Die lange Geschichte des Imperialismus – Teil 4
Wie Europa einen Kontinent unter sich aufteilte
Afrika wurde auf Landkarten verteilt.
Die Menschen, die dort lebten, fragte kaum jemand.
Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war Afrika für die Europäer vor allem eine Küstenregion. Zwar existierten bereits Handelsstützpunkte und der jahrhundertelange Sklavenhandel hatte tiefe Spuren hinterlassen, doch große Teile des Kontinents standen weiterhin unter der Kontrolle afrikanischer Königreiche und Gemeinschaften. Das sollte sich innerhalb weniger Jahrzehnte dramatisch ändern. Zwischen 1880 und 1914 begann ein regelrechter Wettlauf der europäischen Großmächte um Afrika. Innerhalb einer einzigen Generation gerieten nahezu 90 Prozent des Kontinents unter europäische Herrschaft.
Der Sklavenhandel – Afrikas jahrhundertelange Verwundung
Der Wettlauf um Afrika begann nicht erst mit der Berliner Konferenz. Bereits Jahrhunderte zuvor war Afrika zum Schauplatz eines der größten Menschheitsverbrechen geworden. Zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert wurden schätzungsweise zwölf bis fünfzehn Millionen Menschen über den Atlantik verschleppt. Hinzu kamen Millionen weiterer Menschen, die über arabische Handelsrouten nach Nordafrika, auf die Arabische Halbinsel und nach Asien verkauft wurden. Der sogenannte Dreieckshandel entwickelte sich zu einem gigantischen Wirtschaftssystem. Europäische Händler brachten Waffen, Stoffe und Waren nach Afrika. Von dort wurden Menschen unter unmenschlichen Bedingungen nach Amerika transportiert. Zucker, Baumwolle, Tabak und andere Rohstoffe gelangten anschließend nach Europa zurück. Der wirtschaftliche Aufstieg Europas wurde dadurch erheblich begünstigt. Afrika hingegen verlor über Jahrhunderte hinweg Millionen junger Menschen, Arbeitskräfte, Wissensträger und gesellschaftliche Stabilität.
Die Berliner Konferenz – Afrika auf der Landkarte
Der Schlüsselmoment für das Schicksal Afrikas war die Berliner Konferenz von 1884/85. Eingeladen hatte der damalige deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck. Vertreter aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Belgien, Portugal, Spanien und weiteren Staaten trafen sich in Berlin, um Regeln für die Aufteilung Afrikas festzulegen. Bemerkenswert ist dabei: Kein einziger afrikanischer Vertreter war eingeladen. Grenzen wurden mit dem Lineal auf Karten gezogen, ohne Rücksicht auf jahrhundertealte Stammesgebiete, Sprachräume oder kulturelle Zusammenhänge. Die Folgen dieser künstlichen Grenzziehungen wirken bis heute nach.
Rohstoffe, Macht und Prestige
Die Motive Europas waren vielfältig. Primär ging es um
- Gold, Diamanten, Kupfer und Kautschuk
- neue Absatzmärkte
- strategisch wichtige Handelswege
- politischen Einfluss
- nationales Prestige
Imperialismus wurde zu einem Wettbewerb der damaligen Großmächte! Wer Kolonien besaß, galt als mächtig und wer keine besaß, drohte international an Bedeutung zu verlieren. Afrika wurde zunehmend als Rohstofflager und geopolitische Ressource betrachtet und schon gar nicht als Heimat hunderter Völker und Kulturen.
Der Kongo – eines der dunkelsten Kapitel
Besonders grausam verlief die Entwicklung im Kongo. Der belgische König Leopold II. erklärte das Gebiet zu seinem persönlichen Besitz. Unter dem Vorwand, Zivilisation und Fortschritt zu bringen, entstand eines der brutalsten Ausbeutungssysteme der modernen Geschichte. Die Bevölkerung wurde gezwungen, Kautschuk zu sammeln. Wer die vorgegebenen Quoten nicht erfüllte, wurde bestraft. Millionen Menschen verloren in dieser Zeit ihr Leben, durch Gewalt, Hunger, Krankheiten und Zwangsarbeit. Bis heute gilt der Kongo als das markanteste Symbol für die Schattenseiten des Imperialismus.
