Deutschland lebt von seiner Industrie – doch immer mehr Unternehmen investieren anderswo.
Steht Europas Wirtschaftsmotor vor einer vorübergehenden Schwächephase oder vor einer historischen Weichenstellung?
Verliert Europas Wirtschaftsmotor seine industrielle Basis?
Deutschland galt über Jahrzehnte als Synonym für wirtschaftliche Stärke. Deutsche Maschinen, Fahrzeuge, Chemieprodukte und technische Innovationen genossen weltweit einen hervorragenden Ruf. Das Land verfügte über einen starken Mittelstand, hochqualifizierte Fachkräfte und eine Industrie, die Millionen Menschen sichere Arbeitsplätze und Wohlstand bot. Heute mehren sich jedoch die Warnsignale immer schriller und dramatischer.
Produktionsstandorte werden verkleinert oder geschlossen. Investitionen fließen zunehmend ins Ausland. Unternehmer berichten von steigenden Kosten, wachsender Bürokratie und immer schwierigeren Rahmenbedingungen. Gleichzeitig wächst die Sorge, Deutschland könne schrittweise seine industrielle Basis verlieren. Doch wie berechtigt ist diese Sorge? Erleben wir tatsächlich eine Deindustrialisierung, oder sind wir lediglich in einer Phase des wirtschaftlichen Wandels?
Der Wohlstand kam nicht von selbst
Deutschland besitzt weder riesige Rohstoffvorkommen noch große Öl- oder Gasreserven. Der wirtschaftliche Erfolg des Landes beruhte deshalb schon immer auf anderen Faktoren wie
- Bildung und Ausbildung
- Ingenieurskunst
- Forschung und Entwicklung
- leistungsfähige Infrastruktur
- stabile Institutionen
- mittelständische Familienunternehmen
Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand aus den Trümmern das sogenannte Wirtschaftswunder. Deutsche Unternehmen entwickelten Produkte, die weltweit gefragt waren. Maschinen aus Deutschland, Fahrzeuge aus Deutschland und chemische Erzeugnisse aus Deutschland wurden zu Markenzeichen für Qualität. Der Wohlstand der Bundesrepublik entstand nicht durch Zufall. Er wurde über Jahrzehnte aufgebaut. Gerade deshalb stellt sich heute die Frage, ob die Grundlagen dieses Erfolgsmodells noch ausreichend gepflegt werden.
Die Industrie unter Druck
Viele Unternehmen sehen sich mit Herausforderungen konfrontiert, die in ihrer Kombination absolut neu sind. Da wären
Energiepreise
Besonders energieintensive Branchen wie Chemie, Metallverarbeitung, Glasherstellung oder Papierproduktion leiden unter hohen Energiekosten. Während Unternehmen in anderen Regionen der Welt häufig deutlich günstigere Energiepreise vorfinden, müssen deutsche Betriebe oftmals einen erheblichen Kostenaufschlag verkraften. Für exportorientierte Unternehmen ist dies ein ernstzunehmender Wettbewerbsnachteil.
Bürokratie und Regulierung
Deutschland genießt international den Ruf eines verlässlichen Rechtsstaates. Gleichzeitig klagen viele Unternehmer über eine riesige, zunehmende Regelungsdichte. Genehmigungsverfahren dauern teilweise Jahre. Dokumentationspflichten wachsen stetig. Gerade kleinere und mittlere Unternehmen verfügen oft nicht über die personellen Ressourcen, um den immensen administrativen Aufwand problemlos zu bewältigen. Was ursprünglich der Kontrolle, Sicherheit oder Transparenz dienen soll, entwickelt sich aus Sicht vieler Betriebe zunehmend zu einem Wachstumshemmnis.
Fachkräftemangel
Der demografische Wandel trifft Deutschland mit voller Wucht. In den kommenden Jahren werden Millionen Angehörige der geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen. Gleichzeitig fehlen bereits heute Fachkräfte in zahlreichen technischen Berufen. Besonders betroffen sind:
- Handwerk
- Maschinenbau
- Pflege
- IT
- industrielle Produktion
Der Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeiter wird sich weiter verschärfen.
