Erst verweigert ihm der Supreme Court die Gefolgschaft. Dann erhöht ausgerechnet sein eigener Wunschkandidat an der Spitze der Fed die Zinsen. Doch Kevin Warsh hatte kaum eine Wahl, denn irgendwann endet politische Macht dort, wo Inflation, Märkte und Mathematik beginnen.
Was waren das für beschissene Tage für Donald Trump. Da könnte man fast Mitleid bekommen. Aber nur fast! Die Midterms rücken näher und näher. Die Republikaner müssen ihre Mehrheiten verteidigen, die Lebenshaltungskosten beschäftigen die Amerikaner und ausgerechnet jetzt scheint eine Hiobsbotschaft nach der anderen im Weißen Haus einzutreffen. Was für eine Choreographie!
Dabei hatte Trump doch längst an vielen entscheidenden Schlüsselpositionen seine eigenen Leute platziert. Nur machen die plötzlich nicht das, was er von ihnen erwartet. Wie grausam ist das denn?!
Erst der Supreme Court
Beginnen wir beim höchsten Gericht der Vereinigten Staaten. Trump wollte noch vor den Midterms unbedingt deutlich strengere Regeln für Briefwahlunterlagen durchsetzen. Doch der Supreme Court ließ die Blockade der unteren Instanz bestehen. Lediglich larence Thomas und Samuel Alito stellten sich vollständig hinter die Regierung. Ganz besonders pikant, unter den Richtern, die Trump nicht folgten, befand sich Brett Kavanaugh. Jener Kavanaugh, dessen Nominierung 2018 nach den Vorwürfen von Christine Blasey Ford bezüglich sexueller Übergriffe zu einer der erbittertsten politischen Auseinandersetzungen der ersten Trump-Präsidentschaft geworden war. Kavanaugh bestritt die Anschuldigungen vehement, Trump verteidigte seinen Kandidaten ebenso vehement und erklärte schließlich sogar, er sei sich „100 Prozent“ sicher, dass Kavanaugh keinen sexuellen Übergriff begangen habe. Trump hielt Kavanaugh damals mit Bravour politisch den Rücken frei. Nun stellte sich ausgerechnet dieser Kavanaugh bei der Briefwahlfrage gegen die Regierung und begründete seine Haltung sogar selbst. Das muss sehr geschmerzt haben, aber verglichen mit dem, was Donald Trump anschließend von der Federal Reserve serviert bekam, war es beinahe nur das amuse bouche oder die Vorspeise!
Donald Trumps Krieg gegen die Fed
Denn gegen die Federal Reserve führt Trump seit Monaten einen erbitterten Kampf. Sein Gegner hieß zunächst vor allem Jerome Powell und der musste einstecken, aber wie! Trump wollte niedrigere Zinsen, möglichst schnell und möglichst kräftig! Powell hingegen orientierte die Geldpolitik kraft seines Amtes an Inflation, Arbeitsmarkt und Konjunktur und wurde dafür regelmäßig zum Ziel präsidialer Attacken. Dabei hatte Trump Powell während seiner ersten Amtszeit selbst zum Fed-Chef gemacht. Was für eine Illoyalität ihm gegenüber! Da muss die Wut doch hochkochen! Auch die Fed-Gouverneurin Lisa Cook geriet später ins Visier des Präsidenten, beziehungsweise voll ins Kreuzfeuer!
Hinter all diesen Auseinandersetzungen stand eine ganz einfache und simple Forderung, nämlich dass die Zinsen runter müssen!
Aus Trumps Perspektive durchaus nachvollziehbar. Niedrigere Zinsen stimulieren Investitionen, erleichtern Immobilienfinanzierungen und Unternehmenskredite und können die Konjunktur anschieben. So weit, so gut! Ein weiterer Punkt dürfte dem Präsidenten jedoch kaum entgangen sein, denn die Vereinigten Staaten sitzen auf einem Schuldenberg von rund 40 Billionen Dollar. Bei solchen Summen wird aus jedem Prozentpunkt irgendwann richtig viel Geld. Und dann stehen auch noch am 3. November die Midterms an. Ein kräftiger wirtschaftlicher Rückenwind und fallende Finanzierungskosten wären da sicherlich nicht ungelegen gekommen, im Gegenteil, es wäre das Schmieröl, dass Donald Trump für diese Wahlen dringendst brauchen würde!
Endlich der eigene Mann, endlich Kevin Warsh!
Dann kam Kevin Warsh. Trumps Wunschkandidat für die Spitze der Federal Reserve. Nun, so hätte man im Weißen Haus hoffen können, würde endlich ein Mann dort sitzen, der verstanden hatte, was der Präsident seit Monaten forderte, nämlich Zinsen runter, Wirtschaft anschieben und endlcih engültig Schluss mit Powells störrischem Kurs!
