Switzerland – Great since 1291

Die Schweiz feiert heute ihren Nationalfeiertag. Doch ausgerechnet eine Baseballkappe hat in diesem Jahr eine Debatte ausgelöst, die weit über den 1. August hinausweist. Sie führt mitten hinein in die Frage, was eine Nation eigentlich ausmacht – und ob ein Staat an einem einzigen Tag geboren wird.

Am 1. August feiert die Schweiz traditionell ihren Nationalfeiertag. Wegen der hohen Waldbrandgefahr bleiben dieses Jahr Feuerwerk und Böller vielerorts aus. Ansonsten ist alles wie gewohnt: Fahnen schmücken Städte und Dörfer, Bundesräte halten ihre Ansprachen, auf den Grills liegen Cervelats und Bratwürste, dazu gehört ein kühles Bier. Doch diesmal erhielt der Feiertag eine besondere politische Note.

Beim WM-Spiel Schweiz–Algerien am 2. Juli zeigte sich Bundespräsident Guy Parmelin mit einer roten Baseballkappe, die unübersehbar an Donald Trumps berühmte MAGA-Kappe erinnerte. Statt „Make America Great Again“ stand darauf:

„Switzerland – Great since 1291.“

Die Mütze war als augenzwinkernde Antwort auf Donald Trump gedacht – mitten im Zollstreit zwischen der Schweiz und den USA und nur wenige Tage vor den Feierlichkeiten zum 250-jährigen Bestehen der Vereinigten Staaten. Was als kleine politische Spitze begann, entwickelte sich in der Schweiz überraschend schnell zu einer historischen Grundsatzdiskussion.


Wann wurde die Schweiz eigentlich geboren?

Die Frage klingt einfach, die Antwort ist es nicht. Existiert die Schweiz seit 1291, als Uri, Schwyz und Unterwalden im Bundesbrief ihren berühmten Eid schworen oder entstand sie erst 1848, als nach dem Sonderbundskrieg die heutige Bundesverfassung geschaffen wurde?

Die Meinungen gingen quer durch die Sprachregionen auseinander. Während in der Deutschschweiz viele eher das Jahr 1848 nannten, verwiesen zahlreiche Stimmen aus der Romandie auf das Jahr 1291. Um diese Diskussion zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die Geschichte.

1291 schlossen sich die drei Urkantone zusammen und versprachen einander gegenseitigen Beistand gegen äußere Herrschaft. Es war zunächst kein moderner Staat, sondern ein Verteidigungsbündnis freier Talschaften. Im Laufe der Jahrhunderte wuchs daraus die Eidgenossenschaft. Aus drei Orten wurden acht, später dreizehn. Nach den napoleonischen Wirren und dem Wiener Kongress von 1815 erhielt die Schweiz weitgehend ihre heutigen Grenzen.

Erst 1848 entstand schließlich der moderne Bundesstaat mit einer gemeinsamen Bundesverfassung.

Ist 1848 deshalb die eigentliche Geburtsstunde?

Genau dieses Argument wird häufig angeführt. Schließlich sei die Schweiz erst damals zu dem geworden, was sie heute ist. Auf den ersten Blick erscheint dieser Gedanke plausibel. Doch derselbe Maßstab wird erstaunlicherweise bei den USA kaum angewendet.

Als die Vereinigten Staaten 1776 ihre Unabhängigkeit erklärten, bestanden sie ebenfalls nur aus 13 Bundesstaaten. Heute sind es 50. Hinzu kommen Territorien wie Puerto Rico. Auch die amerikanische Verfassung war keineswegs abgeschlossen. Im Laufe der Geschichte wurde sie um zahlreiche Verfassungszusätze erweitert, die heute selbstverständlich Bestandteil des Verfassungssystems sind. Niemand käme deshalb auf die Idee zu behaupten, die USA seien erst später entstanden.

Warum sollte man diesen Maßstab also ausgerechnet auf die Schweiz anwenden?

557 Jahre Staatsentwicklung

Viel spannender als die Frage nach einem einzigen Gründungsdatum, ist deshalb vielleicht eine andere. Wie schafft man es überhaupt, aus einem lockeren Staatenbund einen funktionierenden Bundesstaat zu formen? Die Schweiz benötigte dafür 557 Jahre.

  • 557 Jahre, in denen ländliche Bergkantone und mächtige Städte zusammenwuchsen.
  • 557 Jahre, in denen vier Sprachgemeinschaften lernten, miteinander Politik zu machen.
  • 557 Jahre, in denen Katholiken und Reformierte trotz tiefster Konflikte schließlich einen gemeinsamen Staat bildeten.

Gerade diese langsame Entwicklung erklärt vieles, was Außenstehenden heute oft merkwürdig erscheint.

Ein Staat, der anders funktioniert

Wer Deutschen das politische System der Schweiz erklärt, stößt häufig auf Erstaunen.

Wie kann ein Land mit rund neun Millionen Einwohnern 26 Kantone, 26 Parlamente und 26 Regierungen unterhalten?

Wie kann der kleine Kanton Appenzell Innerrhoden mit rund 14.000 Einwohnern im Ständerat praktisch das gleiche Gewicht besitzen wie der Kanton Zürich mit rund 1,6 Millionen Einwohnern?

Ein deutscher Vergleich macht die Besonderheit deutlich.

Es wäre ungefähr so, als hätte eine Kleinstadt wie Eichstätt politisch dasselbe Gewicht wie das Bundesland Nordrhein-Westfalen.

Ganz exakt trifft der Vergleich zwar nicht – denn im deutschen Bundesrat richtet sich die Stimmenzahl nach der Bevölkerungsgröße, während im Schweizer Ständerat grundsätzlich jeder Vollkanton zwei Sitze besitzt und jeder Halbkanton einen. Hinzu kommt ein weiteres Merkmal der Schweizer Demokratie. Für viele Verfassungsänderungen genügt nicht allein die Mehrheit der Bevölkerung.

Erforderlich sind sowohl das Volksmehr als auch das Ständemehr – also die Mehrheit der Kantone.

Gerade dieses doppelte Mehr zwingt dazu, tragfähige Kompromisse zu finden, die das ganze Land mittragen kann.

Vielleicht liegt genau darin das Erfolgsgeheimnis

Was von außen manchmal langsam oder schwerfällig wirkt, könnte sich gerade deshalb als erstaunlich stabil erwiesen haben. Die Schweiz hat nie versucht, ihre Verschiedenheit zu überwinden. Sie hat gelernt, mit ihr zu leben. Vielleicht erklärt gerade das ihre politische Stabilität.

Ein Blick nach Europa

Wenn ich heute die Europäische Union betrachte, fühle ich mich oft an die frühe Eidgenossenschaft erinnert. Auch Europa versucht, unterschiedliche Völker, Sprachen und Interessen unter einem gemeinsamen politischen Dach zusammenzuführen.

Mit einem entscheidenden Unterschied. Die Schweiz wuchs über Jahrhunderte langsam vom Staatenbund zum Bundesstaat. Die Europäische Union versucht vielfach, diesen langen Zwischenschritt zu überspringen und viele Kompetenzen direkt auf die europäische Ebene zu verlagern. Ob dieser Weg langfristig erfolgreich sein wird, kann heute niemand wissen.
Die Geschichte der Schweiz zeigt jedoch eines sehr deutlich:

Stabile Staaten entstehen selten durch Geschwindigkeit. Sie wachsen durch Vertrauen, gemeinsame Erfahrungen und die Bereitschaft, Unterschiede nicht zu beseitigen, sondern auszuhalten.