Lasst Kinder doch einfach Kinder sein!

„Kinder sollten mehr spielen, als viele Kinder es heutzutage tun. Denn wenn man genügend spielt, solange man klein ist, dann trägt man Schätze mit sich herum, aus denen man später sein ganzes Leben lang schöpfen kann.“
– Astrid Lindgren

Kindheit ist keine Generalprobe und kein politisches Projekt. Sie ist auch kein Experimentierfeld gesellschaftlicher Ideen. Sie ist vielmehr die einzige Zeit im Leben, in der ein Mensch einfach nur Kind sein darf. Gerade deshalb sollte der Staat dieser Lebensphase mit größtmöglicher Zurückhaltung begegnen. Je jünger ein Mensch ist, desto größer sollte unsere Zurückhaltung sein.

Natürlich hat der Staat wichtige Aufgaben. Er schützt Kinder vor Gewalt, sorgt für Bildung und garantiert für gleiche Rechte. Doch in den vergangenen Jahrzehnten hat sich sein Anspruch schleichend verändert. Immer häufiger beschränkt sich staatliches Handeln nicht mehr darauf, Wissen zu vermitteln oder Schutz zu gewährleisten. Es greift zunehmend auch in die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern ein.

Kindergärten und Grundschulen werden immer öfter zu Orten gesellschaftlicher Debatten. Vielfalt, geschlechtliche Identität, sexuelle Orientierung, Demokratie und Nachhaltigkeit sind alles wichtige Themen. Doch sind sie wirklich Themen für Kinder im Kindergartenalter?

Muss der Staat wirklich jede gesellschaftliche Debatte bereits in die Welt kleiner Kinder tragen?

Die große Reformpädagogin Maria Montessori formulierte einmal einen Satz, der bis heute nichts von seiner Kraft verloren hat: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Darin steckt eine einfache Erkenntnis: Die Aufgabe der Erwachsenen besteht darin, Kinder zu begleiten, nicht darin, ihnen ihre Entwicklung vorzugeben.

Kinder entwickeln sich nicht wie Erwachsene. Sie probieren aus, wechseln ihre Interessen und spielen Rollen. Heute wollen sie Feuerwehrfrau werden, morgen Astronaut und übermorgen Zirkusdirektor. Ein Junge trägt vielleicht begeistert ein Prinzessinnenkostüm, ein Mädchen spielt am liebsten Fußball. Seit Generationen galt das als selbstverständlicher Teil einer unbeschwerten Kindheit. Heute scheint manches Verhalten schneller als früher eingeordnet und bewertet zu werden.
Kinder entwickeln sich nicht nach Lehrplänen, sondern in ihrem eigenen Tempo!

Der polnische Kinderarzt und Pädagoge Janusz Korczak, der sich weigerte, die ihm anvertrauten Waisenkinder im Holocaust allein zu lassen, schrieb: „Kinder werden nicht erst Menschen – sie sind bereits welche.“

Gerade deshalb verdienen sie Respekt, und zwar auch vor ihrem eigenen Entwicklungstempo. Nicht jede Phase braucht sofort einen Namen und nicht jede Unsicherheit verlangt nach einer pädagogischen oder medizinischen Einordnung.

Manches darf einfach eine Phase sein. Gerade deshalb sehe ich die Entwicklung der vergangenen Jahre kritisch. Immer neue Programme, immer neue Leitlinien, Immer neue Fortbildungen und immer neue Beratungsangebote. Der Staat fördert Projekte zu Vielfalt, Antidiskriminierung und geschlechtlicher Identität bereits für Kindertagesstätten und Grundschulen. Die Ziele mögen gut gemeint sein, doch gute Absichten ersetzen keine belastbaren Ergebnisse.

Jede staatliche Maßnahme muss sich an einer einfachen Frage messen lassen: Welchen nachweisbaren Nutzen hat sie für das Kind?

Gleichzeitig beobachten wir seit Jahren eine zunehmende psychische Belastung vieler Kinder und Jugendlicher. Angststörungen, Depressionen, Essstörungen, usw.

