Der teuerste Satz der Börsengeschichte: „Diesmal ist alles anders.“

Der nächste Börsencrash wird nicht dadurch entstehen, dass KI scheitert. Sondern weil Millionen Anleger glauben, dass sie gar nicht mehr scheitern kann.

Es gibt einen Satz, der Anleger seit Generationen ein Vermögen kostet. „Diesmal ist alles anders.“

  • Man hörte ihn Ende der zwanziger Jahre vor dem großen Börsencrash von 1929.
  • Man hörte ihn während der Dotcom-Euphorie um die Jahrtausendwende.
  • Man hörte ihn vor der Finanzkrise 2008.
  • Und heute hört man ihn wieder.

Die KI-Euphorie

Diesmal heißt der Zauberbegriff Künstliche Intelligenz.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich halte KI für eine der größten technologischen Revolutionen seit der Erfindung des Internets. Wahrscheinlich sogar bedeutender. Sie wird unsere Arbeitswelt, unsere Medizin, unsere Industrie und unseren Alltag tiefgreifend verändern. Doch genau darin liegt die Gefahr.

Denn an der Börse wird nicht die Gegenwart gehandelt. Es werden Erwartungen gehandelt. Und Erwartungen können schneller wachsen, als jede Realität. Die größten Technologieunternehmen investieren derzeit Hunderte Milliarden Dollar in neue Rechenzentren, Chips und KI-Infrastruktur. Investoren gehen selbstverständlich davon aus, dass diese Investitionen schon bald riesige Gewinne hervorbringen. Aber was geschieht, wenn sich diese Erwartungen verzögern? Oder wenn sich herausstellt, dass viele Geschäftsmodelle deutlich länger brauchen, um profitabel zu werden?

Dann genügt oft eine kleine Enttäuschung. Nicht weil KI scheitert. Sondern weil die Erwartungen zu groß geworden sind.

Genau davor warnt inzwischen sogar die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die oft als „Bank der Zentralbanken“ bezeichnet wird. In ihrem aktuellen Jahresbericht lobt sie das enorme Potenzial der künstlichen Intelligenz. Gleichzeitig mahnt sie jedoch, dass übertriebene Erwartungen und eine starke Konzentration von Kapital erhebliche Risiken für die Finanzmärkte schaffen können.

Die Europäische Zentralbank weist zusätzlich darauf hin, dass sich immer größere Teile der Börsenentwicklung auf erstaunlich wenige Unternehmen konzentrieren. Das macht die Märkte anfälliger. Wenn einige wenige Schwergewichte ins Straucheln geraten, geraten ganze Indizes unter Druck.

Wer sich die Geschichte anschaut, erkennt ein wiederkehrendes Muster. Vor jedem großen Einbruch glaubten viele Menschen, die Regeln der Vergangenheit hätten ihre Gültigkeit verloren.

  • 1929 war es die Industrialisierung.
  • 2000 war es das Internet.
  • 2008 glaubte man an einen Immobilienmarkt ohne Grenzen.
  • Heute heißt die Hoffnung Künstliche Intelligenz.

Doch Revolutionen sind selten das Problem. Das Problem entsteht dann, wenn Anleger beginnen, jede Hoffnung bereits heute vollständig einzupreisen. Die eigentliche Gefahr liegt deshalb nicht in der Technologie. Sie liegt in der menschlichen Psychologie. Gier und Angst wechseln sich seit Jahrhunderten ab.

Die Staatsverschuldung

Doch die KI-Euphorie ist nur eine Seite der Medaille. Mindestens ebenso aufmerksam lohnt sich ein Blick auf die Staatsfinanzen der westlichen Welt.

Noch nie in Friedenszeiten waren viele Staaten so hoch verschuldet wie heute. Allein die Vereinigten Staaten tragen inzwischen eine Staatsverschuldung von rund 36 Billionen US-Dollar. Jahr für Jahr kommen weitere Defizite hinzu, während ein immer größerer Teil der Steuereinnahmen allein für den Schuldendienst verwendet werden muss. Das wirft eine unbequeme Frage auf:

Wie lange kann dieses System noch funktionieren?

Bislang profitiert die USA von einem einzigartigen Privileg. Der US-Dollar ist nach wie vor die wichtigste Leit- und Reservewährung der Welt. Rohstoffe werden überwiegend in Dollar gehandelt, Zentralbanken halten große Dollarreserven, und internationale Investoren kaufen amerikanische Staatsanleihen, weil sie diese traditionell als sicheren Hafen betrachten. Doch dieses Vertrauen ist kein Naturgesetz.

Immer mehr Staaten versuchen bereits, ihre Abhängigkeit vom Dollar zu reduzieren. Die BRICS-Staaten bauen alternative Zahlungssysteme auf, Zentralbanken erhöhen ihre Goldreserven, und im internationalen Handel entstehen zunehmend Geschäfte außerhalb des Dollarsystems.

Noch ist der Dollar unangefochten die Nummer eins. Aber die entscheidende Frage lautet nicht, ob sich die Welt verändert, sondern wie schnell.

Sollte das Vertrauen in die langfristige Tragfähigkeit der amerikanischen Staatsfinanzen nachlassen, könnten steigende Zinsen und sinkende Nachfrage nach US-Staatsanleihen eine Entwicklung in Gang setzen, die weit über die Börsen hinausreichen würde. Plötzlich ginge es dann nicht mehr nur um überbewertete Technologieaktien. Es ginge um das Fundament des internationalen Finanzsystems. Genau darin könnte die eigentliche Gefahr liegen.

Nicht ein einzelnes Ereignis würde den nächsten Börsencrash auslösen, sondern das Zusammentreffen mehrerer Faktoren: überhöhte Erwartungen an die Künstliche Intelligenz, historisch hohe Staatsverschuldung, geopolitische Spannungen und ein möglicher Vertrauensverlust in das globale Finanzsystem.

Vielleicht erleben wir deshalb keine Wiederholung von 1929 oder 2008. Vielleicht erleben wir etwas völlig Neues. Denn erstmals seit vielen Jahrzehnten stehen sowohl die Bewertung der größten Technologieunternehmen als auch die Stabilität der weltweiten Leitwährung gleichzeitig auf dem Prüfstand.

Die Technik verändert sich. Der Mensch erstaunlich wenig. Vielleicht erleben wir morgen keinen Börsencrash. Vielleicht auch nicht in diesem Jahr. Vielleicht steigen die Kurse sogar noch viele Monate weiter.

Aber eines scheint sicher: Die nächste größere Korrektur wird irgendwann kommen. Nicht weil Computer intelligenter werden, sondern weil Menschen glauben, sie könnten Risiken abschaffen. Wer langfristig Vermögen aufbauen möchte, sollte deshalb nicht versuchen, den exakten Zeitpunkt des nächsten Crashs vorherzusagen. Er sollte vielmehr verstehen, dass Krisen keine Ausnahme sind. Sie gehören zum Wesen funktionierender Kapitalmärkte.

Und genau deshalb entstehen nach jeder großen Krise auch wieder die größten Chancen. Vielleicht ist deshalb der gefährlichste Satz an der Börse bis heute derselbe geblieben:

„Diesmal ist alles anders.“

Dabei war Geschichte noch nie dafür bekannt, sich exakt zu wiederholen. Aber sie reimt sich erstaunlich oft.
Daher gilt:

Die wahre Intelligenz besteht nicht darin, die Zukunft vorherzusagen, sondern darin, rechtzeitig zu erkennen, wann Euphorie den Blick für die Realität vernebelt!