Der Preis der Euphorie

„Nicht die künstliche Intelligenz könnte den nächsten Börsencrash auslösen – sondern die Euphorie der Menschen, die in sie investieren.“

Warum die BIZ vor den Schattenseiten des KI-Booms warnt

Wenn die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) Alarm schlägt, lohnt es sich, genau hinzuhören. Schließlich gilt die in Basel ansässige Institution nicht umsonst als die „Bank der Zentralbanken“. Bereits Jahre vor der Finanzkrise von 2008 warnte sie vor der gefährlichen Kreditblase und der zunehmenden Risikobereitschaft der Banken. Damals wollte kaum jemand zuhören. Die Geschichte ist bekannt.

Nun richtet die BIZ ihren Blick auf die künstliche Intelligenz. Ihr aktueller Jahresbericht zeichnet ein bemerkenswert ausgewogenes Bild. Die Ökonomen sehen in der KI das Potenzial, die Produktivität der Weltwirtschaft in einem Ausmaß zu steigern, wie es seit der Industrialisierung kaum mehr vorstellbar schien. Gleichzeitig warnen sie aber davor, dass aus der größten technologischen Chance unserer Zeit auch die nächste große Finanzblase entstehen könnte.

Diese Warnung verdient Aufmerksamkeit.

Die künstliche Intelligenz unterscheidet sich grundlegend von nahezu allen technologischen Revolutionen der Vergangenheit. Die Dampfmaschine, der Verbrennungsmotor, die Elektrifizierung oder das Internet machten den Menschen produktiver. KI könnte noch einen entscheidenden Schritt weitergehen. Sie verbessert nicht nur Werkzeuge, nein, sie könnte künftig selbst neue Werkzeuge entwickeln. Sie analysiert riesige Datenmengen, schreibt Software, entwirft Medikamente, optimiert Produktionsprozesse und beschleunigt wissenschaftliche Forschung in einer Geschwindigkeit, die menschliche Teams allein kaum erreichen können.

Erstmals in der Geschichte entwickelt der Mensch möglicherweise eine Technologie, die selbst zur Entwicklerin neuer Technologien wird. Sollte sich dieses Potenzial entfalten, wären die wirtschaftlichen Folgen kaum zu überschätzen. Produktivität, Innovation und Wertschöpfung könnten deutlich schneller wachsen als in früheren technologischen Revolutionen. Manche Ökonomen sprechen bereits von einem „superexponentiellen Wachstum“.

Die Sorgen der BIZ

Niemand weiß heute seriös, welche Unternehmen die eigentlichen Gewinner dieser Entwicklung sein werden. Trotzdem investieren nahezu alle großen Technologiekonzerne Summen, wie sie die Welt bislang kaum gesehen hat.

Amazon, Alphabet, Meta, Microsoft und Oracle investieren allein in den Jahren 2025 und 2026 gemeinsam weit über eine Billion US-Dollar in Rechenzentren, Chips und KI-Infrastruktur. Teilweise übersteigen diese Investitionen sogar die frei verfügbaren Mittel der Unternehmen. Um im globalen Wettlauf nicht zurückzufallen, greifen selbst hochprofitable Konzerne zunehmend auf Fremdkapital zurück.

Die Logik dahinter ist nachvollziehbar. Wer heute zögert, könnte morgen den Anschluss verlieren. Wer jedoch Milliarden investiert und am Ende nicht zu den wenigen Gewinnern gehört, riskiert gewaltige Fehlinvestitionen. Es entsteht eine Dynamik, die weniger von gesicherten Erträgen, als von der Angst bestimmt wird, den entscheidenden technologischen Umbruch zu verpassen.

Noch problematischer erscheint der BIZ jedoch die immer stärkere finanzielle Verflechtung innerhalb des KI-Sektors.

Cloud-Anbieter, Chiphersteller und KI-Unternehmen beteiligen sich gegenseitig an ihren Geschäften. Investoren finanzieren Start-ups, die sich im Gegenzug langfristig verpflichten, genau bei diesen Investoren Rechenleistung, Cloud-Dienste oder Chips einzukaufen. Es entstehen komplexe Netzwerke gegenseitiger Abhängigkeiten.

