Straßburg an einem Montagabend: Menschen nutzen den öffentlichen Raum ganz selbstverständlich – und machen die Stadt dadurch lebendig.
Foto: Carmen Revilloud © Zwischen den Zeiten

Straßburg war nicht schöner als Kaiserslautern – aber es fühlte sich anders an!

Was mich ein Besuch in Straßburg über die Zukunft unserer Innenstädte gelehrt hat

Manchmal muss man gar nicht weit reisen, um ins Nachdenken zu geraten. Nur etwa 120 Kilometer trennen Kaiserslautern von Straßburg. Zwei Städte, die mehr miteinander verbindet, als man zunächst vermuten würde. Beide sind historisch eng miteinander verwoben. Straßburg gehörte über lange Zeiträume zum deutschen Kulturraum. Das sieht man bis heute an den Gebäuden, den Denkmälern und der Architektur. Auch geografisch und klimatisch liegen keine Welten zwischen beiden Städten. Und dennoch fühlte sich unser Besuch in Straßburg an, als würden wir eine andere Welt betreten. Nicht, weil die Stadt spektakulärer wäre, sondern weil sie lebt.

Selbst an einem Montagabend waren die Straßen voller Menschen. Unzählige Cafés und Restaurants waren gut besucht. Die Menschen saßen draußen, unterhielten sich, lachten und genossen den Abend. Familien waren unterwegs, Kinder spielten auf den Plätzen und Frauen bewegten sich selbstverständlich und unbeschwert durch die Innenstadt. Man spürt unmittelbar, dass diese Stadt genutzt wird, dass sie lebt.

Und genau darin liegt möglicherweise einer der größten Unterschiede zwischen Straßburg und Kaiserslautern.

Der öffentliche Raum gehört den Menschen

In Straßburg scheint es selbstverständlich zu sein, dass Cafés und Restaurants Tische und Stühle vor ihre Häuser stellen. Plätze werden für kleine Märkte genutzt, auf denen alte Bücher für einen Euro verkauft werden. Mitten auf dem größten Platz der Stadt steht ein Kinderkarussell. Das Leben darf stattfinden.

Und wer den öffentlichen Raum nutzt, übernimmt auch Verantwortung für ihn. Die Betreiber halten die Umgebung sauber, die Menschen achten auf ihre Stadt und es entsteht ganz automatisch eine soziale Kontrolle.

Sauberkeit wird dadurch nicht allein zur Aufgabe der Stadtverwaltung, sondern zu einer gemeinsamen Verantwortung aller Beteiligten.

Vielleicht unterschätzen wir diesen Zusammenhang viel zu oft.

Unsere eigene Erfahrung in Kaiserslautern

Ich musste dabei an unsere Zeit zurückdenken, als wir unseren Kaffeeladen „die Bohne“ erst am Musikerplatz und dann an der Rudolf-Breitscheid-Straße hatten. Wir wollten lediglich zwei Tische und einige Stühle vor die Tür stellen. Das an der Wackenmühlstrasse, einer über zehn Meter breiten Spielstraße. Der Antrag wurde zunächst abgelehnt. Erst mit etwas „Vitamin B“ wurde die Nutzung schließlich genehmigt, selbstverständlich gegen Gebühr. Das Ordnungsamt erschien sogar mit Zollstock und Markierungsfarbe und maß exakt 60 Zentimeter aus. Ich musste schmunzeln und gleichzeitig nachdenklich werden. Denn vielleicht liegt genau hier ein Teil des Problems. Während andere Städte fragen: „Wie schaffen wir mehr Leben in der Innenstadt?“, fragen wir oft zuerst: „Welche Vorschrift könnte dagegen sprechen?“ Natürlich braucht eine Stadt Regeln. Aber eine Stadt, die jeden Zentimeter reguliert, darf sich irgendwann nicht wundern, wenn das Leben verschwindet.