Deutschland und der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts
Auch das Deutsche Kaiserreich beteiligte sich am Wettlauf um Afrika. Deutschland besaß Kolonien in Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Ostafrika, Kamerun und Togo. Besonders düster ist das Kapitel in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Zwischen 1904 und 1908 wurden Aufstände der Herero und Nama brutal niedergeschlagen. Zehntausende Menschen starben. Viele Historiker sprechen heute vom ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts.
Der Zweite Weltkrieg – der Anfang vom Ende der Kolonialreiche
Der Zweite Weltkrieg veränderte die Welt grundlegend, auch in Afrika. Hunderttausende Afrikaner kämpften damals auf der Seite der Alliierten. Sie dienten in britischen, französischen und belgischen Streitkräften und wurden an verschiedenen Kriegsschauplätzen eingesetzt, von Nordafrika über Italien bis nach Asien. Viele von ihnen verließen zum ersten Mal ihre Heimat und kamen mit anderen Kulturen, politischen Ideen und neuen Vorstellungen von Freiheit und Selbstbestimmung in Berührung. Gleichzeitig entstand ein Widerspruch, der immer offensichtlicher wurde. Die europäischen Mächte kämpften gegen Diktatur, Unterdrückung und Fremdherrschaft, hielten aber gleichzeitig Millionen Afrikaner unter kolonialer Kontrolle. Diese Doppelmoral blieb nicht unbemerkt. Viele afrikanische Soldaten kehrten nach dem Krieg mit der entscheidenden Erkenntnis zurück, dass die Freiheit und Selbstbestimmung, für die sie in Europa gekämpft hatten, nicht nur für Europa gelten müsste, sondern auch für Afrika. Diese Kriegserfahrungen stärkten das politische Bewusstsein einer ganzen Generation und wirkten als Brandbeschleuniger für die Unabhängigkeitsbewegungen auf dem gesamten Kontinent. Hinzu kam, dass die europäischen Kolonialmächte wirtschaftlich geschwächt aus dem Krieg hervorgingen und ihre riesigen Kolonialreiche immer schwerer kontrollieren konnten.
In den folgenden Jahrzehnten begann eine Welle der Entkolonialisierung. Zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren erlangten zahlreiche afrikanische Staaten ihre Unabhängigkeit. Doch die Probleme verschwanden nicht über Nacht. Die von Europa gezogenen Grenzen blieben bestehen, wirtschaftliche Abhängigkeiten setzten sich fort und vielerorts hinterließen Jahrzehnte der Fremdherrschaft tiefe gesellschaftliche Wunden.
Der Mau-Mau-Aufstand – der Kampf um die Freiheit
Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann die Idee der Unabhängigkeit auf dem gesamten afrikanischen Kontinent an Dynamik. Die erfolgreiche Befreiung Indiens von der britischen Kolonialherrschaft im Jahr 1947 wirkte dabei wie ein Signal an viele andere Kolonien. Sie erkannten, dass auch eine Weltmacht wie Großbritannien nicht unbesiegbar war.
Besonders in Kenia wuchs der Wunsch nach Selbstbestimmung. Das Land war wirtschaftlich von großer Bedeutung, und große Teile der fruchtbaren Böden befanden sich in den Händen europäischer Siedler. Gleichzeitig lebte dort eine bedeutende Gemeinschaft indisch-stämmiger Familien, die bereits seit Generationen im Land ansässig war und eine wichtige Rolle im Handel und in der Wirtschaft spielte. Zwischen 1952 und 1960 erhoben sich vor allem Angehörige des Kikuyu-Volkes gegen die britische Kolonialherrschaft. Der Mau-Mau-Aufstand entwickelte sich zu einem Symbol des antikolonialen Widerstands. Großbritannien reagierte mit äußerster Härte. Hunderttausende Menschen wurden in Lager eingewiesen, viele gefoltert oder misshandelt. Die spätere politische Führung unter Jomo Kenyatta stand vor der schwierigen Aufgabe, ein Land mit sehr unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zusammenzuführen. Gleichzeitig entstanden Spannungen um die Frage, wem Land, wirtschaftliche Macht und politische Verantwortung künftig gehören sollten. Die Forderung nach einer stärkeren „Afrikanisierung“ führte dazu, dass viele Europäer und auch Teile der indisch-stämmigen Bevölkerung Kenia in den folgenden Jahrzehnten verließen. Der Mau-Mau-Aufstand wurde damit zu einem Wendepunkt auf dem Weg Kenias in die Unabhängigkeit, die das Land schließlich 1963 erreichte.