Die Ursachen dafür sind vielfältig. Niemand kann seriös behaupten, dass einzelne pädagogische Programme dafür verantwortlich seien. Aber ebenso wenig ist überzeugend nachgewiesen, dass immer frühere Eingriffe in Fragen der Identität langfristig einen positiven Nutzen entfalten.

Auch die internationale Diskussion über Pubertätsblocker zeigt, wie vorsichtig wir sein sollten. Mehrere Länder haben ihre Leitlinien in den vergangenen Jahren überarbeitet und den Einsatz bei Minderjährigen stärker eingeschränkt, weil die wissenschaftliche Evidenz für langfristigen Nutzen weiterhin umstritten ist.

Das Vorsorgeprinzip sollte gerade dort gelten, wo es um Kinder geht.

Für mich geht es dabei ausdrücklich nicht um die Würde homosexueller oder transidenter Menschen. Jeder Mensch verdient Respekt und jeder Mensch besitzt die gleichen Rechte. Darüber gibt es für mich keine Diskussion. Die eigentliche Frage lautet vielmehr:

Wo endet der Bildungsauftrag des Staates – und wo beginnt die Verantwortung der Eltern?

Diese Frage betrifft nicht nur das Thema Geschlechtsidentität. Sie betrifft unser gesamtes Staatsverständnis. Ein liberaler Staat vertraut seinen Bürgern. Das Prinzip der Subsidiarität besagt, dass der Staat nur dort eingreifen sollte, wo Familien oder die Gesellschaft Aufgaben nicht selbst erfüllen können. Dieses Prinzip hat sich in vielen Bereichen bewährt. Gerade bei der Entwicklung von Kindern sollte es uns Mahnung sein, staatliche Eingriffe immer wieder kritisch zu hinterfragen.

Der Staat hat die Aufgabe, Kinder vor Gewalt zu schützen, ihnen Bildung zu ermöglichen und gleiche Chancen zu schaffen. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass er immer früher in die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern eingreifen sollte. Je weiter der Staat in Fragen der Identität, der Weltanschauung oder der Sexualität vordringt, desto sorgfältiger muss er begründen, warum dies notwendig ist und welchen nachweisbaren Nutzen es für das Kind hat.

Mich überzeugt diese Begründung bisher nicht. Im Gegenteil: Während immer mehr Programme, Leitlinien und pädagogische Konzepte entwickelt werden, nehmen psychische Belastungen von Kindern und Jugendlichen nicht ab. Daraus folgt nicht automatisch, dass diese Programme die Ursache sind. Es wirft aber die berechtigte Frage auf, ob wir den richtigen Weg eingeschlagen haben. Immer dann, wenn der Staat glaubt, die Entwicklung des Menschen besser steuern zu können als Familie, Zeit und persönliche Reifung, sollte unsere Skepsis beginnen. Nicht weil der Staat böse wäre. Sondern weil seine Macht dort Grenzen haben sollte, wo die Freiheit und Entwicklung des Einzelnen beginnt.

Nicht alles, was der Staat tun kann, sollte der Staat auch tun.

Kinder brauchen vor allem das, was keine Behörde und kein Ministerium ersetzen kann: Zeit, Geborgenheit, Familie, Freunde, freies unbeschwertes Spielen und Erwachsene, die sie begleiten, ohne jede Entwicklungsphase sofort zu bewerten oder kategorisieren zu wollen.

Die größte Verantwortung der Erwachsenen nicht darin, Kindern immer mehr zu erklären. Sondern ihnen die Freiheit zu lassen, sich in ihrem eigenen Tempo zu entwickeln.

Denn Kinder haben ihr ganzes Erwachsenenleben Zeit, sich mit den Konflikten der Erwachsenen auseinanderzusetzen.

Aber sie haben nur eine einzige Kindheit.

Deshalb wünsche ich mir einen Staat, der den Mut hat, dort einen Schritt zurückzutreten, wo Familien seit Generationen Verantwortung übernehmen und Kinder in ihrem eigenen Tempo groß werden.

Lasst Kinder einfach Kinder sein!