Querdenken muss wieder salonfähig werden

Die größten Feinde des Fortschritts waren nie die Querdenker. Es waren immer jene, die glaubten, bereits im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein.

Von Friedrich Dürrenmatt stammt ein Satz, der mich seit meinem Eintritt ins Erwachsenenleben begleitet hat:Ich bin kein Linker, ich bin kein Rechter, ich bin ein Querer.“ Dürrenmatt ließ sich nie vereinnahmen. Er weigerte sich, sich in ideologische Schubladen pressen zu lassen. Er stellte Gewissheiten infrage, widersprach dem Zeitgeist und dachte konsequent vom Ergebnis her und nicht von der Zugehörigkeit zu einem politischen Lager. Und genau deshalb imponierte er mir. Nicht allein seine weltberühmten Romane, Essays und Zitate haben mich geprägt, sondern seine Bereitschaft, alles zu hinterfragen. Er war einer jener seltenen Menschen, die den Mut besaßen, gegen den Strom zu denken. Ein echter Querdenker.

Leider ist gerade dieser Begriff heute nahezu unbrauchbar geworden. Während der Corona-Pandemie wurde er zunehmend mit Verschwörungserzählungen und radikalen Positionen verbunden. Dadurch geriet in Vergessenheit, was Querdenken ursprünglich bedeutete: eingefahrene Denkmuster zu verlassen, unbequeme Fragen zu stellen und bestehende Überzeugungen kritisch zu prüfen. Dabei lebt jede offene Gesellschaft genau von solchen Menschen. Nicht von Ja-Sagern und nicht von ideologischen Treuepflichten. Sondern von Menschen, die bereit sind, den eigenen Standpunkt ebenso kritisch zu hinterfragen wie den des politischen Gegners. Genau diese Kultur scheint jedoch zunehmend unter Druck zu geraten.

Auf der einen Seite verbreiten soziale Netzwerke und manche Internetplattformen gezielt Desinformation oder überfluten den öffentlichen Raum mit einer kaum noch überschaubaren Menge an Behauptungen. In der Kommunikationswissenschaft wird dafür der Begriff „Flood the Zone“ verwendet: Nicht jede einzelne Behauptung muss wahr sein. Es genügt, so viele Informationen gleichzeitig zu verbreiten, dass Wahrheit und Unwahrheit kaum noch voneinander zu unterscheiden sind. Auf der anderen Seite entstehen gesellschaftliche Mechanismen, die Menschen aus Angst vor öffentlicher Ächtung davon abhalten, unbequeme Positionen überhaupt noch auszusprechen. Unter dem Schlagwort „Cancel Culture“ wird seit Jahren darüber diskutiert, wo legitime Kritik endet und soziale Ausgrenzung beginnt. Ob Informationsüberflutung oder sozialer Druck, beide Entwicklungen haben eine Gemeinsamkeit: Sie erschweren den offenen Austausch von Argumenten.

Wer befürchten muss, sofort diffamiert, lächerlich gemacht oder moralisch verurteilt zu werden, schweigt irgendwann lieber. Und genau dann verliert eine Gesellschaft ihre wichtigste Innovationskraft: den Zweifel. Während der Corona-Pandemie wurde dieses Spannungsfeld besonders sichtbar. Wissenschaftler, Ärzte und Experten, die staatliche Maßnahmen oder Impfstrategien kritisierten, sahen sich teilweise erheblichem institutionellen, medialen oder kollegialen Druck ausgesetzt. Gleichzeitig wurden wissenschaftliche Erkenntnisse von unterschiedlichen Seiten selektiv genutzt oder verzerrt dargestellt, um bereits feststehende Überzeugungen zu stützen. Gerade in Krisenzeiten ist die Versuchung groß, den bestehenden Konsens um jeden Preis zu verteidigen. Doch Wissenschaft lebt nicht vom Konsens, sondern vom permanenten Hinterfragen. Ohne Menschen, die Zweifel zulassen, würden wir heute vermutlich noch immer glauben, die Sonne drehe sich um die Erde. Galileo Galilei zahlte einen hohen Preis dafür, den damaligen Konsens infrage zu stellen. Sein berühmter Satz „Und sie bewegt sich doch“ steht bis heute sinnbildlich für den Mut, gegen die Mehrheit recht zu behalten. Doch Galileo war keineswegs die Ausnahme. Nahezu jede große Errungenschaft der Menschheitsgeschichte begann damit, dass jemand den Mut hatte, gegen den herrschenden Zeitgeist zu denken. Die Brüder Wright wurden verspottet, weil der Mensch angeblich niemals fliegen könne. Jahrzehnte später landete der Mensch auf dem Mond. Als Ignaz Semmelweis forderte, Ärzte sollten sich vor Operationen die Hände waschen, wurde er von seinen Kollegen verhöhnt. Heute rettet seine Erkenntnis täglich Millionen Menschenleben. Als Albert Einstein seine Relativitätstheorie veröffentlichte, verstanden sie zunächst nur wenige. Heute bildet sie die Grundlage moderner Satellitennavigation.

