Die nächste industrielle Revolution hat längst begonnen. Nur wir scheinen sie noch nicht bemerkt zu haben.
München. 29. Mai 1895.
Ein deutscher Ingenieur schreibt Industriegeschichte.
Carl von Linde gelingt erstmals die kontinuierliche Verflüssigung von Luft. Was damals wie ein wissenschaftliches Experiment erscheint, legt den Grundstein für eine Technologie, die unsere moderne Welt bis heute prägt. Ohne Kryotechnik gäbe es keine industrielle Sauerstoff- und Stickstoffproduktion, keine moderne Medizintechnik, keine Raumfahrt und große Teile der Chemieindustrie wären undenkbar.
Niemand ahnt damals, dass mehr als 130 Jahre später genau dieses physikalische Prinzip erneut zu einer Schlüsseltechnologie der Energiewende werden könnte. Doch diese Geschichte führt heute nicht nach Deutschland, sondern in die chinesische Wüste Gobi. Dort entstehen riesige Solarparks. Überschüssiger Strom wird genutzt, um Luft auf rund −194 °C zu verflüssigen. Die flüssige Luft wird gespeichert und bei Bedarf wieder erwärmt. Sie dehnt sich auf etwa das 750-Fache ihres Volumens aus, treibt Turbinen an und erzeugt genau dann Strom, wenn Sonne und Wind ihn nicht liefern.
Fast zeitgleich wächst in Shanghai ein junges Unternehmen heran, das an einer weiteren Zukunftstechnologie arbeitet. Carbonology verfolgt ein ebenso ehrgeiziges Ziel: Kohlendioxid soll nicht länger als Abfall gelten, sondern als wertvoller Rohstoff. Aus CO₂, Wasser und erneuerbarer Energie soll synthetisches Flugzeugkerosin entstehen – zunächst im Demonstrator, anschließend in Pilotanlagen und schließlich in industrieller Fertigung. Auf den ersten Blick wirken diese Entwicklungen revolutionär. Tatsächlich beruhen sie auf wissenschaftlichen und ingenieurtechnischen Grundlagen, die teilweise seit Jahrzehnten bekannt sind. Viele davon stammen aus Europa, manche sogar unmittelbar aus Deutschland.
Und genau hier beginnt die eigentliche Geschichte. Denn dieser Artikel handelt nicht von China sondern von Deutschland. Deutschland, ein Land, das über Generationen hinweg zu den bedeutendsten Erfinder- und Ingenieursnationen der Welt gehörte. Ein Land, dessen Wissenschaftler und Unternehmer Grundlagen geschaffen haben, auf denen heute neue Industrien entstehen, sieht sich mit einer unbequemen Frage konfrontiert:L
Warum werden aus Technologien, an deren Grundlagen deutsche Wissenschaftler und Ingenieure entscheidend mitgewirkt haben, heute immer häufiger Fabriken in anderen Teilen der Welt?
Deutschland fehlt weder an Ideen, noch an Forschung und auch nicht an Ingenieuren und hellen Köpfen. Deutschland dem Land der Tüftler fehlt es auch nicht an Kreativität. Was Deutschland zunehmend fehlt, ist die Fähigkeit, aus Forschung wieder industrielle Wirklichkeit entstehen zu lassen. Das ist kein Einzelfall. Immer wieder begegnet man dem selben Muster: die Verflüssigung von Luft, synthetische Kraftstoffe, neue Kernreaktoren, Robotik, neue Werkstoffe, künstliche Intelligenz usw. in Deutschland entwickelt und von anderen industrialisiert. Deutschland erforscht, andere investieren! Deutschland diskutiert, andere bauen! Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, China zum Vorbild zu erklären. China hat eigene Probleme, Risiken und Fehlentwicklungen, aber eines beherrscht das Land inzwischen mit beeindruckender Konsequenz: Es macht aus Technologien Industrie.
Und genau hier liegt die eigentliche Herausforderung für Deutschland. Innovation besteht bekanntlich aus zwei Phasen. Die erste heißt Erfinden und die zweite heißt Industrialisieren! Über viele Jahrzehnte war Deutschland in beiden Disziplinen Weltspitze. Heute jedoch entsteht immer häufiger der Eindruck, dass wir in der ersten Phase stehen bleiben, während andere die zweite übernehmen. Das kostet nicht nur Arbeitsplätze. Es kostet Wertschöpfung, technologische Souveränität und am Ende politische Gestaltungskraft.
Die entscheidende Frage ist nicht wie holen wir China ein, sondern wie schaffen wir wieder die Rahmenbedingungen, damit aus deutscher Forschung auch wieder deutsche Industrie entsteht?
Genau hier muss die Diskussion beginnen. Nicht in ideologischen und moralisierenden Grabenkämpfen oder in parteipolitischen Reflexen, sondern mit einer ehrlichen Analyse unserer eigenen strukturellen Schwächen. Denn die nächste industrielle Revolution entscheidet sich nicht im Labor, in Talkshows oder Sonntagsreden. Sie entscheidet sich dort, wo aus Ideen Fabriken werden!
Und genau dort entscheidet sich auch, welche Nationen morgen ihre Zukunft gestalten und welche sie künftig bei anderen einkaufen müssen!
Deutschland besitzt noch immer alle Voraussetzungen, wieder zu den führenden Industrienationen der Welt zu gehören, wenn wir den Mut finden, Forschung, Unternehmertum und industrielle Umsetzung wieder zusammenzubringen!