Der Algerienkrieg – das schmerzhafte Ende eines Imperiums
Auch Frankreich musste erkennen, dass sich der Wunsch nach Selbstbestimmung nicht dauerhaft unterdrücken ließ. Zwischen 1954 und 1962 führte Frankreich einen erbitterten Krieg gegen die algerische Unabhängigkeitsbewegung FLN. Algerien war für Frankreich keine gewöhnliche Kolonie. Viele Franzosen betrachteten das Land als Teil Frankreichs. Umso erbitterter wurde darum gekämpft. Es kam zu Anschlägen, Vergeltungsaktionen, Folter, Massenverhaftungen und schweren Menschenrechtsverletzungen auf beiden Seiten. Hunderttausende Menschen verloren in diesem Krieg ihr Leben. Der Krieg spaltete auch Frankreich tief und prägt die Beziehungen zwischen beiden Ländern bis heute.
Die langen Schatten der Geschichte
Die europäischen Kolonialmächte hinterließen Grenzen, die häufig ethnische, sprachliche und kulturelle Realitäten ignorierten. Völker, die jahrhundertelang zusammenlebten, wurden getrennt. Andere wurden gegen ihren Willen in gemeinsame Staaten gezwungen. Viele heutige Konflikte haben hier ihren Ursprung. Gleichzeitig entstanden Eisenbahnen, Häfen und Verwaltungsstrukturen, allerdings überwiegend mit dem Ziel, Rohstoffe möglichst effizient nach Europa zu transportieren. Die wirtschaftliche Abhängigkeit vieler afrikanischer Staaten reicht deshalb bis in die Gegenwart hinein.
Ruanda und Burundi – wenn künstliche Einteilungen Generationen prägen
Die Folgen der Kolonialpolitik zeigen sich besonders eindrücklich in Ruanda und Burundi. Die Bevölkerungsgruppen der Hutus, Tutsis und Twa lebten dort über Jahrhunderte zusammen. Zwar existierten gesellschaftliche Unterschiede, doch diese waren deutlich durchlässiger, als häufig angenommen wird. Erst die europäischen Kolonialmächte, zunächst Deutschland und später Belgien nach dem Ersten Weltkrieg, begannen, diese Unterschiede systematisch zu verstärken. Unter dem Einfluss damals verbreiteter rassistischer Theorien wurden die Tutsis als angeblich „höherwertig“ eingestuft und bevorzugt in Verwaltung und Bildung eingesetzt. Identitätskarten zementierten diese Einteilung und vertieften die gesellschaftlichen Gräben. Nach der Unabhängigkeit kehrte sich das Machtverhältnis um. Über Jahrzehnte hinweg entstanden Misstrauen, Gewalt und gegenseitige Vergeltungsaktionen. Der traurige Höhepunkt folgte 1994 in Ruanda. Innerhalb von rund 100 Tagen wurden schätzungsweise 800.000 Menschen, überwiegend Tutsis, aber auch gemäßigte Hutus, ermordet. Auch Burundi wurde über Jahrzehnte von ethnischen Spannungen, Massakern und Bürgerkriegen erschüttert. Natürlich trägt die koloniale Vergangenheit nicht allein die Verantwortung für diese Tragödien. Politische Entscheidungen der späteren Regierungen, Machtkämpfe und internationale Interessen spielten ebenfalls eine Rolle. Dennoch zeigt dieses Beispiel eindrücklich, wie tiefgreifend koloniale Eingriffe gesellschaftliche Strukturen verändern können, mit Folgen, die noch Generationen später spürbar sind.
Was bleibt?
Der Wettlauf um Afrika endete nicht mit dem Abzug der Kolonialmächte. Seine Folgen prägen bis heute Politik, Wirtschaft, Migration und internationale Beziehungen. Wer die Herausforderungen Afrikas verstehen will, muss auch seine Geschichte kennen.
Ausblick auf Teil 5
Die Welt unter Flaggen
Als der Imperialismus seinen Höhepunkt erreichte und die Rivalitäten der Großmächte schließlich den Weg in den Ersten Weltkrieg ebneten.