Und dann kam der 16. September! Die Fed tagte und sie senkte die Zinsen nicht! Im Gegenteil, sie beließ sie nicht einmal auf ihrem bisherigen Niveau. Sie erhöhte sie um 0,25 Prozentpunkte auf eine Spanne von 3,75 bis 4,00 Prozent. Und Kevin Warsh? Der wurde nicht etwa von einer rebellierenden Mehrheit im Offenmarktausschuss überstimmt, nein, er stimmte selbst dafür. Die Entscheidung fiel einstimmig. Donald Trump hatte eine Zinssenkung bestellt, Kevin Warsh lieferte eine Zinserhöhung. Was für ein total beschissener Tag für Donald Trump!
Nur, was hätte Warsh denn eigentlich anderes tun sollen?
Hier könnte die Glosse enden mit dem schönen Bild vom undankbaren Fed-Chef, der, kaum im Amt, seinen Förderer in den Arsch tritt, beziehungsweise in den Rücken fällt!
Nur, wäre das ökonomisch viel zu einfach. Denn, Kevin Warsh hatte in Wahrheit kaum eine vernünftige Alternative. Die Inflation liegt weiterhin deutlich über dem Zwei-Prozent-Ziel der Federal Reserve. Die Energiepreise haben kräftig angezogen und ziehen weiterhin an, der Ölpreis stieg zeitweise über 100 Dollar. Gleichzeitig zeigt sich jedoch die amerikanische Wirtschaft erstaunlich robust. Doch, während Donald Trump niedrigere Zinsen forderte, hatte der Kapitalmarkt längst begonnen, seine eigene Rechnung aufzumachen. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen sind über die Marke von fünf Prozent gestiegen. Unmittelbar vor der Fed-Entscheidung wurde eine Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte an den Märkten mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 93 Prozent beteits eingepreist. Auch die große Mehrheit der von Reuters befragten Ökonomen erwartete genau diesen Schritt. Was also hätte Warsh tun sollen?
Die Zinsen senken, weil Donald Trump es wollte? Das wäre angesichts der ökonomischen Rahmendaten kaum zu begründen gewesen. Aber selbst ein unveränderter Leitzins hätte Warsh in erhebliche Erklärungsnot gebracht, eine Zinssenkung jedoch völlig unmöglich! Unmittelbar wäre nämlich nicht mehr nur darüber diskutiert worden, ob die Federal Reserve die Inflation entschlossen genug bekämpft. Die viel gefährlichere Frage hätte mit Sicherheit gelautet, ob die mächtigste Notenbank der Welt noch unabhängig ist, oder inzwischen eine Filiale des Weißen Hauses?
Warsh hätte seine wissenschaftliche und fachliche Reputation gleich zu Beginn seiner Amtszeit auf dem Altar Donald Trumps geopfert. Es ist nicht anzunehmen, dass nach einem derartigen Entscheid auch nur ein einziger Ökonom weltweit der intellektuellen Kapazität und Integrität von Warsh vertraut hätte. Und das wahrscheinlich für überhaupt nichts.
Denn wenn die Fed nicht handelt, handelt der Markt
Genau hier liegt der fundamentale Irrtum in Trumps Krieg gegen die Federal Reserve. Die Fed kann den kurzfristigen Leitzins bestimmen. Aber sie kann Investoren nicht zwingen, dem amerikanischen Staat ihr Geld zu einem Zinssatz zu leihen, der Donald Trump gefällt. Wenn Anleger davon ausgehen, dass die Inflation dauerhaft höher bleibt, wenn sie wegen der gigantischen Staatsdefizite immer größere Mengen amerikanischer Anleihen aufnehmen sollen oder wenn Zweifel an der Unabhängigkeit der Notenbank entstehen, verlangen sie einen höheren Preis für ihr Geld. Das bedeutet naturgemäss höhere Renditen. Der Markt hatte bereits angefangen, genau das zu tun. Hätte die Fed angesichts der Inflations- und Konjunkturdaten nicht reagiert, hätte womöglich der Markt ihre Arbeit übernommen, jedoch wesentlich brutaler!
Die Renditen langfristiger Staatsanleihen hätten weiter steigen können. Damit verteuern sich Hypotheken, Unternehmenskredite und viele andere Finanzierungen. Und ausgerechnet für Washington könnte es besonders schmerzhaft werden. Denn, dieser Staat muss nicht nur neue Schulden aufnehmen. Er muss nämlich fortlaufend Billionen alter Schulden refinanzieren. Donald Trump hätte also möglicherweise seinen gewünschten niedrigen Fed-Leitzins bekommen, während ihm gleichzeitig die tatsächlichen Finanzierungskosten am Kapitalmarkt davongelaufen wären.
