt Statistiken, die man sich zweimal ansehen muss. Nicht, weil sie kompliziert wären, sondern weil man kaum glauben kann, was sie zeigen. Diese gehört dazu. Und es gibt Statistiken, die beeindrucken und es gibt Statistiken, die erschrecken. Die Grafik des McKinsey Global Institute gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.
Sie zeigt die Nettoinvestitionen führender Industrie- und Schwellenländer im Jahr 2024, gemessen als Anteil der Wirtschaftsleistung (BIP). Dabei handelt es sich um Investitionen nach Abzug aller Abschreibungen – also um den tatsächlichen Vermögenszuwachs einer Volkswirtschaft. Oder einfacher ausgedrückt:
Wie viel baut ein Land jedes Jahr tatsächlich neu auf, nachdem das Alte verschlissen ist?
Die Antwort sollte jeden deutschen Bürger nachdenklich stimmen. China investiert über 22 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in seine Zukunft. Indien liegt bei rund 14 Prozent. Selbst die USA, Großbritannien oder Südkorea investieren ein Mehrfaches dessen, was Deutschland investiert. Deutschland bildet das Schlusslicht. Die Nettoinvestitionen liegen praktisch bei Null.
Das bedeutet nicht, dass in Deutschland überhaupt nicht investiert wird. Unternehmen ersetzen weiterhin Maschinen, Straßen werden repariert und Gebäude instand gehalten. Die Grafik zeigt jedoch etwas anderes: Nach Abzug des Verschleißes bleibt kaum noch zusätzlicher Kapitalstock übrig. Eine Volkswirtschaft lebt damit zunehmend von ihrer Substanz.
Eine Entwicklung mit Ansage
Die Folgen sehen wir längst. Die Industrieproduktion sinkt. Immer mehr Unternehmen verlagern Investitionen ins Ausland. Brücken, Straßen und Schienen befinden sich vielerorts in einem Zustand, der einer Industrienation kaum würdig ist. Genehmigungsverfahren dauern Jahre. Die Energiekosten zählen international zu den höchsten. Bosch streicht Stellen, Volkswagen stellt seine milliardenschwere Softwarestrategie grundlegend infrage, immer mehr mittelständische Unternehmen investieren lieber außerhalb Deutschlands, z.B. Miele in Polen, Stihl in der Schweiz usw. Jede einzelne Nachricht mag erklärbar sein. In ihrer Gesamtheit ergeben sie jedoch ein beängstigendes Muster.
Andere Länder investieren – Deutschland diskutiert
Während China Milliarden in moderne Industrieanlagen, Robotik, Halbleiter, künstliche Intelligenz, Energieversorgung und Infrastruktur steckt, beschäftigt sich Deutschland häufig mit immer neuen Regulierungen, Dokumentationspflichten und langwierigen Genehmigungsverfahren. Natürlich braucht jede moderne Gesellschaft Regeln. Doch Regeln schaffen noch keinen Wohlstand, Investitionen jedoch schon. Denn jede Fabrik, jedes Rechenzentrum, jede Produktionshalle und jedes Forschungslabor von heute bilden die Arbeitsplätze und Steuereinnahmen von morgen.
Wer dauerhaft weniger investiert als seine Wettbewerber, verliert zwangsläufig an Wettbewerbsfähigkeit. Nicht über Nacht, sondern schleichend.
Der wahre Preis der Vernachlässigung
Besonders gefährlich ist, dass diese Entwicklung lange unsichtbar bleibt. Eine Brücke stürzt nicht am Tag ausbleibender Investitionen ein und eine Fabrik schließt nicht unmittelbar. Eine Volkswirtschaft kann viele Jahre von früheren Erfolgen leben. Deutschland profitiert bis heute von den Investitionen vergangener Generationen. Doch irgendwann ist auch dieses Fundament aufgebraucht und genau an diesem Punkt scheint unser Land inzwischen angekommen zu sein.
Es geht nicht nur um Geld
Dabei fehlt Deutschland weder an Ingenieuren noch an Ideen, es fehlt auch nicht grundsätzlich an Kapital. Es fehlt zunehmend an Vertrauen! Unternehmen investieren dort, wo Planungssicherheit besteht, wo Energie bezahlbar bleibt. wo Genehmigungen berechenbar sind und wo Innovation nicht als Risiko, sondern als Chance verstanden wird.
Investitionen sind immer auch ein Vertrauensbeweis in die Zukunft eines Landes. Bleiben sie aus, ist das oft ein Warnsignal weit über die Wirtschaft hinaus.
Ein Weckruf
Natürlich erklärt eine einzige Grafik nicht sämtliche wirtschaftlichen Probleme Deutschlands. Aber sie bringt einen entscheidenden Zusammenhang auf den Punkt. Wohlstand entsteht nicht durch Umverteilung und nicht durch neue Schulden und immer höhere Steuern. Wohlstand entsteht dort, wo Menschen bereit sind, langfristig in ihre Zukunft zu investieren. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht mehr warum wächst Deutschland kaum noch, sondern wie lange können wir es uns noch leisten, nicht mehr in unsere Zukunft zu investieren?
Mein Fazit
Die McKinsey-Grafik ist weit mehr als eine statistische Momentaufnahme. Sie könnte sich rückblickend als einer jener stillen Warnrufe erweisen, die man erst dann wirklich versteht, wenn ihre Folgen längst sichtbar geworden sind. Ein Land verliert seine Zukunft nicht an einem einzigen Tag. Es verliert sie Schritt für Schritt – in jedem Jahr, in dem es weniger in seine Zukunft investiert, als seine Wettbewerber.
Ein Land geht nicht unter, weil ihm das Geld ausgeht. Es verliert seine Zukunft, wenn es aufhört, in sie zu investieren!
