Fergusons Law! Die Supermacht in der Schuldenfalle!

Rom fiel nicht an einem Tag. Großbritannien verlor sein Weltreich nicht in einer Nacht. Großmächte verschwinden selten mit einem Knall. Oft beginnt ihr Abstieg viel unspektakulärer, nämlich in den Büchern ihrer Finanzminister.

Und wenn der Historiker Niall Ferguson recht hat, dann haben die Vereinigten Staaten inzwischen eine Grenze überschritten, die für eine Weltmacht gefährlicher sein könnte, als manche verlorene Schlacht. Sie nennt sich Ferguson’s Law.

Was ist eigentlich „Fergusons Law“?

Der Begriff klingt, als handele es sich um eine alte volkswirtschaftliche Regel. Tatsächlich ist „Ferguson’s Law“ erstaunlich jung.

Formuliert wurde es vom britisch-amerikanischen Historiker Sir Niall Ferguson, einem der international bekanntesten Wirtschafts- und Finanzhistoriker. Ferguson lehrt und forscht unter anderem an der Hoover Institution der Stanford University und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte von Geld, Schulden, Imperien und dem Aufstieg und Niedergang großer Mächte. Am 21. Februar 2025 veröffentlichte er bei der Hoover Institution die Studie „Ferguson’s Law: Debt Service, Military Spending, and the Fiscal Limits of Power“. Auf deutsch übersetzt in etwa „Fergusons Gesetz: Schuldendienst, Militärausgaben und die finanziellen Grenzen der Macht.“

Darin formuliert Ferguson eine verblüffend einfache These, nämlich: Eine Großmacht, die mehr für den Schuldendienst ausgibt, als für ihre Verteidigung, läuft Gefahr, ihren Status als Großmacht zu verlieren.

Den entscheidenden Punkt nennt Ferguson das „Ferguson Limit“, also die Ferguson-Grenze. Sie bezeichnet den Moment, in dem die Zinsbelastung die Verteidigungsausgaben übersteigt. Und wieso sollte ausgerechnet diese Grenze so bedeutsam sein? Wie kommt er auf diese Idee?

Schulden beginnen irgendwann, die Macht eines Staates von innen aufzufressen. Je mehr Einnahmen für Zinsen gebunden sind, desto weniger finanzieller Spielraum bleibt für Militär, Infrastruktur, Forschung oder andere staatliche Aufgaben. Eine Großmacht kann dann theoretisch noch gewaltige Streitkräfte besitzen, ihre Fähigkeit, diese Macht dauerhaft zu finanzieren und auszubauen, wird jedoch eingeschränkt. Ferguson hat sich diese Regel nicht einfach am Schreibtisch ausgedacht. Er untersuchte historische Beispiele über mehrere Jahrhunderte, beginnend mit Kastilien bzw. dem spanischen Weltreich des 16. Jahrhunderts, über Frankreich, das Osmanische Reich und Großbritannien bis zu den heutigen Vereinigten Staaten.

Sein Ergebnis war, dass das Überschreiten dieser Grenze keineswegs den sofortigen Untergang eines Reiches bedeutete. Zwischen finanzieller Überdehnung und geopolitischem Bedeutungsverlust konnten Jahre oder Jahrzehnte liegen. Ferguson beschreibt also keinen automatischen Countdown. Aber er sieht darin ein historisches Warnsignal.

Interessanterweise heißt das Gesetz zwar „Ferguson’s Law“, Niall Ferguson betont jedoch ausdrücklich, dass er es nicht nach sich selbst benannt habe. Namensgeber sei vielmehr Adam Ferguson (1723–1816), ein schottischer Philosoph und Historiker der Aufklärung.

Adam Ferguson hatte sich bereits im 18. Jahrhundert mit den Gefahren staatlicher Verschuldung beschäftigt. Niall Ferguson griff diesen Gedanken auf und machte daraus 2025 seine überprüfbare historische These über die finanziellen Grenzen von Großmachtpolitik. Und ausgerechnet im Jahr zuvor war etwas geschehen, das seiner Arbeit besondere Brisanz verlieh, nämlich dass die Vereinigten Staaten hatten 2024 nach Fergusons Berechnung ihre Grenze überschritten, erstmals seit nahezu einem Jahrhundert. Damit wird aus einer historischen Betrachtung plötzlich eine höchst aktuelle Frage, ob Fergusons Gesetz tatsächlich ein Gesetz der Geschichte ist, oder erleben wir gerade den großen Gegenbeweis?

Denn, wenn Ferguson recht hat, wäre die gefährlichste Zahl für die amerikanische Weltmacht möglicherweise weder die Zahl chinesischer Kriegsschiffe, noch die Zahl russischer Atomraketen. Es wäre der Zinssatz auf amerikanische Staatsschulden.

