Antisemitismus oder Israelkritik?

Eine Grenze, die Deutschland wieder lernen muss

Israel war für meine Generation einmal der bewunderte David im Nahen Osten. Heute steht der jüdische Staat wie selten zuvor in der Kritik, während gleichzeitig der Antisemitismus in Deutschland wieder erschreckend offen hervortritt. Beides hat miteinander zu tun. Aber es ist nicht dasselbe.

Ich erinnere mich noch gut an ein völlig anderes Bild Israels. Israel war der junge Staat, der sich nach der Katastrophe der Shoah eine neue Heimat aufbaute. Ein kleines Land, umgeben von Staaten, die ihm teilweise offen feindlich gegenüberstanden. Junge Menschen aus Europa gingen freiwillig in die Kibbuzim, arbeiteten auf den Feldern und halfen beim Aufbau. Man bewunderte, wie aus kargem Boden Landwirtschaft entstand, wie Städte wuchsen, Universitäten gegründet wurden und ein modernes Staatswesen entstand. Israel hatte in weiten Teilen der westlichen Öffentlichkeit große Sympathien.

Als der junge Staat 1948 unmittelbar nach seiner Gründung Krieg führen musste, standen viele Menschen im Westen auf seiner Seite. Auch 1967 wurde der Sieg Israels im Sechstagekrieg von vielen geradezu enthusiastisch aufgenommen. Und als Israel 1973 am Jom-Kippur-Feiertag überraschend von Ägypten und Syrien angegriffen wurde, schien die Rollenverteilung für viele eindeutig: Hier der kleine bedrohte jüdische Staat, dort seine arabischen Feinde.

Doch heute existiert dieses Bild kaum noch. Ist es in Vergessenheit geraten? Was ist geschehen?

Was ist geschehen?

Nicht nur die Welt hat sich verändert

Es wäre bequem, die Antwort ausschließlich im wiedererstarkten Antisemitismus zu suchen. Doch so einfach ist es nicht. Auch Israel hat sich und vor allem hat sich seine Rolle im Nahen Osten verändert. Aus dem kleinen, um seine Existenz kämpfenden Staat wurde eine hochgerüstete regionale Militärmacht. Der Sieg von 1967 brachte Israel zugleich ein Problem, das bis heute ungelöst ist, nämlich die Besetzung des Westjordanlands, Ostjerusalems und zunächst auch des Gazastreifens. Damit begann sich das Bild langsam zu verändern.

Der israelische Soldat wurde nicht mehr ausschließlich als Verteidiger seines Landes wahrgenommen. Checkpoints, Siedlungen, Vertreibungen, palästinensische Aufstände, Terroranschläge und militärische Gegenschläge bestimmten zunehmend die Nachrichten.

Einen weiteren Einschnitt bildete 1982 der Libanonkrieg. Besonders die Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila erschütterten die Weltöffentlichkeit. Die Morde wurden nicht von israelischen Soldaten, sondern von christlich-libanesischen Phalangisten begangen. Israelische Streitkräfte kontrollierten jedoch das Gebiet um die Lager und trugen somit die Verantwortung. Eine israelische Untersuchungskommission stellte später eine indirekte Verantwortung Israels fest und sah insbesondere beim damaligen Verteidigungsminister Ariel Scharon die persönliche Verantwortung dafür, dass die Gefahr nicht ausreichend berücksichtigt wurde und keine entsprechenden Schutzmaßnahmen eingeleitet wurden.

Das war ein komplett anderes Israelbild als das der Kibbuz-Pioniere.

Dann kam der 7. Oktober

Am 7. Oktober 2023 verübte die Hamas ihren barbarischen Terrorangriff auf Israel. Menschen wurden ermordet, verschleppt und als Geiseln genommen. Für Israel und für Juden weit über Israel hinaus war dieser Tag ein Trauma. Israel hatte selbstverständlich das Recht, sich gegen die Hamas zu verteidigen. Aber aus diesem Recht folgt kein Freibrief für jedes Mittel.

Der folgende Krieg in Gaza, die gewaltigen Zerstörungen, das Leid der Zivilbevölkerung und Äußerungen rechtsextremer israelischer Regierungsmitglieder haben das internationale Ansehen Israels schwer beschädigt. Hinzu kommen die fortgesetzte Siedlungspolitik im Westjordanland und Vorstellungen eines „Groß-Israel“, die von Teilen der israelischen Rechten immer offener vertreten werden. Die Vereinten Nationen unterscheiden ausdrücklich zwischen dem Staatsgebiet Israels und den seit 1967 besetzten Gebieten und fordern die Staaten auf, Veränderungen der Grenzen von vor 1967 nicht anzuerkennen, sofern sie nicht zwischen den Parteien vereinbart wurden. Man darf diese Politik kritisieren, ja man muss sie sogar scharf kritisieren.