Microsoft investierte Milliardenbeträge in OpenAI, das wiederum seine Modelle überwiegend auf der Azure-Cloud betreibt. Alphabet und Amazon engagierten sich beim KI-Unternehmen Anthropic, das im Gegenzug erhebliche Kapazitäten ihrer Cloud-Infrastruktur nutzt. Solche Konstruktionen sind wirtschaftlich durchaus sinnvoll – solange das Wachstum anhält.

Gerät jedoch ein wichtiger Akteur unter Druck, könnten sich die finanziellen Belastungen rasch auf weitere Unternehmen übertragen. Genau solche Kettenreaktionen bereiten den Währungshütern Sorgen.

Dabei zeigt ein Blick in die Wirtschaftsgeschichte, dass technologische Revolutionen und Finanzblasen erstaunlich oft Hand in Hand gingen. Die Eisenbahn veränderte die Welt. Die Elektrifizierung ebenso. Das Internet revolutionierte Wirtschaft und Gesellschaft. Keine dieser Innovationen war ein Irrtum. Der Irrtum bestand vielmehr darin, dass Anleger glaubten, jede Investition in diese Zukunftstechnologien müsse zwangsläufig enorme Gewinne bringen.

Am Ende floss regelmäßig mehr Kapital in neue Technologien, als deren kurzfristiges wirtschaftliches Potenzial rechtfertigte. Als die Erwartungen der Realität vorausliefen, platzten die Blasen. Es folgten Rezessionen, Firmenzusammenbrüche und erhebliche Vermögensverluste.

Die BIZ erkennt heute ähnliche Muster.

Rund um die KI ist längst ein riesiges Ökosystem entstanden. Chiphersteller, Rechenzentrumsbetreiber, Energieversorger, Bauunternehmen und Softwareentwickler profitieren vom Boom. Kommt es zu einem abrupten Investitionsstopp, träfe dies nicht nur die großen Technologieunternehmen, sondern weite Teile der Wirtschaft.

Auch Privatanleger wären betroffen.

Noch nie zuvor waren Millionen Menschen über ETFs so stark an wenigen amerikanischen Technologiekonzernen beteiligt wie heute. Viele dieser Unternehmen haben Bewertungen erreicht, die sich zunehmend von klassischen Kennzahlen wie Gewinn oder Umsatz lösen. Solange die Erwartungen erfüllt werden, funktioniert dieses Modell. Werden sie enttäuscht, könnten Kurskorrekturen erhebliche Auswirkungen auf Millionen privater Vermögen haben.

Zusätzliche Risiken sieht die BIZ im schnell wachsenden Markt für Private Credit. Immer mehr Fonds finanzieren junge Technologieunternehmen außerhalb des klassischen Bankensystems. Sollten dort größere Kreditausfälle auftreten, könnte dies die Kreditvergabe insgesamt beeinträchtigen und den wirtschaftlichen Abschwung zusätzlich verstärken.

Bedeutet all dies, dass der KI-Boom zwangsläufig in einem Crash endet?

Nein. Die BIZ behauptet genau das ausdrücklich nicht.

Möglicherweise erleben wir tatsächlich den Beginn der größten technologischen Revolution seit der Industrialisierung. Vielleicht werden sich die heutigen Milliardeninvestitionen in einigen Jahren sogar als erstaunlich günstig erweisen.

Doch Geschichte lehrt auch Demut.

Immer dann, wenn eine neue Technologie versprach, die Welt grundlegend zu verändern, entstand irgendwann die Überzeugung, wirtschaftliche Gesetze hätten plötzlich ihre Gültigkeit verloren. Genau in diesem Moment wurde Vorsicht meist wertvoller als Euphorie.

Die künstliche Intelligenz wird unsere Welt vermutlich tiefgreifend verändern. Ob daraus eine neue Ära nachhaltigen Wohlstands oder die nächste große Spekulationsblase entsteht, entscheidet jedoch nicht allein die Technologie. Es entscheidet der Mensch. Und seine Fähigkeit, zwischen berechtigter Hoffnung und gefährlicher Euphorie zu unterscheiden.