Jede technische Revolution, jede medizinische Entdeckung und jede gesellschaftliche Weiterentwicklung begann mit Menschen, die den Mut hatten, das scheinbar Unmögliche zu denken. Fortschritt entsteht niemals im Gleichschritt. Er entsteht dort, wo Menschen bestehende Gewissheiten hinterfragen. Gerade deshalb bereitet mir die gegenwärtige Entwicklung Sorgen. Wir erleben eine Gesellschaft, in der sich viele Menschen zuerst fragen, ob sie etwas sagen dürfen, bevor sie überlegen, ob es richtig oder falsch ist. Wir diskutieren häufig nicht mehr über Argumente, sondern über die Person, die sie äußert.

Nicht selten entscheidet die politische Herkunft darüber, ob eine Idee überhaupt noch eine faire Chance erhält. Damit berauben wir uns selbst unserer größten Stärke, denn Innovation entsteht nicht in Echokammern. Sie entsteht dort, wo unterschiedliche Sichtweisen aufeinandertreffen, wo Widerspruch nicht nur erlaubt ist, sondern sogar erwünscht ist, wo Irrtümer korrigiert werden dürfen und niemand Angst haben muss, wegen einer unbequemen Frage gesellschaftlich ausgegrenzt zu werden.

Gerade Deutschland sollte diese Erkenntnis verinnerlichen. Die Geschichte zeigt eindrucksvoll, wohin Gleichschaltung des Denkens führen kann. Gleichzeitig verdanken wir unseren wirtschaftlichen Erfolg Erfindern, Ingenieuren, Wissenschaftlern und Unternehmern, die den Mut hatten, bestehende Grenzen zu überschreiten. Der Dieselmotor, das Automobil, das MP3-Format oder die mRNA-Forschung entstanden nicht, weil Menschen den Konsens verwalteten. Sie entstanden, weil jemand den Mut hatte, den Konsens infrage zu stellen. Die eigentliche Aufgabe unserer Zeit besteht nicht darin, immer neue politische Lager und Fronten zu bilden, zu lernen wieder zuzuhören. Nicht jede unbequeme Meinung ist richtig, aber jede unbequeme Meinung verdient zunächst die Chance, geprüft zu werden. Denn Wahrheit entsteht selten dort, wo alle derselben Meinung sind. Sie entsteht im fairen Wettstreit der besseren Argumente. Querdenken darf deshalb nicht länger als Schimpfwort missbraucht werden. Eine freie Gesellschaft braucht Menschen, die Fragen stellen, Menschen, die widersprechen und Menschen, die den Mut besitzen, gegen den Strom zu schwimmen. Nicht weil sie unbedingt Recht haben wollen, sondern weil sie der Wahrheit näherkommen möchten. Denn wer aufhört zu hinterfragen, wird irgendwann auch aufhören, Neues zu entdecken. Und genau das wäre das größte Armutszeugnis einer freien Gesellschaft.

Fazit


Wir brauchen wir heute nicht mehr Linke oder mehr Rechte und schon gar keine Brandmauern und Unvereinbarkeitsbeschlüsse. Wir brauchen wieder mehr „Quere“. Menschen, die keiner Ideologie verpflichtet sind, sondern einzig der Suche nach der besseren Lösung. Denn Fortschritt beginnt dort, wo der Mut größer ist, als die Angst vor dem Widerspruch.