Und genau an dieser Stelle bekommt Deutschland ein Problem.

Was bedeutet deutsche Staatsräson?

Angela Merkel erklärte 2008 vor der Knesset die Sicherheit Israels zum Teil der deutschen Staatsräson. Der Gedanke dahinter ist angesichts der deutschen Geschichte nachvollziehbar. Deutschland trägt eine besondere Verantwortung. Sechs Millionen ermordete Juden verschwinden nicht aus der Geschichte. Daraus erwächst die Verpflichtung, jüdisches Leben zu schützen und einem erneuten Versuch, Juden ihre sichere Existenz zu nehmen, entgegenzutreten.

Aber wem gilt diese Staatsräson? Dem Staat Israel oder jeder israelischen Regierung? Das ist ein gewaltiger Unterschied!

Die Sicherheit und das Existenzrecht Israels zu verteidigen kann nicht bedeuten, jede Entscheidung eines israelischen Ministerpräsidenten oder jedes rechtsextremen Ministers zu unterstützen. Freundschaft besteht nicht darin, zu allem Ja und Amen zu sagen. Im Gegenteil, gerade Freunde müssen einander sagen können, wenn Grenzen überschritten werden.

Bundeskanzler Friedrich Merz äußerte im Juli 2026 selbst „große Sorge“ über die Aktivitäten der israelischen Regierung in den Siedlungsgebieten des Westjordanlands und erklärte, dies auch gegenüber Ministerpräsident Netanjahu angesprochen zu haben. Generelle Sanktionen gegen Israel lehnt die Bundesregierung aufgrund der besonderen deutschen Verantwortung allerdings weiterhin ab. Aber zwischen Schweigen und Sanktionen gegen einen ganzen Staat liegt ein weites Feld.

Deutschland kann rechtsextreme israelische Minister unmissverständlich kritisieren. Es kann gegenüber einzelnen Verantwortlichen Konsequenzen erwägen. Es kann sich gegen Annexionen und Siedlungsausweitungen stellen. Das alles stellt das Existenzrecht Israels nicht in Frage.

Vielmehr hier ist sogar das Gegenteil richtig:

Die deutsche Staatsräson gilt der Sicherheit und Existenz Israels. Sie kann nicht die bedingungslose Gefolgschaft gegenüber jeder israelischen Regierung bedeuten.

Wann wird Israelkritik zu Antisemitismus?

Hier beginnt die andere Seite des Problems. Denn ebenso falsch wäre es, den heutigen Antisemitismus lediglich als Reaktion auf israelische Politik zu erklären. Antisemitismus war nach 1945 keinesfalls verschwunden. Er war abgetaucht, gesellschaftlich geächtet und damit wesentlich weniger sichtbar geworden. Heute tritt er wieder hervor und wird mehr als sichtbar.

RIAS, die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, dokumentierte allein 2025 in Deutschland 8.725 antisemitische Vorfälle, durchschnittlich fast 24 pro Tag. Darunter waren 178 körperliche Angriffe und 257 Bedrohungen. 68 Prozent der dokumentierten Vorfälle wurden dem israelbezogenen Antisemitismus zugerechnet.

Das ist erschreckend, aber gerade deshalb müssen die Begriffe sauber verwendet werden. Wer die israelische Regierung kritisiert, ist kein Antisemit und wer die Siedlungspolitik ablehnt, ist ebenfalls kein Antisemit.

Wer die Kriegsführung und die Greueltaten an der Zivilbevölkerung in Gaza für unverhältnismäßig hält und verurteilt, ist ebenfalls kein Antisemit. Und wer einen israelischen Minister für einen Rechtsextremisten hält, hasst deshalb keine Juden. Die Grenze wird dort überschritten, wo aus „die israelische Regierung“ plötzlich „die Juden“ werden.

Ein jüdischer Schüler in Berlin ist nicht verantwortlich für Gaza, eine Synagoge in München ist keine Vertretung der israelischen Regierung und ein jüdisches Restaurant in Frankfurt ist kein Außenposten der israelischen Armee.

Kein Jude in Deutschland muss sich dafür rechtfertigen müssen, was Benjamin Netanjahu oder irgendein israelischer Minister sagt oder tut. Wer Juden für die Politik Israels verantwortlich macht, hat die Grenze von Israelkritik zum Antisemitismus überschritten!

Auch Antizionismus ist nicht einfach dasselbe

Schwieriger wird es mit dem Begriff des Antizionismus. Auch hier sollte nicht vorschnell alles gleichgesetzt werden. Der Zionismus entstand als politische Bewegung mit dem Ziel einer nationalen Heimstätte für Juden. Nach Jahrhunderten von Verfolgung und schließlich der Shoah erhielt diese Idee eine geradezu existenzielle Bedeutung.