Das bezeichnet man als einen Pyrrhussieg erster Güte.
0,25 Prozent, was soll das schon sein?!
Ein Viertelprozentpunkt. Das klingt beinahe niedlich. So einen Klamauk für so eine Bagatelle. Das ist doch kaum der Rede wert! Oder etwa doch nicht?
Bei 100 Dollar wären das gerade einmal 25 Cent. Was soll das? Dummerweise reden wir hier nicht über 100 Dollar. Wir reden über rund 40 Billionen Dollar Staatsschulden. Natürlich werden diese 40 Billionen nicht morgen früh mit einem um 0,25 Prozentpunkte höheren Zinssatz verzinst. Alte Staatsanleihen laufen zu ihren vereinbarten Konditionen weiter. Der höhere Zins schlägt erst nach und nach über Neuverschuldung und Refinanzierung durch. Aber eine einfache Rechnung verdeutlicht die Dimension!
0,25 Prozent von 40 Billionen Dollar sind 100 Milliarden Dollar.
Noch einmal jedoch ausdrücklich: Die heutige Fed-Erhöhung kostet den amerikanischen Staat deshalb nicht morgen 100 Milliarden Dollar zusätzlich, aber sie zeigt, in welchen Größenordnungen wir uns bewegen. Die Vereinigten Staaten zahlen bereits heute Zinsen auf ihre Staatsschulden in einer Größenordnung von mehr als drei Milliarden Dollar pro Tag!
Jeden Tag! Bei einem solchen Schuldenberg wird ein dauerhaft hohes Zinsniveau irgendwann zum eigenen Haushaltsposten von gewaltiger Dimension. Und die Fed deutet bereits an, dass die jetzige Erhöhung möglicherweise nicht die letzte gewesen sein könnte!
Und dann sind da noch die Midterms
Das alles geschieht nicht irgendwann. Am 3. November wählen die Amerikaner das gesamte Repräsentantenhaus und ein Drittel des Senats neu. Hohe Zinsen sind dabei keine abstrakte akademische Größe. Sie landen beim Hauskäufer, beim Unternehmer, beim Autokredit, bei der Kreditkarte und irgendwann beim Steuerzahler, wenn immer größere Teile des Bundeshaushalts für Zinsen ausgegeben werden müssen.
Donald Trump wollte vor den Midterms sinkende Zinsen, er bekam steigende. Er wollte einen Fed-Chef, von dem er sich einen anderen Kurs versprach. Er bekam Kevin Warsh und Kevin Warsh bekam die Inflationszahlen!
Vielleicht war Warsh gar nicht Trumps Problem
Und damit bekommt diese Geschichte ihre eigentliche Pointe. Trump kämpfte gegen Jerome Powell und gegenn Lisa Cook. Trump kämpfte gegen die hohen Zinsen.
Trump wollte einen anderen Fed-Chef, und schließlich bekam er seinen Wunschkandidaten. Nur musste dieser Wunschkandidat bei seiner ersten großen Bewährungsprobe feststellen, dass sich die ökonomische Realität nicht gemeinsam mit einem neuen Fed-Chef auswechseln lässt.
Kevin Warsh erhöhte die Zinsen nicht, obwohl Donald Trump ihn ausgesucht hatte. Er erhöhte sie, weil ihm Inflation, Konjunktur und Kapitalmarkt kaum eine andere glaubwürdige Wahl ließen.
Hätte die Fed nicht reagiert, hätte womöglich der Markt reagiert und das mit ungleich schmerzhafteren Folgen.
Intelligenterweise hätte Donald Trump deshalb weniger darüber nachdenken sollen, wer im Chefsessel der Federal Reserve sitzt, jedoch etwas mehr darüber, warum dieser überhaupt die Zinsen erhöhen muss.
Denn einen Fed-Chef kann ein Präsident nominieren, Richter kann er nominieren, Berater kann er feuern, Gouverneure kann er attackieren, Aber es gibt drei ausgesprochen hartnäckige Gegner, die sich von einem Präsidenten nur sehr schwer beeindrucken lassen, nämlich
Inflation, Märkte und Mathematik!
Und als wäre das für eine Woche noch nicht genug, stehen die Midterms bereits vor der Tür. Was waren das für beschissene Tage, Mr. President. Und möglicherweise waren es noch nicht einmal die schlimmsten!