Noch mehr Sorgen als die aktuelle Wirtschaftspolitik bereitet mir die Entwicklung unseres Bildungssystems. Deutschland besitzt kaum Rohstoffe. Unser wichtigster Rohstoff waren immer die Fähigkeiten unserer Menschen. Wenn heute ein großer Teil der Jugendlichen Schwierigkeiten mit grundlegenden Kompetenzen in Lesen, Schreiben und Mathematik hat, dann ist das nicht nur ein Bildungsproblem. Es ist auch ein Wirtschaftsproblem der Zukunft.
Wenn Investitionen das Land verlassen
Unternehmen entscheiden letztlich nicht aufgrund politischer Reden, sondern aufgrund wirtschaftlicher Rahmenbedingungen. Dort, wo Investitionen die besten Erfolgsaussichten versprechen, entstehen neue Werke, Forschungszentren und Arbeitsplätze. In den vergangenen Jahren haben zahlreiche deutsche Unternehmen angekündigt, verstärkt im Ausland zu investieren. Die Gründe sind vielfältig:
- niedrigere Energiekosten
- schnellere Genehmigungen
- geringere Steuerbelastungen
- größere Absatzmärkte
- staatliche Förderprogramme
Besonders die Vereinigten Staaten haben mit umfangreichen Industrie- und Investitionsprogrammen neue Anreize geschaffen. Dazu kommt nun noch der grassierende Protektionismus durch die Trumpschen Zölle. Deutschland muss sich nun die Frage gefallen lassen ob künftige Investitionen noch im Land bleiben sollen, oder ob die entstehenden Arbeitsplätze von morgen zunehmend anderswo angesiedelt werden?
Das BASF-Signal
Ein einzelner Betrieb kann aus den unterschiedlichsten Gründen schließen. Wenn die Insolvenzwelle derartige Rekordwerte, wie zur Zeit, ist das nicht nur besorgniserregend, sondern dramatisch!
Wenn jedoch große Konzerne ihre Investitionsschwerpunkte verlagern, weist das auf grundlegende, schwerwiegende Standortprobleme hin. Besonders kritisch beobachtet wird deshalb die Entscheidung von BASF, Teile ihrer Investitionen stärker außerhalb Deutschlands auszurichten. Der Chemiesektor gehört traditionell zu den Fundamenten der deutschen Industrie. Veränderungen in dieser Branche gelten deshalb oft als Frühindikator für größere wirtschaftliche Entwicklungen. BASF gilt quasi als Teilmenge der wirtschaftlichen DNA Deutschlands. Deshalb müssen hier sämtliche Alarmglocken läuten. Ob daraus tatsächlich ein langfristiger Trend entsteht, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Die Diskussion darüber hat jedoch bereits Fahrt aufgenommen.
Zwischen Klimazielen, Regulierung und Wettbewerbsfähigkeit
Die wirtschaftlichen Herausforderungen Deutschlands lassen sich nicht allein mit Energiepreisen oder dem Fachkräftemangel erklären. Viele Unternehmer verweisen zunehmend auf politische Rahmenbedingungen, die sie als Belastung empfinden. Dazu gehören nationale Vorschriften ebenso wie Regelungen der Europäischen Union. Befürworter dieser Maßnahmen argumentieren, dass Deutschland bei Umwelt- und Verbraucherschutz weltweit eine Vorreiterrolle einnehmen müsse. Kritiker hingegen warnen vor einer immer größeren Regulierungsdichte, die insbesondere kleine und mittlere Unternehmen an ihre Grenzen bringen. Dabei geht es oft nicht um einzelne Vorschriften, sondern um deren Summe.
Ob Lieferkettengesetze, Nachhaltigkeitsberichte, Dokumentationspflichten oder neue Verpackungsvorschriften. Jede einzelne Regel mag für sich betrachtet nachvollziehbar erscheinen. Zusammengenommen verursachen sie jedoch Kosten, Personalaufwand und bürokratische Belastungen. Ein aktuelles Beispiel liefert die neue europäische Verpackungsverordnung. Sie sieht unter anderem vor, dass Einweg-Portionsverpackungen für Ketchup, Mayonnaise, Zucker oder ähnliche Produkte im Gastronomiebereich schrittweise durch Mehrweg- oder Nachfülllösungen ersetzt werden sollen. Die EU begründet dies mit dem Ziel, Verpackungsmüll zu reduzieren und eine Kreislaufwirtschaft zu fördern. Kritiker sehen darin hingegen ein Beispiel dafür, wie Brüssel selbst kleinste Bereiche des wirtschaftlichen Alltags reguliert.