1947 empfahlen die Vereinten Nationen mit Resolution 181 die Teilung des britischen Mandatsgebiets in einen jüdischen und einen arabischen Staat! Jerusalem hingegen sollte einen besonderen internationalen Status erhalten. Man kann über Zionismus diskutieren und man kann Nationalstaaten grundsätzlich ablehnen. Man kann auch darüber streiten, wie ein israelischer und ein palästinensischer Staat künftig aussehen sollen. Problematisch wird es jedoch, wenn ausgerechnet dem jüdischen Volk ein Recht abgesprochen wird, das man anderen Völkern selbstverständlich zugesteht. Und die Forderung nach dem Verschwinden Israels ist noch einmal etwas anderes als Kritik an seinen Grenzen oder seiner Regierung. Auch diese Grenze muss jedoch benannt werden!

Der Zentralrat sollte bei dieser Unterscheidung helfen

Gerade vom Zentralrat der Juden in Deutschland wünsche ich mir deshalb eine besonders deutliche Sprache. Seine Sorge ist verständlich. Präsident Josef Schuster warnt davor, Juden in Deutschland kollektiv für Israels Kriegsführung verantwortlich zu machen. Das ist vollkommen richtig. Der Zentralrat weist zugleich darauf hin, dass Kritik am israelischen Vorgehen möglich sein muss. Schuster erklärte etwa, kritische Töne des Bundeskanzlers zur Lage in Gaza nachvollziehen zu können. Trotzdem wäre eine noch deutlichere Abgrenzung dringend notwendig, insbesondere eine klare Distanzierung gegenüber dem rechtsextremen Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir und ebenso Finanzminister Bezalel Smotrich, die Positionen vertreten, die in Deutschland längst strafbar wären.

Denn der Kampf gegen Antisemitismus wird nicht stärker, wenn der Begriff immer weiter ausgedehnt wird. Im Gegenteil, wnn nämlich ein Mensch, der „Tod den Juden“ ruft, und jemand, der die Politik Netanjahus scharf verurteilt, irgendwann unter demselben Label erscheinen, verliert der Begriff Antisemitismus seine notwendige Trennschärfe.

Wer jede Kritik an Israel zum Antisemitismus erklärt, schützt Juden nicht besser vor Antisemitismus. Er riskiert, den Begriff so weit auszudehnen, dass wir irgendwann nicht mehr erkennen, wo der wirkliche Judenhass beginnt.

Aber umgekehrt gilt genauso: Wer „Israelkritik“ lediglich als Deckmantel benutzt, um alte Vorurteile gegen Juden hervorzuholen, jüdische Menschen kollektiv verantwortlich zu machen oder ihnen mit Hass und Gewalt zu begegnen, betreibt keine politische Kritik. Er ist der Antisemit!

Zwei Wahrheiten müssen nebeneinander bestehen können

Genau hier bestehen unsere Schwierigkeit. Wir möchten einfache Antworten. Wir sind entweder für Israel oder dagegen, entweder Antisemit oder Israelverteidiger. Die Krux liegt darin, dass die Wirklichkeit viel komplizierter ist!

Man kann das Massaker der Hamas vom 7. Oktober ohne jedes Wenn und Aber verurteilen und trotzdem das Leid der Menschen in Gaza sehen. Man kann das Existenzrecht Israels verteidigen und trotzdem die Siedlungspolitik ablehnen. Man kann sich gegen Antisemitismus stellen und trotzdem einen israelischen Minister für unerträglich halten und man kann für einen palästinensischen Staat eintreten, ohne Israel abschaffen zu wollen.

Deutschland muss lernen, diese Gedanken gleichzeitig auszuhalten, gerade auf Grund seiner Geschichte. Solidarität mit Israel darf keine Nibelungentreue gegenüber seiner Regierung bedeuten. Deutschlands Verantwortung besteht nicht darin, gegenüber Israel zu schweigen. Sie besteht darin, jüdisches Leben zu schützen, Israels sichere Existenz zu verteidigen und zugleich dieselben Maßstäbe von Menschenrechten und Völkerrecht anzulegen, die auch gegenüber anderen Staaten einfordert werden. Dies wäre genau die passende Form der deutschen Staatsräson.

Nicht wegsehen, wenn Juden bedroht werden, aber auch nicht wegsehen, wenn eine israelische Regierung Unrecht begeht.

Das eine widerspricht dem anderen nicht. Im Gegenteil: Erst wenn beides voneinander unterschiedenwerden kann, wird aus historischer Verantwortung politische Vernunft.