Die USA haben die rote Linie überschritten

Das eigentlich Provokante an Fergusons Theorie ist deshalb nicht der Blick zurück. Es ist vielmehr der Blick auf Washington. Nach Ferguson überschritten die Vereinigten Staaten ihre Grenze bereits 2024. Inzwischen lässt sich das Problem auch mit offiziellen amerikanischen Haushaltszahlen kaum noch übersehen. Im Haushaltsjahr 2025 betrugen die Nettozinsausgaben der amerikanischen Bundesregierung 970 Milliarden Dollar. Nach Angaben des Congressional Budget Office entsprachen sie rund 3,2 Prozent des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts.

Der amerikanische Rechnungshof stellte ausdrücklich fest, dass die Nettozinsausgaben 2025 höher als die Ausgaben für die nationale Verteidigung waren. Gegenüber 2020 waren die Nettozinsausgaben um 181 Prozent gestiegen. Damit ist Fergusons Warnsignal nicht mehr theoretisch. Amerika bezahlt inzwischen mehr für die Finanzierung seiner Vergangenheit, als für einen zentralen Pfeiler seiner gegenwärtigen Weltmachtstellung.

Der unsichtbare Gegner sitzt nicht in Moskau oder Peking

Über amerikanische Macht wird meistens militärisch gesprochen. Flugzeugträger, Atom-U-Boote, F-35, Militärbasen rund um den Globus. Doch gegen einen Gegner hilft kein Flugzeugträger: den Zins!

Ein Staat kann seine Armee vergrößern, neue Raketen bauen und er kann seine Verbündeten zu höheren Verteidigungsausgaben drängen. Aber seine Gläubiger wollen bezahlt werden und genau darin steckt die politische Sprengkraft der Verschuldung. Jeder Dollar, der dauerhaft für Zinsen benötigt wird, steht gleichzeitig für andere Staatsaufgaben zur nicht mehr zur Verfügung, es sei denn, der Staat erhöht seine Einnahmen, kürzt anderswo oder nimmt weitere Schulden auf. Letzteres erzeugt wiederum neue Zinsen und der Schuldendienst beginnt, sich selbst zu füttern.

Eine Billion Dollar für nichts Neues

Das ist vielleicht die brutalste Betrachtungsweise. Für fast eine Billion Dollar Zinsen bekommt Amerika keinen einzigen zusätzlichen Flugzeugträger, keine neue Brücke, kein neues Krankenhaus und auch keine zusätzliche Sozialleistung!

Das Geld bezahlt im Wesentlichen den Preis dafür, dass der Staat in der Vergangenheit mehr ausgegeben, als eingenommen hat. Natürlich gehören Staatsanleihen zu einem modernen Finanzsystem, und Verschuldung ist nicht grundsätzlich ein Zeichen des Niedergangs. Entscheidend sind Größenordnung, Zinsniveau, Wirtschaftswachstum und die Fähigkeit eines Staates, seine Einnahmen und Ausgaben langfristig wieder zusammenzubringen. Und genau hier werden die amerikanischen Zahlen sehr unangenehm! Das Congressional Budget Office geht in seiner langfristigen Projektion davon aus, dass die Nettozinsausgaben ohne politische Änderungen von etwa 3,2 Prozent des BIP 2025 auf 5,4 Prozent im Jahr 2055 steigen könnten.

Hinzu kommt ausgerechnet jetzt ein weiterer Brandbeschleuniger, nämlich die Zinsen. Mitte September erhöhte die US-Notenbank ihren Leitzins erstmals seit mehr als drei Jahren wieder um 0,25 Prozentpunkte. Gleichzeitig sind die Renditen amerikanischer Staatsanleihen geradezu nach oben geschossen. Die Rendite zehnjähriger US-Treasuries überschritt im September zeitweise die Marke von fünf Prozent und erreichte damit das höchste Niveau seit 2007. Bei sehr langfristigen US-Anleihen wurden sogar die höchsten Renditen seit mehr als zwei Jahrzehnten erreicht.

Für Washington ist das besonders brisant. Die gewaltige amerikanische Staatsschuld wird nicht auf einen Schlag teurer. Doch ständig laufen alte Anleihen aus und müssen durch neue ersetzt werden. Waren diese alten Schulden teilweise noch zu sehr niedrigen Zinsen aufgenommen worden, verlangt der Kapitalmarkt für neue Schulden inzwischen erheblich mehr. Damit kann die Zinsrechnung des Staates selbst dann weiter steigen, wenn Washington morgen keinen einzigen zusätzlichen Dollar Schulden aufnehmen würde.

