Unsere Schulen bilden noch immer für eine Welt aus, die es nicht mehr gibt

Nicht unsere Lehrer sind das Problem. Nicht unsere Kinder. Sondern die Geschwindigkeit, mit der sich die Welt verändert.

Kaum ein Bereich unserer Gesellschaft wird so häufig reformiert wie das Bildungswesen. Neue Lehrpläne, Ganztagsschulen, Digitalisierung, Tablets im Unterricht, Projektarbeit oder Home-Schooling – vieles wurde verändert, manches verbessert.

Und doch beschleicht mich seit einiger Zeit ein Gedanke, der mich nicht mehr loslässt. Reicht das alles überhaupt noch aus? Ich glaube nicht, denn viele dieser Veränderungen waren Anpassungen innerhalb eines Systems, dessen Grundstruktur aus einer Zeit stammt, in der sich die Welt wesentlich langsamer veränderte als heute. Damals war das richtig, aber heute genügt es nicht mehr.

Eine Welt, die sich schneller verändert als unsere Schulen

Als ich die Schule verließ, gehörten Berufe wie Photolithograph, Schriftsetzer oder Buchdrucker zu den begehrtesten Ausbildungsberufen überhaupt. Sie boten hervorragende Ausbildungsvergütungen, ausgezeichnete Sozialleistungen, hohes Ansehen und sichere Arbeitsplätze. Wer einen dieser Berufe erlernte, glaubte, für sein gesamtes Berufsleben bestens gerüstet zu sein.

Nur wenige Jahrzehnte später waren diese Berufe als Massenberufe nahezu verschwunden oder hatten sich grundlegend verändert. Computer, Desktop Publishing und digitale Druckverfahren revolutionierten eine ganze Branche.

Kurz darauf folgte die nächste Welle.

Schreibkräfte, klassische Sekretärinnen und viele kaufmännische Tätigkeiten wurden durch Personal Computer, Textverarbeitung und Bürosoftware grundlegend verändert. Heute erledigt eine einzige Software Aufgaben, für die früher ganze Abteilungen erforderlich waren.

Und nun stehen wir bereits vor der nächsten Revolution.

Künstliche Intelligenz beginnt, Texte zu schreiben, Angebote zu kalkulieren, Übersetzungen anzufertigen, Daten auszuwerten, Programme zu erstellen und Entscheidungen vorzubereiten.

Die Geschwindigkeit dieser Veränderungen nimmt nicht ab – sie beschleunigt sich.

Ein Beispiel aus der Industrie

Nehmen wir eine Werkzeugmaschinenfabrik.
Ein Kunde stellt eine Anfrage und ein Sachbearbeiter erstellt das Angebot. Der Auftrag trifft ein und die Arbeitsvorbereitung erzeugt die Stücklisten. Dann wird das Material durch die Logistik bereit gestellt. Ein CNC-Programmierer erstellt die Fertigungsprogramme und die Maschine produziert die Bauteile. Danach organisiert die Logistik organisiert den Versand und die Rechnung wird erstellt. Die Buchhaltung überwacht den Zahlungseingang. So arbeiten heute noch viele Unternehmen.

Doch stellen wir uns denselben Ablauf in wenigen Jahren vor.

Eine KI analysiert die Kundenanfrage. Sie erstellt innerhalb weniger Sekunden ein technisch und kaufmännisch optimiertes Angebot. Nach Auftragseingang erzeugt sie automatisch Stücklisten, Materialbedarf und Fertigungspläne. Fehlende Materialien werden selbstständig bestellt. Aus den CAD-Daten entstehen automatisch die CNC-Programme und Roboter übernehmen den Materialfluss. Sensoren überwachen die Produktion. Versand, Rechnungsstellung und große Teile der Buchhaltung laufen weitgehend automatisiert. Der Mensch greift nur noch dort ein, wo Erfahrung, Verantwortung oder außergewöhnliche Entscheidungen gefragt sind.

Die Frage lautet deshalb nicht, ob diese Entwicklung kommt. Sie hat längst begonnen! Sie lautet vielmehr: Wie viele Menschen werden für solche Abläufe künftig tatsächlich noch benötigt?

Und unmittelbar danach folgt die nächste Frage:

Auf welche Arbeitswelt bereiten wir unsere Kinder heute eigentlich vor?

Wir kennen die Berufe von morgen nicht

Das mit Abstand größte Problem unseres Bildungssystems besteht darin, dass wir noch immer überwiegend für Berufe ausbilden, obwohl niemand seriös sagen kann, welche Berufe in zwanzig Jahren überhaupt noch existieren werden.

Früher lernte man einen Beruf für das ganze Leben. Heute müssen wir lernen, ein Leben lang neue Berufe zu lernen.

Genau deshalb kann Schule künftig nicht mehr in erster Linie Wissen vermitteln, denn Wissen ist heute überall verfügbar. Künstliche Intelligenz liefert innerhalb weniger Sekunden Antworten auf nahezu jede Frage. Entscheidend werden künftig ganz andere Fähigkeiten sein:

  • kritisch denken,
  • Probleme analysieren,
  • kreativ handeln,
  • Verantwortung übernehmen,
  • im Team arbeiten,
  • neue Technologien verstehen,
  • und vor allem: lebenslang lernen.