Unabhängig davon, wie man solche Maßnahmen bewertet, stellt sich eine grundsätzliche Frage: Kann Europa im globalen Wettbewerb bestehen, wenn Unternehmen gleichzeitig mit höheren Energiekosten, zunehmender Bürokratie und strengeren Auflagen konfrontiert werden als viele ihrer internationalen Konkurrenten? Diese Frage wird in den kommenden Jahren entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland sein.
Die Gefahr einer schleichenden Entwicklung
Deindustrialisierung geschieht selten über Nacht. Es gibt keinen einzelnen Tag, an dem ein Land plötzlich seine industrielle Stärke verliert. Vielmehr handelt es sich um einen langsamen Prozess, der einmal angeschoben, sich immer schneller dreht. Zunächst werden Investitionen verschoben. Dann entstehen neue Werke im Ausland. Forschungseinrichtungen folgen. Zulieferer verlieren Aufträge. Fachkräfte orientieren sich um. Jeder einzelne Schritt erscheint überschaubar, aber irgendwann wird dann der Punkt „of no return“ erreicht, das heißt, dass sich das Ruder dann nur noch sehr schwer – wenn überhaupt – herum reißen lässt. Genau deshalb betrachten viele Ökonomen die aktuellen Entwicklungen mit großer Sorge.
Deutschland hat weiterhin starke Karten
Trotz aller Herausforderungen wäre es falsch, Deutschland bereits abzuschreiben. Das Land verfügt weiterhin über erhebliche Stärken:
- hervorragend ausgebildete Fachkräfte
- weltweit anerkannte Hochschulen
- leistungsfähige Forschungseinrichtungen
- innovative Unternehmen
- einen noch starken Mittelstand
- hohe Rechtssicherheit
- zentrale Lage in Europa
Viele dieser Faktoren lassen sich nicht kurzfristig kopieren. Noch immer gehört Deutschland zu den größten Volkswirtschaften der Welt. Die Frage lautet daher nicht, ob Deutschland Chancen besitzt. Die Frage lautet vielmehr, ob diese Chancen konsequent genutzt werden. Zweifel sind hier sicherlich angebracht!
Mehr als eine Wirtschaftsfrage
Die Debatte über die Zukunft der Industrie ist weit mehr als eine Diskussion über Fabriken und Produktionszahlen. Die Industrie schafft Arbeitsplätze und finanziert einen erheblichen Teil des Sozialstaates. Die Industrie ermöglicht Investitionen in Bildung, Forschung und Infrastruktur und bildet die Grundlage des Wohlstands vieler Regionen. Wenn industrielle Wertschöpfung verloren geht, betrifft dies letztlich die gesamte Gesellschaft.
Zwischen den Zeiten
Vielleicht befindet sich Deutschland tatsächlich in einer Übergangsphase. Die Weltwirtschaft verändert sich. Neue Technologien entstehen. Lieferketten werden neu geordnet. Digitalisierung und künstliche Intelligenz verändern Geschäftsmodelle und Produktionsprozesse. Veränderung ist nichts Ungewöhnliches, im Gegenteil, sie bietet auch Chancen. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob Deutschland diese Veränderung aktiv gestaltet oder lediglich auf sie reagiert. Die Geschichte zeigt, dass wirtschaftlicher Erfolg niemals garantiert ist. Er muss immer wieder neu erarbeitet werden. Der Wohlstand Deutschlands wurde von Generationen aufgebaut, die investierten, entwickelten, produzierten und Verantwortung übernahmen. Ob dies auch in Zukunft gelingt, wird nicht allein von politischen Entscheidungen abhängen. Es wird davon abhängen, ob ein Umfeld geschaffen wird, in dem Unternehmergeist, Innovation und Leistung weiterhin eine Zukunft haben. Denn Wohlstand entsteht nicht durch Ankündigungen, leere Worthülsen und Absichtserklärungen. Er entsteht dort, wo Menschen Ideen verwirklichen können, Risiken eingehen und Werte schaffen.
