Was der Stellenabbau bei Oracle über die KI-Revolution verrät
06:00 Uhr.
Für viele Menschen beginnt um diese Zeit ein ganz normaler Arbeitstag. Der erste Kaffee, ein kurzer Blick aufs Smartphone, anschließend in den Posteingang. Für Tausende Oracle-Mitarbeiter sollte dieser Morgen alles verändern. Keine Einladung zu einem persönlichen Gespräch, kein Anruf, keine Möglichkeit, Fragen zu stellen, stattdessen eine standardisierte E-Mail.
Wenig später waren die Zugänge zu den internen Systemen gesperrt. Der Arbeitstag hatte begonnen und war für viele bereits beendet. Ich erzähle diese Geschichte nicht, weil ich ein Gegner der Künstlichen Intelligenz bin. Im Gegenteil.
Ich bin überzeugt, dass KI unser Leben tiefgreifender verändern wird als jede technologische Revolution der vergangenen Jahrzehnte. Sie wird Krankheiten früher erkennen, Forschung beschleunigen, Unternehmen produktiver machen und uns viele monotone Tätigkeiten abnehmen. Wer versucht, diese Entwicklung aufzuhalten, kämpft gegen die Zukunft. Gerade deshalb beschäftigt mich eine andere Frage: Sind wir auf die gesellschaftlichen Folgen dieser Revolution überhaupt vorbereitet?
Oracle liefert dafür ein bemerkenswertes Beispiel. Der Konzern baut rund 21.000 Stellen ab und investiert gleichzeitig Milliarden in den Ausbau seiner KI-Infrastruktur. Im Geschäftsbericht weist das Unternehmen selbst darauf hin, dass der Einsatz von KI-Technologien zu einem geringeren Personalbedarf führen könne. Aus unternehmerischer Sicht ist diese Strategie nachvollziehbar. Kein Unternehmen kann es sich leisten, technologische Entwicklungen zu verschlafen. Doch wirtschaftliche Notwendigkeit beantwortet noch nicht die Frage, wie man mit den Menschen umgeht, die diesen Wandel mittragen müssen.
Ich habe viele Jahre mit Oracle-Produkten gearbeitet und in dieser Zeit zahlreiche Mitarbeiter kennengelernt. Damals erlebte ich, wie große Teile des Supports vom Standort Potsdam nach Málaga verlagert wurden. Nach meiner Erinnerung wurde den Beschäftigten damals erklärt, steuerliche Vorteile für den Standort seien ausgelaufen. Viele standen vor der schwierigen Entscheidung, mit ihrer Familie nach Spanien umzuziehen oder ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Einige Jahre später wurden weitere Bereiche erneut verlagert, diesmal nach Osteuropa.
Ob die damaligen Entscheidungen ausschließlich steuerliche oder andere wirtschaftliche Gründe hatten, lässt sich heute kaum noch nachvollziehen. Für die betroffenen Mitarbeiter spielte das letztlich keine Rolle, sie waren Teil einer betriebswirtschaftlichen Kalkulation geworden. Heute lautet das Schlagwort nicht mehr Offshoring, sondern Künstliche Intelligenz. Das Muster ist jedoch erstaunlich ähnlich.
Früher wurden Arbeitsplätze dorthin verlagert, wo Menschen günstiger arbeiteten. Heute werden Tätigkeiten zunehmend dorthin verlagert, wo Menschen gar nicht mehr benötigt werden. Ich werfe Oracle deshalb nicht vor, in Künstliche Intelligenz zu investieren. Es wäre sogar fahrlässig, wenn das Unternehmen es nicht täte. Ich frage vielmehr, warum unsere Gesellschaft auf diese Entwicklung so schlecht vorbereitet wirkt.
Seit Jahren ist absehbar, dass KI nicht nur einfache Routinetätigkeiten verändern wird. Auch hochqualifizierte Berufe werden sich grundlegend wandeln. Trotzdem diskutieren Politik und Gesellschaft noch immer überwiegend über die Probleme von gestern.
- Wo bleiben die großen Bildungsinitiativen?
- Wo sind Konzepte für lebenslanges Lernen?
- Wie begleiten wir Menschen, deren Beruf sich innerhalb weniger Jahre grundlegend verändert?
Und wie stellen wir sicher, dass die enormen Produktivitätsgewinne der KI nicht nur den Unternehmensbilanzen zugutekommen, sondern auch der Gesellschaft insgesamt?
Mindestens ebenso wichtig ist jedoch eine andere Frage:
Wie behandeln Unternehmen die Menschen, die ihren Erfolg über Jahrzehnte mit aufgebaut haben?
Niemand erwartet, dass Unternehmen Arbeitsplätze auf Dauer garantieren. Aber jeder Mensch darf erwarten, mit Respekt behandelt zu werden. Gerade in schwierigen Zeiten zeigt sich der wahre Charakter einer Unternehmenskultur. Eine Entlassung wird für die Betroffenen dadurch nicht leichter. Aber sie kann würdevoller erfolgen. Technologischer Fortschritt und menschlicher Anstand schließen sich nicht aus. Im Gegenteil, das dürfte zur größten Herausforderung der kommenden Jahre werden.
Nicht die Entwicklung künstlicher Intelligenz, sondern die Bewahrung unserer Menschlichkeit. Denn am Ende entscheidet nicht die Künstliche Intelligenz über unsere Zukunft, sondern unsere eigene.