Doch eine Fähigkeit wird künftig noch wichtiger werden, ja von zentraler Bedeutung sein!

Die wichtigste Kompetenz der Zukunft: die richtigen Fragen stellen

Künstliche Intelligenz wird für die heutige Schülergeneration einmal so selbstverständlich sein, wie für uns Computer oder Smartphones. Deshalb sollte der Umgang mit KI nicht als Randthema betrachtet werden. Er gehört ins Zentrum moderner Bildung.

Allerdings bedeutet das nicht, Schülerinnen und Schülern beizubringen, wie man einer KI einfach einen Auftrag erteilt wie„Schreibe mir einen Artikel über das Liebesleben der Waldameisen.“ Das ist banal und kann jeder.

Die eigentliche Kunst besteht darin, der KI die richtigen Aufgaben zu stellen. Wer hervorragende Ergebnisse erzielen möchte, muss zunächst selbst klar denken können. Er muss wissen,

  • welches Ziel er erreichen will,
  • welche Informationen benötigt werden,
  • welche Zusammenhänge wichtig sind,
  • welche Randbedingungen gelten,
  • welche Gegenargumente berücksichtigt werden müssen,
  • und woran sich ein gutes Ergebnis überhaupt messen lässt.

Mit anderen Worten: Die Qualität einer künstlichen Intelligenz zeigt sich nicht nur in ihren Antworten. Sie zeigt sich vor allem in der Qualität der Fragen, die wir ihr stellen.

Die wichtigste Aufgabe der Schule besteht künftig nicht mehr darin, möglichst viele Antworten zu vermitteln, sondern junge Menschen dazu zu befähigen,

  • präzise zu denken,
  • Probleme zu erkennen,
  • Ziele klar zu formulieren,
  • Zusammenhänge zu verstehen,
  • und die richtigen Fragen zu stellen.

Denn Wissen kann künftig jeder abrufen.

Kluge Fragen werden den Unterschied machen!

Die Lehrer brauchen unsere Unterstützung

Dieser Artikel richtet sich ausdrücklich nicht gegen unsere Lehrerinnen und Lehrer. Im Gegenteil. Von ihnen erwarten wir heute, dass sie Kinder auf Berufe vorbereiten, die es teilweise noch gar nicht gibt. Das ist eine gewaltige Aufgabe.

Deshalb müssen gerade die pädagogischen Hochschulen und die Aus- und Weiterbildung des Lehrpersonals einen deutlich höheren Stellenwert erhalten. Wer junge Menschen auf die Zukunft vorbereiten soll, muss selbst die Möglichkeit haben, kontinuierlich zu lernen, neue Technologien kennenzulernen und Einblicke in Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung zu erhalten.

Lehrpläne dürfen künftig nicht mehr im Rhythmus vergangener Jahrzehnte überarbeitet werden. Sie müssen sich mit derselben Geschwindigkeit weiterentwickeln, mit der sich unsere Arbeitswelt verändert.

Mut zur großen Bildungsreform

Es geht mir nicht darum, unser bisheriges Bildungssystem schlechtzureden. Es hat Generationen von Menschen hervorragend ausgebildet und unserem Land Wohlstand ermöglicht. Doch jedes System wird irgendwann von der Realität eingeholt.

Unsere Kinder werden in einer Welt leben, in der Künstliche Intelligenz, Robotik und Automatisierung viele Tätigkeiten übernehmen werden, die heute noch selbstverständlich von Menschen erledigt werden. Darauf müssen wir sie vorbereiten. Nicht irgendwann, sondern genau jetzt!

Möglicherweise diskutieren wir heute über die falschen Fragen. Wir sprechen über Tablets, Noten, Unterrichtsausfall oder Klassengrößen. Alles wichtige Themen, aber sie beantworten nicht die entscheidende Frage: Wie bilden wir junge Menschen für eine Zukunft aus, die wir selbst noch gar nicht kennen?

Die Wirtschaft wird sich verändern, ob wir wollen oder nicht. Dafür sorgt die Ökonomie mit unerbittlicher Konsequenz. Unternehmen, die den Wandel verschlafen, verschwinden vom Markt. Unser Bildungssystem steht nicht unter diesem unmittelbaren Anpassungsdruck. Gerade deshalb müssen wir den Mut haben, es aus eigener Einsicht zu reformieren, bevor uns die Wirklichkeit dazu zwingt.

Noch nie in der Geschichte der Menschheit hat sich Wissen so schnell verändert wie heute. Und mit großer Wahrscheinlichkeit wird es nie wieder so langsam sein wie heute.

Wenn wir unseren Kindern nur Antworten mitgeben, bereiten wir sie auf die Vergangenheit vor. Wenn wir ihnen beibringen, die richtigen Fragen zu stellen, geben wir ihnen das wichtigste Rüstzeug für die Zukunft.

Vielleicht ist genau das die Bildungsreform, die das 21. Jahrhundert braucht.