Wenn Potenzial ungenutzt bleibt

Ein weiteres Beispiel fällt mir sofort ein. Wie vorab beschrieben In Kaiserslautern hatten wir unseren Kaffeeladen zuerst am Musikerplatz und später in der Rudolf-Breitscheid-Straße, dort, wo sich auch die Episode mit dem Zollstock ereignete. Gerade der Musikerplatz beschäftigt mich bis heute. Es handelt sich um einen zentralen Platz, auf dem fünf Straßen zusammenlaufen. Meiner Meinung nach ist es einer der schönsten Plätze der gesamten Stadt. Eigentlich ein Ort, der geradezu dafür geschaffen wäre, Menschen zusammenzubringen: mit Außengastronomie, kleinen Märkten, kulturellen Veranstaltungen oder einfach als Treffpunkt für Jung und Alt. Doch stattdessen wird er seit vielen Jahren weitgehend seinem Schicksal überlassen. Tagsüber wird er überwiegend als Hundetoilette genutzt, nachts berichten viele Menschen von einer Nutzung als Treffpunkt für Drogengeschäfte. Und genau das macht nachdenklich. Denn das Problem ist nicht, dass die Stadt keinen schönen öffentlichen Raum hätte. Das Problem ist, dass sie sein Potenzial nicht nutzt. Öffentlicher Raum duldet kein Vakuum. Wird er nicht bewusst gestaltet und von den Bürgerinnen und Bürgern genutzt, wird er von anderen Nutzungen eingenommen. Das ist kein Vorwurf, sondern eine Erkenntnis, die man in vielen Städten beobachten kann. Lebendige Städte entstehen nicht zufällig. Sie entstehen dort, wo Menschen eingeladen werden, sich aufzuhalten, sich zu begegnen und Verantwortung zu übernehmen. Vielleicht sollten wir deshalb unsere Innenstädte nicht länger nur als Verwaltungsaufgabe betrachten, sondern wieder als das, was sie ursprünglich waren: Orte der Begegnung!

Eine Stadt muss Veränderungen sichtbar machen

Ein weiterer Unterschied ist mir ebenfalls aufgefallen. In Kaiserslautern findet man gefühlt unendlich viele ehemalige Kneipen, Bars und Geschäfte, deren alte Reklametafeln noch immer hängen. Sie suggerieren Aktivität, obwohl längst kein Leben mehr dahinter steckt. Es entsteht der Eindruck, als würde man die Vergangenheit konservieren. In Straßburg scheint das anders zu sein. Wenn ein Geschäft aufgibt, verschwindet auch die Reklame. Die Fassaden wirken aufgeräumt, gepflegt und lebendig. Das mag nebensächlich erscheinen, ist es aber nicht. Denn Städte senden Botschaften aus. Sie zeigen, ob sie gestaltet oder lediglich verwaltet werden.

Das Sicherheitsgefühl gehört zur Lebensqualität

Ein weiterer Gedanke hat mich auf der Heimfahrt besonders beschäftigt. Es geht nicht einmal in erster Linie um Statistiken, sondern um das persönliche Empfinden. In Straßburg hatten wir zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, uns Gedanken darüber machen zu müssen, ob Carmen abends alleine durch die Innenstadt gehen könnte. In Kaiserslautern empfinde ich das inzwischen anders. Ich persönlich würde mich heute hüten, Carmen abends alleine in die Innenstadt gehen zu lassen. Das ist keine pauschale Verurteilung unserer Stadt und schon gar nicht ihrer Bewohner. Es ist vielmehr Ausdruck eines Gefühls, das viele Menschen mittlerweile beschäftigt: das Gefühl, dass sich etwas verändert hat. Dieses Gefühl darf man nicht einfach abtun. Denn Sicherheit ist mehr als die Abwesenheit von Kriminalität. Sicherheit ist Vertrauen! Vertrauen, sich frei bewegen zu können! Vertrauen, sich im öffentlichen Raum wohlzufühlen! Vertrauen, dass eine Stadt ihren Bürgerinnen und Bürgern gehört! Erst kürzlich wurde in Teilen der Kaiserslauterer Innenstadt eine Waffen- und Messerverbotszone eingerichtet. Das ist keine Kritik an der Polizei. Polizei und Ordnungsbehörden reagieren auf Entwicklungen, die bereits stattgefunden haben. Die eigentliche Frage lautet vielmehr:
Warum sind solche Maßnahmen überhaupt notwendig geworden?

Die eigentliche Frage

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu der Überzeugung, dass es gar nicht um Straßburg oder Kaiserslautern geht. Es geht generell um die Zukunft unserer Innenstädte. Hier stellt sich die zentrale Frage, ob wir unsere Städte nur verwalten oder aber auch gestalten wollen. Eine Stadt lebt nicht von Beton, Förderprogrammen oder Verordnungen. Sie lebt vielmehr von Menschen und Menschen bleiben dort, wo sie sich willkommen und sicher fühlen.

Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis unseres Besuchs in Straßburg:

Eine Stadt wird nicht dadurch lebendig, dass man sie immer stärker kontrolliert. Sie wird lebendig, wenn man den Menschen erlaubt, sie zu ihrem eigenen Lebensraum zu machen.