Genau hier bekommt Fergusons Gesetz eine geradezu unheimliche Aktualität. Die Vereinigten Staaten haben seine Grenze bereits überschritten und nun steigt möglicherweise auch noch der Preis, den sie für ihre Schulden bezahlen müssen. Aus dem Ferguson-Limit könnte so weniger eine einmalige Grenzüberschreitung, als vielmehr eine sich selbst verstärkende finanzielle Zange werden: Mehr Schulden – höhere Refinanzierungskosten – mehr Zinsausgaben – weniger finanzieller Spielraum!

Kann man sich eine Weltmacht auf Kredit leisten?

Deshalb lautet deshalb die entscheidende Frage des 21. Jahrhunderts gar nicht, ob Amerika China militärisch besiegen kann, sondern ob sich Amerika seine Rolle als Weltmacht dauerhaft noch leisten kann oder will! Denn globale Macht ist teuer. Militärbasen müssen unterhalten, Soldaten bezahlt, Schiffe gebaut, Verbündete unterstützt und immer neue Waffensysteme entwickelt werden. Gleichzeitig altert die Bevölkerung. Sozialausgaben steigen, Medicare und Social Security beanspruchen enorme Summen und über allem wächst der Schuldendienst. Das CBO bezeichnet steigende Ausgaben für Sozialversicherung und Medicare zusammen mit wachsenden Zinskosten als zentrale Treiber der langfristigen Haushaltsbelastung. Irgendwann konkurrieren damit drei gewaltige Ansprüche um dasselbe Geld, nämlich der Sozialstaat, die Weltmacht und die Gläubiger!

Und ausgerechnet jetzt soll noch mehr Geld für Waffen ausgegeben werden

Hier bekommt Fergusons Gesetz eine beinahe groteske Aktualität. Die NATO-Staaten beschlossen 2025 in Den Haag, bis 2035 jährlich insgesamt fünf Prozent ihrer Wirtschaftsleistung für Verteidigung und verteidigungsbezogene Bereiche vorzusehen und mindestens 3,5 Prozent sollen auf die eigentlichen Verteidigungsanforderungen entfallen.

Militärisch mag man dafür gute Gründe anführen. Finanzpolitisch entsteht jedoch ein bemerkenswertes Paradoxon. Je stärker die geopolitische Konkurrenz wird, desto mehr Geld braucht Amerika für seine militärische Macht. Gleichzeitig frisst die Finanzierung seiner Schulden einen immer größeren Teil seiner finanziellen Bewegungsfreiheit.

Genau dieser Mechanismus steht im Zentrum von Fergusons These.

Imperien sterben nicht unbedingt auf dem Schlachtfeld

Das Römische Reich ist nicht deshalb untergegangen, weil an einem Dienstagmorgen plötzlich das Geld ausging. Auch das britische Empire verschwand nicht deshalb, weil in London eines Tages niemand mehr die Rechnungen bezahlen konnte. Geschichte funktioniert komplizierter. Wirtschaftliche Schwäche, politische Konflikte, militärische Überdehnung, gesellschaftliche Veränderungen und äußere Gegner greifen ineinander. Gerade deshalb sollte man Fergusons Gesetz nicht als Prophezeiung missverstehen. Aber als zuverlässiger Rauchmelder der Geschichte. Ein Rauchmelder beweist nicht, dass das Haus abbrennt.Er sagt lediglich, dass hier etwas nicht mehr stimmt!

Und Amerikas Rauchmelder piept inzwischen nicht nur ziemlich laut, nein, er schrillt richtig!

China ist gar nicht Amerikas gefährlichster Gegner

Washington blickt nach Peking und fragt, wie viele Kriegsschiffe China baut, blickt nach Moskau und zählt russische Raketen. Es blickt nach Teheran, Nordkorea und in den Nahen Osten. Dabei müsste es eigentlich nur einen viel kürzeren Weg gehen, nämlich vom Weißen Haus zum amerikanischen Finanzministerium. Großmächte können Schlachten verlieren und trotzdem Großmächte bleiben. Was sie ungleich vschlechter verkraften, ist der dauerhafte Verlust ihrer wirtschaftlichen Handlungsfähigkeit. Niall Ferguson behauptet nicht, dass Amerika morgen zusammenbricht. Seine historische These ist vorsichtiger, und gerade deshalb unangenehmer. Wenn eine Großmacht mehr für ihre Schulden ausgeben muss, als für ihre Verteidigung, beginnt ein Bereich, in dem ihre Machtbasis gefährdet sein kann.

Die Vereinigten Staaten haben diese Grenze überschritten. Ob sie wieder zurückkehren, ist eine politische und wirtschaftliche Frage, keine historische Gewissheit. Doch möglicherweise werden Historiker eines Tages auf unsere Zeit zurückblicken und feststellen, dass der Anfang vom Ende der amerikanischen Vorherrschaft keine verlorene Schlacht war sondern eine Zinsrechnung.